Primitive War

Film-Besprechung von Michael Drewniok

1968 tobt der Krieg in Vietnam mit unverminderter Härte. Dem Guerillakampf des Vietcong haben die US-Truppen wenig entgegenzusetzen. Große Schlachten vermeidet der Gegner, Angriffe erfolgen aus dem Hinterhalt, die Verluste sind hoch. Die Soldaten reagieren brutal, der Dauerstress beeinträchtigt die Psyche, Kriegsverbrechen sind an der Tagesordnung.

Sergeant Baker führt die „Vulture Squad“, eine besonders harte, aber auch gezeichnete Truppe. Sie schleicht sich hinter die feindlichen Linien, um dort die Aktivitäten des Vietcong und seiner sowjetischen Verbündeten auszukundschaften. Dieses Mal ist der Auftrag besonders geheim, eilig und gefährlich: In einem abgelegenen Tal verschwand eine Gruppe „Green Berets“. Baker soll feststellen, was los ist.

Er und seine Männer werden in der Nacht abgesetzt. Schon bald wissen sie, was in der Dunkelheit lauert: Überall treiben sich Dinosaurier herum! Besonders heimtückisch sind intelligente Raptoren, die im Rudel jagen, aber auch zwei gigantische, ihre Brut hütende Tyrannosaurier sind hartnäckige (und schussfeste) Gegner.

Auf der Flucht vor den Echsen treffen die Männer auf die Russin Sofia. Sie gehörte zu einem Team, das für den fanatischen General Borodin arbeitete, der tief im ausländischen Dschungel einen Teilchenbeschleuniger als Waffe testen soll. Stattdessen öffnete die Maschine ein Wurmloch, aus dem seither die Saurier stürmen.

Die Wissenschaftler um Sofia sind alle tot und gefressen, aber Borodin hält noch immer den Teilchenbeschleuniger in Gang. Der muss unbedingt ausgeschaltet werden, weshalb sich Baker & Co. auf den Weg zur Station der Sowjets machen. Vor ihnen haben die sich gut verschanzt, und von hinten stellen ihnen nicht nur die Saurier, sondern auch Nordvietnamesen und Russen nach ...

Plot als provisorischer Rahmen

Um diesen Film so zu besprechen, wie er es verdient, muss man gewisse Rahmenbedingungen festsetzen. In erster Linie sollten die Zuschauer auf jeglichen „Anspruch“ verzichten, der mit „Filmkunst“ gleichgesetzt wird. Das wird denen, die beispielsweise regelmäßig die Streifen aus dem „Marvel“- oder „DC“-Multiversum goutieren, nicht schwerfallen.

Doch es gilt noch einen Schritt weiter zu gehen: Genannter Comic-Dummfug gibt sich zumindest den Anschein, gänzlich imaginäre Welten ‚real‘ wirken zu lassen, indem ‚zwischenmenschliche Gefühle‘ eingebaut werden. Das misslingt bzw. ist unwichtig, weil solche Bemühungen sich in ad nauseam wiederholten Klischees erschöpfen.

Auch „Primitive War“-Regisseur Luke Sparke (= Drehbuch-Mitautor, Produzent, Cutter und noch in weiteren Funktionen nachspannpräsent) will sein Werk veredeln, indem er in Vietnam-Tragik und Kritik schwelgt. Dabei benutzt er ausschließlich den Holzhammer, weshalb sich solche Aufwallungen höchstens mit Humor ertragen lassen. Sucht man nach einer Story, die so dünn, über alle Inhaltsspannung hinaus ausgewalzt, schlicht dämlich und lächerlich ist wie diese, wird man normalerweise von auf Trash spezialisierten Filmfabriken wie „Asylum“, „Syfy“ oder „Full Moon“ bedient (oder belästigt).

Apokalypse Now in der Verlorenen Welt

Würde „Primitive War“ in diese Schublade passen, wäre eine Besprechung überflüssig: Solche Streifen entstehen - meist als „Mockbuster“, die sich inhaltlich an aktuellen Kinoerfolgen ‚orientieren‘ - ohne echtes Budget, um möglichst rasch möglichst viele Kunden zu täuschen, die ihr Geld ahnungslos in solchen Mist investieren sollen.

Tatsächlich ist „Primitive War“ sogar ein Mockbuster: Das Drehbuch ist eine dreiste Zusammenstellung von Szenen und Figuren, die wir aus Vorgängerproduktionen sehr gut kennen. Natürlich ist hier die „Jurassic-Park“ bzw. „Jurassic-World“-Serie zu nennen, aber mehr als präsent ist auch „Apocalypse Now“ (1979). Sparke hat sich mächtig angestrengt, um nach diesen Sternen zu greifen. Einerseits hat er sich peinlich verhoben, andererseits aber eines entscheidend richtig gemacht: Schon die genannten Großfilme wurden als B- und C-Movies kopiert, von Psychologie und Logik weitgehend befreit und als reine Spektakel inszeniert.

In dieser Hinsicht steigert sich „Primitive War“ nach einer langen, lahmen Exposition und unter weitgehender Ausblendung trivialer, plump ins Geschehen getriebener Als-ob-Gefühle zu einem Action-Gewitter, bei dem einem Augen und Ohren übergehen! Was hier für angeblich 7 oder 8 Mio. Dollar (!) entstand, müsste dem aufgeblähten Hollywood-Apparat die Schamröte in die Gesichter treiben. Ein „Jurassic-World“-Film kostet mindestens das 20-fache, doch „Primitive War“ kann optisch nicht nur mithalten, sondern sogar neue Maßstäbe setzen.

Gib dem Publikum, was es will

Vor allem schon ältere Genreliebhaber erinnern sich seufzend an Filme, in denen Saurier ihr Unwesen treiben sollten. Was man tatsächlich sah, waren Männer und Frauen, die miteinander diskutierten und Konflikte durchdeklinierten, die niemand interessierten: Wir wollten Saurier sehen! Aber die waren Handarbeit und kostspielig, sollten sie auch nur halbwegs ‚echt‘ wirken, weshalb die Filmzeit mit möglichst vielen Füllseln gestreckt wurde. Die digitale Technik änderte lange nichts daran: Was gut aussehen soll, benötigt weiterhin Zeit und Geld. Frühe CGI-Effekte sind schlimm gealtert; selbst „King Kong“ von 1933 - auch hier hat sich Sparke bedient - kann mit ‚handgemachten‘ Tricks noch heute fesseln, weil sie die Phantasie auf eine Weise anregen, die Mängel kompensiert.

Genau dies gelingt wider Erwarten Luke Sparke. Je mehr Handlungszeit verstreicht, desto mehr Saurier tauchen auf! Das Erstaunliche ist deren Erscheinungsqualität. Dies sind keine digital mühsam in Bewegung gesetzten Byte-Phantome, die sich so lange wie möglich im Dunkeln halten, hinter Büschen ducken oder nur eine Flosse aus dem Wasser recken. Die Kamera hält drauf, wenn die Kreaturen der Urzeit die Szene betreten. Dabei ist es gleichgültig, ob dies in düsterer Nacht oder im vollen Sonnenlicht, ob an Land oder unter Wasser geschieht oder ob die Saurier laufen, fliegen, schwimmen: Sie sehen immer gut aus!

Wohin, wenn sie überall sind?

Ausgerechnet in einem B-Movie findet man Dinosaurier, deren Aussehen den aktuellen Forschungsstand widerspiegeln. Sie sind nicht langweilig graubraun und warzenhäutig, sondern bunt und haben Federn. Darüber hinaus führen sie sich nicht wie tumbe Bestien auf, sondern zeigen Rudelintelligenz, Kindesfürsorge, Zuneigung. Sie wirken ‚böse‘, weil sie groß und hungrig sind. Doch sie bleiben Tiere, was auch an einer Stelle deutlich zur Sprache kommt.

Vor allem aber sind sie agil. Langsam (bzw. gravitätisch) bewegen sich höchstens die harmlosen, titanischen Pflanzenfresser. Dinosaurier waren nachweislich keine lahmen Reptilien, die stundenlang von der Sonne aufgeheizt werden mussten, um auf ‚Betriebstemperatur‘ zu kommen. Sie konnten ihren Kreislauf bereits steuern, weshalb sie u. a. auf dieser Erde sogar dorthin vorstießen, wo es eiskalt und dunkel war und blieb.

Die daraus resultierende Schnelligkeit wird geschickt für das Geschehen adaptiert, wenn die schwer bewaffneten und kampferprobten Männer überrumpelt und überrannt werden: Dieser Gegner hat nicht nur den Heimatvorteil, sondern verfügt auch über die nötige Durchschlagskraft! Das wird buchstäblich krachend in Bilder umgesetzt, in denen Männer und Saurier durcheinanderlaufen, miteinander kämpfen, flüchten, gepackt und zerrissen bzw. von Kugeln durchlöchert werden. Dazu lodern Flammen, lassen Explosionen Trümmer fliegen: Man weiß kaum, wohin man schauen soll, weil das Breitformatbild bis über den Rand hinaus mit Action gefüllt ist.

Mist zu Gold (bzw. wenigstens Bronze) spinnen

Nicht Luke Sparke ist der Held hinter der Kamera. Er hat ungeschickt umgesetzt, was ihm hauptsächlich von Ethan Pettus vorgegeben wurde. Der hat „Primitive War“ nicht nur als Roman geschrieben, sondern aus dieser einen Idee - Saurier springen überall auf dieser Welt aus Wurmlöchern und müssen von stets unterlegenen, aber kämpferischen Haudegen zurückgeschlagen werden - ein trivialliterarisches Franchise geschaffen, das er mit inhaltlich leicht variierten und formal schlichten Folgebänden beliefert. (Der Fisch folgt dem Wurm: „Primitive War 2“ ist für 2027 angekündigt ...)

Wenn Sparke imposante Bilder gelingen, dann wohl eher, weil er über einen Kameramann wie Wade Muller verfügte. Was dieser gemeinsam mit einem Heer enthusiastischer Effektspezialisten (die offenbar für trockenes Brot und Freibier arbeiteten) leistet, ist staunenswert! Sobald sich die Perspektive weitet und die Kamera in die Ferne blickt, sieht man nicht nur fantastische Landschaftsaufnahmen, sondern darin oft auf mehreren Ebenen Menschen und Tiere, die sich harmonisch in das Bild fügen. (Im Gedächtnis haftet dabei eine Szene, in der drei erstaunte Elefanten neben einigen Triceratops-Echsen stehen: Vergangenheit trifft Gegenwart, und hier verträgt man sich.)

Noch bemerkenswerter ist das Geschick, mit dem Muller Licht und Schatten einzusetzen weiß. Ein Tyrannosaurier wird von künstlichem Licht und Feuer ‚beleuchtet‘, und dieser Widerschein interagiert perfekt mit seinen Bewegungen, springt über Haut und Zähne, verliert die Bestie und findet sie wieder - das alles in einem Höllentempo und ungemein die Stimmung treibend (sowie die weniger gelungenen CGI-Effekte ausgleichend). Auch im Detail geht es zur Sache: „Primitive War“ weist diverse Splatterszenen auf, die B-Movie-gerecht drastisch ausfallen.

Schauspieler sind auch dabei

Luke Sparke wollte für „Primitive War“ wohl mehr Menschen vor der Kamera sehen, nachdem sein „Scurry - They Came from Below“ (2024) ein Kammerspiel für zwei Personen gewesen war. Nunmehr tummeln sich ganze Scharen von Darstellern im Tal der Dinosaurier. Dass wir uns nur einige Gesichter (mühsam) merken können, ist nicht dem Trubel geschuldet, sondern abermals einem Drehbuch, das auch in der Figurenzeichnung ausschließlich Vietnam-Tropes aufbietet. (Man hat überhaupt in keiner Sekunde den Eindruck, sich in Südostasien zu befinden.)

Dass sie nur die zweite Geige neben den Sauriern spielen würden, dürfte den Schauspielern bekannt gewesen sein. Sie liefern ab, was verlangt war: Präsenz, Beinarbeit, lautes Geschrei und die Fähigkeit, sich vor einer Kugel am Stock zu fürchten, die dort geschwenkt wird, wo später eine Donnerechse einzufügen ist. Camouflage, geschwärzte Gesichter, Dreck und Dunkelheit egalisieren die Darsteller zusätzlich. Ryan Kwanten mit seinem wie aus Legosteinen zusammengesetzten Gesicht hakt ein weiteres Filmprojekt ab, in dem er gegen Bösewichte der dies- und jenseitigen Welt antritt. Um „Primitive War“ auf dem US-Markt vertreiben zu können, wurden auch zwei Hollywood-‚Stars‘ angeheuert. Dass es nur für die Fließband-Mimen Jeremy Piven und Tricia Helfer reichte, sagt mehr über das Budget aus als die Tricktechnik!

Man muss zwischen Murks und Flitter trennen. Was im Trash-Kino der 1980er und 1990er Jahre begann, sich in den Direct-to-Video-Heulern späterer Jahre fortsetzte und heute in den Streaming-Bereich drängt, mag aus Kritikersicht zum Bodensatz der Filmgeschichte gehören. Doch man urteile milder: In einem Berg aus Schutt finden sich immer wieder kleine Diamanten. Bricht man „Primitive War“ auf den Spaßfaktor herunter, sorgt eine Sichtung für Stielaugen. Geld ist heutzutage kein Hindernis für großes Effektkino mehr. Das grundsätzliche Problem ist interessanterweise so alt wie der Film selbst: Wenn Plot und Drehbuch schlampen, müssen es erst die Schauspieler und dann die Zuschauer ausbaden.

Fazit

Viel zu lang geratenes, thematisch überfrachtetes und mit Pappkameraden besetztes Action-Horror-SF-Abenteuer, das allerdings überdurchschnittliche Spezialeffekte bietet und sich im letzten Drittel zu einem Spektakel entwickelt, das in Unterhaltungswucht und Tempo wesentlich kostspieligere Filmproduktionen hinter sich lässt: Popkorn-Kino reinsten Wassers!

Wertung: 6,5

Bilder: © Sparke Films Pty Ltd

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