Das Blut der Schlange

Erschienen: Januar 2001

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Michael Drewniok
Fantasy-Epos mit erfreulichen Widerhaken

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2021

Um einem mörderischen Thronfolgekampf mit seinen Brüdern aus dem Weg zu gehen, hat Prinz Andris Myrasol den kleinen Stadtstaat Ferentina verlassen, und zieht als Vagabund umher. In der reichen Hafenstadt Xandria gerät der ewige Pechvogel in eine Schlägerei und wird ins Gefängnis geworfen. Scheinbar glücklicherweise schlägt ihm Lucrezia, Tochter des Königs Belin, dort einen Handel vor: Für ein halbes Jahr soll Andris ihr dienen und dann frei sein.

Allerdings kommt ihr Carus Fraxinus zuvor. Der Händler plant eine Kauffahrt, die über die berüchtigten Dragomitenberge ins legendenumwobene Becken des Lebens führen soll, das von den ersten Menschen, die einst von den Sternen auf diese Welt kamen, „Garten Idun“ genannt wird. Andris soll ihn als Kartenzeichner begleiten, weshalb Fraxinus ihn freikaufen will.

Während Andris auf seine Freilassung wartet, beschließt Checuti, Fürst der Diebe, sich mit einem spektakulären Abschiedscoup aus Xandria zu verabschieden Er überfällt die Münzprägestätte im Inneren der königlichen Burg, befreit dabei den nur bedingt begeisterten Andris - und entführt Prinzessin Lucrezia, die sich dies gefallen lässt, weil sie ihr Vater mit einem Widerling verheiraten will. König Belin schickt ihr Jacom Cerri, den ehrgeizigen, aber unerfahrene Hauptmann der Schlosswache, hinterher.

Im „Wald der absoluten Nacht“ treffen alle Beteiligten - plus Königin Ereleth, eine der 31 Gattinnen Belins - zusammen. Man bildet eine Zweckgemeinschaft, deren Mitglieder ausschließlich eigennützigen Motiven folgen. Zudem einen sie die Umstände: Die Dragomiten, riesige, ameisenähnliche Wesen, haben ihre Bergheimat verlassen und bedrohen die xandrianische Südgrenze. Sollten die Reisenden ihnen ausweichen können, erwarten sie jenseits der Berge „Schlangen“ und „Salamander“: die intelligenten Ureinwohner des Planeten. Sie sind zwar den Menschen gegenüber nicht grundsätzlich feindlich eingestellt, wurden aber durch eine gewaltige Naturkatastrophe aufgeschreckt und sind daher unberechenbar ...

Fantasy-Garn auf SF-Spule

„Das Blut der Schlange“ bildet den Auftakt der „Genesys“-Trilogie, die Autor Brian Stableford als Fantasy beginnen lässt, um zunächst unmerklich Elemente der Science Fiction einfließen zu lassen. Die Menschen sind Spätankömmlinge auf dem Planeten der Schlangen und Salamander und vor langer Zeit mit einem Raumschiff gelandet. Siedler wurden abgesetzt, das Schiff flog weiter. Die Zurückbleibenden mussten ohne Unterstützung das Beste aus ihrer Situation machen.

Zwar ist die Zivilisation im Verlauf der Jahrtausende auf ein quasi-mittelalterliches Niveau abgesunken, aber die Menschen haben sich ihren Platz an der Sonne erkämpft. Das Wissen um ihren Ursprung geriet ebenfalls nicht in Vergessenheit, obwohl diese „Genesys“ inzwischen die Gestalt einer bloßen Schöpfungssage angenommen hat.

Dies ist keine den regelmäßigen Lesern phantastischer Literatur unbekannte Ausgangssituation, und auch sonst wandelt Stableford auf bekannten Pfaden. Die „Genesys“-Trilogie ist eine breit angelegte Queste und somit eine Suche, bei welcher der Weg wichtiger als das Ziel ist. Eine Gruppe bunt zusammengewürfelter Reisender bewegt sich von Punkt A nach X und erlebt dabei mehr oder weniger episodenhaft angelegte Abenteuer.

Tolkien Goes Pulp Fiction

Was die „Genesys“-Trilogie aus dem Meer der fantasy-typischen Tolkien-Klone heraushebt, ist das erzählerische Geschick des Verfassers. Stableford weigert sich strikt, seine Geschichte in die übl(ich)e Mär mit wackeren Kriegern, schönen Prinzessinnen, weisen Zauberern und der üblichen Statistenschar aus Zwergen, Elfen u. a. ausgebrannten Sagengestalten zu verwandelt. Zwar bevölkert er seine Welt durchaus mit ihnen, doch er achtet darauf, alle Rollen gegen den Strich zu bürsten - eine Vorgehensweise, die inzwischen breiten Eingang in das Genre gefunden hat, kurz vor dem Millennium jedoch relativ neu war.

Stableford zeichnet das Bild einer fremden, aber im Verhalten ihrer Bewohner vertrauten Welt. Ob König, Soldat, Dieb oder Hexe: Sie alle haben mit alltäglichen bis banalen Problemen zu kämpfen - ein „Pulp-Fiction-Effekt“, der die Erwartungen des Publikums vorsätzlich konterkariert und auf diese Weise verkrustete Erzählstrukturen aufbricht, ohne dafür in ‚literarische‘ Untiefen zu geraten.

Die Tücke des Objekts steht (auch) bei Stableford im Vordergrund. Wo in der modernen Fantasy meist überlebensgroße, aber trotzdem eindimensionale Helden und Schurken pathetisch Pläne umsetzen, die sich mindestens um die Erlangung der Weltherrschaft drehen, geht hier Menschen wie dir und mir schief, was schiefgehen kann. Ideale und hehre Gefühle sind Stablefords Protagonisten fremd. Wenn sie sich ihnen einmal hingeben wie Checuti, der schwärmerische Meisterdieb, können sie sicher sein, dass sie dies sogleich in eine peinliche Lage bringen wird.

Witz & Spannung & angenehm unterlaufene Erwartungen

Trockener Humor, der erfreulicherweise auch die Übersetzung ins Deutsche überlebt hat, ist Stablefords Instrument, seine Geschichte lebendig zu halten. Hinzu kommt das Talent, die Figuren immer wieder mit neuen und unterhaltsamen Pleiten und Pannen zu konfrontieren und dabei gleichzeitig die starren Regeln der „heroischen“ Fantasy ad absurdum zu führen.

Exzellent ist Stablefords Einfall, den „Genesys“-Planeten in einen Ort zu verwandeln, an dem alles Menschenwerk binnen weniger Monate in Fäulnis und Staub zerfällt. Geschickt arbeitet er dies in den Handlungsbogen ein und macht deutlich, dass eine Gesellschaft ganz eigene Wege gehen muss, um unter solchen Bedingungen nicht nur zu existieren, sondern das Erworbene und Gewonnene zu bewahren.

Sehr angenehm macht sich die Abwesenheit von Magie in jeder Form bemerkbar. Stablefords Hexen sind eher Alchimistinnen und damit Vorstufen (bzw. Nachfahren) ‚echter‘ Wissenschaftler. Passend dazu deutet sich bereits in diesem ersten Band eine sehr diesseitige Erklärung für die außergewöhnliche Lebensvielfalt des „Genesys“-Planeten an: Der „Garten Idun“ (= Eden) trägt seinen Namen aus gutem Grund - die nunmehr Fremden aus dem All haben Flora und Fauna des Planeten offensichtlich massiv genetisch manipuliert.

Der Boden ist fruchtbar, die Weichen sind gestellt

Den positiven Eindruck einer nicht revolutionär neuen, aber kompetent erzählten und einfallsreich variierten Geschichte rundet die Beschränkung auf drei Bände ein. 2000 Seiten bedeuten sicherlich nicht keine erzählerische Kürze, doch für so manchen modernen prose mechanic wäre dies gerade die Einleitung: Fantasy wird allzu oft wie Wurst produziert, d. h. der ‚Darm‘ - der Handlungsrahmen - mit generischen, heute in der Regel auch durch die TV-Erfolgsserie „Games of Thrones“ ‚inspirierten‘ Konflikten und Abenteuern gestopft; nach 500, 750 oder 1000 Seiten wird die ‚Wurst‘ abgedreht und in den Handel gebracht, während der ‚Autor‘ bereits den nächsten Darm füllt …

Brian Michael Stableford ist ein fleißiger Autor. Andererseits ist er der Vertreter einer Ära, in der abenteuerliche Phantastik kurz und knapp auf den Punkt gebracht wurde. „Das Blut der Schlange“ belegt, dass er als Erzähler auch einen langen Atem besitzt. Stableford galt und gilt der Kritik als kompetenter Unterhalter, der sich auf abenteuerliche Weltraum- und Planetenabenteuer spezialisiert hat. Auch dieses Mal macht er neugierig auf die Fortsetzung der Abenteuer seiner gar nicht heldenhaften Gestalten.

Fazit:

Auftakt eines dreibändigen und deshalb zwar seitenstarken, aber auch einfallsreichen SF-Fantasy-Abenteuers, das mit interessanten Figuren, unerwarteten Wendungen und trocken-bösem Witz aufwarten kann: ein schon wieder vergessenes Phantastik-Garn, an das hier gern erinnert wird!

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