Return to Silent Hill
Film-Besprechung von Michael Drewniok
Unsterblich hatte sich Maler James Sunderland in die betörende Mary Crane verliebt, die dieses Gefühl zwar erwiderte, aber hässliche Familiengeheimnisse andeutete: In Silent Hill, ihrer Heimatstadt, hatte ihr Vater einst einen Kult ins Leben gerufen und viele Menschen ins Unglück gestürzt. James war dies zunächst gleichgültig. Er folgte Mary nach Silent Hill. Als er dann feststellte, wie tief auch sie im Sektensumpf steckte, verließ er sie.
James kam zum Säufer herunter. Er musste sich in psychiatrische Behandlung begeben, ist jedoch ein schwieriger Patient, der die Ratschläge seiner Therapeutin ignoriert. Als ihn eines Tages ein Brief erreicht, in dem Mary inständig um Hilfe bittet, macht James sich natürlich sofort auf den Weg nach Silent Hill.
Der direkte Weg in die Stadt ist versperrt. Schreckliches ist dort geschehen. Erst brannten ganze Viertel nieder; die Luft ist noch immer rauchvergiftet, Ascheflocken rieseln vom Himmel. Außerdem kamen die meisten Einwohner durch eine Seuche um. Verfall und Wahnsinn beherrschen die Ruinen - und bizarre Kreaturen, die sich hartnäckig an die Fersen des durch die Straßen irrenden James’ heften.
Wo ist Mary? Lebt sie überhaupt noch? Die wenigen Menschen, auf die James trifft, verneinen es, aber er gibt nicht auf, obwohl sich zu allem Überfluss nach lautstarkem Sirenenalarm eine fremde Dimension über Silent Hill stülpt, in der erst recht grässliche Monster hausen. Stets verfolgt und in die Enge getrieben, nähert sich James dennoch der Stätte, an der er Mary vermutet - und in gewisser Weise sowie zu seinem Unglück liegt er richtig ...
Unter den Fäusten der Fans
Nichts übertrifft den Zorn von Fans, die sich umsonst auf die Fortsetzung einer liebgewonnenen Geschichte gefreut haben. In der Regel resultiert ihre Enttäuschung aus der Tatsache, dass dem Originalwerk eine formal wie inhaltlich minderwertige Variante folgte. Zorn kann aber auch aufflammen, sollte die gewünschte Blaupause zu eigenständig sein: Die Liebe zu einer Geschichte speist sich aus liebgewonnenen Figuren und Situationen. In unserem Fall addiert sich zum Film die Existenz des 1999 vorgestellten Games „Silent Hill“, das in der Fanszene als Klassiker gilt.

„Silent Hill 2“ kam 2001 auf den Markt und faszinierte mit einer Story, die ungeachtet der aus jedem digitalen Busch springenden Ungetüme vielschichtig und melancholisch war und nicht mit den genreüblichen Ballerspielen verwechselt werden konnte. Die Stimmung war düster, und ungeachtet der angejahrten Darstellung setzen Musik und Soundeffekte noch heute Maßstäbe. Erst im Herbst 2024 erschien ein komplettes Remake von „Silent Hill 2“ vom polnischen Entwickler Bloober Team und konnte entgegen der Befürchtungen vieler Fans des Originals auf ganzer Linie überzeugen.
Fünf Jahre nach der Erstveröffentlichung von „Silent Hill 2“ kam ein erster Film zum Game-Franchise, welches inzwischen vier Teile der Hauptreihe umfasste, ins Kino. Inszeniert wurde er vom Franzosen Christophe Gans, der einlöste, was er mit früheren Werken („Crying Freeman“, 1995, und vor allem „Pakt der Wölfe“, 2001) versprochen hatte. „Silent Hill“ gilt als moderner Klassiker des phantastischen Kinos und weckte prompt den Wunsch nach mehr. Dem wollte die Filmwirtschaft gern nachkommen, denn „Silent Hill“ hatte gutes Geld eingespielt und bot somit einem Ausbau des Franchises eine solide Basis.
Manchmal dauert es länger
Regie sollte wieder Christophe Gans bei jenem Film führen, der letztlich unter dem Titel „Silent Hill: Revelation“ veröffentlicht wurde. Dies geschah erst 2012, denn es hatten sich Schwierigkeiten ergeben. Die Produzenten wünschten einen Streifen, der nicht auf Anspruch setzte, sondern eine möglichst hohe Zuschauerzahl anzog; wie gut das funktionieren konnte, hatte u. a. die wie auf Schienen laufende Cash-Cow „Resident Evil“ bewiesen. Doch Gans weigerte sich. Er wollte das Game von 2001 nicht nur als Vorbild nehmen, sondern Inhalt und Stimmung quasi 1:1 umsetzen. Ein Action-Spektakel lag Gans fern, und als er sich mit seinen Vorstellungen nicht durchsetzen konnte, stieg er aus dem Projekt aus. „Silent Hill: Revelation“ war erwartungsgemäß stromlinienförmig und bot viel Action, traf aber aufgrund unübersehbarer Mittelmäßigkeit weder den Nerv der Fans noch den eines im Allgemeinen nicht auf Originalität pochenden Publikums. Als Grundgerüst diente das Spiel „Silent Hill 3“ von 2003, eine direkte Fortsetzung des Original-Games.

Welchen Film hätte Gans gemacht? Die enttäuschten „Silent-Hill“-Fans steigerten sich im Lauf der folgenden Jahre geradezu in diese Frage hinein. Die Antwort lautete - votum est veritas - natürlich: „ein Meisterwerk“! Deshalb stiegen Spannung und Vorerwartung auf ein ungesundes Niveau, als mehr als ein Jahrzehnt nach „Revelation“ nicht nur ein neuer „Silent-Hill“-Film angekündigt wurde: Gans würde am Drehbuch mitschreiben und erneut auf dem Regiestuhl Platz nehmen!
An seiner Vision eines Films, der keine Fortsetzung sein, sondern einer eigenen Vision folgen sollte, hatte sich allerdings nichts geändert. Gans kam auch deshalb damit durch, weil sein Name dem Projekt einen zusätzlichen Booster verlieh und er ein Budget akzeptierte, das nur die Hälfte der Summe umfasste, die ihm 2006 zur Verfügung gestanden hatte. Schon dies hätte für Misstrauen sorgen müssen, aber dem stand eine Tricktechnik gegenüber, die auf dem digitalen Sektor erstaunliche Fortschritte gemacht hatte und Großartiges für schmales Geld ermöglichte. Gans beruhigte außerdem mit dem Hinweis darauf, dass er und sein Team einem ausgeklügelten Drehplan folgen und Kosten durch Professionalität abfangen würden.
Momente der Erkenntnis (und des Ärgers)
Aus seiner Sicht hat er das Ziel erreicht. Objektiv kann man ihm zustimmen: Obwohl vor allem die CGI-Effekte bemault werden, weiß „Return to Silent Hill“ sowohl optisch als auch akustisch zu überzeugen. Zerfall und Fäulnis hat man selten so eindringlich erlebt. Dass die Stadt und vor allem ihre (unheimlichen) Bewohner nicht durchweg ‚realistisch‘ wirken, ist nicht unbedingt dem Budget geschuldet. Was viele Zuschauer nicht zur Kenntnis nehmen (wollen), ist die Tatsache, dass Silent Hill in diesem Film kein existierender Ort ist, den ein seltsames Schicksal in eine Art Zwischendimensionalität gerissen hat.
Dieses Silent Hill ist die Spiegelung einer seelischen Krise und als solche die geistige Ausgeburt von James Sunderland. Die Realität hinter dem phantastischen Geschehen führt letztlich zu einem Bild oder besser: einer Seele, die von Schuld, Obsession und Trauer getrieben wird. Sunderland hat versagt; sogar mehrfach, denn seine Mary hat er verlassen, obwohl er ihr hoch & heilig versprochen hatte, notfalls die Sterne vom Himmel zu holen. Ihr trauriges Ende konnte und wollte Sunderland nicht akzeptieren. Stattdessen hat er sich in den Wahnsinn geflüchtet und sich eine Apokalypse ausgesponnen, in deren Mitte Mary gefangen ist. James will sie und damit auch sich ‚retten‘ und begibt sich auf eine Odyssee, die ihm Schritt für Schritt seine Schuld vor Augen führt.

Diese Hölle sieht aus wie jenes Silent Hill, das wir aus den Games kennen. Tatsächlich könnte die zentrale Geschichte an jeder anderen verfluchten oder hässlichen Stätte spielen. Noch einmal: Silent Hill ist bei Gans kein realer Ort, sondern das Konstrukt einer aus dem Lot geratenen Seele. Dies sorgt für eine Diskrepanz, die seitens der Zuschauer mehrheitlich verweigert wurde. Sie forderten Silent Hill als Schauplatz einer Geschichte, die durchaus melancholische Züge aufweisen darf aber ansonsten in ein phantastisches Abenteuer eingebettet sein soll.
Friss oder stirb - oder beschwere dich
Gans dürfte sich im Klaren darüber gewesen sein, dass man „Return to Silent Hill“ nicht als jene Rückkehr gutheißen würde, die von den Fans ersehnt war. Ungeachtet dessen folgte er seiner Vision. Silent Hill ist ein Echo, seine Bewohner sind Symbole für Sunderlands menschliches Versagen, die ihn jetzt in schrecklich deformierten Gestalten jagen.
Auch diese Instrumentalisierung wird dem Film vorgeworfen. „Pyramid Head“, die armlosen Säurespucker, die Puppenspinne, die gruseligen, auf Pumps schwankenden ‚Krankenschwestern‘, aber auch der verrückte Eddie, der sich in Silent Hill pudelwohl fühlt: Sie und andere aus dem Garne bekannte und beliebte Figuren tauchen in diesem Film durchaus auf. Allerdings fügen sich die Episoden, in denen sie auftauchen, nicht zu einer stringenten Gruselgeschichte. Sie erscheinen, terrorisieren, jagen Sunderland und geben dadurch Kapitel seiner schuldhaft verschlüsselten Erinnerung buchstäblich Gestalt.
Lässt man sich auf Gans’ Version der Story ein, ergibt diese nicht nur Sinn, sondern führt auch zielgerichtet zu einer Auflösung hin, die gleichzeitig neue Hinweise auf eine nur erträumte Realität aufweist. Bis zuletzt weigert sich Gans, das ‚typische‘ Silent Hill in Szene zu setzen.
Diese Trauben hingen wohl zu hoch
Sind also die Zuschauer zu dumm, um ein mehrschichtiges Meisterwerk der Filmkunst zu begreifen? So einfach ist es natürlich nicht. Das Risiko lag bereits in einem Plot begründet, der Silent Hill auf die oben skizzierte Weise entweder nutzte oder missbrauchte. Die Entscheidung lag beim Publikum, während es Gans’ Aufgabe war, es durch seine Vision zu leiten. Doch er reagierte entweder arrogant, unwissend oder allzu hoffnungsfroh: Zuschauer wollen eher selten während des Filmkonsums geistig ‚arbeiten‘ und nach der wahren Story hinter dem Gezeigten fahnden. Das Ergebnis ist wie schon gesagt Ärger aufgrund Überforderung oder gänzlicher Fehlinterpretation.

Hinzu kommt eine Inszenierung, die dem vorgezeichneten Weg nur unzureichend zeichnet. Damit sind nicht die ständigen Sprünge zwischen Zeitstufen, Realität und Einbildung gemeint. Diese sind mit ein wenig Bereitschaft durchaus zu erkennen und einzuordnen. Doch die Handlung selbst leidet unter ihrer visuellen und akustischen Überfrachtung. Dabei ist sie grundsätzlich schlicht.
Zudem können wir James Sunderland nicht leiden. Er ist ein Widerling im aufdringlichen Grunge-Outfit, sobald er mit seinem Proleten-Mustang und aus dem Flachmann saufend ins Bild rast, aber vor allem ist er ein gefühlsarmer Ignorant, der sowohl in der Realität als auch in seinen Visionen nur Kummer und Unheil über die Menschen bringt. Das mag nach Gans seine persönliche Tragik unterstreichen, doch dies teilt sich dem Publikum nicht mit. Jeremy Irvine muss sich keine Vorwürfe machen: Alle auftretenden Schauspieler erzeugen entweder Gleichgültigkeit oder Ablehnung; meist sogar beides. Doch wenn sich Story, Schauplatz und Figuren so konsequent nicht finden wie in „Return to Silent Hill“, wird die eigentliche Botschaft untergehen.
Fazit
Formal beachtlicher, aber inkongruenter Film, dessen Story sich mit dem „Silent-Hill“-Ambiente beißt, statt die geplante inhaltliche Verbindung einzugehen. Da dieses Versagen auch mit dem überambitionierten Drehbuch zu erklären ist, kann die Schuld am Scheitern dieses Films nicht auf ein intellektuell überfordertes Publikum geschoben werden.

Wertung: 5
Bilder: © Leonine


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