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Michael Drewniok
Neue Runde in endlosem Kampf gegen Gut & Böse

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2019

Weil sie in Washington einen neuen Film dreht, hat sich Schauspielerin Chris MacNeil mit ihrer zwölfjährigen Tochter Regan feudal im Stadtteil Georgetown eingemietet. Das Haus liegt in der Nähe eines Jesuitenkollegs. Pater Damien Karras ist eigentlich Psychiater und medizinischer Berater für die Angehörigen seines Ordens. Privates Unglück hat ihn aus der Bahn geworfen und an seiner Berufung zweifeln lassen. Seinen Vorgesetzten erscheint es ratsam, ihn einige Zeit ‚leichten Dienst‘ verrichten zu lassen.

In Georgetown werden neuerdings Kirchen geschändet. Was die Polizei für bösartige Jugendstreiche hält, beunruhigt den Klerus naturgemäß stärker. Pater Merrin, ein Kirchenmann von altem Schrot und Korn, ist fest davon überzeugt, dass das Böse existiert und Dämonen in persona auf Erden wandeln können. In den blasphemischen Umtrieben meint er Hinweise auf die Wiederkehr eines besonders höllischen Widersachers zu sehen: Pazuzu, die Personifizierung des Südwestwindes und dämonischer Herr über Krankheit und Elend, steht in den Startlöchern, um die Welt wieder einmal heimzusuchen.

Pazuzu fährt ausgerechnet in Regan MacNeil. Als diese des Nachts über ihrem Bett zu schweben beginnt, wendet sich Mutter Chris an Pater Karras, den sie flüchtig kennt. Merrin kommt auf der Fährte Pazuzus ins Haus der MacNeils. Gemeinsam machen sich die beiden Priester daran, den bösen Geist auszutreiben und zurück in die Hölle zu jagen. Aber der Dämon denkt nicht daran zu weichen, und Merrin ist exorzistisch ein wenig eingerostet. Als Pazuzu merkt, dass Pater Karras im Glauben schwankt, bekommt er endgültig Oberwasser. Das alte Haus in Georgetown wird Schauplatz eines tödlichen Pandämoniums ...

Das Böse ist zeitlos

Viel könnte man über ein Buch schreiben, das einst weltweit die Bestsellerlisten stürmte! Längst wurde deutlich, was die unheimliche Literatur (sowie der Film) William Peter Blatty (1928-2017) und seinem „Exorzisten“ verdanken. Oft ist darüber in Vergessenheit geraten, dass unzählige, mehr oder minder abgewandelte Gruselgeschichten, ikonisch gewordene Bilder und natürlich Klischees auf dieses Buch zurückgehen.

Glücklicherweise ist der Roman ebenso unverwüstlich wie Pazuzu. „Der Exorzist“ wurde mehrfach neu (und für die ‚Nachgeborenen‘ erstmals) belebt. Der von William Friedkin 1973 inszenierte Film zum Buch kehrte 2001 digital aufpoliert und durch eine Reihe niemals zuvor gesehener Szenen ergänzt in die Kinos zurück, wo er erneut die Charts stürmte. Kein Wunder, denn „Der Exorzist“ ist ein fabelhaftes, zeitloses Stück Unterhaltung.

Das trifft auch auf die Romanvorlage zu, die nicht als „Buch zum Film“, sondern als selbstständige Geschichte konzipiert wurde. William Peter Blatty, ein vergleichsweise unbekannter Autor, hatte sich große Mühe gegeben. Er war Ende der 1960er Jahre tief in die Materie eingestiegen, hatte über den Teufel in Geschichte und Religion, über Satanismus, die Kirche und den Exorzismus, über Geisteskrankheit und Besessenheit recherchiert. Schon in seiner Zeit als Student der jesuitisch geführten Georgetown University in Washington D. C. war Blatty zudem auf den authentischen Fall des vierzehnjährigen Roland Hunkeler gestoßen, der 1949 im US-Staat Maryland einer erzbischöflich genehmigten Dämonenaustreibung unterzogen wurde; die Erinnerung inspirierte ihn, als er „Der Exorzist“ schrieb.

Trivial-Archäologie am dämonischen Wurzelwerk

Blatty nahm seine Geschichte ernst, was ungewöhnlich in einer Zeit war, in der Horror von (ein-) gebildeten Kritikern gern für albernen Kinderkram bzw. hirnerweichende Verrohung gehalten wurde. Blatty bewies mit durchschlagendem Erfolg, dass dem keineswegs so sein musste. Ihm gelang nicht nur ein Klassiker: Er schuf einen modernen Mythos, dessen Kultfaktor und Langlebigkeit irgendwo zwischen Bram Stokers „Dracula“ und Ira Levins „Rosemary’s Baby“ anzusiedeln ist.

Liest man „Der Exorzist“ heute aufmerksam, fällt auf, dass der spannende Roman nichtsdestotrotz gealtert ist. Die moderne medizinische Psychoanalyse war um 1970 sichtlich etwas Neues, und so reitet Blatty ausführlich darauf herum. Auch Pater Karras‘ ausgiebiges Ringen mit seinen religiösen Zweifeln, die schließlich zu seinem Untergang führen, ist ein wenig langatmig geraten.

Anderes, das noch unerhört oder wenigstens neu für Blattys Leser war, ist so alltäglich geworden, dass es heute kaum oder gar nicht mehr zur Kenntnis genommen wird. Chris MacNeil ist beispielsweise nicht nur eine allein lebende Frau und alleinerziehende Mutter, sondern eine beruflich und privat erfolgreiche Mutter, die der Teufelsspuk zwar biegen aber nicht brechen kann - um 1970 beileibe keine Selbstverständlichkeit, was ausgiebig herausgearbeitet wird. Bemerkenswert waren darüber hinaus jene Szenen, in der die besessene Regan wahrhaft teuflische Vorstellungen gibt; die haben es - zumal in der neuen Fassung - weiterhin in sich!

Teufels Werk und Priesters Beitrag

Es ist eine Herausforderung, das klassische Böse in einer durch Naturwissenschaft und Technik ‚rational‘ gewordenen Gegenwart glaubhaft zu beschwören. Dämonen sind Geschöpfe einer von Nichtwissen und Aberglauben geprägten Vergangenheit, deren Zeitgenossen daraus resultierende Ängste auf übelmeinende Wesen projizierten. Das Böse bekam ein Gesicht und wurde dadurch verständlicher.

Heute wirkt die Vorstellung einer Kreatur wie Pazuzu, die ihre übernatürliche Kraft einsetzt, um ein kleines Mädchen zu ‚besetzen‘, eher lächerlich. Sollte eine uralte Macht sich nicht höhere Ziele stecken? Blatty gelingt es, eine ‚plausible‘ Begründung zu finden: Pazuzu gehört zu einem Teil der Welt, der dem Menschenverstand verschlossen bleibt. Dort tobt eine Auseinandersetzung, die als Krieg zwischen „Gott“ und „Satan“ interpretiert wird. Die (katholische) Kirche wacht an einer Pforte, über deren Schwelle seit Jahrtausenden immer wieder Dämonen u. a. Kreaturen auf diese ‚Seite‘ wechseln wollen. Hier macht sich die jesuitisch geprägte Sichtweise Blattys bemerkbar. Pater Merrin gehört zu denen, die den Schleier ein wenig heben konnten. Er hat zumindest eine Ahnung, was Pazuzu tatsächlich antreibt.

Glaubenszweifel bedeuten deshalb echte Schwäche, die sich ein Wächter nicht gestatten darf. Blatty schürt die Spannung, indem er ausgerechnet den orientierungslos gewordenen Pater Karras gegen Pazuzu antreten lässt. Nur kurz scheint sich das Blatt zu wenden, als Merrin ins Geschehen eingreift, denn dieser ist durch Alter und Krankheit gehandicapt. Der daraus resultierende Kampf mit dem schlauen, tückischen und die Schwächen seiner Gegner witternden Dämon ist so spannend, dass der Ereignisstrang um den misstrauisch ums Haus streichenden Polizisten Kinderman, der Regan für die Kirchenschänderin oder sogar eine Mörderin und Karras für einen Mitwisser hält, kontraproduktiv aufs Tempo drückt.

Pazuzus (misslungene) Rückkehr

Wer sich dafür interessiert, wie Blatty selbst seine Geschichte weiterentwickelt hat -  was ihm nicht so schlecht gelungen ist, wie die Kritik es ihm vorwarf - sollte versuchen, sich die Roman-Fortsetzung antiquarisch zu beschaffen: Sie ist in Deutschland 1991 unter dem (nichtssagenden) Titel „Das Zeichen“ erschienen. Der Kalauer liegt nahe: Die Geister, die er rief, wurde Blatty nicht mehr los. Nie war ihm ein auch nur annähernder Erfolg beschieden. Zudem trauerte er um ‚seinen‘ Film, den Friedkin seiner Ansicht nach rüde verschnitten hatte, und piesackte den ähnlich von Erfolglosigkeit gebeutelten Regisseur ausgiebig mit Hinweisen darauf, was er (Friedkin) versaubeutelt und er (Blatty) besser gemacht hätte.

Blatty bekam die seltene Chance, seine eigene Vision zu realisieren, was außer den hartgesottenen Freunden des Unheimlichen kaum jemand aufgefallen ist. Es gibt nicht nur die ‚offizielle‘ Fortsetzung des Films („Exorcist II: The Heretic“, 1977; dt. „Exorzist II: Der Ketzer“) - ein eindeutig fluchbeladenes Unternehmen ... -, sondern auch einen dritten Teil, dessen weiter oben erwähnte Romanvorlage Blatty 1983 selbst verfasste und sieben Jahre später höchstpersönlich inszenierte.

1990 war definitiv kein besonders gutes Jahr für den Teufel (und Blatty kein talentierter Regisseur), weshalb „Der Exorzist III“ ein Schattendasein in Videotheken und später im Nachtprogramm des Fernsehens fristen musste. Allerdings erging es dem Film „Exorzist: The Beginning“ (2004; dt. „Exorzist: Der Anfang“), dessen Handlung zeitlich Jahrzehnte vor dem originalen „Exorzist“ spielt, nicht besser. Er wurde sogar zweimal von unterschiedlichen Regisseuren inszeniert und fiel in beiden Versionen durch.

Pazuzus (triumphale) Rückkehr

Obwohl William Peter Blatty nach „Der Exorzist“ schriftstellerisch aktiv blieb, gelang ihm wie erwähnt nie wieder ein auch nur annähernder Erfolg. So ist es kaum verwunderlich, dass er an seinem Meisterwerk festhielt. Nach eigener Auskunft musste er den Roman 1971 überstürzt auf den Buchmarkt bringen; für eine ordentliche Überarbeitung sei ihm keine Zeit geblieben.

‚Zufällig‘ fand er bzw. nahm er sich diese Zeit 2011, als das 40-jährige Jubiläum der Erstveröffentlichung nahte. Für die „40th Anniversary Edition“ überarbeitete Blatty den Roman. Dabei eliminierte er Widersprüche und Wiederholungen, feilte vor allem an den Dialogen. Er richtete den Fokus einerseits schärfer auf Father Karras‘ Ringen mit dem Glauben und andererseits auf Regans Besessenheit. Hier konnte Blatty vor allem in den sexuellen Teufeleien deutlicher werden als vier Jahrzehnte zuvor.

Verbessert die ‚Aktualisierung‘ das Buch? In der deutschen Fassung kommt ihm eine neue, zeitgemäße Übersetzung eindeutig zugute. Ansonsten war „Der Exorzist“ - jedenfalls als Zeuge seiner Entstehungszeit - bereits in seiner Erstfassung gelungen. Nicht grundlos vermied es Blatty deshalb allzu intensiv am Erfolgskonzept zu rütteln. Deshalb spielt die Geschichte weiterhin in den computer- und handylosen 1970er Jahren. Tatsächlich dürfte der ökonomische Faktor die Triebfeder der „40th Anniversary Edition“ darstellen: Ein schon angestaubter Bestseller soll für eine neue, möglichst kaufbreite Kundenschar attraktiver gestaltet werden. Vielleicht liegt darin die eigentliche Teufelei, doch sie sorgt dafür, dass „Der Exorzist“ sogar auf dem deutschen Buchmarkt präsent bleibt.

Fazit:

Obwohl der Film bekannter ist, erweist sich die Buchvorlage als thematisch gut recherchierte, dichte und spannende (sowie vom Verfasser behutsam modernisierte) Lektüre, die aus der Konfrontation der Gegenwart mit archaischem aber erschreckend ‚realem‘ Spuk wahrhaft höllische Funken schlägt.

Der Exorzist

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