Das Geisterspiel

  • Goldmann
  • Erschienen: Januar 2012
Das Geisterspiel
Das Geisterspiel
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Almut Oetjen
92°

Phantastik-Couch Rezension von Almut Oetjen Sep 2012

Die Lebenden finden keine Ruhe

1786, Jerusalem College, Cambridge: Der Student Frank Oldershaw behauptet, den Geist der Ehefrau eines Bekannten, Sylvia Whichcote, gesehen zu haben, die kürzlich unter mysteriösen Umständen im Langen Weiher des College-Gartens ertrunken ist. Nun befindet sich Frank nach einem Nervenzusammenbruch in Dr. Jermyns psychiatrischer Anstalt. Seine verzweifelte Mutter, Lady Anne, will ihn dort herausholen und seinen Ruf wiederherstellen. Sie beauftragt damit den Londoner Buchhändler und Drucker John Holdsworth, der sich mit Geistererscheinungen befasst hat. Holdsworths verstorbene Frau Maria war nach dem Unfalltod ihres Sohnes Georgie einer Frau aufgesessen, die angeblich mit der Welt der Geister in Verbindung steht. Er hatte das Ganze als Schwindel enttarnt und dabei auch andere Geisterbegegnungen auf Aberglauben, Tricks und Täuschungen zurückführen können. Seine Erkenntnisse hat er unter dem Titel "Die Anatomie von Geistern" veröffentlicht. Nun soll er eine rationale Erklärung für die Erscheinung von Sylvias Geist finden und Frank davon überzeugen. Dafür muss er die Umstände von Sylvias Tod aufklären. War es ein Unfall, Selbstmord oder Mord? Wie kam Sylvia in den hortus conclusus, den abgeschlossenen Garten, der nachts zur doppelten Festung wird? Bei seiner Untersuchung kommt er dem legendären Holy Ghost Club auf die Spur, der in Sylvias Todesnacht ein Treffen hatte, bei dem Frank zum neuen Apostel geweiht werden sollte und das Waisenmädchen Tabitha Skinner unter ungeklärten Umständen starb.

Mystery

John Holdsworth verliert binnen weniger Monate Familie, Wohnung und Existenzgrundlage. Ihm bleibt nur ein Bücherkarren und die Aussicht, als Landstreicher oder im Armenhaus zu enden. Am meisten leidet er unter dem Hunger, den Selbstvorwürfen wegen Marias Tod und weil er kein Geld für einen Grabstein hat. "Seltsam, wie schnell ein Leben in sich zusammenfällt, wenn ihm die Grundfesten entzogen werden", kommentiert er seinen Absturz. Um "kein Geist seiner eigenen Vergangenheit" zu werden, nimmt er Lady Annes Auftrag an. Die schmerzlichen Verluste und damit einhergehend die Selbstvorwürfe, existentiellen Ängste und die Enttäuschung über Geschäftspartner und Freunde erodieren sein gesamtes Lebensgefühl und verändern seinen Blick auf die Welt. Das Leben des anfangs erfolgreichen Geschäftsmanns und Verfechters der Vernunft gerät zusehends ins Trudeln. Gewissheiten, Überzeugungen und Sicherheiten zerbröseln, die Welt wird zu einem brüchigen, flüchtigen, kaum verstandenen Ort aus Schatten, Nuancen, Omen und "das Thema Ertrinken zog sich wie in wässriger Faden durch die ganze traurige Angelegenheit." Irgendwie werden alle von Geistern verfolgt, Holdsworth und sein Schützling Frank, die Dienstmagd Dorcas, Geistern im Sinne von Todorov, die aus Angst, Schuldkomplexen, Aberglauben, Krankheit, Tod, Unwissenheit entstehen und das Leben der Menschen bestimmen.

Zeitbild

Die Romanhandlung spielt in London und Cambridge im Zeitalter des Enlightenment, der Aufklärung. Oder weniger euphemistisch: im Zeitalter von Aberglauben, Schmutz, Armut, Dreck, Elend, Gestank und Barbarei. Menschen können unter großen Entbehrungen und Mühen einen gewissen sozialen Aufstieg schaffen, aber innerhalb kürzester Zeit auch tief fallen. Die Angst vor der Armut ist ihr ständiger Begleiter, sofern sie nicht zur upper class zählen wie Frank Oldershaw. Er besitzt alles, Abstammung, Reichtum, Verbindungen, Freunde, einen ramponierten Ruf und einen unangenehmen Charakter. Das wird schon zu Beginn deutlich, wenn er es kaum noch erwarten kann, dass ihm eine vierzehnjährige Jungfrau geopfert wird. Das Mädchen kann es sich nicht leisten, prüde zu sein. Keine Frau ohne Freunde kann es sich in dieser Welt leisten, arm zu sein, selbst die Frau des Rektors nicht, Elinor Carbury, deren existentielle Ängste mit ihren romantischen Gefühlen für Holdsworth kollidieren.

Haupthandlungsort ist das Jerusalem College, ein abgeschotteter Mikrokosmos mit eigenen Gesetzen und Gebräuchen und Statuten, die seit mindestens zweihundert Jahren veraltet sind, überkommenen Lehrplänen, einem desolaten Buchbestand und einer streng hierarchischen Hackordnung zwischen reichen Studenten und armen Stipendiaten, die Korruption, Erpressung und Vorteilsnahme begünstigt. Da erscheint es tröstlich, dass die Dinnerzeiten der modernen Zeit angepasst wurden. Als Vorbild für das fiktive Jerusalem College nennt Andrew Taylor in seinen Anmerkungen das Emmanuel College, was die Lage und die frühe Geschichte angeht.

Da die Lage des College eine wichtige Rolle für die Geschichte spielt, wäre eine Skizze, wie sie zusammen mit einem Personenverzeichnis in der englischen Originalausgabe und im Internet zu finden ist, in der deutschsprachigen Ausgabe von Goldmann eine sinnvolle Orientierungshilfe für den Leser gewesen.

Fazit

Meisterhaft erzählter Mystery-Thriller, mit stimmigen Charakteren und einem sicheren Blick für menschliche Abgründe, in historischem Gewand und trotzdem zeitgemäß.

(Almut Oetjen, Oktober 2012)

Das Geisterspiel

Andrew Taylor, Goldmann

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