Old

Film-Kritik von Michael Drewniok / Titel-Motiv: © 2021 UNIVERSAL STUDIOS

Die Jahre verfliegen…

Die Ehe von Guy und Prisca Cappa ist am Ende. Sie hat ihn betrogen und ist außerdem an einem Tumor erkrankt. Bevor das Paar sich trennt bzw. die Kinder Maddox und Trent informiert, soll ein letzter Urlaub als Familie verbracht werden. Prisca hat ein verlockendes Angebot aus dem Internet gezogen das sich vor Ort als echtes Schnäppchen entpuppt: Traumhaft irgendwo in tropischer Pracht gelegen, bietet das Resort alle erdenklichen Annehmlichkeiten.

Dazu gehört der ‚Geheimtipp‘ des Managers. Er verweist auf einen Strand, der nur ‚auserwählten‘ Gästen offenbart wird. Mit den Cappas werden einige andere Urlauber an den Eingang einer Höhle gebracht, die allein den Durchgang zum von hohen Felsen umgebenden Strand ermöglicht. Dieser ist in der Tat paradiesisch und sorgt unter den Anwesenden für Entzücken, das allerdings in Entsetzen umschlägt, als der Leichnam einer jungen Frau angeschwemmt wird - um in kurzer Zeit zum Skelett zu verfallen!

Natürlich will man den Strand umgehend verlassen, aber das ist nicht möglich. Der Rückweg durch die Höhle endet stets mit einer Ohnmacht. Die Handys funktionieren nicht. Die Wellen verhindern eine Flucht durch das Wasser, und die Felsen sind zum Erklettern zu steil.

Der wahre Horror enthüllt sich der ratlosen Gruppe erst noch: Aus irgendeinem Grund beschleunigt sich der Alterungsprozess ihrer Körper. Eine halbe Stunde entspricht einem Lebensjahr. Die Folgen sind dramatisch: Die Kinder Maddox, Trent und Kara wachsen binnen Stunden zu Erwachsenen heran. Ihre Eltern werden zu Greisen. Man findet deutliche Indizien dafür, dass bereits früher Menschen an diesem Strand waren. Außerdem wird man aus der Ferne beobachtet und gefilmt. An Hilfe ist nicht zu denken.

Als die Gruppe zu diesem Schluss gekommen ist, hat es bereits Opfer gegeben, denn offensichtlich leiden die meisten Anwesenden an Krankheiten. Arzt Charles wird wahnsinnig und zum Mörder. Weitere Mitglieder der Gruppe sterben bei vergeblichen Fluchtversuchen. Der Strand wird auch zu ihrem Grab werden …

Anspruch vs. Umsetzung: ein uraltes Dilemma

M. Night Shyamalan gehört zu jenen Filmemachern, die polarisieren. Die einen lieben seine stets hochprofessionell in Szene gesetzten Werke mit ihren trickreichen Wendungen, die ihren Höhepunkt in einem spektakulär-überraschenden Finale finden. Die anderen hassen ihn, weil ihm genau dies nur selten gelingt, nachdem er die Latte mit „The Sixth Sense“ (1999) und „Unbreakable“ (2000) so hoch gelegt hatte, dass er sie selbst seither nicht mehr erreichen konnte.

Zwar rappelte sich Shyamalan als wahrer Profi trotz diverser Mega-Flops mehrfach wieder auf, doch sein Renommee ist angekratzt. Schlimmer noch: Er wurde zu einem jener Pechvögel, auf die sich die „hater“ des Internet-Zeitalters nur zu gern stürzen. Irgendwie kann es Shyamalan unabhängig von der Qualität seiner Werke niemand mehr recht machen, obwohl er als Regisseur einen bemerkenswerten Blick für eindrucksvolle Bilder und Szenen besitzt.

Der Drehbuchautor Shyamalan kann da nicht mithalten. Auch „Old“ legt seine Schwächen offen. Während er im Bund mit Kameramann Michael Gioulakis für einen wahren Bildrausch sorgt und durchaus an zitierte Vorläufer wie „Picknick am Valentinstag“ (1975) u. a. Klassiker des Mystery-Kinos anknüpfen kann (wozu auch eine ‚echte‘ Filmmusik beiträgt), gerät die Geschichte immer wieder ins Stolpern. Primärverantwortlich ist wohl Shyamalan selbst, der sich nicht zwischen ‚Kunst‘ und ‚Spannung‘ entscheiden bzw. beides nicht miteinander verschmelzen kann.

Der Strand zwingt zur Wahrheit

Dafür steht exemplarisch die final entweder befriedigend aufgelöste oder jegliche Mystik über den Haufen werfende Divergenz zwischen Mystery und Thriller. Erstere benötigt keine Erklärung, die ihr in der Regel sogar den Garaus macht. Es folgt ein sich in die Länge ziehender Epilog, der nirgendwo hinführt, denn was Shyamalan uns ‚lehren‘ wollte, hat als Lektion bereits am Strand sein Ende gefunden.

Dort schwanken die von der Zeit Gefangenen zwischen wirren Fluchtversuchen, dem Kampf mit übergeschnappten Leidensgefährten und der Erkenntnis, dass man seinem Schicksal nicht entrinnen wird. Was sich normalerweise über Jahrzehnte hinzieht, muss hier auf den Punkt gebracht werden: Wie werden wir mit dem Alter und dem damit einhergehenden körperlichen und geistigen Verfall fertig?

Die daraus resultierenden Möglichkeiten spielt Shyamalan im Mittelteil seines Films langsam, aber konsequent sowie bewegend durch. Entweder erliegen die Betroffenen ihrem Schicksal voller Grauen, oder sie akzeptieren es und finden ihren Frieden. Für diesen Prozess stehen die vier Mitglieder der Familie Cappa, während der Rest der Gestrandeten die unerfreulichen = gruseligen Aspekte der rasanten Alterung demonstrieren müssen und dabei eher Klischees verkörpern.

Film für sämtliche Fraktionen

Obwohl „Old“ für ein heutzutage bescheidenes Budget von 18 Mio. Dollar entstand (aber als Film deutlich ‚wertiger‘ wirkt), wollte Shyamalan offenbar das Risiko eines philosophieträchtigen „Arthouse Movies“ vermeiden. Wie so oft versucht er auf Biegen und Brechen Zuschauererwartungen zu erfüllen, die entweder nicht zueinanderpassen oder sein Talent überfordern: „Old“ wechselt immer wieder und nicht gerade bündig zwischen Metaphysik und „body horror“.

Schon dass die Kamera meist, aber eben nicht immer abblendet, wenn es blutig und hässlich wird, zeugt von Unentschlossenheit. Darüber hinaus sind die Masken als Spezialeffekte nur bedingt überzeugend. Oft lässt sich das im Rahmen des simulierten Alterungsprozesses dick aufgetragene Make-up als solches erkennen. Überhaupt sorgt der Flug der Jahre nur dort für Eindruck, wo aus Kindern erst Teenager und dann Erwachsene werden: Hier verkörpern mehrere Darsteller unterschiedlichen Alters dieselben Rollen.

Vieles ist gelungen, vieles nicht: Da das Positive nachhaltig wirkt, lässt sich das Negative zwar nicht vergessen, aber weitgehend verschmerzen. „Old“ ist auf jeden Fall interessant gescheitert - ganz sicher nicht formal, aber inhaltlich. Wieder einmal bestätigt sich schmerzhaft, dass die Lösung dem Rätsel niemals gerecht werden kann. Nicht zum ersten Mal tappt Shyamalan allzu selbstbewusst in diese Falle. Dass wir ihm dorthin folgen, verrät freilich die Kunst eines Geschichtenerzählers, der uns erneut locken kann.

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Fotos: © 2021 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.

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