Backrooms

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Clark hat in diesem Jahr 1990 mehrfache Gründe, um unglücklich zu sein: Seine Ehe ist gescheitert, die Ex-Gattin bekam das Haus. Statt Architekt zu werden, führt er den schäbigen Möbelladen (in dem er derzeit ‚wohnt‘), geradewegs in die Pleite. Therapeutin Mary soll ihn aus seinem Tief holen, doch man zerstreitet sich, weil sie nicht an die unglaubliche Entdeckung glaubt, die Clark im Kellergeschoss des Ladens gemacht hat.

Dort öffnet sich eine (unsichtbare) Tür in eine schier endlose Folge kleiner, großer und völlig willkürlich gestalteter (Büro-) Räume. Wände und Boden weisen einen faden Gelbton auf, an den Decken summen Leuchtstoffröhren. Die meisten Räume sind leer, doch in manchen stehen manchmal miteinander verschmolzene Möbel und weitere Artefakte. Hin und wieder ragen sie direkt aus den Wänden, Böden und Decken.

Fasziniert erkundet Clark das mysteriöse Labyrinth. Er stellt fest, dass es noch weitere ‚Etagen‘ gibt, aber ihm wird auch klar, dass er nicht allein in den „Hinterzimmern“ ist: Seltsame Geräusche künden von der Anwesenheit eines grotesken Wesens, das ihn entdeckt und verfolgt.

Mary will Clark nicht aufgeben. Sie folgt ihm in das Möbelhaus, wo auch sie die Tür findet und die „Hinterzimmer“ betritt. Dort stößt sie auf Clark, doch der ist inzwischen wahnsinnig geworden. Er entführt Mary und schleppt sie in sein Versteck, wo er ihr seine Theorie eröffnet: Die „Hinterzimmer“ und ihre Inhalte stellen dreidimensionale Projektionen eines unbekannten kosmischen Mechanismus’ dar, der Objekte, aber auch Lebewesen aus den Erinnerungen der Menschen formt, jedoch nie die vollständige Originaltreue trifft.

Clark will bleiben, aber er überschätzt seine Ortskenntnis. Als gigantischer Pirat treibt sich sein Ebenbild in den Räumen herum. Es ist gefährlich und verfolgt auch Mary, die auf der Flucht vor dem unerbittlichen Gegner in immer neue, groteske Zimmerfluchten und Säle gerät ...

In der Rumpelkammer der Schöpfung

„Backrooms“ ist die aktuelle Sau, die laut grunzend durch das Horror-Dorf getrieben wird. Hier manifestiere sich die Zukunft des Genres, das sich wieder einmal neu erfinde; in diese Richtung gehen die beinahe hysterisch positiven Kritiker. Der Kenner behält die Ruhe und erkennt, aus welcher Richtung dieser Wind weht: „Backrooms“ entstand mit einem Budget von 10 Mio. Dollar, spielte aber mehr als eine Viertelmilliarde Dollar ein. Dies ist der Maßstab, den Hollywood für seine Filmprodukte anlegt, weshalb wir uns in der nächsten Zeit auf ähnliche Werke einstellen dürfen ...

Die nüchterne Betrachtung enthüllt außerdem, dass der Erfolg nicht aus dem genialen Nichts entstand. Das „Backroom“-Phänomen ist schon einige Jahre alt. Es fand bisher allerdings außerhalb der ‚klassischen‘ Medien - Kino und Fernsehen - statt. 2019 postete jemand anonym das ‚Foto‘ eines verlassenen, verkommenen Büroraums auf einer Website. Dazu gab es folgende Hintergrundstory: Auf dieser Welt existieren unsichtbare ‚Portale‘, durch die man in eine Dimension jenseits unserer Realität geraten kann. Diese stellt sich als unendliche Abfolge eintöniger Räume dar. In ihrer Gesamtheit bilden sie den „Komplex“, über den sich seltsam verzerrte Artefakte der Gegenwart verteilen. Außerdem streifen unheimliche, skelettdürre Kreaturen („Bacterias“) durch diese „Hinterzimmer“. Menschliche Eindringlinge werden bei einer Begegnung angefallen und verschleppt.

Diese „Creepypasta“ - so nennt man urbane, d. h. moderne Mythen internetzeitgemäß - machte sich selbstständig. Immer neue User sorgten für Blicke in weitere Bereiche dieser schrägen Nebenwelt. 2022 gesellte sich der erst 16-jährige Kane Parsons zu ihnen. Er beschloss, sich den Mythos zu Eigen zu machen, ihn zu formen und zu erzählen. Die moderne Technik ermöglichte ihm, dem Laien, eine Umsetzung, die aus den formalen Beschränkungen eine Tugend machte = die Andeutung und die Lücke zum Handlungselement erhob, was der Geschichte ihren sehr eigenen Kurs gab.

Was man wissen sollte

Tatsächlich ist „Backrooms“ die unmittelbare Fortsetzung einer auf „Youtube“ veröffentlichten Webserie, die insgesamt 18 anderthalb bis 45 Minuten lange Episoden sowie sieben zusätzliche Folgen mit vertiefenden ‚Informationen‘ umfasst. Die ‚Als-ob‘-Anführungsstriche kommen hier zum Einsatz, weil Parsons bewusst keine stringente Geschichte erzählen will. Er unterstreicht die Fremdheit des „Komplexes“, indem er nur Informationsbrocken präsentiert, die aus dem Zusammenhang gerissen und nicht chronologisch vorgestellt werden. Das Material weist zudem eine minderwertige Bild- und Tonqualität auf, denn diese Geschichte spielt 1990. Video- und Audiokassetten sowie Tonbänder dienen der Dokumentation. Man kann aufgrund der Körnigkeit der Bilder, der miserablen Belichtung und der (bewusst) ungeschickten Kamera oft nur erahnen, was eigentlich geschieht.

Bis zum Februar 2025 hatte Parsons in der Web-Gemeinde eine kopfstarke Schar faszinierter Zuschauer um sich versammelt. Gerade die rudimentäre Story setzte das individuelle Kopfkino in Gang. Theorien füllten Blogs und Kommentarspalten. Die Zugriffszahlen explodierten - und endlich wurde auch der immer noch gern auf klassische Vermarktungsmuster setzende Unterhaltungsmainstream aufmerksam. Parsons wurde in Hollywood vorstellig. Selbstbewusst diktierte der inzwischen 19-Jährige seine Bedingungen: Er wollte Regie führen, am Drehbuch mitwirken, einen Teil des Soundtracks komponieren. Die robuste Fan-Basis sorgte dafür, dass Parsons tatsächlich das Sagen bekam.

Das Ergebnis gibt der Entscheidung recht. Wer kennt sich besser als Parsons aus im „Backroom“-Kosmos? Er hatte offensichtlich schon im Kopf, wie die Geschichte weitergehen sollte. Wer die „Backrooms“-Webserie kennt, weiß deshalb, dass der Pechvogel, der sich im Prolog im „Komplex“ verlaufen hat und von einer brüllenden Kreatur gejagt wird, Naren Warne heißt und für eine Einrichtung namens „ Async Research Facility“ arbeitet. Dieses zwielichtige Privatunternehmen hat im Oktober 1989 im Rahmen eines eigentlich fehlgeschlagenen Experiments das Tor zum „Komplex“ geöffnet, den man nun erforscht: Der unendliche Raum, der niemand gehört, verspricht Profit: Hier könnte man Industrien ansiedeln, Waren lagern, sogar wohnen!

Was man nicht wissen soll

Nur: Wie kann man den „Komplex“ vermarkten, wenn man ihn und seine Gesetze nicht versteht? Zudem sind da die gefährlichen Bewohner der „Hinterzimmer“, die immer wieder allzu neugierige Forschergruppen dezimieren. Die Probleme hält man möglichst geheim, hat aber die US-Regierung (und wohl auch den Geheimdienst und das Militär) ins Boot geholt. Das „Async“-Portal ist längst Teil eines Geheimprojekts. Die Öffentlichkeit ist (noch) ahnungslos. „Async“ will dies so beibehalten, weshalb Menschen, die es zufällig in den „Komplex“ verschlägt, in zusätzliche Gefahr geraten: Der Konzern lässt sie verschwinden, wie Therapeutin Mary zu ihrem Leidwesen feststellen wird.

„Backrooms“ ist das perfekte Beispiel für eine Geschichte, die nur zum Teil auf ihrer Handlung gründet. Mindestens ebenso elementar ist das Rätsel. Was ist der „Komplex“? Bisher gibt es jenseits vieler, vieler Stunden Film- und Tonaufnahmen aus den „Hinterzimmern“ nur vage Theorien. Gab es den „Komplex“ schon immer? Hat ihn „Async“ erst durch das erwähnte Experiment erschaffen? Gibt es so etwas wie ‚Hausherren‘? Was treibt sich in den ‚roten‘ oder in den Kelleretagen herum?

Wie lange ist es möglich, das Rätsel aufrechtzuerhalten, es zu erweitern und als Schauplatz zu nutzen, ohne es zu lüften? Kaum eine Auflösung kann mit der Faszination eines Rätsels mithalten. Unzählige Köpfe werden darüber verbrochen, man tauscht sich aus, vergleicht Theorien, ergänzt Lücken, weist auf Widersprüche hin. Parsons hält sich dieser Diskussion wohlweislich fern, um sich nicht selbst unter Druck zu setzen: Schon jetzt gibt es Kritik, wenn er gegen Vorgaben verstößt, die Fans aus dem postulieren, was über den „Komplex“ bekannt ist.

Wohin wird das gehen?

Wird es „Backrooms 2“ geben? Das ist angesichts des Einspielergebnisses eine rhetorische Frage. Wird der Mythos den Weg aller Mythen gehen, d. h. Stück für Stück erklärt, dadurch profanisiert und seiner Faszination beraubt (das „Lost“-Problem)? Werden weitere Filme den „Komplex“ erkunden und immer neue Seltsamkeiten offenbaren, die aber nur Variationen der ursprünglichen „gelben“ Etage darstellen? „Backrooms“ ist wie „Minecraft“ (wo es längst einen eigenen Klötzchen-„Komplex“ gibt): Das Spielfeld ist unendlich groß, aber meist herrschen Leere und Stille. (Der „Komplex“ erinnert aber auch an Mark Z. Danielewskis Bestseller „The House of Leaves“ [2000; dt. „Das Haus - House of Leaves“], was jedoch alle am „Backroom“-Kosmos Beteiligten ebenso weit von sich weisen wie gewisse Parallelen zur „Cube“-Filmserie: Wirklich neu ist wenig oder gar nichts auf dieser Welt!)

Als Film funktioniert „Backrooms“ auch deshalb, weil Parsons die faktisch beschränkten Schauwerte des „Komplexes“ überaus geschickt einsetzt. Nur manchmal merkt man, dass die Geschichte auf der Stelle tritt. Dem wurde durchaus Rechnung getragen: Die Kino-Fassung des Films läuft 110 Minuten. Gestrichen wurden 17 Minuten, in denen man eine „Async“-Gruppe dabei beobachtet, wie sie u. a. eine der gelben Wände durchbrechen und in einem „Sub-Labyrinth“ landen. Diese Episode ist ebenso dicht und durchdacht wie andere Handlungspassagen, doch sie trägt rein gar nichts zur Geschichte bei. (Nichtsdestotrotz hat man sie inzwischen wieder in den Film eingefügt, der auf diese Weise zusätzlich als „Everything-Must-Go“-Version noch einmal Zuschauer ins Kino locken soll).

Die Schauspieler leisten gute Arbeit. Dabei besaß der Mythos bisher keine echte ‚menschliche‘ Komponente: Gefühle beschränken sich fast ausschließlich auf Reaktionen, wenn man in den „Komplex“ gerät. Doch Chiwetel Ejiofor als Clark, Renate Reinsve als Mary und Mark Duplass als „Async“-Forscher Phil sorgen für eine zusätzlich Komponente. Clark zieht depressiv und geistesgestört in den „Komplex“, wohin er vor seinen realen Problemen flüchten kann. Mary leidet aufgrund ihrer (in Rückblenden einfließenden) tragischen Jugend unter einem Helferkomplex, der sie Clark in die „Hinterzimmer“ folgen lässt. Phil erkundet voller Hingabe den „Komplex“, kann sich aber immer weniger mit der „Async“-Philosophie identifizieren. Hier birgt das Geschehen Zündstoff, der in einer Fortsetzung wieder zur Sprache kommen, aber hoffentlich die eigentliche Story nicht in Seifenschaum und Gefühlsdusel ersticken wird!

Fazit

Nicht nur die gehypte „Offenbarung“, sondern eine interessante, weil in skurrilen, durchdachten Kulissen spielende Geschichte, die dem Inhalt gleichrangig die Form an die Seite stellt: Das Rätsel steht über allem und wird kunstvoll zelebriert: nicht wirklich neu, aber originell und spannend.

Wertung: 8

Bilder: © Constantin Film

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