Messias-Maschine

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 2012
Messias-Maschine
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Almut Oetjen
94°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Jul 2012

Eine bunte Welt des Grauens

Im 21. Jahrhundert beschleunigte sich die Ablehnung der Wissenschaft und des säkularen Staates, zunehmend breiteten sich reaktionäre Kräfte aus, der religiöse Fundamentalismus gewann an Überzeugungskraft für die Massen und an Macht. Wissenschaftler wurden verfolgt, flohen, bildeten eine Allianz mit Konzernen und gründeten Illyria am Adriatischen Meer. Illyria ist ein Hort der Rationalität und der Wissenschaft. Der Rest der Welt fällt in der Entwicklung zurück. Die meisten Bewohner Illyrias sind Atheisten. Zwar gibt es auch dort Gläubige, aber Religion ist aus dem öffentlichen Leben verbannt. Die anderen Länder praktizieren ihre jeweiligen Formen radikaler Religiosität und ökonomischer Verelendung der Massen. Illyria ist geschützt durch seine technologische und militärische Überlegenheit, zugleich aber auf Gastarbeiter angewiesen. Diese werden als mögliche Gefährdung angesehen und nach und nach durch Roboter ersetzt. In Illyria wächst zudem eine junge Generation nach, die die früheren Schrecken nicht erlebt hat und sich für die Freiheit der Religion einsetzt.

In Illyria lebt George Simling mit seiner Mutter Ruth. George arbeitet als Übersetzer und führt damit eine im mehrsprachigen Illyria wichtige Tätigkeit aus. Er wird oft in Verhandlungen über Handelsbeziehungen eingesetzt.

George hat Angst vor Frauen und scheut den intensiveren Kontakt zu ihnen. So auch zu Marija, die ihn mag. Sein Privatleben ist weitgehend beschränkt auf Ruth, die es gar nicht schätzt, wenn er sie als seine Mutter ausgibt oder bezeichnet. Übt sie zu Beginn noch eine Teilzeitarbeit als Wissenschaftlerin aus, gibt sie diese später auf, um sich ganz ihrer großen Leidenschaft widmen zu können: dem SenSpace, einer hoch entwickelten Virtuellen Realität.

Als George mit einer Handelsdelegation nach Epiros kommt und beinahe getötet wird, Ruth nach seiner Rückkehr sich kaum noch für ihn interessiert, geht er öfter in ein Bordell und entwickelt eine einseitige fetischistische Beziehung zur Liebesmaschine Lucy.

Die Welt der Fantasie

Der SenSpace ist eine Fantasiewelt, in die man, ausgestattet mit einem speziellen Helm und Anzug, eintaucht. Die Beschaffenheit des Anzugs ermöglicht taktile Erfahrungen. Man kann sich im SenSpace rund um die Uhr aufhalten und sich in einem Mietkörper draußen bewegen - ein wenig wie in dem Film "Matrix". Ruth ist jedoch darauf angewiesen, dass George sie aus der Vorrichtung holt, in der sie während ihres Aufenthalts im SenSpace physisch untergebracht ist. Andernfalls würde sie dehydrieren oder Wundstellen bekommen. Es gibt eine Holistische Liga, den Bund der Vernunft, eine Art demokratische Unterdrückungsinstitution, und einen Widerstand, der sich AMG nennt - die Armee des Menschlichen Geistes.

Mensch-Maschine-Sex-Liebe-Algorithmen

Das Technologiespektrum in Illyria ist recht weit gefächert. George hat einen Hausdiener namens Charlie, einen alten X3-Roboter mit Gummireifen, für den es kaum noch Ersatzteile gibt. Die am weitesten verbreiteten Roboter sind die Syntecs, sich selbst fortentwickelnde Maschinen mit einem synthetischen Überzug, der ihnen nahezu menschliches Aussehen verleiht. Sie arbeiten im Dienstleistungssektor, auf dem Bau und bei der Polizei, um nur drei Anwendungen zu nennen. Den Stand der Technik repräsentieren die HESVE, Hochentwickelte Sinnliche Vergnügungseinheiten, man könnte auch sagen: Prostitutionsroboter. Sie sind aus nahe liegenden Gründen ausgestattet mit organischer Haut und organischem Geschlechtsteil und äußerlich nicht vom Menschen zu unterscheiden.

Die Maschinen lernen in der Interaktion mit ihrer Umwelt und melden an zuständige Stellen Fehlfunktionen. Sie haben jedoch den Nachteil, dass sie, sobald sie an ihre Entwicklungsgrenze stoßen, sich scheinbar irrational verhalten, ihren Arbeitsplatz verlassen und ins Ausland gehen, wo sie gejagt und zerstört werden. Als eine wachsende Zahl Roboter unzuverlässig wird, Fehler an die Zentrale meldet und den Arbeitsplatz verlässt, fasst die Regierung den Entschluss, jedes halbe Jahr ein Reset vorzunehmen, durch das alle bis dahin erlernten Speicherinhalte verloren gehen. Besorgt um Lucy, will George mit ihr fliehen.

Die Beziehung zwischen George und Lucy ist von Anbeginn zum Scheitern verurteilt. Niemand dürfte ernsthaft glauben, dass der Roboter sich auch in George verliebt. Lucy lernt zwar und liest Bücher, irgendwann nur noch die Bibel. Aber ihre angeblichen Gefühle für George sind nichts anderes als Ergebnis einer intelligenten Form der Programmierung. Wenn George Lucy sagt, sie solle sie selbst sein, dann verliert sich ihr Gesichtsausdruck und sie spricht ohne Modulation.

Lucy ist (auch) ein Ausgangspunkt für die Überlegung, wie sich bei Menschen Gefühle für andere Menschen einstellen. Gibt es tatsächlich die berühmten "Schmetterlinge im Bauch", Liebe auf den ersten Blick? Oder handelt es sich dabei um Selbstprogrammierungen, die wir aus welchen Gründen auch immer an uns vornehmen, ohne uns dessen bewusst zu sein?

Ein neues Utopia?

Utopia ist die Vision einer idealen menschlichen Gesellschaft, inhaltlich kaum zu beschreiben, weniger noch, wenn man mehr als eine Person danach fragt. Utopia als geografischer Ort heißt in Becketts Roman Illyria und hat seine Wurzeln im antiken Illyrien Südosteuropas. Es ist zeitweilig ein friedlicher, zugleich aber auch langweiliger Ort für die Menschen, die eigentlich wenig damit anfangen können, friedlich miteinander leben zu sollen.

Als George eine Delegation nach Epiros begleitet, erfährt er, wie sehr die Bewohner Illyrias gehasst werden. Diese Erfahrung und seine Probleme im Alltag führen dazu, dass George sich in Lucy verliebt oder eine obsessive Beziehung zu ihr entwickelt. Lucy scheint sich Fragen zu stellen und über das Leben zu reflektieren. Aber sie ist seelenlos. Für Menschen, die nicht wissen, was eine Seele ist, allenfalls deren Gewicht in der televisionären Maßeinheit Bloch angeben können und fest an ihre Existenz glauben, sind die Maschinen seelenlos. Der Grieche Nikos erzählt einmal eine Geschichte, die sich tatsächlich zugetragen haben soll, eine Geschichte, in der die Vorstellung von Roboter und Vampir verwischt und die Maschine am Ende einen Pfahl in ihr Herz gestoßen bekommt.

"Seit Tausenden von Jahren versucht eure Art, sich selbst zu verbessern, und ihr seid noch immer so böse wie eh und je."

Beckett zeichnet keine Welt in schwarzweiß. Für ihn sind alle Institutionen und Herrschaftsformen problematisch. Deshalb liegen Unterschiede eher in Individuen denn in Systemen. Der religiös basierte Pfad nutzt die in den Menschen vorhandenen negativen Potenziale, wie Gier, Neid, Hass, Intoleranz, um über Herabwürdigung des Anderen sich aufzuwerten; der vernunftbasierte Pfad benötigt einen längeren Vorlauf, um diese hässlichen Muster wirksam werden zu lassen. Becketts Welt ist eine der zwei Geschwindigkeiten, mit denen sich die Gesellschaften in die gleiche Richtung bewegen.

Vernunft und Gefühl

Beckett scheint in seinem Roman auch der Frage nachzugehen, wie sich Menschen entwickeln, und mit ihnen Gesellschaften, die allein gesteuert werden durch die Ratio oder die Emotio. In der abschließenden Sicht zeigt sich, dass beide Entwicklungen wenig wünschenswerte Ergebnisse zeitigen. Nahe liegt folglich die Annahme, eine gesunde Mischung aus beiden Komponenten würde den Menschen zum Guten gereichen. Wie diese Mischung aussehen könnte, steht vermutlich in einem utopischen Rezeptbuch (oder bei Jane Austen). Einer der interessantesten Charaktere des Romans, Marija, ist intelligent, sensibel, rational und religiös.

Maschine Lucy gewinnt ihre religiöse Sicht aus dem unreflektierten Lesen der Bibel, denkt über ihr angelesenes Wissen im Rahmen der Möglichkeiten nach, die ihr über Software gegeben sind. Es scheint, sie entwickelt eine religiöse Lehre, die die Beschränkungen der Existenz von Mensch und Maschine verbindet mit der beschränkten Wahrnehmung semantisch vielschichtiger Texte und Äußerungen von Menschen - meist Kunden. Heraus kommt das Wunder der sich selbst entwickelnden Maschine, die wir als Substitut für den Menschen ansehen können, den wir nicht begreifen und der uns nicht gefällt.

Nachdem der Mensch sich Gott und die Welt der Engel geschaffen hat, erschafft er die menschenähnliche Maschine. In der soll sich das Beste aus dem misslungenen Experiment Mensch zu etwas Höherem entwickeln. Daraus erwächst manchen Menschen der ideale Partner, anderen der ideale Prophet. Das Absolute ist unerträglich, das Relative nahe daran. Irgendwo dazwischen verhandeln wir täglich neu, wie das Erträgliche aussehen soll oder könnte.

Der blinde Glauben an die Religion und das Gute im Menschen, an die freien Märkte und an die durch Politiker regulierten Märkte, an die Wissenschaft ist nur wenig schlimmer als der Glaube daran, der sich kritisch gibt. Eine Maschine, die attraktiv ist und den Menschen wohlige Phrasen über das Leben und dessen Sinn erzählt, ist den Menschen allemal lieber als, nein, nicht die Wahrheit, sondern Informationen, mit denen sich mehr anfangen ließe. Wer immer nur dünne Bretter bevorzugt, weil die dicken zu schwer sind, darf sich nicht wundern, wenn er häufiger durchbricht. Beckett zeigt uns keine Zukunft, die so eintreten wird. Er zeigt uns eine Gegenwart, die wenig hoffen lässt für die Zukunft, in der man dann doch leben will und muss.

Die Messias-Maschine ist außergewöhnlich gute Science Fiction, vergleichbar einem Schnellboot in der Erzählung, einem Unterseeboot im Tiefgang.

(Almut Oetjen, Juli 2012)

Messias-Maschine

Chris Beckett, Droemer-Knaur

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