Oneiros - Tödlicher Fluch

Erschienen: Januar 2012

Couch-Wertung:

77°
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Hanka Jobke
Der Tod und das Märchen

Buch-Rezension von Hanka Jobke Dez 2011

In Paris fällt ein Flugzeug vom Himmel und der vermeintlich einzig Überlebende bekommt alsbald Besuch von einer tödlichen Verführung. In Minsk verblutet ein Proband bei einer fragwürdigen Operation, ohne dass es die Umstehenden berührt. Währenddessen hantiert Konstantin Korff in aller Ruhe in Leipzig an seinen Leichen herum - denn der Tod ist sein Beruf, seine Berufung und sein Fluch gleichermaßen. Sein Schlaf bringt anderen den Tod - nur er selbst kann nicht sterben.

 

"Die Idee mit der Unsterblichkeit ohne Vorteile gefällt mir übrigens. Du solltest ein Buch daraus machen. Es ist tragisch und romantisch und sehr gruselig. Wie in einem traurigen Märchen." [S. 141]

 

Diese Idee trägt den Thriller rasant über sechshundert Seiten und eine Handvoll Hauptfiguren durch ebenso viele Länder. Die Abwechslung ist versprochen und wird bereits am vielseitigen Protagonisten offenbar.

Mag man zu Beginn noch glauben, dass es sich bei Korff um einen übertrieben attraktiv entworfenen Charakter handelt - cooler Beruf, cooler Sport, düsteres Geheimnis, charmante Eigenheiten und guter Musikgeschmack -, so muss man, wenn man all diese Wunderbarheiten nach dem ersten Drittel des Buches verdaut hat, feststellen, dass Korff tatsächlich eine ziemlich coole Sau ist. Man hat ihn gern, auch wenn er zwar schick, aber zuweilen planlos durch die Ereignisse schlittert, die er selbst provoziert.

Die Geschichte besticht durch ihr Tempo, garniert mit Aktionsequenzen samt dem Quäntchen neuer Ideen, und eben einem Helden, der genau richtig dosiert charmant, sportlich und intelligent ist, um umwerfend sympathisch zu sein.

Wovon Korff bei aller Fachkenntniss für tausenderlei Dinge nichts versteht, sind Frauen. Das ist nicht weiter schlimm, denn deren Charaktere sind eher dürftig arrangiert, um den Fokus nicht von ihm abzulenken. Es gibt die überaus blasse holde Maid, eine Art Bond Girl und die undurchsichtige Gegenspielerin, die so viele Facetten hat, dass man niemals schlau aus ihr wird. Das soll man wohl auch nicht, immerhin steht der Held Korff im Mittelpunkt und lässt nur einen weiteren Mitspieler neben sich gelten: den Tod. Und der ist das eigentliche Thema.

Anspielungen, Blickwinkel, Geschichten, Sprichworte, Umgang, Gedanken ... Oneiros ritzt an allen Ecken dieses gigantischen Sujets, ohne Bedenken, sich zu verzetteln. Vielmehr spürt man die Freude des Autors, sich auf einem Gebiet auszubreiten, das unendlich ist. Es geht nicht darum, das Thema abzuarbeiten, aufzuarbeiten oder zu umreißen. Es geht darum, keine Angst davor zu haben.

Und so schafft "Oneiros" etwas Perfides: Dem Tod die Maske der Angst zu nehmen. 'Der Schnitter' wird zur Figur, die nicht auftritt und doch allgegenwärtig ist. Die Toten stapeln sich im wahrsten Sinne des Wortes, die Szenarien übertreffen sich an Unglaublichkeit - und werden so unglaubwürdig. Man verliert den Schrecken vor den sinnlos Verstorbenen. Man akzeptiert den Tod als Nebendarsteller, als unsichtbaren Gegenspieler, und liest diese phantastische Geschichte irgendwann als eines der Märchen über den Tod, die Korff selbst immer wieder hervorkramt. Umso pfiffiger ist das letzte Kapitel.

Ein metaliterarischer Ouroboros

Heitz' Erzählstil kommt zuweilen etwas chaotisch daher - was zum einen die Geschwindigkeit der Geschichte und die Komplexität des Themas unterstreicht, zum anderen aber chronologische Unstimmigkeiten bezüglich der Tageszeiten provoziert. Wer bereit ist, solche Kleinigkeiten zu ignorieren, darf sich auf einen Parkour durch Länder, Städte und Viertel freuen, deren Stimmungen lediglich grob umrissen werden - was völlig ausreicht, denn hier steht ganz klar die Handlung im Vordergrund. Und von der gibt es jede Menge.

Schlagseite hat der Roman auf der sprachlichen Ebene. Aufmerksamen Lesern wird nicht entgehen, dass das Konglomerat aus Lektorat, Korrektorat und Satz geschusselt hat. Vermeidbare Wortwiederholungen, Unsauberkeiten im Gebrauch der Zeitformen und Druckfehler irritieren den Lesefluss. Das ist ein Stück weit unverständlich, da sowohl der Autor als auch das Verlagshaus große Namen tragen. Auch hätte man dem Lektorat ein wenig mehr Mut mit dem Rotstift gewünscht, denn Heitz zeigt zuweilen eine sprachliche Tendenz zum Zuviel. Ein einzelner Sachverhalt in zwei unterschiedlichen Sätzen; Ausdeutungen, die besser in Andeutungen verblieben wären - hier nimmt der Autor seinem Leser das Selbst-Verstehen, das Eigen-Erkennen. Das ist insofern schade, als dass die Thematik des Ablebens viel Raum für persönliche Gedanken lässt und stets neue Aspekte eingebracht werden, die mystischer wären, ließe man sie weniger kommentiert.

Lobend zu erwähnen sind die Kapitelzitate, die punktgenau gewählt sind und jede eine eigene Weisheit beherbergen, die dem Leser schon deshalb nahegehen, weil "der Gevatter" eben niemandem fremd ist.

Die Wortwahl ist allgemein eine eher schlichte, jedoch angenehm irritierend, wenn sie durch ausgefallene Vokabeln wie 'Nachtgeruch' oder 'Tagwerk' unterbrochen wird. In "Oneiros" verzahnt sich moderne Sprache mit beinahe ausgestorbenen Worten so selbstverständlich wie das traditionelle Thema Tod mit moderner Waffentechnik.

Die Verwunderung über den ungewöhnlichen Erzählstil legt sich, wenn man Markus Heitz einmal persönlich reden hört. Dann wird deutlich, dass der Autor und sein Erzähler dieselbe Sprache sprechen; man hört Heitz in seiner Geschichte - was ein enormer Zugewinn ist. Wer Markus Heitz noch nicht leibhaftig lauschte, sollte zu einer seiner Lesungen gehen. Auch, weil sie irrsinnig unterhaltsam sind. Wie dieser Roman.

(Hanka Jobke, Dezember 2012)

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