Der Schatten des Windes

  • Insel
  • Erschienen: Januar 2003
Der Schatten des Windes
Der Schatten des Windes
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Michael Scheck
88°

Phantastik-Couch Rezension von Michael Scheck Nov 2011

Des Schicksals finstre Ränke

"Ich glaube, nichts geschieht aus Zufall. Im Grunde hat alles seinen geheimen Plan, auch wenn wir ihn nicht verstehen."

Das oben stehende Zitat aus Carlos Ruiz Zafóns "Schatten des Windes" könnte das Motto dieses Romans sein. Obwohl der oben erwähnte "geheime Plan" nie gelüftet wird, geistert er durch dieses Buch wie eine geheime Hauptperson.

"Der Schatten des Windes" ist der erste Teil einer vierteiligen Romanserie, die sich um den "Friedhof der vergessenen Bücher" dreht, ein mythischer Ort mitten in Barcelona, in welchem Bücher abgelegt werden, die niemand mehr will oder kennt. Der zweite Teil, "Das Spiel des Engels" liegt ebenfalls bereits auf deutsch vor; die anderen Teile müssen erst noch geschrieben werden.

Ein geheimnisvoller Autor wird entdeckt

Der junge Daniel, von seinem Vater, dem Buchhändler Sempere zu einem Besuch des "Friedhofs der vergessenen Bücher" angeregt, entdeckt dort einen Roman, der scheinbar auf ihn gewartet hat, der ihn nicht mehr loslässt und der sein weiteres Leben bestimmen wird: "Der Schatten des Windes" eines gewissen Julián Carax.

Obwohl Carax weitere Bücher geschrieben hat, ist er zur Zeit der Erzählung - Anfangs der 50er-Jahre - völlig unbekannt. Daniel entwickelt eine richtiggehende Obsession für Carax und beginnt, Nachforschungen über ihn anzustellen. Er findet heraus, dass Carax zahlreiche phantastische Romane verfasst hat, damit einen Misserfolg nach dem anderen erlebt hat - und dass offenbar keines dieser Bücher mehr existiert. Ein geheimnisvoller Fremder zieht nämlich durch die Lande, mit dem Ziel sämtliche noch existierenden Bücher Carax' zu verbrennen.

Als Daniel hartnäckig und mit Hilfe seines seltsamen Freundes Fermín Romero de Torres, einem ehemaligen Clochard und Spion, weiter recherchiert, erscheint ihm dieser Fremde leibhaftig. Sein Gesicht ist grässlich verunstaltet und er trägt den Namen einer der Figuren aus Carax' Buch: Laín Coubert. In Carax' Roman ist Coubert kein geringerer als - der Teufel. Ist der das auch in Daniels Realität? Realität und Fiktion beginnen, ineinander zu fließen...

Daniels Suche ist nur einer der Erzählstränge dieses äußerst facettenreichen und vielschichtigen Romans, jener, der eine gewaltige Lawine von Ereignissen und Schicksalsschlägen ins Rollen bringt. Da tauchen Nebenfiguren auch, die plötzlich zu Hauptfiguren ihrer eigenen Geschichten werden (Julián Carax etwa, oder Nuria Monfort). Weit in die Vergangenheit zurückreichende Ereignisse werden aufgerollt, die Zukunft kündigt sich in düsteren Vorahnungen an; es gibt Ereignisse in Daniels Leben, die in Carax' Buch beschrieben werden, es gibt mysteriöse Dopplungen in Daniels und Carax' Leben. Daniel widerfahren Dinge, die Carax bereits erlebt zu haben scheint.

Obwohl sich für die ganzen Rätselhaftigkeiten auf den letzten hundert Seiten logische Erklärungen finden, ist "Der Schatten des Windes" fast zur Gänze im Stil des phantastischen Romans verfasst. Barcelona wird zum mystisch-unwirklichen Ort der Geheimnisse, das von unheimlichen Schattengestalten bewohnt wird. Und einige Figuren gleiten immer wieder ab ins Reich der Mythen und Legenden - allen voran Julián Carax oder der sadistische Inspektor Fumero, der wie der Teufel persönlich hinter Carax her ist.

Überhaupt: der Teufel. Er scheint die Fäden zu ziehen im Schicksalsspiel der Hauptfiguren. Was ihnen an Schrecknissen und Leid widerfährt, ist unmenschlich grausam und weist auf einen Ort namens Hölle hin. Und der scheint sich zwischen den Toren Barcelonas aufzutun.

Der "geheime Plan" wird nicht enthüllt

Obwohl sich am Schluss die einzelnen Teile wundersam zueinander fügen wie in einem riesenhaften Puzzle, der "geheime Plan" im eingangs zitierten Satz offenbart sich nicht. Er muss wohl als "Schicksal" bezeichnet werden, und das nimmt, gemäß Zafón, manchmal grausame, phantastisch-mystische Züge an. Aber in dieser Aussage bleibt der Autor seltsam nebulös.

Und genau da liegt die Krux mit diesem Roman: Er ist zwar großartig aufgebaut und konzipiert, beruht auf einer bildkräftigen Sprache, bedient sich einer bemerkenswerten sprachlichen Ausdruckskraft, wartet mit unvergesslichen Charakteren auf; doch dahinter befindet sich - nichts. "Der Schatten des Windes" erzählt mitreissend eine kunstvoll verschachtelte Geschichte, doch dahinter bleibt er leer. Seine Aussage bleibt im Dunkeln, genau wie der eingangs zitierte "geheime Plan".
Aber vielleicht will er genau das aussagen: Dass das Leben ein Nichts ist, eine Sackgasse voller komplizierten Umwege und tiefer Schlaglöcher.

Zu wenig für ein Meisterwerk, findet dieser Rezensent. Immerhin: Die Figuren und Charaktere sind lebendig und packend beschrieben; man nimmt Anteil an ihrem Leidensweg.

Ein Meisterwerk hat Zafón mit diesem Roman also nicht abgeliefert - aber er kommt dem stellenweise - vor allem im sprachlichen Bereich - sehr nah. Übersetzer Peter Schwaar macht dies auch in der Eindeutschung erlebbar - eine beachtliche Arbeit!

Carlos Ruiz Zafón ist jetzt 47 Jahre alt. Üben wir uns in Geduld. Und lesen seine weiteren Romane - denn schreiben kann der Mann. Möglicherweise kommt sein Meisterwerk ja noch. Das Zeug dazu hat dieser Schriftsteller auf jeden Fall!

(Michael Scheck, November 2011)

Der Schatten des Windes

Carlos Ruiz Zafón, Insel

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