Hundreds of Beavers

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Jean Kayak betreibt im Grenzland zwischen den USA und Kanada eine Apfelplantage. Aus den Früchten brennt er einen Schnaps, der Fallensteller und Trapper aus dem ganzen Umland anlockt. Jean sitzt zwischen seinen Gästen, lässt sich volllaufen und feiert mit ihnen im Schatten zweier gewaltiger Fässer voll des guten Apfelschnapses.

Doch er verliert alles, als räuberische Biber ein Auge auf seine Fässer werfen. Sie überfallen und berauben ihn, wobei eines der Fässer, Jeans Haus und seine Plantage vernichtet werden. Ganz allein und nur mit seinen Kleidern auf dem Leib bleibt Jean in der winterkalten Wildnis zurück.

Er versucht sich als Jäger, wird aber von Hasen, Bibern, Fischen u. a. prinzipiell essbaren Tieren verspottet, an der Nase herumgeführt und sogar verprügelt. Glücklicherweise nimmt sich ein erfahrener Trapper Jeans an und lehrt ihn zu jagen und zu fischen. Das ist auch deshalb wichtig, weil der junge Mann sich inzwischen verliebt hat: Der einzige Händler der Gegend hat ein schönes Töchterlein, das auch nicht abgeneigt ist. Doch der strenge Vater will nur einen Schwiegersohn akzeptieren, der ein großer Trapper ist!

Jean lernt schnell, und als sein Mentor von Wölfen gefressen wird, übernimmt er dessen Revier. Die Biber werden argwöhnisch und setzen zwei Detektive auf ihn an. Sie spüren Jean auf, schalten ihn aus und schleppen die kostbaren Pelze in ihre Burg. Jean schleicht ihnen nach, denn seine Braut und vor allem ihr Vater warten auf ihn und seine Beute. Im Inneren der Burg wird Jean ertappt und muss gegen die Bewohner kämpfen, seine Pelze finden und den Start einer Rakete sabotieren, die von den Bibern gerade startfertig gemacht wird ...

Eine irre Idee und ihre Umsetzung

Wenn diese Inhaltsskizze bereits für Verwirrung sorgen sollte, dürfte sich dies zu blankem Unglauben steigern, weiß man zusätzlich, dass dies ein Schwarz-Weiß-Film ist, der zu allem Überfluss stumm gedreht wurde! Es gibt nur Musik, Soundeffekte und verzerrte Wortfetzen, die menschliche Sprache ersetzen.

Aber der Wahnsinn geht weiter: Dies ist kein Zeichentrickfilm! Sämtliche Darsteller werden von Menschen gespielt. Das schließt die zahllosen Tiere ein. Sehr wichtig war Mike Cheslik, dem Mit-Schöpfer dieses Werkes (Regie, Drehbuch, Schnitt), dass die Kostüme möglichst billig waren und als solche umgehend zu erkennen sind. Also bestellte er sie per Internet aus China, das bekanntlich die Heimat minderwertigen Online-Plunders ist.

Überhaupt konnte Cheslik nur 150.000 Dollar in diesen Film investieren. Es dauerte zwei Jahre, bis er gezeigt werden konnte. Im ersten Jahr drehte Cheslik Szenen der ersten Hälfte, die er dann potenziellen Investoren präsentierte. Es kam genug Geld für die Vollendung der Dreharbeiten und die aufwändige Nachbearbeitung zusammen. Der Film zeigt nicht nur „hunderte von Bibern“, sondern prunkt auch mit Spezialeffekten, die es sicher nicht an Qualität, aber zahlenmäßig mit Hollywood-Blockbustern aufnehmen können.

Irrsinn mit Methode

Cheslik schuf die Tricksequenzen mit der Software „Adobe After Effect“. Der Technik stellten er und Drehbuchmitautor (sowie Hauptdarsteller) Ryland Tews eine völlig absurde, mit Gags gespickte Story gegenüber, die dennoch einer Geschichte folgt. Inhaltlich und formal orientierten sich die Filmemacher an klassischen Vorbildern der Stummfilm- und Slapstick-Ära, die sie mit den überdrehten Eskapaden früher US-Cartoons kombinierten. Vor allem die „Loony Tunes“ der Warner Bros. sorgten für die notwendige Dosis (nicht gänzlich unschuldiger) Schadenfreude und Bosheit; ein Gegensatz, der zuverlässig für Heiterkeit sorgt.

Die menschlichen Darsteller und die Tiere des Waldes bewegen sich durch echte Landschaften, die durch nachträglich integrierte Elemente und Effekte bizarr verfremdet wurden. Biberburg, Wolfshöhle, Wald: Wo ein Gag es erfordert, wird die Realität außer Kraft gesetzt. Auch hier kommt es nicht darauf an, den Effekt zu ‚verstecken‘. Er soll sichtbar sein, um einen in sich geschlossenen Mikrokosmos zu definieren, der nicht den bekannten Naturgesetzen folgen muss. Das hat man in dieser Konsequenz und Souveränität selten gesehen; so 1958 in der tschechischen Jules-Verne-Verfilmung von Karel Zeman („Vynález zkázy“; dt. „Die Erfindung des Verderbens“).

Das Ergebnis ist keineswegs jene bemühte, meist ins Leere laufende ‚Komik‘, die gern als „Trash“ getarnt wird. „Hundreds of Beavers“ ist kein Trash. Die Sorgfalt bei der Herstellung einer eigenen Welt ist jederzeit sicht- und hörbar: Der Film ist nur stumm, weil die Figuren nicht sprechen. Ihre Worte werden durch Ausrufe, Wehlaute, Schreie u. ä. Lautäußerungen ersetzt. Auch hier hat Cheslik ausgiebig gefeilt, sodass der Film eine akustische Ebene besitzt, die sich gleichwertig zur Optik gesellt.

Im Kampf gegen Naturgewalten & fiese Nagetiere

Jean Kayak ist der „reine Tor“, wie er vor allem in der Frühgeschichte der Filmproduktion die Handlung bestritt. Im klassischen Stummfilm haben u. a. Charles Chaplin, Buster Keaton oder Harold Lloyd diese Figur immer wieder aufgegriffen. Jean ist nicht dumm, aber naiv und unerfahren. Nun wird er mit dem Leben konfrontiert, das ihn übertölpelt. Unverdrossen rappelt er sich wieder auf und stellt sich erneut der Herausforderung. Irgendwann kommt eine schöne, aber faktisch unerreichbare Maid ins Spiel. Die Liebe und das Glück des Tüchtigen sorgen schließlich für ein Happy-End: Der junge Mann bekommt sein Mädchen und hat es auch geschafft, reich und berühmt zu werden.

Dieses Konzept schreit geradezu nach der Parodie. Ein Jahrhundert nach dem Stummfilm ist die Gegenwart durch Erfahrung nicht klug, sondern zynisch geworden: So funktioniert die Welt nicht! Cheslik und Tews zollen dem ausgiebig Tribut, denn ihr Jean Kayak bleibt nur deshalb der Handlung erhalten, weil er mit der Unsterblichkeit einer Comicfigur ausgestattet ist. Er stürzt immer wieder von hohen Bäumen, wird durch die Luft geschleudert, von Waldtieren zusammengeschlagen, fällt ins Feuer, ins Wasser, in tiefe Fallgruben ... Da er extrem langsam lernt, wiederholen sich solche ‚Unfälle‘ ständig. Dies sorgt für „running gags“, die typisch für die Handlung sind.

Für groteske Situationen sorgen auch die Konfrontationen mit den Tieren der Wildnis, die in der Regel nur ein wenig schlauer sind als Jean. Vor allem die Biber bilden eine Art Schwarmintelligenz. Sie bauen eine wahre Trutzburg, in deren Inneren eine Holzindustrie auf Hochtouren läuft! Es gibt sogar eine eigene Abteilung, in der Biber-Wissenschaftler Jeans Apfelschnaps als Treibstoff für eine Rakete verwenden (deren Start dank der Tölpeligkeit unseres ‚Helden‘ gründlich und spektakulär misslingt). Als die Biber misstrauisch werden, schicken sie zwei Nager aus, die sich durch ihre Kleidung unschwer als „Sherlock Holmes“ und „Dr. Watson“ identifizieren.

Keine Logik, aber Spaß

Zu den lobenswerten Leistungen der beiden Filmemacher zählt die Ausgewogenheit eines Scripts, das den Film ungeachtet seiner Laufzeit von knapp zwei Stunden jederzeit trägt. Natürlich kann nicht jeder Gag zünden. Doch es bleibt wenig Zeit, dies zu registrieren, weil im Anschluss etwas geschieht, das dieses Manko ausgleicht. Chesliks Manie, den „running gag“ in alle möglichen Richtungen auszuloten, erinnert an die „Looney Tunes“ um Wile E. Coyote und seine ewige, erfolglose, schmerzhafte Jagd nach dem Road Runner.

Ungeachtet der Überzeichnung füllt Ryland Tews die Hauptrolle voller Bravour aus. Jean Kayak ist dämlich, nett, verliebt, aber auch gemein, hinterlistig und vor allem stets entschlossen, sich in jede noch so hoffnungslose Lage zu bringen! Tews ist slapsticktauglich, kann erstaunlich überzeugend stolpern und fallen. Nach und nach bringt er sogar so etwas wie Realismus ins Geschehen: Jean lernt nicht nur, in der Wildnis zu überleben. Er beginnt sie auszubeuten. Zwar reiht er sich offiziell im Namen der Liebe zur schönen Händlertochter an der Spitze der Nahrungspyramide ein, aber letztlich rottet er die Biber, Wölfe und Hasen, die ihm anfangs Paroli geboten haben, buchstäblich aus.

„Hundreds of Beavers“ gehört zu den Filmen, den man mehrfach anschauen muss. Cheslik und Tews haben die Filmgeschichte nicht nur in die Drehbuchstruktur integriert. Viele Szenen erinnern an berühmte Vorbilder und Darsteller; selbst das Filmplakat ist eine Reminiszenz; hier an den späten Slapstick-Klassiker „It’s a Mad, Mad, Mad, Mad World“ (1963; dt. „Eine total, total verrückte Welt“). Man kann dies bei einer ersten Sichtung gar nicht erfassen. Muss man eigentlich auch nicht, denn „Hundreds of Beavers“ erfüllt die primäre Aufgabe eines Films: Sind Story und Umsetzung im Einklang, spielt der ‚Sinn‘ keine Rolle. Innerhalb von hier 108 Minuten muss die Geschichte innerhalb der abgesteckten Grenzen funktionieren - und das tut sie!

Die Suche nach dem Publikum

Dass „Hundreds of Beavers“ bei den etablierten Filmstudios nicht auf offene Augen und Ohren (und Geldbörsen) stoßen würde, war Cheslik und Tews bewusst. Sie realisierten ihren Film deshalb unabhängig, was ihnen die Sicherheit garantierte, ihn ohne Änderungsanweisungen von „oben“ zu drehen. Dass ihr Konzept funktionierte, hatten sie bereits festgestellt, als sie 2018 die Abenteuer-Parodie „Lake Michigan Monster“ drehten, die auf diversen Filmfestivals für die erwünschte - positive - Resonanz sorgte.

Auch „Hundreds of Beavers“ fand begeisterte Zuschauer. Einen ‚normalen‘ Filmstart wollte das Macherduo trotzdem nicht riskieren. An Einkünfteschauer war ohnehin nicht zu denken, also übernahmen sie auch die Vermarktung. Da sich die Kosten in Grenzen hielten, mussten sie keine Zig-Millionen-Gewinne generieren. „Hundreds of Beavers“ wurde zunächst als Download zur Verfügung gestellt. Ausgerechnet in Deutschland war der Erfolg so groß, dass der Film auf DVD und Blu-ray gepresst wurde. Insgesamt hat er weltweit inzwischen mehr als 2 Mio. Dollar eingespielt. Das mag im Vergleich mit Blockbustern aus dem DC oder Marvel-Universum lächerlich klingen, sorgt aber umgerechnet für einen Reingewinn, der sich sehen lassen kann!

Vor allem die Blu-ray-Ausgabe erfreut durch heutzutage nicht mehr selbstverständliche Features. Sie passen sich zum Teil dem Hauptfilm an. So gibt es den Audiokommentar der Filmemacher in drei Versionen: nüchtern, angetrunken, völlig betrunken. Hinzu kommen diverse Szenen, die es nicht in den Film geschafft haben.

Fazit

Dass sich Filmschaffen außerhalb tief eingefräster Erfolgsmuster weiterhin lohnen kann, beweist diese schräge, aber liebevoll hergestellte und über die gesamte Laufzeit unterhaltsame Mischung aus Trick- und Realfilm.

Wertung: 7,5

Bilder: © Lighthouse Home Entertainment

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