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Carsten Kuhr
Ein Dämon wird gejagt - oder Fundamentalisten wollen alle Inderlander ausrotten

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Feb 2012

Rachel Morgan hat bereits einen weiten Weg hinter sich. Begonnen hat sie als Agentin der I.S., der Inderlander Security, die Verbrechen an und durch übernatürliche Wesen untersuchen und aufklären sollen, dann hat sie sich als Hexe zusammen mit ihrer Freundin, einer lebenden Vampirin und einem Pixie selbstständig gemacht. Niemand, so die gängige Überzeugung, gar niemand verlässt die I.S. Und so nahmen die Animositäten, die Angriffe und Anschläge auf sie und ihre Freunde in der Folgezeit immer mehr zu. Inzwischen ist sie als Dämonin in der Real-Welt bekannt und berüchtigt.

Als überall in Cincinnati gemarterte Leichen junger Menschen auftauchen, deren Äußeres teilweise verwandelt wurde, gerät sie in Verdacht. Nur dämonischen Flüche könnten Menschen so umgestalten, so die allgemeine Auffassung.

Schweren Herzens beschließt sie, mit den Behörden, sprich der bei der Untersuchung federführenden I.S. zusammenzuarbeiten um den Verdacht auszuräumen. Schnell wird deutlich, dass hinter den Verbrechen eine radikale Splittergruppe steckt, die sich die Auslöschung allen übernatürlichen Lebens auf ihre Fahnen geschrieben hat. Um ihr Ziel zu erreichen, sind diese bereit, selbst zu den ihnen eigentlich verhassten Zaubermitteln zu greifen.

Ihr Plan ist denkbar einfach - man nehme ein wenig Dämonenblut, züchte daraus ein Antigen und lasse dies auf die verhassten Inderlander los - es leben die wahren Menschen. Nur eines fehlt ihnen, um den Plan in die Wirklichkeit umzusetzen - Dämonenblut. Und genau da kommt Rachel ins Spiel ...

Ein kleines Jubiläum öffnet den Weg in eine andere Darstellung der Protagonistin

Zehn umfangreiche Bände um die Abenteuer der Hexe / Dämonin Rachel Morgan liegen hinter uns. Zehn Bände, das bedeutet zum einen, dass sich die Autorin für ihre Leser immer wieder Neues hat einfallen lassen, aber auch, dass der Verlag an die Reihe geglaubt hat.

Kim Harrison reiht sich damit in die Phalanx der wenigen, ganz erfolgreichen Autor-innen ein, die im Bereich der Urban Fantasy anhaltend Erfolg für sich und ihre Reihen verbuchen können. Neben Laurell K. Hamiltons "Anita Blake" (dt Bastei-Lübbe), Charlaine Harris' "Sookie Stockhouse" (dt. dtv) und J. R. Wards "Black Dagger"(dt.Heyne) hat sie es immer wieder verstanden, ihre Fans mit unerwarteten Entwicklungen an die Seiten zu fesseln.

Vorliegender Roman gehört dabei, obwohl verglichen mit anderen Titeln der Reihe wenig passiert, zu den besseren Büchern um Rachel. Das beruht zum einen darauf, dass die Protagonistin sich vorliegend deutlich weiterentwickelt, zum anderen aber auch, dass Figuren um sie herum endlich deutlicher ins Geschehen eingreifen.

Zunächst überrascht die Autorin ihre Leser damit, dass sie Rachel plötzlich und unerwartet als einsame Gestalt darstellt. Während sich all ihre Freunde um sie herum fortentwickeln, neue Beziehungen eingehen, ihr Leben in den Griff bekommen, geht bei ihr nichts vorwärts. Selbst ihr Outing als Dämon bringt ihr weder Machtzuwachs noch Renommee, da sie ihre Kräfte ablehnt und freiwillig zügelt. Für sie wirkt es, als ob alle ihre Freunde mit ihrem Leben vorankommen würden, allein sie übrig bleiben würde.

Diese melancholisch-selbstmitleidige Grundhaltung hat Harrison sehr gut nachvollziehbar herausgearbeitet. Während um sie herum Familien gegründet, Beziehungen begonnen und zementiert werden, ist Rachel letztlich allein. Selbst die Zuneigung von Trent kann sie kaum akzeptieren und hinterfragt immer wieder dessen Motive. Das hinterfüttert die Handlung mit viel Gefühl, sorgt dafür, dass wir nicht nur Mitleid mit der toughen Dämonin haben, sondern uns auch sehr gut in ihr Gefühlschaos hineinversetzen können.

Begleitet wird diese emotionale Nabelschau mit einer gewohnt routiniert ablaufenden Action-Handlung. Dieses Mal thematisiert die Autorin Extremismus. Nun kennen wir dies vornehmlich aus Nahost, doch Bewegungen wie der Ku-Klux-Klan oder die waffenstarren Redneck-Bewegungen in den USA beweisen, dass Rassismus und Extremismus überall blüht. Geschickt greift sie diese Entwicklungen auf, transferiert sie in Form einer "Menschen-Vor"-Bewegung in die Welt der Inderlander und sorgt mit rasanten Verfolgungen, Kidnapping und Sondereinsatzkommandos für den nötigen Kick im Buch.

Das liest sich trotz der Fülle der Seiten flüssig und kurzweilig, verwöhnt den Rachel-Morgan-Fan mit einigen so noch nicht gelesenen Einsichten über seine Hauptperson und bringt die Reihe deutlich voran.

(Carsten Kuhr, September 2012)

Blutsbande

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