Die Rache der schwarzen Spinne

Film-Besprechung von Michael Drewniok

River Falls ist eine Kleinstadt im US-Bundesstaat New Mexico. Hier herrschen Zucht & Ordnung bzw. die Eltern, die Schule und Sheriff Cagle, weshalb die Jugend weiß, was sich gehört. Wer gehorsam ist, darf ein wenig zur Rock-Musik tanzen oder sich einen Hot Rod basteln.

Mr. Flynn ist in die Stadt gefahren, um Backfisch-Tochter June ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen. Auf der Rückfahrt prallt sein Pick-up gegen ein Seil, das eine mutierte Riesenspinne in heimtückischer Absicht über die Straße gespannt hat. Sie schleppt ihr Opfer in eine nahe Höhle, wo sie es aussaugt.

June wundert sich über die Abwesenheit des Vaters. Sie bittet daher Mike Simpson, einen braven Jungen, der sie niemals befingern würde, um Hilfe. Die beiden Schüler entdecken den demolierten Pick-up und folgen den Spuren am Unfallort, die in die uns bekannte Höhle führen. Dort stoßen sie auf diverse blankgenagte Skelette sowie auf die Spinne, der sie gerade noch entkommen.

In River Falls stoßen June und Mike mit ihrer Geschichte auf Unverständnis. Vor allem Sheriff Cagle glaubt als Fachmann für die renitente Jugend an einen Streich. Glücklicherweise schenkt Biologielehrer Kemmer seinen Schülern mehr Glauben, sodass sich Cagle immerhin bereiterklärt, vor und in der Höhle nach dem Rechten zu sehen.

Einige Spinnenbisse später ist Cagle bekehrt. Da sich das Ungeheuer mit Kugeln nicht erlegen lässt, rücken Kammerjäger mit einer Tankwagenladung DDT aus. Der Spinne geht die Luft aus; der Kadaver wird in die Turnhalle der Schule geschafft, weil Kemmer ihn untersuchen möchte. Allerdings will hier später die Schulband für den anstehenden Ball üben. Der dabei ertönende Rock’n’Roll klingt so schrecklich, dass er die Spinne zu neuem Leben erweckt. Wütend kehrt sie in ihre Höhle zurück - und stößt dort auf Mike und June ...

Heulbojen-Spinne jagt Rock’n’Roll-Kids

In den 1950er Jahren begann es in der US-Gesellschaft zu gären. Der Zweite Weltkrieg lag einige Jahre zurück, und der Koreakrieg hatte gerade erst begonnen. Den Menschen ging es besser. Auch die Jugendlichen hatten Geld in der Tasche und die Zeit, es möglichst außerhalb erwachsener Kontrolle auszugeben.

Während Eltern, Lehrer, Pfarrer sowie die üblichen Tugendbolde das Ende der Welt heraufdämmern sahen, überlegte man in Hollywood, wie man die finanzstarke Jugend verstärkt in die Kinos locken könnte. Klar war, dass die traditionelle Filmkunst hier schlecht ankam. Sex & Action hießen die beiden Pole, zwischen denen sich eigens für die jüngere Klientel gedrehten Filme bewegten. Sie waren kostengünstig und kurz, sodass man gern zwei Streifen hintereinander zeigte. Vor allem in den neu entstandenen Autokinos liefen diese Filme gut; sie wurden zu einem typischen Wochenendvergnügen.

Hinter den Kulissen bzw. Kameras änderte sich natürlich wenig. In der Regel kurbelten routinierte Profis Verbrauchsware herunter. Die Filme liefen einige Wochen in den Kinos, verschwanden in der Versenkung und tauchten später in den Nachtvorstellungen des Fernsehens auf. Nur selten entstand (triviale) Filmkunst, die meisten Streifen waren einfach schlecht.

Gerade dies ließ sie in den 1970er Jahren auferstehen. Eine neue Jugendgeneration machte sich über das Klischee-Kino ihrer Eltern lustig. Es wurde Mode, „Trash“-Filme anzuschauen und auszulachen. Zwischen 1988 und 1999 gab es sogar eine eigene TV-Serie („Mystery Science Theater“), die in 197 Episoden das B- und C-Kino der 1950er und 60er Jahre verulkte.

Ein Mann fürs Grobe

Niemand wurde im „Mystery Science Theater“ so oft ‚gewürdigt‘ wie Bert Ira Gordon (1922-2023). Dies nicht grundlos; in der Rückschau möchte man ihn an die Seite seines Zeitgenossen Edward „Ed“ Wood jr. (1924-1978) stellen, der als „schlechtester Filmemacher aller Zeiten“ in die Filmgeschichte eingegangen ist. Wood gilt allerdings als Idealist, der das Kino liebte, aber einfach nicht verstand, dass er keine Ahnung von seinem Job hatte. Gordon kann dagegen auf ein Gesamtwerk von mehr als zwanzig schlechten Filmen zurückblicken, die zwischen 1955 und 1989 . hinzu kommt ein Spätwerk von 2015 - entstanden. Es muss sich demnach finanziell gelohnt haben, billigen Schund zu drehen.

Nostalgie kann selbst Blech vergolden. Hinzu kommt die Erkenntnis, dass es viele, viele Regisseure gibt, die sogar noch schlechter als Wood oder Gordon sind. Deshalb schaut man sich Streifen wie „Die Rache der schwarzen Spinne“ mit einer gewissen Nachsicht an und reagiert amüsiert auf die Naivität der Altvorderen, die offensichtlich nicht bemerkten, dass man ihnen nur Geld aus den Taschen ziehen wollte.

Doch Filme wie „Die Rache der schwarzen Spinne“ spiegeln auf interessante (und verzerrte) Weise auch den Zeitgeist wider. Außerdem demonstrieren sie die Macht des Kinos, das sich für den Effekt spielerisch über Realität und Logik hinwegsetzt.

Spinne rächt & Zuschauer krümmt sich

Dazu passen in unserem Fall Seltsamkeiten wie die sich ständig ändernde Größe der Spinne: Mal ist sie wenig größer als ein Pferd, dann tobt sie durch die Straßen von River Falls und überragt dabei mehrstöckige Gebäude. Wenn die Kammerjäger mit ihrem Gift-Tank vorfahren, parken sie ihn vor der Spinnenhöhle und ziehen offenbar kilometerlange Schläuche hinter sich her. In der Höhle selbst benutzt niemand Lampen; an den Wänden wächst „leuchtendes Moos“. Die Spinne - eine durch Filmtricks vergrößerte, lebendige Tarantel - spannt ein Netz tief unter der Erde, wohin sich garantiert keine Beute verirren wird. (Abgesehen davon sind Taranteln Raubtiere, die ihren Opfern auflauern, um dann über sie herzufallen. Netze spinnen sie nicht.)

Diese ‚Fehler‘ stehen im Dienst einer ohnehin absurden Geschichte. Wieso sollte sich Gordon an Tatsachen halten? Niemand außer humorfreien Erbsenzählern sowie jenen, die um jeden Preis über dieses unbeschwerte Kino der B/C-Klasse verlachen wollen, verlangt es. Vorwürfe verdient Gordon dort, wo er es einfach zu weit treibt und dadurch seine Geschichte verrät. Selbst eine hanebüchene Geschichte will bis zu einem gewissen Punkt ernstgenommen werden. Gordon drehte seinen Film zudem nicht gezielt als Trash.

Deshalb bleibt es u. a. rätselhaft, wieso er seinem Ungetüm eine Stimme gab. Anscheinend wirkt eine acht Tonnen schwere Spinne nicht bedrohlich genug, wenn sie stumm bleibt. Doch wie hört sich eine Tarantel an? Auf keinen Fall sollte sie klingen wie eine wütende Katze, die tief im Inneren eines Ofenrohrs steckt. Damit wird unsere schwarze Spinne ins Aus geschossen.

Reaktionäre Unterwanderung der Jugend

Gravierender sind die Versuche, die gegen alte Zwänge aufbegehrende Jugend wieder unter Kontrolle zu bringen. Gordon erhebt die Erwachsenen förmlich zu Göttern. Eltern, Lehrer, selbst Sheriff Cagle, der nichts lieber tut, als seinen feisten Arsch auf dem Bürostuhl zu platzieren: Ihre Worte sind Gesetz, dem sich die ‚Kinder‘ bedingungslos unterwerfen. (Dabei hat Gordon sämtliche Teenie-Rollen mit allzu ‚reifen‘ Darstellern besetzt. Den Vogel schoss er mit Troy Patterson ab, der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits 35 Jahre alt war und dies beim besten Willen nicht verbergen konnte.) Selbstverständlich bleibt die Zuneigung zwischen Mike und June strikt platonisch.

Die Jagd auf die Spinne ist selbst unter Berücksichtigung einer laxen Kino-Logik eine Zumutung. Das Untier wird betäubt nach River Falls verschleppt, findet aber nach dem Aufwachen problemlos den Weg in die heimische Höhle zurück. Dort wird es von wackeren Bürgern durch Sprengung des Eingangs eingeschlossen, bevor sich herausstellt, dass auch Mike und June in der Höhle sind. Also muss mühsam ein neuer Zugang angelegt und das Ungetüm nun doch direkt attackiert werden - dieses Mal kommt Starkstrom zum Einsatz, der über eine wiederum unendliche Leitung in die Höhle fließt.

Hirnrissig im Rahmen der Handlung bzw. eine plumpe Anbiederung an das Zielpublikum ist jene Episode, als sich die ‚Kinder‘ der River Falls High School Einlass in die Turnhalle verschaffen, weil dort eine Band spielt: In einem zünftigen Jugend-Film musste einfach Rock’n’Roll gespielt werden - selbst wie hier buchstäblich im Schatten einer Riesenspinne.

Spezialeffekte oder spezielle Effekte?

Selbstverständlich sind die Filmtricks ärmlich und als solche jederzeit erkennbar. „Die Rache der schwarzen Spinne“ entstand 1958, und das Budget lag bei 100000 Dollar. Das war selbst seinerzeit kein Vermögen. Gordon realisierte die Spezialeffekte selbst und so gut wie eben möglich. Jack Arnold hatte 1955 mit „Tarantula“ bewiesen, dass es möglich war, mit einer echten Spinne zu arbeiten, die per Rückprojektion vergrößert in die Kulissen versetzt wurde. Gordon ergänzte dies durch Aufnahmen, für die er die Spinne vor Fotos (!) herumkriechen ließ. Wider Erwarten funktioniert dies, solange das Untier nicht gegen die Bilder rumpelte und diese in Bewegung setzte; selbst für anständigen Klebstoff scheint der Finanzrahmen zu eng gewesen zu sein.

Manchmal mussten Darsteller und Monster gleichzeitig im Bild sein. Dafür wurden ‚lebensgroße‘ Beine u. a. Spinnenteile gefertigt, womit Gordon offenbar eine Firma beauftragte, in der ausschließlich blinde und armlose Arbeiter tätig waren. Für die unterirdischen Szenen zog Gordon mit seiner Truppe in die „Carlsbad Caverns“, ein Höhlensystem mit monumentalen Tropfsteinen, die dem Regisseur indes nicht eindrucksvoll genug waren. Mit flüchtigen Strichen skizzierte Felsgebilde wurden als „Masken“ über die echten Stalaktiten und Stalagmiten gelegt. Die Illusion gelingt kein einziges Mal.

Über die schauspielerischen Leistungen sei an dieser Stelle gnädig der Mantel des Schweigens gebreitet. Für Filme wie „Die Rache der schwarzen Spinne“ wurden ‚junge Talente‘ sowie Veteranen aus der zweiten und dritten Riege angeheuert. Sie entkamen dem B-Movie-Milieu selten oder landeten im Fernsehen. „Stars“ wurden sie höchstens nachträglich, eben weil sie primär in Trash-Filmen aufgetreten waren.

Disc-Features

Statt im Schlick der Filmgeschichte zu verrotten, wurde „Die Rache der schwarzen Spinne“ wie ein Schatz gehoben, behutsam restauriert und mit reichen Hintergrund-Infos ergänzt. Hierzulande ist es das Label „Anolis Entertainment“, das unsere Wut-Spinne bereits zum zweiten Mal und dieses Mal als Blu-ray-Edition zurückkehren lässt.

Der Film ist angesichts seines Alters von ausgezeichneter Qualität. Schwarze Flächen sind schwarz, Kontrastprobleme treten kaum auf, die Bilder sind scharf (und übrigens schwarz-weiß). Der Ton ist entstehungszeitbedingt schwächlich, aber er bewahrt die alte deutsche Synchronisation. Dafür darf man dankbar sein: Werden heute B-Movies von zungenlahmen Dilettanten (oder einer KI) eingedeutscht, kamen vor Jahrzehnten noch gut ausgebildete Stimmen zum Zug.

Das Hintergrundmaterial - hier vor allem der Audiokommentar von Ingo Strecker und Christian Keßler für die deutsche sowie der Kommentar von Rolf Giesen und Ivo Scheloske für die US-amerikanische Kinofassung - informiert nicht nur über den Film, sondern auch über das B-Kino der 1950er und 60er Jahre.

Rührend dramatisch kommt der originale Trailer daher. Wie man das Publikum am besten in den Film locken kann, verdeutlichte den Kinobesitzern ein separater „Werberatschlag“ (Deutschland) bzw. ein „US Campaign Manual“. Mit an Bord sind außerdem zwei Super-8-Fassungen, die (problemlos) die Handlung auf acht bzw. vier Minuten zusammendampfen. Es folgt eine Galerie mit Bildern aus dem Film, und beigelegt ist ein 28-seitiges Booklet.

Fazit

Inhaltlich wie formal unbeholfener und unfreiwillig komischer Film-Trash: Schon 1958 wurde tüchtig darüber gelacht, was heute erst recht spöttisches Grinsen provoziert. Dennoch unterhaltsam und als Zeitzeugnis interessant.

Wertung: 5

Bilder: © Anolis Entertainment

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