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Horst Illmer
Ein mehr als nur phantastischer Liebesbrief

Buch-Rezension von Horst Illmer Jan 2013

Das außergewöhnliche Leben

Orlando, ein junger englischer Lord, aufgewachsen in geordneten Verhältnissen, "auf dem Land" wohnend (und das ist in London, damals wie heute, immer noch ein Grund, das Näschen zu rümpfen) und in größtmöglicher Freiheit erzogen, kommt gegen Ende des 16. Jahrhunderts erstmals nach London und damit an den Hof von Königin Elisabeth I. Der ansehnliche Bursche gefällt nicht nur den Hofdamen, auch die Queen selbst erwärmt sich für ihn. Schließlich vermacht sie Orlando ein kleines Vermögen - unter der Bedingung, dass seine Schönheit niemals schwinden darf.

Diese Bedingung, so unmöglich es scheint, sie zu erfüllen, wird bestimmend für Orlandos weiteres Leben: Der junge Mann erfreut mit seinen Manieren, seiner exquisiten Bildung und seinen körperlichen Vorzügen ganze Generationen von adligen Damen (und Herren). Als er im 17. Jahrhundert schließlich als königlicher Gesandter nach Konstantinopel abgeordnet und dort in den höchsten Adelsrang erhoben wird, hat Orlando alles erreicht, was man sich nur vorstellen kann. Allerdings verbirgt er "tief in seinem Busen" zwei ungestillte (und scheinbar unstillbare) Leidenschaften: Er sucht nach der einen, der "wahren" Liebe - und er schreibt seit Jahrzehnten an seinem epischen Gedicht "Die Eiche".

Orlando ist äußerlich immer noch ein unbekümmerter Mann in den Zwanzigern, als in der Stadt eine Revolution ausbricht. Wie vorher bereits mehrfach geschehen, fällt Orlando während dieser Zeit in einen todesähnlichen Tiefschlaf, der ihm nicht nur das Leben rettet (da man ihn als tot liegen lässt), sondern diesmal auch sein Geschlecht verändert. Als Orlando erwacht, ist er/sie eine Frau.

Ohne Zögern akzeptiert Orlando ihr Frau-Sein, erkennt jedoch auch sofort die damit verbundenden Risiken. Sie schließt sich einer Zigeunersippe an, die ihr die Flucht aus Konstantinopel und danach das Überleben ermöglicht. Gemeinsam ziehen sie durchs Land und für einige Zeit erlebt Orlando das Glück der absoluten Freiheit der Besitz- und Rechtlosen. Schließlich jedoch wird das Heimweh nach England zu groß und als sie in Griechenland im Hafen von Athos ein englisches Schiff findet, das in die Heimat zurückkehrt, versetzt sie einige Perlen ihres Halsbandes und geht an Bord. Dort geniest sie das Entgegenkommen, dass der Kapitän ihr als Frau entgegenbringt.

Zurück in London, inzwischen sind wir am Beginn des 18. Jahrhunderts, muss Orlando vor Gericht ziehen und dort um ihr Vermögen, um ihren Status und um ihr Geschlecht streiten - ein Fall, der sich über lange Jahrzehnte hinzieht. In dieser Zeit erlebt sie den Aufstieg des Empires, die Entwicklung der modernen Gesellschaft, der Kultur, der Technik. Sie verkehrt mit Adligen, Schriftstellern, Bürgen und Prostituierten, sie lernt mit dem auf Abenteuer erpichten Kapitän Marmaduke endlich ihre große Liebe kennen, sie heiratet, wird schwanger und veröffentlicht ihr erstes Buch - und plötzlich sind wir im Jahr 1928 angekommen, dem Jahr in dem die Autorin ihr Buch schreibt.

Der ungewöhnliche Rahmen

"Orlando" firmiert offiziell als "Biographie" und ist versehen mit einem Inhalts- und Abbildungsverzeichnis, mit Bildern, die Orlando über die Jahrhunderte weg als ewige junge Schönheit zeigen, sowie mit einem sehr unzuverlässigen Register. Das alles ist natürlich ein großer Jux, den sich die Autorin da leistet, sozusagen eine "Handübung", zur Entspannung zwischen großartigen Meisterwerken wie "Mrs. Dalloway" (1925), "Zum Leuchtturm" (1927) und "Die Wellen" (1931) - und doch ausgeführt mit der sicheren Hand einer genialen Schriftstellerin, die gar nicht anders kann, als (zumindest kleine) Meisterwerke zu schreiben.

Neben glänzenden Beschreibungen des höfischen Lebens und manchmal äußerst spitzen Bemerkungen über die Unarten der Schöpfer der englischen Literatur-Klassiker ("Sie führte ein Buch, in dem sie alle bemerkenswerten Aussprüche dieser Herren verzeichnen wollte, doch es blieb leer"), enthält "Orlando" jede Menge Beispiele von Virginia Woolfs Fähigkeit, wundervolle Metaphern nur so aus dem Ärmel zu schütteln, wie das folgende Beispiel (in Melanie Walz´ hervorragender Neuübersetzung) zeigt: "So kann die alltäglichste Handlung der Welt wie das Hinsetzen an einen Tisch und das Herbeiholen des Tintenfasses zahllose unerwartete und zusammenhanglose Splitter aufrühren, deutlich im einen Augenblick, verschwommen im nächsten, schlaff und gebläht und straff und wehend wie die Unterwäsche einer vierzehnköpfigen Familie an der Wäscheleine in frischem Wind."(S. 69)

Zugeeignet ist das Werk (natürlich) Vita Sackville-West, der über alles geliebten und verehrten Freundin, deren größere und kleinere Schwächen sie ebenso augenzwinkernd "einbaut" wie ihr eigenes umfassendes Wissen über Literatur und Literaten, über das Schreiben und Lesen (und über die Freuden und Leiden, die frau damit hat), über die Vorzüge und Schattenseiten, die ein Leben in England am Beginn des 20. Jahrhunderts mit sich bringt - und über die Wurzeln, aus denen diese Gesellschaft erwuchs und aus denen sie sich heute noch nährt.

Wer mehr über die Entstehungsgeschichte dieses ungewöhnlichen Romans und die Lebensumstände von Virginia Woolf wissen möchte, ist gut beraten, das lesenswerte Nachwort von Melanie Walz zu studieren. Wer eine "normale" utopisch-phantastische Geschichte erwartete, wird hier auf etwas ganz anderes treffen: auf einen der schönsten und längsten Liebesbriefe der Weltliteratur - geschrieben unter dem "Deckmantel" des Phantastischen, weil nur in unserer Phantasie wirklich alles möglich ist!
"Orlando" ist ein Solitär in der phantastischen Literatur - und wir Leser dürfen uns an seinem Glanz erfreuen.

(Horst Illmer, Dezember 2012)

Orlando. Eine Biographie

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