Flügel aus Asche

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 2013
Flügel aus Asche
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Anja Helmers
78°

Phantastik-Couch Rezension vonMai 2013

Eine geradlinige Geschichte um Freiheit und Kunst

Farben werden häufig mit Gefühlen und Stimmungen assoziiert. Rot wirkt als Farbe der Leidenschaft und Gefahr meist aggressiv, während Braun als Erdton sanfter erscheint. Weiß als Farbe der Unschuld und Reinheit steht im Gegensatz zum harten bedrohlichen Schwarz. Aber unsere Welt ist nicht Schwarz-Weiß, sondern besteht aus vielen Farben und ihren Abstufungen. Kaja Evert kleidet in ihrem Roman ´Flügel aus Asche´ ihre Liebe zu den Farben des Himmels, der Erde und des Lichts in Worte und zeigt in ihrem Debüt, wie wichtig Freiheit und Kunst sind. Und so wie unsere Welt nicht einfach nur Schwarz-Weiß ist, sondern die Grauzonen überwiegen, sind die Helden in Kaja Everts fantastischer Welt nicht leicht einzuteilen in Gut oder Böse.

Adeen, ein Junge mit einer großen Begabung fürs Zeichnen, darf sein Talent nicht ausleben, denn das Malen von nicht genehmigten Bildern ist per Gesetz verboten. An der Akademie der Magier verdient sich Adeen seinen kläglichen Lebensunterhalt mit dem Abschreiben von Zaubersprüchen, aber er kann die Texte weder lesen noch versteht er die Sprache der Magie. Dank seiner schwarzen Hautfarbe und als Spross einer verbotenen Verbindung bleibt er ein Außenseiter in Rashija. Er wird herumgestoßen, als Krähe beschimpft und besonders von dem adligen Lehrmeister Charral schikaniert. Aber das ist nichts Ungewöhnliches in der fliegenden Stadt, Grausamkeiten gegenüber machtlosen Angehörigen der Unterschicht sind an der Tagesordnung. Selbst die privilegierten Adligen und Magier werden vom despotischen Herrscher in ein enges Korsett gezwängt, das allein seinem Machterhalt dient. Nicht nur die edle Draquerin Talanna, die Verlobte Charrals, hat die Nase voll davon, auch Adeen schließt sich den Rebellen an, als sich herausstellt, dass sogar sein Ziehvater Rasmi deren Aktionen unterstützt.

Eine sanfte Künstlerseele begehrt auf

Flügel aus Asche ist ein temporeicher Roman mit einer dezenten Liebesgeschichte, in dem geradlinig in einem einzigen Handlungsstrang aus der Sicht des Protagonisten erzählt wird. Dank des stilsicheren und gekonnten Aufbaus verfolgt man die Ereignisse mit Spannung, obwohl das Grundmuster, ein Geknechteter begehrt gegen seine Unterdrücker auf, ein altbekanntes Motiv ist. Sofort im ersten Kapitel erhält der Leser eine ziemlich gute Vorstellung von der repressiven Umwelt des Helden, lernt den Gegenspieler kennen und ahnt, wer die Herzensdame des Helden sein wird. Adeen hebt sich allerdings ein wenig ab von den zahlreichen Helden der High-Fantasy, die sich im Laufe ihrer Queste vom einfachen Burschen zu einem starken Kämpfer entwickeln.
Adeen ist sanftmütig, zögerlich und hat massive Schwierigkeiten, jemand Gewalt anzutun. Er gibt schnell auf, er will eigentlich nicht kämpfen und töten. Er kann die Macht in sich nicht kontrollieren und er empfindet Abscheu vor sich selbst, wenn er davon überwältigt wird. Er ist ein Künstler und wünscht sich nichts anderes, als frei zu sein, um endlich seine Bilder malen zu können. Die Autorin zeichnet ihren Hauptprotagonisten sehr genau und authentisch. Sie verbiegt ihn nicht, auch auf die Gefahr hin, dass man sich als Leser an manchen Stellen wünscht, er möge endlich und vor allem anders handeln. Adeen wird meistens von den Ereignissen geschoben, er ist passiv. Den aggressiven, handelnden Part überlässt die Autorin Talanna, der Frau, in die Adeen sich verliebt. Sie ist eine selbstbewusste Frau, die sich nichts gefallen lässt. Sie ist eine Draquerin mit einer violetten Haut, mit wilden, hellen Augen und flammendroten Haaren. Sie hat ein kantiges Gesicht, ist groß, eine ausgebildete Kriegerin, die mit ganzem Herzen eine Kämpfernatur ist. Mit Talanna ist der Autorin eine hervorragende mehrschichtige Figur gelungen, mit einem glaubhaften psychologischem Profil. Leider können die Nebenfiguren in der straffen Handlung ihr Potenzial nicht entfalten. Sie wirken häufig wie austauschbare Statisten.
Der Herrscher als Tyrann bleibt im Hintergrund, der handelnde Gegenspieler ist Talannas Verlobter Charral. In meinen Augen ist diese Figur leicht überzeichnet und ich hätte mir eine differenziertere Darstellung gewünscht. Er wird so negativ, so snobistisch und brutal geschildert, dass Mitgefühl oder Verständnis für ihn gar nicht erst aufkommt. Talanna ist für diesen skrupellosen Mann mit dem glatten, hübschen Gesicht und dem silberblonden Haar nur ein Mittel zum Zweck.

Die Idee einer fliegenden Stadt ist faszinierend. Eine Stadt in den Wolken erweckt spontan die Vorstellung von eleganten, ansprechenden Bauten, aber Rashija ist eine trostlose Stadt, in der Mangel herrscht. Die bedrückende Atmosphäre wird so wirksam beschrieben, dass sich die gesamte Stadt für mich einfach nur grau anfühlte, obwohl die Angehörigen der Oberschicht sehr farbenfroh aussehen und einige Gebäude aus weißem Marmor erbaut wurden.

In Flügel aus Asche geht es um den Kampf um Freiheit, die Unterdrückten wehren sich gegen ein repressives System, dass nur einer Elite der Oberschicht nützt. Die Autorin schildert die fliegende Stadt einerseits als autarkes System, dass sich vom Erdboden seit fünfzig Jahren isoliert hat, an die letzte Landung können sich nur ältere Bewohner erinnern, andererseits bezeichnet Kaja Evert die Draquer als Besatzer und Eroberer. Das ist ein Widerspruch in sich, der mich sehr gestört hat. Nirgendwo wird erwähnt oder erklärt, wie die Luftmagier ihre Besatzungsmacht auf die Erdbewohner ausüben, wenn sie nur so selten den Boden besuchen? Rashija erscheint mir eher wie Nordkorea, das sich von anderen Ländern abschottet, und dessen Bewohner deswegen Mangel leiden, weil es keinen Handel mit anderen Nationen gibt.
Abgesehen von diesem nicht ganz durchdachten Weltenbau ist "Flügel aus Asche" ein spannender Roman mit gut ausgearbeiteten Protagonisten, die abweichen vom üblichen Klischee. Wer endlich mal wieder ein abgeschlossenes Werk ohne ständige Perspektivwechsel und tausendfache Verstrickungen und Intrigen lesen möchte, ist mit Kaja Everts Debüt am richtigen Buch.

 

Flügel aus Asche

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