The Electric State
Film-Besprechung von Michael Drewniok
In einem alternativen Jahr 1990 brach zwischen den Menschen und den für sie arbeitenden Maschinen und Robotern ein Krieg aus, nachdem letztere ein Bewusstsein entwickelt hatten. Eine geniale Erfindung des Visionärs Ethan Skate brachte den Sieg: Er entwickelte Drohnen, die direkt durch miteinander vernetzte Menschen gesteuert werden konnten. Eine Flut schwer bewaffneten Kriegsgeräts stellte sich den „Bots“ entgegen und besiegte sie. Ein brüchiger Friedensvertrag verbannt sie in ein schwer gesichertes Sperrgebiet an der Südgrenze der USA.
Vier Jahre später hat Skate seinen Neuronenhelm weiterentwickelt. Der menschliche Geist kann sich nun aufspalten. Die eine Hälfte amüsiert sich in Traumwelten, die andere leistet in Drohnengestalt die Alltagsarbeiten. Skates „Sentre“-Konzern ist zu einer Weltmacht geworden. Durch „Neurocaster“-Helme hat er die meisten Menschen seiner Kontrolle unterworfen; sie dämmern in ihren Träumen dahin.
Die junge Michelle Green hasst die allgegenwärtige Technik. Nachdem ihre Eltern und ihr Bruder vor vier Jahren bei einem Verkehrsunfall starben, lebt sie bei einem Neurocaster-süchtigen Pflegevater. Eines Tages schleicht sich verbotenerweise ein Bot bei ihr ein - und outet sich als ihr Bruder Christopher, der nicht gestorben ist, sondern von Skate entführt wurde, denn nur sein einzigartig gepoltes Hirn kann die Neurocaster-Technik am Laufen halten. Christopher konnte seinen Geist in den Bot versetzen und zu seiner Schwester flüchten. Sie soll ihm helfen, auch seinen Körper zu befreien und Sentres Machenschaften ein Ende zu setzen.
Ihre Odyssee führt die Geschwister in die verbotene Zone, wo der Ex-Soldat John und sein Roboterkumpel Herman sich ihnen anschließen. Auch eine Gruppe von Bots, die sich mit ihrem legendären Anführer Mr. Peanut in ein altes Einkaufszentrum zurückgezogen haben, lassen sich zur Hilfe überreden. Die Gefahr ist groß, denn Sentres Augen und Ohren sind überall. Zu allem Überfluss hat Skate den gefürchteten Bot-Kopfgeldjäger Bradbury angeheuert, der in Drohnengestalt den ‚Rebellen‘ immer näher kommt ...
Erwartung kontra Realität
Es lohnt sich immer, ein wenig zu warten, bis sich der Staub legt, den jene Sau aufgewirbelt hat, die zuletzt durch die Stadt getrieben wurde. „The Electric State“ gehört zu den Filmen, mit denen große Erwartungen verknüpft wurden; dies jedoch nicht nur in der Hoffnung auf ein Fest für Augen, Ohren und Hirn, sondern auch, um wie heute üblich dem Startschuss für eine wahre Feuerwalze gnadenloser Verrisse zu geben, abgefeuert von ‚Kritikern‘, die ihre Daseinsberechtigung vor allem oder ausschließlich auf das Negative stützen. Sie filtern es heraus und bauschen es auf, bis es im Echo ähnlich gelagerter Knieschüsse das erhoffte Aufsehen erregt.

„The Electric State“ ist in der Tat ein ‚schlechter‘ Film, wenn man erwartet, hier die poetisch-eindrucksvollen Bilder und vor allem die daraus erwachsenden Stimmungen und Emotionen wiederzufinden, die Simon Stålenhag in seinen Bildromanen erschaffen hat. Der Autor wurde selbst enttäuscht vom Ergebnis, obwohl ihn das Wissen um mehr als ein Jahrhundert Hollywood eines Besseren hätte belehren sollen: Was in die Mühlen der Film-Traumstadt gerät, wird zermahlen und zu einem Drehbuch gegossen, das seine ursprüngliche Intention nur noch im Titel tragen wird, um jene Zuschauer zu locken, die (immer noch) glauben, man würde ihnen eine inhaltlich präzise Umsetzung der Vorlage präsentieren.
Doch dies geschieht höchstens versehentlich und ist ausgeschlossen, wenn ein Film wie dieser mehr als 300 Millionen Dollar in der Herstellung verschlingt. Dieses Geld (plus die Kosten für Werbung) muss eingespielt werden, was nur durch eine möglichst kopfstarke Schar zahlender Kunden gelingen kann. Damit ist die Krux in Worte gefasst: Viele Köche verderben nicht nur den Brei; von ihnen verlangt wird darüber hinaus eine Kost, die allen schmecken soll. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit bzw. führt zu jener Verdummbeutelung, die uns heute „DC“- und „Marvel“-Bildbunt-&-Getöse-Hack u. a. Endlos-Serien bescheren.
Kurzschluss oder Rundkurs?
Diese beiden Franchises werden genannt, weil die Brüder Anthony und Joe Russo - Regisseure von „The Electric State“ - ihre größten (bzw. einzigen) Kino-Erfolge als Räder der „Marvel“-Maschine verzeichnen konnten. Zwischen 2014 und 2019 fügten sie dem populärindustriell gestanzten Filmimperium vier laute, grelle und ungemein einspielträchtige Spektakel hinzu. Von diesem Ruhm zehren sie nun - aber wohl nicht mehr lange, denn spätestens mit „The Electric State“ haben sie unfreiwillig bewiesen, dass sich die „Marvel“-Machart nicht einfach auf andere Stoffe übertragen lässt.
Obwohl Roboter oft enormer Größe die Handlung bestimmen, ist der Grundton völlig anders. Wer den ‚echten‘ Stålenhag erleben möchte, schaue sich die von „Amazon Prime“ gestreamte Serie „Tales from the Loop“ an. Sie gibt jene seltsame, ruhige, unwiderstehliche Mischung aus Retro-Zukunft und „Sense of Wonder“ vor, die auch Stålenhags Bilder und Erzählungen aus dem „Electric State“ prägt.
Ungeachtet dessen wäre es falsch, die Enttäuschung über die eindimensionale Verfilmung allein den Russo-Brüdern zuzuweisen. Sie haben getan, was sie konnten, bisher getan hatten und sicher auch dieses Mal tun sollten. Wesentlich heftiger sollten die Drehbuchautoren gescholten werden, falls es sie gibt: Angesichts der Herkunfts-Paranoia, die sich allmählich auszubreiten beginnt, kann man sich die Fragen stellen, ob wirklich Christopher Markus und Stephen McFeely diesen Storybrei angerührt haben - oder hat bereits eine KI ihre Aufgabe übernommen, die sich dann auf die Politur des Digitalen beschränkte. Zum Thema würde es passen, zumal wir Stanley Tucci als Steve-Jobs-Klon (oder Karikatur) durch die fahrige Handlung hasten sehen.
Sie taten, was möglich war
Die Schauspieler haben ihre Spritzer aus den Kübeln voller Mist abbekommen, die sich über „The Electric State“ ergossen. Sie müssen ihre Gesichter hinhalten, sie macht man automatisch verantwortlich, wenn der berühmte Funke nicht überspringen will. Doch Gold aus Stroh zu spinnen vermag nur Rumpelstilzchen. Schauspieler müssen dem Drehbuch und ihrem Regisseur folgen. Lassen beide sie im Stich, können sie nur versuchen, ihr Bestes zu geben. Meist misslingt es, so auch hier, wo weder die taff-sensible Michelle noch der kecke John, der reuige Dr. Amherst oder der größenwahnsinnige Skate Sympathie bzw. Ablehnung erzeugen können. (Das gelingt ausgerechnet dem Bot Mr. Peanuts; der hat Persönlichkeit!)

Millie Bobbie Brown ist auch ein Opfer jener weiter oben beschriebenen ‚Kritiker‘, die ausschließlich nach dem Haar in der Suppe tauchen. Spätestens jetzt erreicht sie jener „Backlash“, auf den sich vor allem Schauspieler gefasst machen müssen, die früh zu Ruhm und Bekanntheit gelangt sind. Der Auftritt in einem mittelmäßigen Film - und damit sei das Schlussurteil über „The Electric State“ vorweggenommen - gilt nun als in Stein gemeißelter Schwanengesang einer Schauspielerin, die bald vergessen sein wird, wenn es Gerechtigkeit in der Welt gibt, wie besagte Kritiker sie sehen.
Auch Chris Pratt bekommt sein Fett weg - und er hätte weitaus mehr Grund zur Klage, denn seine Rolle ist nicht nur stereotyp, sondern konturlos. Wie eine Billardkugel lässt ihn das Drehbuch zwischen abgebrühtem Glücksritter und seelenvollem Gutmenschen hin- und herspringen. Sprunghaftigkeit ist überhaupt ein charakterlicher Grundzug, den Menschen und Bots teilen. Freude, Trauer, Wut, Tragik, (faule) Witze: Gefühle ändern sich von einer Szene zur nächsten und geraten schnell in Vergessenheit, um bei Bedarf erneut herbeigezwungen zu werden. Vielleicht am besten zieht sich Giancarlo Esposito aus der Affäre. Er bleibt stets betont ruhig, auch wenn um ihn herum das Chaos tobt, und hat das Glück, ein Klischee - den Rächer mit Gewissen - zu verkörpern, das auch in diesem allzu luftigen Umfeld funktioniert.
Die wahren Helden dieses Produkts
Wenn „The Electric State“ überhaupt an die Stålenhag-Vorlage erinnert, dann in einer Flut aufwändiger Spezialeffekte, die sich manchmal zu eindrucksvollen Bildern formen. Eine kahle Landschaft mit Industrieruinen, dazwischen die bizarren Wracks gigantischer Roboter: Diese typische Stålenhag-Komposition entdecken wir öfter. Solange die Handlung in der verbotenen Zone spielt, ist die Bildwucht groß; ideenlos im Schatten steht dagegen die Menschenwelt des Alternativ-Jahres 1994. Gemeint sind damit nicht die Details, die durchaus reizvoll die Hightech unserer Gegenwart mit dem Retro-Design der Vergangenheit verbinden. Im Vergleich dazu wirken die Panoramen von Städten oder Straßenszenen wie Kulissen aus TV-Serien, deren Laufzeiten sich dem Ende neigen, weshalb ihre Budgets stetig beschnitten werden.
Um „Geld zu sparen“, habe man keine Bots als Modelle in Lebensgröße bauen lassen, sondern ausschließlich auf CGI zurückgegriffen; so die Russo-Brüder. (Da fragt man sich doch, wohin das 320-Millionen-Budget geflossen ist!) Dass diese Aussage nicht auf sie zurückfällt, verdanken sie einem Heer fähiger Trick-Spezialisten, deren namentliche Nennung einen mehr als zwölfminütigen Titelabspann erfordert! Auf die Bilder kann man verlassen, auch wenn die Kulissen selbst manchmal für Kopfschütteln sorgen. (Wieso hält sich der flüchtige Dr. Amherst ausgerechnet auf einem ehemaligen Rummelplatz und dort in einer Geisterbahn auf? Weil’s toll aussieht, wenn dort geballert wird!)

Alles in allem ist „The Electric State“ nicht das Desaster, das geradezu ersehnt wurde, sondern ein typisches, alltägliches Hollywood-Produkt: massenkompatibel, sauber produziert, heftig beworben und dann auf den Markt gebracht. So geschieht das, seit es diese Filmstadt gibt. Das Budget spielt dabei nur diese eine Rolle: Je höhere Summen ausgegeben werden, desto mehr Münzen sollen zurück in die Börsen der Produzenten rollen. Die dümmsten Filme kosten oft Unsummen, doch der Plan geht erstaunlich oft auf; man kann es am aktuellen Spitzenreiter des Stumpf-Kinos („A Minecraft Movie“) erkennen. Warum sollte ausgerechnet „The Electric State“ aufgrund überzogener Erwartungen vernichtet werden? Man lasse sich - ohne eingeblasenes schlechtes Gewissen - berieseln; dieser Film raubt einem Freizeit und Lebenskraft nicht dreister als viele, viele andere Produktionen.
Fazit
Typischer Reißbrett-Blockbuster, dessen Story und Figurenzeichnungen nicht bewährten, sondern ausgelaugten Mustern folgen. Für Ausgleich und Ablenkung sorgen aufwändige Spezialeffekte, die ungeachtet ihres Getöses nicht immer die Fadenscheinigkeit des Geschehens verdecken: einerseits enttäuschend aufgrund einer großartigen Buchvorlage, andererseits ein taugliches Produkt vom Hollywood-Fließband.
Wertung: 5
Bilder: ™/© 2024 Netflix. Used with permission.


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