Der Herr der Welt

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  • Erschienen: Januar 1911
Der Herr der Welt
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Horst Illmer
81°

Phantastik-Couch Rezension vonFeb 2013

Der Ring geht nach Osten

Zuerst einmal muss ich mich wohl bei allen Tolkien-Fans für die etwas irreführende Überschrift entschuldigen - aber das gleichermaßen in die engere Wahl gelangte "Frohe Botschaft aus dem Vatikan" klänge momentan, in den letzten Tagen eines Pontifikats, welches der erste deutsche Papst seit fünfhundert Jahren als erster Papst seit sechshundert Jahren freiwillig aufgibt, wohl doch etwas zu frivol.

Womit wir beim Thema wären: Der 1907 in England erstmals erschienene Roman "Der Herr der Welt" von Robert Hugh Benson gehört in eine nur schwach bestückte Unterabteilung der Science Fiction - die der religiösen Zukunftsentwürfe.

Benson schildert in seinem Roman eine Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in der der Materialismus (hier "Humanitarismus" genannt) auf allen Feldern gesiegt hat. Nachdem im Verlauf von gut einhundert Jahren nicht nur die Technik vorangeschritten ist (was man an Elektro-Automobilen, einem umfangreichen Luftschiff-Verkehrsnetz, drahtloser Telefonie und einer sauberen Luft erkennt), sondern sich auch die politische Lage total verändert hat (man steht kurz vor einem Wendepunkt: entweder Weltkrieg oder Weltfrieden!), ist einzig die Religion (und hier besonders der Katholizismus) noch als konservative spirituelle Kraft vorhanden, die den Menschen daran erinnern will, dass die Welt nicht von ihm erschaffen wurde, sondern alles Sein auf einen Gott zurückzuführen ist.

Anhand der Lebenswege dreier Protagonisten - als da sind der englische Abgeordnete Oliver Brand, der amerikanische Politiker und spätere Weltherrscher Julian Felsenburgh und deren Gegenspieler, der englische Priester Percy Franklin - schildert Benson den Verlauf eines schicksalsschweren Jahres.

Zuerst gelingt es Felsenburgh durch seine überragende Persönlichkeit, den Weltfrieden herzustellen. Danach wartet er geschickt ab, bis ihn praktisch alle Nationen der Welt zu ihrem Führer machen wollen und übernimmt dann die Weltherrschaft. Gleichzeitig erklärt er die christliche Religion zum Feind und setzt ihr eine neue "Religion des Menschen" entgegen. In der folgenden Zeit der Hysterie und des Umbruchs nimmt Felsenburgh geschickt einzelne Gewaltausbrüche von Katholiken zum Anlass für einen Vernichtungsschlag gegen Rom. Dort hat sich ein Großteil der katholischen Gläubigen um einen Papst versammelt, der seinen Kirchenstaat ganz bewusst in vortechnische Zeiten zurückversetzt hat, um ein glaubwürdiges Gegengewicht zur Glaubensferne der modernen Welt zu bieten.

Father Franklin ist als scharfsichtiger Beobachter und geschätzter Ratgeber des Papstes von England nach Rom beordert worden. Er entgeht dem Gemetzel in Rom nur durch einen Zufall, da er (Ironie der Geschichte) gerade nach London fliegen will, um Felsenburgh vor einem Attentat zu warnen. Es stellt sich jedoch heraus, dass dieser nur auf einen Vorwand gewartet hat, die Christen weltweit auszurotten.

Im Schlusskapitel des Romans zieht eine weitere Luftflotte unter Felsenburghs persönlicher Führung ins Heilige Land gen Nazareth, wo der inzwischen zum Papst gewählte Franklin die letzten Getreuen um sich versammelt hat. In einer hymnisch verklärten Schlusssequenz tritt dem Antichrist Felsenburgh der Dreieinige Gott mit seinen himmlischen Heerscharen entgegen ... das "Letzte Gefecht" führt zum Ende der Welt.

Gut einhundert Jahre nach seinem Entstehen liest sich Bensons "Der Herr der Welt" über weite Strecken nicht wie ein Zukunftsroman, sondern wie ein christlich orientiertes Geschichtsbuch. Immer wieder muss man sich daran erinnern, dass der Autor ja noch gar nichts wissen konnte von den beiden Weltkriegen, von den Diktatoren und Ideologien des 20. Jahrhunderts, die so vielen Menschen das Leben kosteten, von den neu aufgeflammten Glaubenskriegen der letzten Jahrzehnte, von Kommunismus, Faschismus und der richtungslosen Suche nach neuen Inhalten nach dem Sieg des westlichen Kapitalismus über seine Gegner. Das alles zeigt deutlich, dass Bensons Buch eine ganz eigene Qualität besitzt, die sich nicht in einem platten Katholizismus erschöpft, sondern durch starke Ideen und einen festen Glauben an eine größere Macht als sie der Mensch darstellt überzeugt.

Seit das Buch 1911 erstmals auch auf Deutsch erschien, hat es immer wieder neue Auflagen und Ausgaben erfahren. Die vorliegende Übersetzung von Christoph von Zastrow beansprucht für sich, die "erste vollständige" zu sein. Bewusst verzichtet Zastrow darauf, Stil und Sprache zu modernisieren; er kürzt auch bei ausführlichen theologischen Diskursen nichts weg und erreicht dadurch, dass auch heutige Leser sich noch in der fast barock wirkenden Sprachgewalt Bensons verlieren können.

"Der Herr der Welt" ist damit ein interessantes Beispiel klassischer (anti-)utopischer Literatur und bietet auch für wenig oder nicht religiöse Menschen eine durchaus anregende Lektüre.

(Horst Illmer, Februar 2013)

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