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Michael Drewniok
Neun Begegnungen mit dem kompromisslosen Grauen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

Neunmal schlägt das Grauen zu, wobei es hier auch in modernen Zeiten den handfest-widerwärtigen Auftritt der sachten Grusel-Andeutung vorzieht:

- Kim Newman: Wochenfrau (Week Woman; 1992), S. 7-19: … erzählt die Geschichte von Madeleine, der Frau mit den wahrhaft tausend Gesichtern, die alle sieben Tage ihre Persönlichkeit wechselt; egal, ob lebendig oder tot.

- Terry Lamsley: In der Vorstadt (Suburban Blight; 1998), S. 20-54: ... gibt es zwischen einer chemischen Fabrik, einem alten Friedhof und einem leerstehenden Schwimmbad eine Verbindung, die buchstäblich unter die Haut geht, wie einige etwas zu neugierige Bürger erfahren müssen.

- Richard Laymon: Der Pelzmantel (The Fur Coat; 1994), S. 55-64: ... erinnert Janet an die glücklichen Tage ihrer Ehe, erregt aber den Zorn militanter Tierschützer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die geschundene Kreatur nicht nur zu hüten, sondern auch zu rächen.

- Pagan Kennedy: Elvis Presleys Badezimmer (Elvis‘s Bathroom; 1989), S. 65-79: ... ist für den „King“ deshalb zum Ort seines unwürdigen Endes geworden, weil er dort versehentlich den Voodoo-Gott des Todes beschworen hat.

- Nicholas Royle: Der Karpfenteich (The Crucian Pit; 1993), S. 80-95: ... hat einst die Jugendliebe des Erzählers verschlungen - und 361 andere Passagiere jenes Verkehrsflugzeug, das hier sein Ende fand. Zehn Jahre später stellt sich heraus, dass die Liebe - leider - sehr wohl den Tod überwinden kann.

- S. P. Somtow: Summertime (Fish Are Jumpin‘, and the Cotton Is High; 1993), S. 96-113: ... zeigt uns Vater und Sohn im tiefen Süden der amerikanischen Provinz auf ihrer mörderisch heiligen Mission, die Welt von der Sünde zu befreien.

- Steve Rasnic: Die Schutzengel (Guardian Angels; 1992), S. 114-120: ... sind schwer von den Schergen des uralten Fischgottes Cthulhu zu unterscheiden.

- Brian McNaughton: Ringard und Dendra (Ringard and Dendra; 1997), S. 121-152: ... sind ein Liebespaar auf der Flucht, das einem alten Hexer ins Netz geht, dessen Gastfreundschaft finstere Gründe hat.

- Michael Marshall-Smith: Die Banner der Hölle (Hell Hath Enlarged Herself; 1996), S. 153-175: ... wehen über einer Erde, auf der es übereifrige Wissenschaftler unfreiwillig möglich gemacht haben, die Welt der Geister zu kontaktieren. Sie tun dies gern - freilich nur diejenigen, die man eigentlich nicht treffen möchte.

Fahrkarten für den Express in die Hölle

Die vorgestellten neun (inzwischen nicht mehr) modernen Horrorgeschichten lassen sich thematisch kaum unter einen Hut bringen. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten. Das wahre Grauen spielt sich nach Ansicht jener Kritiker, die es zu wissen glauben, primär in der menschlichen Psyche ab. Die beste Gruselstory käme demnach ohne klassisches Gespenst oder Monster aus. Darauf lassen sich die hier versammelten Autoren gottlob nicht ein. Ihre Spukgestalten sind in der Regel nicht von dieser Welt, aber dennoch sehr aktiv (und kompromisslos) in ihrem Bemühen, den Menschen die Schrecken des Jenseits nahe zu bringen.

Dabei sind sie unterschiedlich erfolgreich. Kim Newmans (*1959) „Wochenfrau“ basiert eher auf einem Einfall als auf einer Idee. Vom routinierten Autoren - seine „Anno Dracula“-Trilogie gehört zu Recht zu den modernen Klassikern des Genres -  wird dieser jedoch gekonnt entwickelt und umgesetzt.

Terry Lamsley (*1941) gilt als Neuerer bzw. Bewahrer der klassischen Gespenstergeschichte à la M. R. James. Die meist in seinem Heimatort Buxton spielenden Geistergeschichten zeigen ihn als ‚langsamen‘, aber sorgfältigen Schriftsteller vor, dem die Atmosphäre mindestens ebenso wichtig wie die eigentliche Handlung ist. Auch „In der Vorstadt“ besticht durch eine morbide Stimmung, die meisterliche Darstellung schon vor dem Chaos toter Vorstadt-Randexistenzen und den staubtrockenen Witz, der die absurde Story erträglich macht. Allerdings wird ebenfalls deutlich, dass Lamsley nicht wusste, in welche Richtung seine Geschichte laufen sollte. Die unterschiedlichen Handlungsstränge finden niemals wirklich zueinander, und im großen Finale rettet sich der Autor mit einigen für ihn eher untypischen Ekelszenen und einem unbefriedigenden ‚offenen‘ Ende über die Ziellinie.

Auf das falsche Gleis geraten

„Der Pelzmantel“ ist keine Geschichte, sondern nur ein fader, geschmackloser Witz, der allein auf seine Pointe zugeschnitten ist. Weil diese wirklich nur für den geistig schmalen Gruselfreund eine Überraschung darstellen dürfte und zudem ebenso langatmig wie lieblos vorbereitet wird, gehört Richard Laymons (1947-2001) Gelegenheits-Story, aus irgendeiner Schublade seines Schreibtisches gezogen, zu den inhaltlichen Entgleisungen des „Psycho-Expresses“.

Dasselbe gilt auch für Pagan Kennedys (*1962) Elvis-Presley-Hommage, die weniger eine Horrorstory (wie Herausgeber Frank Festa in einer seiner informativen Einleitungen zu diesen Geschichten selbst deutlich macht), sondern eher eine Momentaufnahme aus dem Leben gesellschaftlicher Randexistenzen darstellt. Das ist zweifellos über lange Strecken wirklich gruselig, erweckt aber auch den Verdacht, hier solle partout der Beweis erbracht werden, dass das Horrorgenre auch ‚richtige‘ Literatur hervorbringt - der übliche Minderwertigkeitskomplex, der auch in der Science Fiction gepflegt wird.

Über Nicholas Royles (*1963) „Der Karpfenteich“ lässt sich wenig sagen; weder Negatives noch Positives. Im Gedächtnis haften bleibt höchstens eine gewisse Irritation angesichts der Frage, wie denn ein gar nicht so kleines Verkehrsflugzeit spurlos in einem simplen Fischteich verschwinden kann ...

Böses mit Wurzeln

„Summertime“ von S. P. Somtow (d. i. Somtow Papinian Sucharitkul, *1952) ist vielleicht die eindrucksvollste Story. Auch hier ist die Idee wahrlich nicht neu - ohne fundamentalistisch-degenerierten „White Trash“ aus dem Bibelgürtel der USA wären der B- und C-Horrorfilm längst ausgestorben. Somtow setzt längst bekannte Elemente zu einer Furcht erregenden „Psycho“-Variante zusammen, die darüber hinaus zum Schluss mit einem echten Knalleffekt aufwarten kann: Dieser Horror kommt tatsächlich ohne Gespenster aus.

„Die Schutzengel“ von Steve Rasnic Tem (*1950) erregen nur als Hommage an den großen H. P. Lovecraft Aufsehen, können aber ansonsten aus einer nur mäßig originellen Ausgangsidee wenig Funken schlagen. Auf ähnlichen Pfaden versucht Brian McNaughton (1935-2004) zu wandeln. „Dark Fantasy“ im Stil Clark Ashton Smiths (oder eben des frühen H. P. Lovecraft) ist aus der Mode gekommen, und wenn wir diese Geschichte gelesen haben, kennen wir auch den Grund ... Es ist schwierig genug, eine fantastische Geschichte vor einer realen Kulisse zu erzählen. Um sie zusätzlich in einer gänzlich erfundenen Welt mit eigenen (Natur-) Gesetzen und Regeln zu verankern, bedarf es eines sehr ausgeprägten Talents. Smith besaß es, aber McNaughton eher nicht. Sowohl Ringard als auch Dendra und besonders ihre Nemesis lassen die Leser völlig kalt. Holperig schleppt sich die Geschichte elend lang auf ihr schwaches Ende zu. Letztlich wirkt sie wie ein aus dem Zusammenhang gerissenes Kapitel aus einem Roman, vor dessen Erscheinen uns notfalls die Söhne von Cludd bewahren mögen!

„Die Banner der Hölle“ von Michael Marshall Smith (*1965) führen den „Psycho-Express“ noch einmal aus seinem Spannungstief heraus. Die Geschichte vom genialen, aber irgendwie verrückten Wissenschaftler, der um der Liebe willen einen Geist aus der Flasche lässt, den er besser dort gelassen hätte, kommt einem zwar sehr bekannt vor, und es gibt keine großen Überraschungen, aber die Umsetzung der immer noch dankbaren Ausgangsidee ist logisch und gelungen.

Fazit:

Was macht dem Menschen (heute) Angst? Entweder weiß es niemand so richtig, oder es sind dieselben Schrecken wie eh‘ und je, nur eben im zeittypischen Gewande. Der Titel „Psycho-Express“ erweist sich im Licht dieser Betrachtungsweise als geradezu prophetisch: Anscheinend bewegt sich die Horrorliteratur wie auf Schienen ins 21. Jahrhundert. Wenigstens der Unterhaltungsfaktor kann dabei - diese Sammlung beweist es - gewahrt bleiben.

Psycho-Express

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