Quintana Roo

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  • Erschienen: Januar 2011
Quintana Roo
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Almut Oetjen
88°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Aug 2012

Die Mädchenjahre von O.J. Simpson

Der Wiener Septime Verlag gibt James Tiptree Jrs. (Alice B. Sheldon) "Sämtliche Erzählungen in 7 Bänden" heraus. Band 5 der Sammlung ist "Quintana Roo". Er enthält vier Texte von Tiptree und einen Sekundärbeitrag:

  • Kurze Vorbemerkung zu den Maya des Quintana Roo (A Note About the Mayas of the Quintana Roo), 4 Seiten
  • Was die See bei Lirios anspülte (What Came Ashore at Lirios), 56 Seiten
  • Der Junge, der auf Wasserskiern in die Ewigkeit fuhr (The Boy Who Waterskied to Forever), 32 Seiten
  • Hinter dem toten Riff (Beyond the Dead Reef), 35 Seiten
  • Nachwort von Anne Koenen: Struck by Mayaphilia, 17 Seiten

Der Erzählungsband erhielt 1987 den World Fantasy Award als Beste Erzählungssammlung, "What Came Ashore at Lirios" war 1981 für den Nebula Award nominiert und "The Boy Who Waterskied to Forever" 1982 für den Hugo Award, "Beyond the Dead Reef" gewann 1983 den Locus Award als Beste Short Story.

Was die See bei Lirios anspülte

Der Erzähler, ein Experimentalpsychologe, trifft am Strand auf einen heruntergekommen aussehenden Gringo, um den er sich kümmert. Der Fremde erzählt ihm ein wenig aus seiner Biografie und dann etwas, was sich in Lirios zugetragen hat. Dort wurde er Zeuge, wie ein Mensch halbtot und in Tang und Unrat verheddert am Pass der Toten an Land gespült wurde. Dem Gringo erschien dieser Mensch mal als Frau, mal als Mann und sprach ein barockes Spanisch. In der Erinnerung erscheint ihm das Ereignis als Traum, das Wesen als Geist.

Der Junge, der auf Wasserskiern in die Ewigkeit fuhr

Manuel, ein Bekannter des Erzählers, benötigt dringend Geld für die Behandlung seiner kranken Frau. Der Erzähler, ein leidenschaftlicher Taucher, gibt Manuel einen Hinweis auf einträgliche Langusten, die der fangen und verkaufen kann. Im Gegenzug erzählt Manuel vom Tod dreier Menschen, darunter der Maya K'o, der auf Wasserskiern mit einem Irrsinnstempo von Cozumel zum Festland fuhr und dort spurlos verschwand - vor ein paar hundert oder gar tausend Jahren.

Hinter dem toten Riff

Der Tauchtourismus ist zum Wirtschaftsfaktor auf Cozumel geworden. Der Erzähler, ein alter Schriftsteller, kommt mit einem Fremden ins Gespräch. Der Mann berichtet von einem Tauchgang, während dem er einem Mädchen hinterherschwamm, das sich als etwas anderes erwies, aussehend wie ein urzeitlicher Fisch, zusammengesetzt aus vielerlei Dingen. Das Mädchen wird später nackt und tot gefunden, ist aber dann doch nicht, was es scheint.

Gender Bender

Das Wort "Meer" ist im Spanischen männlich und weiblich zugleich. Das menschliche Treibgut aus der ersten Geschichte erscheint dem Gringo als Mann und als Frau. In der zweiten Geschichte wird von Blaukopf-Junkern (Lippfischen) erzählt, die ihr Geschlecht wechseln können. In der dritten Geschichte schließlich sind die Erscheinungen mal weiblicher Mensch, mal urzeitlicher Fisch, dann wieder eine seltsame Konstruktion aus Plastik, Styropor, einem Straßenreflektor als Auge und einer verrosteten Dose als Mund. Die Konstruktion greift nach dem Erzähler der Binnengeschichte.

Der Erzähler der zweiten Geschichte fordert uns zu der Vorstellung auf, alle erwachsenen Männer hätten als kleine Mädchen angefangen. Alice Sheldon als James Tiptree schrieb diese Geschichten, in denen Erzähler auftreten, die eine Person sein könnten, Erzähler mit Berufen wie die Autorin und Psychologin.

Die Erzählung als Ware

Der Eingangstext von vier Seiten und die geografische Skizze liefern Informationen, mit denen Tiptree den Ort der folgenden Erzählungen beschreibt und sie in einen Zusammenhang bringt. In jeder Geschichte trifft der Ich-Erzähler mit unbekanntem Namen auf einen Mann, den Lieferanten der Binnenerzählung. Die drei Geschichten werden durch die Bedingungen ihrer Erzählung Bestandteile von symbolischen Tauschakten. Sie können verstanden werden als Gegenleistungen, die dem Empfänger einen Zugang zum Quintana Roo ermöglichen, der die verloren gegangene oder zumindest eine im Verlustvorgang befindliche Magie des Ortes beschwört. Eine Magie, die in der letzten Erzählung in die Vorstellung mündet:

 

"Aber vielleicht sterben das Meer oder die Natur nicht einfach passiv von unserer Hand...vielleicht verkehrt sich der Tod vorher noch zu grausigem Leben und wendet sich gegen uns, (...)". (S. 138)

 

Wie die Erzählung in "Quintana Roo" zur Ware wird, erfolgt auch die Ökonomisierung der Umwelt, diese mit den bekannten Konsequenzen. Die Geschichten sind durchzogen von Bildern der Verschmutzung und des Niedergangs. Dreck am Strand, Leuchtstoffröhren und Waschmittelflaschen im Wasser, rücksichtsloser Tourismus, Überfischung, vom Salzwasser zerfressene Plastiktüten, die über ein Riff gleiten, ein Schildkrötenweibchen mit Stahlbolzen im Hals, Boote und Kreuzfahrtschiffe, die in den Nacht ihren Dreck in der See verklappen.

Tiptree erzählt wie Poe, bei dem es oftmals erst dadurch phantastisch wird, dass in den Geschichten ein Schwebezustand erzeugt wird, in dem unsere Phantasie arbeitet wie die der Erzähler. Dabei konstruiert Tiptree nicht nur eine Erzählung und eine Binnenerzählung, sondern verknüpft diese in sich und darüber hinaus, so dass sich ein Gefüge ähnlich den Geschichten aus Tausendundeine Nacht oder dem Dekameron ergibt. Ihr Quintana Roo ist ein Ort, an dem der Begriff des magischen Realismus semantisch neu gefasst wird: in einer Synthese aus Magie und den zivilisatorischen Großleistungen Übernutzung und Überschmutzung der Natur. Die Texte sind rund dreißig Jahre alt, beschreiben aber unsere heutige Welt in sehr lesenwerter Weise. Schön auch, dass die Phantasie und der Müll nicht nur eine Verbindung eingehen, sondern gar nicht mehr zu entwirren sind. Und: der Mensch und der Müll - bisweilen nicht zu unterscheiden.

(Almut Oetjen, August 2012)

Quintana Roo

James Tiptree Jr., -

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