Epicordia

  • Piper
  • Erschienen: Januar 2012
Epicordia
Epicordia
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Carsten Kuhr
83°

Phantastik-Couch Rezension vonDez 2011

Märchenhaft, verzaubernd und spannend

"Leben ist lernen. Wer vergisst, stetig vom Leben zu lernen, verlernt zu leben" (Seite 38)

Tief unter Ravinia, der Stadt in der besondere Menschen, Menschen mit Gaben ein Refugium finden, lebt das Mondvolk. In Epicordia, wie sie ihr Reich der ewigen Dunkelheit nennen, leben sie abgeschottet von ihren entfernten Verwandten. Seit einiger Zeit aber wird ihnen der Zugang zu den tiefsten Stollen verwehrt. Seltsame mechanische Tiere versperren die Gänge und Höhlen, mechanische Wesen, die zu verhindern wissen, dass jemand ihr Geheimnis enthüllt.

Um den Vorgängen auf die Spur zu kommen, sucht Francesco Bastiani und mit ihm die Epicordianer erstmals in ihrer Geschichte Hilfe. Eine Nachtwächterin, Thom und Lara machen sich auf in die ewige Welt der Düsternis. Auch wenn deren Bewohner sie mit Argwohn beäugen, sind sie zunächst zu überrascht, um die Ablehnung wirklich wahrzunehmen. Statt einem Reich der Dunkelheit erwarten sie Höhlen, die von funkelnden Steinen erhellt werden, eine Welt, die sich ein geordnetes Ökosystem geschaffen hat.

Dabei ist die Lage alles andere als friedlich. Nicht nur die feindlich gesinnten mechanischen Tiere, auch die Familienclans stehen einander misstrauisch, ja feindlich gegenüber. Lara erinnern die Fehden an süditalienische Clan-Kriege der Mafia-Familien. Schnell aber treten diese Eindrücke in der Hintergrund, als deutlich wird, dass hinter dem mechanischen Tieren niemand anderes als der tot geglaubte Winter steckt. Einmal mehr schickt dieser sich zusammen mit seinen Verbündeten an, die Macht über Ravinia an sich zu reißen ...

Bekannte Helden und neue Figuren

Thilo Corzilius kehrt an die Stätte seines Debüt-Überraschungserfolges zurück. Eine echte Fortsetzung ist es geworden, die Handlung setzt kurz nach den im ersten Band geschilderten Ereignissen an.

Wie so oft greift der Autor auch vorliegend auf seine alten Antagonisten und seine dem Leser ans Herz gewachsenen Helden zurück. Dies bietet ihm den Vorteil, nicht alle Figuren neu aufbauen und vorstellen zu müssen, sondern sich auf einige wenige, neue Gestalten konzentrieren zu können. Den so gewonnenen Platz nutzt er zum einen im ersten Teil des Romans dafür, uns ein neues Setting zu offerieren, aber auch dafür die bisherigen Handlungsträger weiter mit Hintergrund zu hinterfüttern. Insbesondere bei dem Wahrsager Ma´Haraz gelingt es ihm sehr einfühlsam und überzeugend, dessen Hinwendung zu Winter zu portraitieren.

Nicht verhehlen will ich, dass der Roman einen Bruch aufweist. Lernen wir zu Beginn des unterirdische Reich kennen, scheint sich hier zudem eine an Romeo & Julia erinnernde Romanze abzuzeichnen, so wechselt der Autor urplötzlich die Location. Statt des titelgebenden Epicordia geht es zweimal nach Frankreich, dann dienen London und Ravinia als Schauplatz der weiteren Geschehnisse. Erst spät wird das Rätsel um die mechanischen Wächter in den tiefen Tunneln gelöst, kommt es hier zum ersten von mehreren direkten Konfrontationen mit Winter.

Wie schon in Ravinia verwöhnt der Autor uns mit eindrucksvollen, an Märchen erinnernde Bilder und verzückt uns mit seiner sehr bewusst eingesetzten Sprachkunst. Es geht ein seltener Zauber von dem Roman aus. Hier wird nicht nur oberflächliche Unterhaltung geboten, der Autor gibt Denkanstöße, flicht philosophische Gedanken in den Plot ein, ohne das Spannungselement zu vernachlässigen. Das ist deutsche Phantastik in der Nachfolge eines Michael Ende, Ralf Isau, Kai Meyer oder Christoph Marzi - eigen, innovativ und verzaubernd.

(Carsten Kuhr, Mai 2012)

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