Das Doppelleben der Alice B. Sheldon

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  • Erschienen: Januar 2013
Das Doppelleben der Alice B. Sheldon
Das Doppelleben der Alice B. Sheldon
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Horst Illmer
94°

Phantastik-Couch Rezension von Horst Illmer Apr 2013

Navigieren nach dem Lachen der Sterne

Dass James Tiptree Jr. das männliche Pseudonym der amerikanischen Schriftstellerin Alice Bradley Sheldon war, gehört inzwischen wohl zum Allgemeinwissen unter Science-Fiction-Fans. Aber schon wenn es um die Lebensdaten von Alice Sheldon oder die zeitliche Einordnung von James Tiptrees Geschichten geht, bleibt den meisten Lesern nur Schulterzucken oder der schnelle (und oberflächliche) Blick ins Internet.

Dabei gibt es kaum eine zweite Science-Fiction-Autorin des 20. Jahrhunderts, deren Leben und Schreiben so spannend, dramatisch, verzweifelt und großartig war wie das von Alice B. Sheldon/James Tiptree Jr. - und praktisch keine, die es mehr verdient hätte, intensiv und ausführlich in einer großen Biografie gewürdigt zu werden.

Dankenswerterweise hat sich die amerikanische Literaturkritikerin und Biografin Julie Phillips dieser Aufgabe gestellt und 2006, nach mehr als zehnjährigen Forschungsarbeiten, ihr großartiges Buch "James Tiptree Jr. - Das Doppelleben der Alice B. Sheldon" in den USA veröffentlicht. Es stellt eine sehr mutige und bewunderungswürdige Leistung des kleinen österreichischen Septime Verlages dar, dieses Riesenwerk (immerhin fast 800 Seiten, fester Einband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, versehen mit Fotos, Anmerkungen und Registern) auf den deutschsprachigen Markt zu bringen.

Natürlich wäre es verlegerischer Selbstmord, die Biografie zu veröffentlichen, ohne dafür zu sorgen, dass die Leser auch auf das erzählerische Werk der mythenumrankten Science-Fiction-Legende Tiptree zugreifen können, weshalb man bei Septime seit einiger Zeit eine Ausgabe der "Sämtlichen Werke in sieben Bänden" auf den Weg gebracht hat.

Obwohl James Tiptree Jr. zwischen 1967 und 1987 zu den meistgelesenen und am häufigsten mit Preisen ausgezeichneten Genreautoren gehörte und immer wieder in den Schlagzeilen war, begann nach Alice Sheldons Tod (anders als dies bei Philip K. Dick der Falls war) eine Zeit des Vergessens. Erst in den letzten Jahren zeigte sich, welche Tiefenwirkung ihre Geschichten besaßen und welchen Einfluss sie damit auf andere Autoren ausübte.

Dabei war das Leben der 1915 als Alice Harding Bradley geborenen "Alli" (wie sie am liebsten genannt wurde) von Beginn an so ereignisreich, dass man am Ende von Phillips´ Biografie fast nicht glauben mag, dass es zwischen zwei Buchdeckel passt.

Bereits mit sechs Jahren tritt sie in Begleitung ihrer abenteuerlustigen Eltern ihre erste Expedition nach Afrika an (es folgen noch zwei weitere), sie wird eine vielversprechende Malerin, heiratet überstürzt, tritt 1942 als eine der ersten Frauen in die Army ein, ist bei der Gründung der CIA dabei, macht nach einem späten Studium ihren Doktor in Psychologie und hilft ab 1967 mit frechen, exotischen und expliziten Erzählungen die "Neue Welle" der amerikanischen Science Fiction zu etablieren. Welche Probleme Alli auf ihrem Weg zu überwinden hatte, wie sehr sie unter ihrer Sexualität litt, warum sie letztlich zu einem männlichen Pseudonym griff und am Ende ihren zweiten Mann und sich selbst tötete, lag bisher im Dunkel oder war nur in Ansätzen bekannt.

Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass seine Leser dem Lebensweg von Alli über 370 Seiten hinweg folgen, bevor "endlich" James Tiptree Jr. auftaucht, und dabei keinen Gedanken an "aufhören" oder "weglegen" verschwenden. Phillips erreicht dieses "bei der Stange halten" durch einen sehr lesbaren Stil und die Unterteilung ihres Werks in viele kurze Kapitel. Damit zeigt sie nicht nur die Zerrissenheit des beschriebenen Lebensweges, sondern gibt ihrem Publikum auch immer wieder Gelegenheit, innezuhalten und durchzuatmen - denn die Identifikation mit Alli ist intensiv und (den Zeitumständen und den psychologischen Besonderheiten geschuldet) manchmal kaum auszuhalten. Zwar navigiert James Tiptree Jr. am Ende nach dem "Lachen der Sterne", aber Alice Sheldons Geist treibt dabei oftmals auf dem "Meer der Verzweiflung".

"James Tiptree Jr. - Das Doppelleben der Alice B. Sheldon" von Julie Phillips ist ein gelungener Versuch, die Schriftstellerin Sheldon/Tiptree dem Vergessen zu entreißen und ihr (und ihrem Werk) endlich zur längst fälligen Anerkennung zu verhelfen.

Für den deutschen Sprachraum darf man auf Ähnliches hoffen, zumal die von Margo Jane Warnken übersetzte Ausgabe sich so flüssig und spannend lesen lässt wie es das tatsächlich äußerst bemerkenswerte (Doppel-)Leben von Alice Sheldon verspricht.

(Horst Illmer, Mai 2013)

Das Doppelleben der Alice B. Sheldon

James Tiptree Jr., -

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