Der Falke von Aryn

Erschienen: Januar 2012

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Carsten Kuhr
Auch außerhalb Askirs weiß Richard Schwartz seine Leser an die Seiten zu bannen

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Jun 2012

Einst wuchs Lorentha, behütet und umsorgt, als Adelige in der Reichsstadt Aryn auf. Als sie neun Jahre alt war, musste sie miterleben, wie ihre Mutter einem Mordkomplott zum Opfer fiel, sie selbst entkam dem Anschlag nur knapp und verlor ihr Gedächtnis. Die nächsten Jahre schlug sich das Kind im Elendsviertel der Stadt durch. Schon damals verhalfen ihr ihr eiserne Wille, ihre angeborene Gabe für das Kämpfen und ihre Fähigkeit, sich die richtigen Freunde auszusuchen, zu einem Ruf - mit ihr war nicht gut Kirschen essen.
Mit sechzehn schnitt sie einem der berüchtigsten Zuhälter und Schlag-Tots des Hafenviertels die Kehle durch, kurz darauf kehrte ihre Erinnerung zurück, und sie nahm ihr altes Leben wieder auf. Doch Bälle oder ein begüterten Ehemann wollten sich einfach nicht mit ihren aufbrausenden, gleichzeitig mit einem starken Gerechtigkeitssinn ausgestatteten Wesen vereinen lassen. So verpflichtete sie sich für die nächsten 25 Jahre der Garda, der Kaiserlichen Polizeitruppe.

Nun kehrt sie, kurz bevor man die politisch unbequeme Gardistin entlassen will, in ihre Heimatstadt zurück. Eigentlich will sie nur den Mord an ihrer Mutter aufklären, doch dann wird der Falke von Aryn, nicht nur ein gold- und juwelengeschmücktes Kleinod, sondern auch ein göttliches Artefakt, das dafür steht, dass die Stadt zum Königreich gehört, gestohlen. Zusammen mit einem Magier macht sie sich auf, das Verbrechen zu untersuchen - und stößt auf einen Sumpf an Korruption, Verrat und Mord - und auf eine Spur zum Mörder ihrer Mutter ...

Schmökerstoff der ansprechenden Art

Der Name Richard Schwartz ist zunächst untrennbar mit der Askir Reihe verbunden. Seit dem Re-Launch der Reihe mit ungekürzten Texten und einer neuen Titelbildgestaltung verkaufen sich die Bücher wie die sprichwörtlichen warmem Semmeln.

Wenn Verlag und Autor dann das Wagnis eingehen, einen Roman zu veröffentlichen, der in einer anderen als der gewohnten Welt spielt, stellt sich unweigerlich die Frage - kann Schwartz - nein nicht Kanzler - kann er außerhalb von Askir erzählen?

Die Antwort fällt mir, nach einer durchlesenen Nacht nicht schwer - er kann! Und wie!

Dieses Mal wandelt der Autor nicht auf seinen Rollenspiel-Wurzeln, sondern verwöhnt den Leser, abseits der üblichen archaischen Welt mit einer Handlung, die alles beinhaltet, was einen richtigen Schmöker ausmacht.
Spannung und Kämpfe, Verrat und Geheimnisse, Götter und Magier, Prophezeiungen und Verbrechen, dazu ehrbare Verbrecher und korrupte Ordnungshüter, angereichert mit jeder Menge Tempo, Verwicklungen, Kämpfe und einer Prise Romantik.

Natürlich sind die Ingredienzien nicht eben neu, doch die Mischung macht´s. Mit leichter Hand zeichnet der Autor uns das Bild einer vom Wesen her nicht eben ganz einfachen Frau, die, wie die allermeisten Figuren seiner Schöpfung, das Herz auf dem rechten Fleck hat. Vom Schicksal und dem Autor nicht eben auf Rosen gebettet, hat sie ihre Schläge einstecken müssen, hat gelernt, mit Enttäuschungen, Anfeindungen und Verlusten umzugehen. Sie ist als Erzählerin das ideale Vehikel, durch deren neugierige Augen wir dann den Handlungsort, die Küstenstadt Aryn und die politischen Machtverhältnisse dort kennenlernen. Dass er uns eine Welt vorstellt, die an das Europa des 18. Jahrhunderts angelehnt ist, in dem das Frankenreich allerdings mit dem Königreich Manvere konkurriert, ermöglicht es ihm nicht nur Steinschlosspistolen, sondern auch politische Ränkespiele, weltweit agierende Handelshäuser und magische und nichtmagische Gilden einzubauen.

Wie gewohnt - ich erinnere nur an Askirs Wiesel - punktet Schwartz auch dieses Mal wieder mit Gestalten von etwas zweifelhaftem Ruf. Vorliegend ist es ein Freund Lorenthas aus Jugendtagen, der zwischenzeitlich eine große Hausnummer im organisierten Verbrechen des Hafenviertels ist. Seine Zeichnung, wie auch die der verlotterten Ordnungsmacht liest sich unheimlich vergnüglich, spielt der Autor doch hier versiert auch mit der Erwartungshaltung seiner Leser. Die versoffenen, heruntergekommenen Polizisten erinnern an Vorbilder aus bekannten Filmen. Überhaupt spielt Schwartz geschickt mit Archetypen - die Priesterin, der Gouverneur, der alteingesessene Adel und der geheimisumwitterte Attentäter, sie alle werden auf- und eingeführt, beleuchtet nur, um sich dann doch in eine unerwartete Richtung zu entwickeln.

Das ist ein Schmöker alter Schule, und dies im positiven Sinne - ein Buch, das den Leser packt, ihn an die Seiten fesselt, auf Abenteuer mitnimmt und dabei bestens unterhält.

(Carsten Kuhr, Oktober 2012)

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