Black Phone 2

Film-Besprechung von Marcel Scharrenbroich

Ja, Finney hat ein Telefon, auch der „Greifer“ hat seine Nummer schon…

*Rrrrrrrrrrrrrrrrrring*

Um auch nur ansatzweise über die Horror-Fortsetzung „Black Phone 2“ sprechen zu können, müssen wir uns die Geschehnisse des Originals, basierend auf der Kurzgeschichte von Joe Hill, noch einmal ins Gedächtnis rufen. Hier haben wir nämlich ein Sequel, welches komplett auf der Story von „The Black Phone“ aufbaut, und zwar bis ins kleinste Detail. Deshalb wird es in den folgenden Zeilen auch zu Spoilern des Films von 2022 kommen, ohne die selbst eine grobe Zusammenfassung des Inhalts von „Black Phone 2“ nicht funktionieren würde. Falls Ihr das sehenswerte Original also noch nicht kennt, unbedingt vorher anschauen!

Es war 1978, als eine Serie von Vermisstenfällen eine Kleinstadt in Colorado in Atem hielt. Kinder verschwanden und wurden nie wieder gesehen. Verantwortlich war ein Mann, den die Presse den „Greifer“ (Ethan Hawke) taufte. Maskiert und sich als Zauberer ausgebend, verwickelte er seine Opfer am helllichten Tag in Gespräche, um sie dann urplötzlich in seinen schwarzen Van zu zerren. Seine letzte Beute war der dreizehnjährige Finn (Mason Thames), den er wie die vorherigen Kinder in seinen düsteren Keller sperrte. Ein altes, schwarzes Telefon, welches an der ansonsten kargen Wand angebracht war, schöpfte bei Finn kurzzeitig Hoffnung, die der Entführer jedoch schnell platzen ließ. So dumm war der „Greifer“ nicht, ein funktionierendes Mittel zur Flucht in greifbarer Nähe zu hinterlassen.

Umso verstörender, als der Fernsprecher plötzlich Lebenszeichen von sich gab. Finn bekam Anrufe von Kindern, die ebenfalls in die Falle des Entführers tappten. Von einem unbekannten Ort, wo sie sich an ihre eigene Identität nicht mehr erinnern konnten. Woran sie sich erinnern konnten, und zwar an ihren Aufenthalt im Keller, sollte für Finn sehr nützlich werden. Er griff ihre Ideen für Fluchtversuche auf, musste für seine erfolgreiche Befreiung aber über seinen Schatten springen. Letztendlich gelang ihm die Flucht. Unerwarteterweise auch durch die Unterstützung seiner jüngeren Schwester Gwen (Madeleine McGraw), die in mysteriösen Träumen Hinweise auf den Aufenthaltsort von Finn empfing. Eine Gabe, die sie von ihrer verstorbenen Mutter geerbt hatte, die sich vor wenigen Jahren das Leben nahm. Finn bewies den erforderlichen Mut und schaffte es, den „Greifer“ in eine Falle zu locken. Gleichzeitig sorgte der Junge dafür, dass der Serienmörder seine Hände niemals mehr an andere Kinder würde legen können.

*Ring* … *Ring*

Es sind vier Jahre vergangen, seit Finn den „Greifer“ überwältigen und töten konnte. Mittlerweile an der High School, hat sein schulischer Status sich durch die Tatsache, dass er einen Serienmörder mit bloßen Händen killte, um 180 Grad gedreht. Einst schüchternes Mobbing-Opfer, nun derjenige, der gerne mal selbst gegen andere Schüler austeilt. Auch im Hause der Blakes hat sich einiges verändert. Vater Terrence (Jeremy Davies) hat dem Alkohol abgeschworen, der ihn in der Vergangenheit immer wieder zu Gewaltausbrüchen gegen seine Kinder antrieb. Schwester Gwen hat derweil ihren ersten Verehrer. Dabei handelt es sich um den jüngeren Bruder von Finns ehemaligem Freund Robin, der ebenfalls dem Greifer zum Opfer fiel. Der stärkste Junge in der Junior High, der Finn gerne mal die Schulschläger vom Hals hielt… letztendlich aber nicht stark genug, um sich gegen den „Greifer“ zu behaupten. Ernesto (Miguel Cazarez Mora) macht einen durchaus vernünftigen Eindruck und scheint es ernst mit Gwen zu meinen, stößt bei Vater und Bruder aber erstmal auf Ablehnung. Nicht Gwens größtes Problem, denn sie wird zunehmend von sehr lebendigen Albträumen geplagt und beginnt zudem, im Schlaf umherzuirren. Gwen sagt, dass sie in ihren Träumen Botschaften ihrer verstorbenen Mutter Hope (Anna Lore) erhält. Aus einem christlichen Ferienlager, wo diese in ihrer Jugend tatsächlich als Betreuerin jobbte. Obwohl Finn nichts lieber möchte, als die Vergangenheit - insbesondere die quälend langen Tage in der Gewalt des „Greifers“ - zu begraben, was er mit überbordendem Gras-Konsum auch tagtäglich versucht, nimmt er die Warnzeichen ernst. Insbesondere, weil sich im Ferienlager Alpine Lake 1957 eine Mordserie an Kindern ereignete.

Gwen überredet ihn, sich dort kurzerhand als Betreuer zu bewerben. Zusammen mit Ernesto machen sich die Geschwister auf, das Camp im winterlichen Colorado aufzusuchen. Mitten auf ihrer Fahrt geraten sie in einen der schwersten Schneestürme, die der Bundesstaat je erlebt hat. Dennoch schaffen sie es aufs Gelände, wo sie schnell erfahren, dass das Camp wetterbedingt geschlossen wurde. Lediglich der Leiter Armando „Mando“ Reyes (Demián Bichir), dessen Nichte Mustang (Arianna Rivas) sowie das bibelfeste Paar Barbara (Maev Beaty) und Kenneth (Graham Abbey) befinden sich vor Ort.

Es stellt sich heraus, dass Mando noch sehr gute Erinnerungen an Hope hat. Und nicht nur an sie, denn 1957 arbeitete in Alpine Lake noch jemand, der schon längst totgeglaubt schien. Als dann das alte, angeblich defekte Telefon vor ihrer Unterkunft klingelt, beginnt für Gwen und Finn ein Albtraum, der ihre ganze Familiengeschichte auf den Kopf stellt.

Horror-Evolution

War der Horror in Scott Derricksons „The Black Phone“ eher psychologischer Natur, geht er mit seiner Fortsetzung All-in, was den Horror-Anteil betrifft. Das Tempo ist deutlich höher, geht aber zu keiner Zeit zu Lasten der Atmosphäre. Die finde ich persönlich phänomenal. Kameramann Pär M. Ekberg („Lords of Chaos“, „Polar“) hat fantastische Bilder eingefangen, die eine ordentliche Bandbreite abdecken. Kurze Flashbacks und Traumsequenzen unterscheiden sich stilistisch vom eigentlichen Geschehen. Gerade die Traum-Ausflüge von Gwen, die schnell hätten verwirrend wirken können, heben sich mit ihrem körnigen Super-8-Look und der wackeligen Steadicam von der Realität ab. Verwendet man - gerade in Horrorfilmen - gerne mal Close-ups, um die Emotionen der Darsteller besser zu transportieren, setzt man in „Black Phone 2“ immer wieder auf Szenen in Halb- oder Supertotale. Die eisige Landschaft lädt geradezu dazu ein. Damit haben wir endlich mal wieder einen Genre-Film, der nicht nur inhaltlich frische Pfade betritt, indem er die Geschichte des Originals nicht einfach wiederholt, dafür aber sinnvoll weiterspinnt, sondern auch optisch einen echten Leckerbissen.

Ähnlich dem großartigen „28 Years Later“, welcher ebenfalls die Weite der Umgebung hervorragend nutzte, bietet auch „Black Phone 2“ eine Menge Abwechslung. Nahe an der 2-Stunden-Marke, ist die Laufzeit für einen Horrorfilm noch immer recht lang, jedoch perfekt ausbalanciert. Es finden sich keine Längen, die den Film künstlich am Leben halten oder unnötig strecken würden. Und damit ist „Black Phone 2“ für mich nicht nur eine der größten Überraschungen des (Horror-)Film-Jahres 2025, sondern auch einer der wenigen Vertreter, die ihren Vorgänger überragen, was den reinen Unterhaltungsfaktor angeht. Damit reiht er sich in die Liste zwischen „Conjuring 2“, „Ouija: Ursprung des Bösen“, „Smile 2“ und „Tanz der Teufel II“ ein.

Nachtschicht-Konkurrenz?

Während Gwen mit ihren Fähigkeiten in „Black Phone 2“ eindeutig im Vordergrund steht, droht ihr Bruder Finn in die Verhaltensmuster ihres Vaters zu verfallen. Ein logischer, aber auch mutiger Schritt der Drehbuchautoren Scott Derrickson und C. Robert Cargill, denn ihr Charakter hat schon im Vorgänger gezeigt, dass in ihr etwas schlummert, was erzählt werden will. Freilich konnte man zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass „The Black Phone“ sich zum Überraschungshit mit Fortsetzungs-Potential mausert. Eine Wandlung macht auch der Antagonist durch. Ist der von Ethan Hawke („Der Club der toten Dichter“, „Gattaca“, „Training Day“) verkörperte „Greifer“ im Original noch ein Psychopath ohne erkennbare Motivation, hat er in der Fortführung der Geschichte gleich doppelten Grund, aus dem Grab zurückzukehren. Schließlich will sein Tod gerächt werden, was dank geschickter Drehbuch-Spinnerei sogar eine weitere Tür öffnet, um die Spannung auf den familiären Konflikt zu richten. Das mag nicht jedem gefallen und könnte betrachtet werden, als wäre es halbgar aus dem Ärmel geschüttelt, aber von Plot-Desastern, wie sie die „Saw“-Reihe spätestens nach Teil 4 hervorgebracht hatte, sind wir hier meilenweit entfernt. Joe Hill, der Autor der Originalgeschichte und zudem noch Sohn von Horror-König Stephen King, war ebenfalls involviert. Schon früh pitchte er Regisseur Derrickson Ideen für eine mögliche Fortsetzung, welche dann auch aufgegriffen wurden.

Ethan Hawke, wie bereits beim Vorgänger meist hinter Masken verborgen, merkt man dennoch die Spielfreude in seiner diabolischen Rolle an. Wohl auch, weil „Black Phone 2“ alles dafür tut, den „Greifer“ zu einer kommenden Horror-Ikone zu etablieren. Gerade mit dem zweiten Teil, wo das Übernatürliche deutlich mehr Raum einnimmt, könnte dies durchaus gelingen. Nicht selten fühlt man sich als Zuschauer an die ersten Auftritte eines Freddy Krueger erinnert, bevor er in der erfolgreichen „A Nightmare on Elm Street“-Reihe zum popkulturellen Sprücheklopfer mutierte. Packt man es richtig an, würde ich gerne weitere Auftritte von Hawke als „Greifer“ sehen. Interesse hat dieser jedenfalls schon bekundet, sollte man tiefer in die Hintergründe des Psychopathen eintauchen wollen. Scott Derrickson, mit dem Hawke 2012 bereits den Schocker „Sinister“ drehte, wäre ebenfalls nicht abgeneigt, möchte aber auf Qualität statt Quantität setzen. Das wäre dem Franchise zu wünschen, denn eine aus dem Allerwertesten gezogene Mythologie à la „Terrifier“ rechtfertigt eine ernsthafte Fortführung wohl kaum… außer Gorehounds ein paar Taler fürs Kinoticket aus der Tasche zu leiern. Davon ist „Black Phone“ erfreulicherweise weit entfernt und hat für einen Horrorfilm richtig viel zu erzählen.

Fazit

„Horror mit Herz“ sieht man im Genre nicht alle Tage. Dabei ist „Black Phone 2“ weder gefühlsduselig noch zu dick aufgetragen. Der Film hat einfach Charaktere, die sich dank des Originals etabliert haben und gewachsen sind. Ihre Schicksale sind einem als Zuschauer nicht egal, und das muss man den Autoren echt hoch anrechnen. Gleichzeitig ändert man in der Fortsetzung den Ton und verlässt die Psycho-Thriller-Pfade, um sich voll und ganz dem Horror zu verschreiben. Eine mehr als geglückte Transformation, mit der sich viele neue Möglichkeiten ergeben.

Wertung: 9

Bilder: © 2025 Universal Studios. All Rights Reserved.

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