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Verena Wolf
Das viktorianische Zeitalter der Schattenjäger atemberaubend präsentiert!

Buch-Rezension von Verena Wolf Jan 2012

Cassandra Clare hat mit ihren "die Chroniken der Unterwelt" viele Fans zu Recht begeistert. Die "Chroniken der Schattenjäger" spielt rund hundert Jahre früher im viktorianischen London und beleuchtet mit dem dramatischen Schicksal um Freundschaft, Liebe und Abenteuer die Vergangenheit des Londoner Instituts und der Schattenjäger. Auch hier gibt es ein Hauptdarsteller-Trio: Tessa, die ihre Gestalt wandeln kann und die Nephilim Will und Jem, die sie auf ganz unterschiedliche Art anziehen. Dementsprechend wird Clare manchmal vorgeworfen, viele Muster ihrer erfolgreichen Unterwelt-Chronik schlicht zu wiederholen. Stimmt das?

Eine eigenständige Vorgeschichte voller Atmosphäre und Spannung

Schon in Band Eins "Clockwork Angel" schaffte Clare eine wunderbare Stimmung durch die Kombination der viktorianischen Zeit mit schillernden Charakteren. So macht das schwierige Verhältnis von Charlotte und Henry, die ihre Ehe als kühle Zweckbeziehung leben, die durch die schiere Rücksichtnahme aufeinander voller Missverständnisse ist, besonders im zeitlichen Zusammenhang Sinn. Clare schafft eine wunderbar ergreifende Szene, in der beide zum ersten Mal der Wahrheit ins Auge schauen und thematisieren, wie sie wirklich zueinander stehen. So schwingt in der gesamten Geschichte ständig mit, wie sehr die Personen durch die Zeit und ihre Regeln mitbestimmt werden und wie sie dagegen kämpfen, sei es, dass die Wesen einander mit Misstrauen und Vorurteilen begegnen, Standesunterschiede überwinden, die Protagonisten über ihren eigenen Schatten springen und auch nur verwirrt erkennen müssen, dass eine Hose zum Kampf besser geeignet ist als ein Korsett. Das geht weit über Fantasy hinaus.

Schön erkennt man auch als Leser, wie aus dieser Vergangenheit erst die Gegenwart, die in den Chroniken der Unterwelt beschrieben wurde, entstehen kann. Auch dass langlebige Figuren wie Camille und der Hexer Magnus hier - weit jünger - auftreten, ist ein echter Gewinn. Locker schafft Clare es, etwas vollkommen Neues zu schaffen, dass das abgeschmackte Thema Engel und magische Wesen dramatisch und spannend in Szene setzt.

Eine Dreiecksgeschichte, die überzeugt und mitreißt

Will und Jem sind beide auf ihre Art anziehend und faszinierend, da ergeht es Tessa nicht anders als dem Leser. Was sich im ersten Band nur andeutete - auch wenn der damalige Klappentext hier schon bedeutungsvoll unkte - wird jetzt wahr. Glaubhaft und facettenreich wird gezeigt, wie groß die Anziehungskraft zwischen Will und Tessa sind. Hier gibt es aber mehrere Hindernisse, die einer Beziehung, die über reine Freundschaft hinausgehen würde, absolut im Weg stehen. Zum einen sind keine Beziehungen zwischen Schattenjägern und Dämonenwesen erlaubt. Und auch wenn Tessa kein Hexenmal trägt, scheint sie doch Dämonenblut in sich zu tragen, warum sonst könnte sie ihre Gestalt wandeln. Und dann ist Will offensichtlich nicht gewillt, irgendjemand auch nur so etwas wie Zuneigung oder gar Liebe zu zeigen. Alle: Freunde, Familie und mögliche Liebschaften, hält er zerstörerisch auf Distanz. Dementsprechend verletzt lässt er Tessa zurück. Genau hier schlägt die Stunde des todkranken, aber sensiblen und mitfühlenden Jem und Tessa geht darauf ein. Auch hier schlägt das viktorianische Zeitalter zu, denn wo man heutzutage eine Aussprache erwarten könnte, sind die Traditionen Halt, aber auch Hinderniss gleichermaßen. Tessa steht zwischen den beiden Jungs und weiß nicht weiter. Das will keiner in echt erleben, viel zu anstrengend, aber lesend auf dem Sofa ist das einfach das Beste. Oje, wie soll das nur enden?

Will, der tragische Held, der in sich logisch agiert

Was aber besonders brillant gelöst ist. Clare präsentiert eine vollkommen einleuchtende Lösung, warum sich Nephilim Will so kalt gegenüber seiner Umwelt gab, auch wenn er selbst am meisten darunter litt und jetzt gar daran zu zerbrechen droht. Man fragte sich als Leser ja schon länger: warum ist er denn zwar so unglaublich attraktiv und tapfer, aber auch seit Jahren so unglaublich bescheuert, dass er jedem, der ihn auch nur anlächelt einen zumindest im übertragenen Sinne vor den Bug haut! Und gerade Tessa mag er doch. Das ist doch total unlogisch! Aber - anders als in den Unterwelt-Chroniken, wo manche Erklärung für sagen wir mal psychische Unausgeglichenheiten weit her geholt schien erfährt man hier Wills Geschichte und man muss zugeben: Hey, jetzt verstehe ich, warum er so eine unglaubliche Kratzbürste war. Der arme, tragische Kerl! Danke, sowas tut unglaublich gut und lässt einen weiter mitfiebern. Da freut man sich auf den nächsten Teil, wo viele Konflikte und Geheimnisse zu lösen sind. Toll!

Fazit: Der zweite Band "Clockwork Prince" schlägt den ersten locker und entführt einen in das viktorianische Zeitalter der Schattenjäger, das man am liebsten gar nicht mehr verlassen will. Mehr davon!

(Verena Wolf, Februar 2012)

Clockwork Prince

Clockwork Prince

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