Necrophobia - Meister der Angst

  • Festa
  • Erschienen: Januar 2005
Necrophobia - Meister der Angst
Necrophobia - Meister der Angst
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Michael Drewniok
90°

Phantastik-Couch Rezension vonSep 2022

20 Stippvisiten in Reichen des Schreckens

Ein Widerschein alten Glanzes

Zwanzig Horrorgeschichten präsentiert uns Herausgeber Frank Festa. Es gibt kein Thema, unter das diese Storys gestellt wurden. Auch eine chronologische Reihenfolge fehlt; „Necrophobia“ deckt etwa ein Jahrhundert phantastischer Kurzliteratur ab. Der Kitt, der diese Erzählungen zusammenhält, ist laut Frank Festa ihr Unterhaltungswert, was nie eine schlechte Option darstellt. Auf eine Vorstellung der einzelnen Geschichten wird deshalb verzichtet; sie wäre wenig sinnvoll und würde den Rahmen dieser Besprechung sprengen.

Dem Puristen, der seinen Lesestoff systematisch gegliedert vorzieht, mag die scheinbare Beliebigkeit stören, doch wieso eigentlich? Das eigentlich Verblüffende an „Necrophobia“ ist die reine Existenz dieser Sammlung. Als sie 2005 erschien, waren Kollektionen wie diese längst zu einer Seltenheit geworden. In den 1960er bis 1980er Jahren hatten zahlreiche Verlage regelmäßig Horrorstorys veröffentlicht.

Ihr ‚Sinn‘ bestand im amüsanten Erschrecken möglichst vieler Freunde des Phantastischen, denen gleichzeitig im Guten wie im Schlechten das Spektrum des Genres vor Augen geführt wurde. Die jüngeren Generationen von Horrorfreunden (sämtlicher Geschlechter) wachsen in einer Monokultur auf, weil solche Kollektionen als nicht lukrativ genug eingestellt wurden. Doch Kurzgeschichten bieten die ideale Gelegenheit, neue Autor/inn/en kennenzulernen - eine Tradition, die Herausgeber Festa hier wiederbelebte.

Sie dürfen nicht verschwinden!

Wenige „alte Meister“ wie H. P. Lovecraft (1890-1937) sind in einer Ära immer neuer und oft rasch wieder aus dem Programm geworfener Namen weiterhin präsent. Was ist jedoch mit William Hope Hodgson (1877-1918), Verfasser grandioser Seespuk-Storys, die quasi die Möglichkeiten bzw. Schrecken der modernen Genetik vorwegnehmen? Clark Ashton Smith (1893-1961) ist zumindest antiquarisch präsent. Ebenfalls der Festa-Verlag hat in sechs Bänden sein Gesamtwerk veröffentlicht und damit hierzulande eine lange klaffende Lücke der klassischen Phantastik gefüllt. Ein weiteres Mal ist es dem Festa-Verlag zu verdanken, dass Bram Stoker (1847-1912) nicht nur als Autor von „Dracula“, sondern auch als Verfasser ausgezeichneter Kurzgeschichten fass- bzw. lesbar ist. Gustav Meyrink (1868-1932) symbolisiert zumindest, dass es auch klassische Gruselliteratur aus Deutschland gibt.

Objektiv ist die Auswahl ansonsten nicht. Guter Horror entsteht seit jeher nicht nur im angelsächsischen Sprachraum. In dieser Sammlung dominieren die kurz nach dem Millennium im Festa-Verlag veröffentlichten Autoren. Aber würden ohne diesen Verlag Namen wie Richard Laymon, Jeffrey Thomas oder Brian Lumley hierzulande überhaupt einen Klang besitzen? Diese und andere Festa-Hausautoren weiteten das Feld der Phantastik für deutsche Leser.

Darüber hinaus ist „Necrophobia“ auch haptisch ein echtes Geschenk an sein Publikum ist. Mehr als 400 eng bedruckte Seiten umfasst dieses Buch. Die Übersetzungen lesen sich flüssig, das Cover ist ‚handgemacht‘ und keine lieblos aus Stock-Fotovorlagen zusammengewürfelte Montage.

Die Mischung macht‘s

Storys wie „Die Stimme in der Nacht“ (W. H. Hodgson), „Pickmans Modell“ (H. P. Lovecraft), „Die Rückkehr des Hexers“ (C. A. Smith) oder „Die Squaw“ (B. Stoker) gelten mit Recht als zeitlose, bewährte Meisterstücke des Genres. Sie sind es wert, wieder einmal gedruckt und vor dem Vergessen bewahrt zu werden.

Die modernen Gruselgarne müssen sich ihre Sporen noch verdienen. Den meisten wird es kaum gelingen. Das Zeug zum echten Klassiker haben „Summertime“ (S. P. Somtow [geb. 1952] mit einer wirklich üblen Story über ein psychopathisches Vater-Sohn-Serienmördergespann), „Der Mann, der Clive Barker sammelte“ (Kim Newman [geb. 1959] mit einer schwarzhumorigen Satire auf Bücherfreunde, die ihr Hobby allzu ernstnehmen), „Puppen“ (Ramsey Campbell [geb. 1946] erzählt von einer Hexen- und Hexerschar in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erzählt; selten wird die übliche Differenzierung zwischen Christentum = „gut“ und Teufelsglaube = „böse“ so überzeugend in Frage gestellt).

Ansonsten regiert das Mittelmaß, was hier keineswegs als Abwertung zu verstehen ist: Michael Marshall Smith (geb. 1965), Brian McNaughton (1935-2004) oder Graham Masterton (geb. 1946) sind einfach viel zu gute Horror-Handwerker, als dass ihre Storys den Primärzweck - zu unterhalten - nicht erfüllen könnten. Es ist zum Weinen mit welcher Leichtigkeit die vorgestellten Autoren die deutschen Grusel-„Schriftsteller“ sogar dann deklassieren, wenn es „nur“ um das Abspulen eines ganz einfach gestrickten Gruselgarns geht. „Trentino Kid“ (Jeffrey Ford [geb. 1955)] mit einer wunderbaren Spuk-auf-See-Geschichte), „Schluck die üble Saat“ (Simon Clark [geb. 1958] variiert das uralte Thema des unausweichlichen Fluchs) oder „Die Hütte im Wald“ (ausgerechnet Horror-Grobmotoriker Richard Laymon [1947-2001] mit einer richtig guten und unaufdringlichen Hommage an H. P. Lovecraft) seien als Lesetipps hervorgehoben.

Erfreulich niedrige Ausfallquote

Aber auch Brian Lumley (1937) kann überraschen: Wenn er sich nicht als zweitklassiger Lovecraft-Imitator („Titus-Crow“-Reihe) versucht oder als „Totenhorcher“-Fließbandautor tätig ist, bringt der Mann wirklich Lesbares zustande! Das gilt auch für Paul Busson (1873-1924), der die kürzeste Story dieser Sammlung („Rettungslos“) schrieb und uns mit seiner 1903 (!) entstandenen Schauermär vom lebendig begrabenen Pechvogel und einem wirklich haarsträubenden Schlussgag in Angst & Schrecken versetzt.

Selbst Fehlschläge wie „In der letzten Reihe“ (noch einmal Brian Lumley, welcher versucht, uns einen Uralt-Finalschock anzudrehen, den noch der dümmste Leser bereits nach wenigen Absätzen erahnt), „Von Heiligen und Mördern“ (Brian Hodge [geb. 1960] - lang & langweilig) und vor allem „Eine Halloween-Überraschung“ (F. Paul Wilson [geb. 1946] mit einem auf Ekel und Provokation setzenden, doch allzu routinierten Werk; wie man Kotzgrusel richtig inszeniert, zeigt Graham Masterton mit „Ein gefundenes Fressen“, seiner boshaft witzigen Story vom besessenen Hausschwein) ändern nichts am positiven Eindruck von „Necrophobia“. Es ist wirklich für jede/n etwas dabei; die Geschmäcker sind bekanntlich verschieden.

„Necrophobia“ war übrigens nicht nur der Titel dreier Sammlungen von Kurzgeschichten, sondern auch einer Hörbuch-Reihe aus dem Hause Festa. Einige der nun gedruckt vorliegenden Storys gab es - neben anderen - auch professionell vorgelesen. Deshalb ist es recht schade, dass dieses Projekt nach Band 3 und wohl mangels Publikumsinteresses einschlief.

Fazit:

Zwanzig klassische und moderne Gruselstorys bilden eine angenehm voluminöse, spannende Sammlung ohne thematischen Faden für Genre-Fans, für die solche Kollektionen, die nicht nur aktuelle Bestsellerlieferanten abfeiern, sondern auch weniger bekannte, aber keineswegs unbegabte Autoren (Schriftstellerinnen bleiben außen vor) mit interessanten Werken präsentieren.

Necrophobia - Meister der Angst

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