Sternwanderer

Erschienen: März 2007

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Michael Drewniok
Elfenspuk und Liebesleid in nur bedingt märchenhaftem Land

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

In Wall, einem kleines, weltabgeschiedenen, von dichtem Wald umgebenen Dörflein, hat sich Irgendwann in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der junge Tristran Thorn in die schöne Victoria Forester verliebt. Sie zeigt ihm die kalte Schulter, denn sie wünscht sich einen erfolgreichen und vermögenden Gatten, keinen romantischen Träumer, der im Laden des Dorfkaufmanns aushilft. Um den ungebetenen Verehrer loszuwerden, gibt Veronika vor, ihn erhören zu wollen, sobald er ihr einen Stern bringen kann, der vom Himmel auf die Erde gefallen ist.

So ein Schnuppensturz hat sich zwar gerade ereignet, doch es gibt ein Problem: Der Stern ist ausgerechnet an einer Stelle jenseits der Dorfgrenze niedergegangen, über den die Bürger von Wall ungern sprechen. Hinter einer hohen Mauer, die dem Ort den Namen gab, erstreckt sich Stormhold, das Feenreich. Zwischen Menschen und Elfen herrscht ein gespannter Waffenstillstand. Solange jeder auf seiner Seite bleibt, gibt es keine Schwierigkeiten. Doch im Reich der Feen locken wundersame Schätze, und so machen sich immer wieder Glücksritter dorthin auf. Allerdings kommen sie in ein Land, in dem die uralte Magie noch stark ist. Die Elfen spielen ihren Besuchern gern grimmige Streiche. Außerdem gibt es in ihrem Land Wesen, denen man lieber nicht begegnen möchte.

Um das Herz seiner Victoria zu erweichen, würde Tristran sich sogar den Mächten der Hölle stellen. Wie sich bald herausstellt, ist das für das Feenreich die richtige Einstellung. Außerdem ist er der Spross eines väterlichen Seitensprungs mit einer Elfe, die ihn nach der Geburt auf der Schwelle zum Menschenreich ausgesetzt hat. Also macht sich Tristran auf die Suche nach dem Stern, der freilich die Gestalt eines hübschen, sehr eigenwilligen Mädchens besitzt und den Namen Yvaine trägt. Zu seinem Unglück wollen auch die finsteren Lords von Stormhold und drei böse Hexenköniginnen den ‚Stern‘ an sich bringen ...

Sehnsucht nach dem Unheimlichen

Noch gar nicht so lange ist es her, dass die Menschen davon überzeugt waren, diese Welt mit allerlei Sagengestalten zu teilen. Auf dem Land mied man des Nachts gewisse Plätze, weil dort Geister, Kobolde und natürlich Elfen ihr Unwesen trieben. Dies waren keineswegs niedliche Disney-Feen, sondern zwar nett anzuschauende, aber wilde, mit Zauberkräften sowie einem verqueren Sinn für Humor ausgestattete Gestalten, um die man besser einen Bogen schlug.

Erst im Zeitalter der Aufklärung, d. h. ab dem späten 18. Jahrhundert, begann sich solcher (Aber-) Glaube zu verflüchtigen. Gar zu viel Vernunft ist jedoch ernüchternd: Im späten 19. Jahrhundert sehnten sich die Menschen nach den davongejagten Fabelwesen zurück. Im viktorianischen England nahmen solche romantischen Reminiszenzen abstruse Formen an: Elfen und Feen wurden ‚wissenschaftlich‘ erforscht. Die gerade erfundene Fotografie bot die willkommene Gelegenheit, den übernatürlichen Gästen auf mondbeschienenen Waldlichtungen und an ähnlichen Orten aufzulauern.

Es dauerte gar nicht lange, da wurden die ersten Bilder präsentiert - plumpe Fälschungen, die der heutige Betrachter sofort entlarvt und herzlich belacht. Doch in der Frühzeit der Fotografie wurden solche Bilder noch leicht für bare Münze genommen: Einer der vehementesten Jünger war ausgerechnet Arthur Conan Doyle, geistiger Vater des so überaus rationalen Sherlock Holmes!

Zauberhaft und lebensgefährlich

Auf diesem Nährboden aus Volksglauben und viktorianischer Schwärmerei setzt Neil Gaiman seine Geschichte an. Sie trägt deutlich märchenhafte Züge, wird aber auf der anderen Seite sachlich und klar erzählt; eine glückliche Mischung, die es auch ‚erwachsenen‘ Lesern leicht macht, sich auf die Handlung und ihre Figuren einzulassen. Gaimans Dörflein Wall ist Teil einer Welt zwischen Traum und Wirklichkeit. Nur wenige Tagesreisen entfernt liegt das London ‚unserer‘ Welt (bzw. das frühindustrielle London des 19. Jahrhunderts), aber in Wall leben Menschen mit Elfen und anderen Sagengestalten buchstäblich Tür an Tür. Dies glaubhaft zu schildern, ist eine heikle Aufgabe, aber Neil Gaiman trifft den Ton präzise. Das Feenreich ist kein Ort überirdischer Heiterkeit, Regeln existieren dort wie hier, und Verstöße werden jenseits der hohen Steinmauer von Wall wesentlich unbarmherziger geahndet - ein nur scheinbarer Widerspruch, ist der Grundton vieler klassischer Märchen doch ähnlich ernst und sogar brutal.

Dass Neil Gaiman so erfolgreich ist in seinem schriftstellerischen Bemühen, kommt nicht von ungefähr: Er hat lange und erfolgreich geübt, ist er doch u. a. der geistige Vater des „Sandman“, Held einer düster-poetischen Comic-Reihe gleichen Namens. Der „Sandman“ ist der Herrscher über das Reich der Träume (und Albträume). Er wacht über den Schlaf der Menschen, denen er jedoch oft gleichgültig oder sogar gefühllos gegenüber tritt - ein fremdartiges Wesen, das dem Menschen ähnelt, aber im Grunde wenig mit ihm gemeinsam hat.

So wie der „Sandman“ verhalten sich auch Gaimans Zauberwesen. Das macht sie unberechenbar - und gefährlich. Aus der stets offenen Frage, wie sie und ihre geisterhaften Verwandten sich verhalten werden, bezieht „Sternwanderer“ einen Großteil der Spannung. Dabei steht nicht die Handlung im Vordergrund; Tristrans episodische Abenteuer sind (nüchtern betrachtet) Variationen dessen, was z. B. Lewis Carroll seine Alice im Wunderland und besonders im Reich hinter den Spiegeln erleben lässt. Wichtiger ist die eigentümliche, traumhafte Stimmung, die über den Ereignissen liegt, die ihrer eigenen fremdartigen Logik folgen. Sie verleiht dem Roman eine besondere Prägung, die ihn ein gutes Stück über den Durchschnitt der sonst üblichen Reißbrett-Fantasy hebt. Trockener britischer Witz („Die Kinder waren offen gesagt überhaupt keine Hilfe“ ist eine recht untypische Danksagung ...) abseits jeglichen Brou-har-har-Kalauerns ist die Kirsche auf der Torte.

[Anmerkung: Gaiman komponierte seine Geschichte quasi als Einheit von Bild und Text; die Originalausgabe wurde vom Künstler Charles Vess illustriert. In den deutschen Ausgaben fehlten seine Werke, bis „Sternwanderer“ 2007 zum Start des Films noch einmal und dieses Mal vollständig erschien. 2015 folgte eine großformatige Neuausgabe, die das Zusammenspiel wesentlich eindrucksvoller präsentierte.]

„Sternwanderer“ im Kino

Im Zuge der lukrativen „Herr-der-Ringe“-Trilogie wurde Fantasy für Hollywood (wieder einmal) interessant. Zu den zahlreichen Filmen, die im Sog der Erfolgsserie entstanden, gehörte 2007 der in England, Schottland und Island entstandene „Stardust“ (dt. „Sternwanderer“). Nach der Vorlage von Gaiman schrieben Jane Goldmann und Matthew Vaugh das Drehbuch, wobei letzterer auch die Regie führte.

„Sternwanderer“ entstand für ca. 70 Mio. Dollar, was ein mittleres Budget darstellte. Es gab Abweichungen zur Romanvorlage, und die Schauwerte konnten mit denen ‚echter‘ Blockbuster nicht mithalten, was jedoch durch inhaltliche Qualitäten ausgeglichen wurde. So waren die Effekte mit dem Blick auf die zur Verfügung stehenden Mittel konzipiert, durchaus aufwändig und in diesem Rahmen gelungen. Hinzu kam eine gut ausgesuchte und spielfreudige Schauspielerschar, die besonders in den Nebenrollen prominent (u. a mit Robert de Niro, Michelle Pfeiffer, Peter O’Toole, Ricky Gervais und Rupert Everett) besetzt war.

Der Film schnitt an den Kinokassen moderat ab. Moniert wurde der offensichtliche Verzicht auf allzu grimmige und/oder skurrile Gaiman-Einfälle, um eine möglichst niedrige Altersfreigabe zu erreichen. Dennoch blieb nicht unbemerkt, dass „Sternwanderer“ sich von der steril-pompösen Einheits-Fantasy à la „Narnia“ positiv unterschied.

Fazit:

In trügerisch märchenhafter Sprache erzählt Neil Gaiman Geschichten aus einem ebenso wunderbaren wie gefährlichen magischen Reich. Er spielt mit dem Genre, konterkariert und überhöht es und schafft einen buchstäblich traumhaften Rahmen für ein rasant-abwechslungsreiches, mit bizarr-eindringlichen Figuren besetztes Geschehen.

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