Thrash

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Annieville ist ein Nest im US-Staat South Carolina, gelegen in Sichtweite des Atlantiks sowie dort, wo seit dem Klimawandel immer wieder heftige Wirbelstürme auf die Küste treffen. Dieses Mal droht ein Super-Hurrikan der Kategorie 5, weshalb sich die meisten Bürger klug aus dem Staub machen.

Wer zurückbleibt, wird nicht nur vom Sturm mit voller Wucht getroffen: Als die Dämme brechen und das Meereswasser die Straßen flutet, nutzen Bullenhaie die Gelegenheit, sich dort, wohin sie normalerweise nicht vordringen können, nach Futter zu suchen, das sich in Gestalt ahnungsloser Anwohner reich einstellt.

Gefangen im Raubfischgetümmel ist u. a. die hochschwangere Lisa, die in ihrem fast überfluteten Wagen sitzt. Helfen muss ihr Dakota, die eigentlich aufgrund ihrer psychischen Probleme ans Haus gefesselt ist. Von außen versucht ihr Onkel, der Meeresbiologe Dale Edwards, mit einem Boot zur Nichte durchzukommen. Im Haus ihrer Pflegeeltern werden die Geschwister Ron, Dee und Will von den Untieren belagert.

Immer höher steigt die Flut, und die Haie schlagen sich die Bäuche voll. Bei der inzwischen geretteten Lisa setzen die Wehen ein, die drei Geschwister finden eine Kiste mit Dynamit, und zu den Bullenhaien gesellt sich ein gewaltiger Weißer Hai ...

Wenn Sturm & Dummheit hohe Wellen schlagen

Filme wie „Thrash“ - der seltsame Titel bezeichnet jene ruckartige Bewegung, die für Haifische beim Zubeißen typisch ist - sind reine Kommerzprodukte, die so kostengünstig wie möglich hergestellt werden. Nach Sichtung des fertiggestellten Films verzichtete die Produktionsfirma Sony Pictures auf einen Kinoeinsatz und verhökerte „Thrash“ an den Streaming-Riesen Netflix. Der ist längst berüchtigt als Resterampe für Block- und Mockbuster, die immerhin helfen, die Liste der angebotenen Filme und TV-Serien zu verlängern.

Dass „Thrash“ unzählige Zuschauer dazu veranlasste, das „h“ aus dem Titel zu streichen, ist einer Story geschuldet, die jenseits gewisser filmhandwerklicher Qualitäten die Düsternis dieser Produktion nicht einmal ansatzweise erleuchten kann. Als Zuschauer wissen wir zwar, dass uns reine Unterhaltung erwartet und wir lieber nicht an der Qualitätsschraube drehen sollten. Die Wucht der Dämlichkeiten, mit der die Flutwelle nie mithalten kann, trifft uns jedoch so ungemildert, dass sich gerechter Zorn in die Kritik mischen darf.

Tommy Wirkola gilt als Regisseur und Drehbuchautor, der mit wenig Geld Sehenswertes realisieren kann. Im Bereich der Phantastik hat er sich einen Namen mit den beiden in seinem Heimatland Norwegen entstandenen Horror-Komödien „Dead Snow“ (2009) und „Dead Snow 2: Dead vs. Red“ (2014) gemacht, in denen untote Nazis das Ende des Zweiten Weltkriegs ignorieren. 2022 sorgte Wirkola mit „Violent Night“, einer brachialbrutalen Ulk-Variation der Geschichte vom Weihnachtsmann, erneut für einiges Aufsehen.

Sturm im Haifischglas

Wirkola ist ein Mann für grobschlächtigen Klamauk und spektakuläre Effekte. Die stehen für ihn stets im Vordergrund, während seine Storys nur Fließbänder sind, auf denen einschlägige Szenen rasch am Publikum vorbeitransportiert werden. Tempo ist wichtig, da jegliches Nachdenken über Sinn und vor allem Unsinn eines Wirkola-Films verhindert werden soll. Der Bannstrahl trifft „Thrash“ nicht wegen des Plots, sondern aufgrund einer Umsetzung, die Klischees und Stereotypen nicht als Elemente einer humorvollen Überzeichnung, sondern bierernst und stumpf einsetzt.

Eine Sturmflut bricht über eine Stadt herein und lockt zusätzlich gefräßiges Großwild dorthin, wo die Menschen sich eigentlich sicher fühlen: Wieso nicht dieses Garn, das einfach, aber elastisch genug ist, um eine Geschichte zu transportieren? Wie man das macht, hat uns beispielsweise Alexandre Aja 2019 mit „Crawl“ gezeigt. „Thrash“ ist jedoch in allem das wüste Gegenteil dieses Films. Dass Wirkola die Zuschauer nicht ein einziges Mal erschrecken oder um die Figuren bangen lassen kann, bricht dem Film das Genick. Wie ein Turbinenbohrer immer tiefer in einen kranken Zahn vordringt, stößt uns Wirkola wieder und wieder vor den Kopf.

Nicht die Haie, sondern die Darsteller in ihren Rollen sorgen für Horror. Kein Stereotyp ist plump genug, um ignoriert zu werden: Da haben wir Lisa, die vom dümmlichen Ex-Verlobten schwanger zurückgelassene Maid in Not; natürlich kommt das Kind (binnen weniger Sekunden und US-üblich außerhalb des Bildes) zur Welt, während die Haie um das im Wasser treibende Bett kreisen und eine Woge durch die zusammenstürzenden Hausfront kracht. Das (sehr robuste) Baby in der einen Hand, greift sich die blutende Mutter mit der anderen einen spitzen Holzpfahl, mit dem sie erst die Nabelschnur kappt, bevor sie ihn einem angreifenden Hai in den Leib rammt.

Das Wasser steigt, die Stimmung sinkt

Dakota leidet nach dem Tod der Mutter unter trauerverstärkter Platzangst, wächst aber US-typisch über sich = ihre Schwächen hinaus, um Lisa mehrfach aus dem Wasser zu fischen und an ihrer Seite mit den Haien zu raufen. Hin und wieder überkommen sie Furcht und Willensschwäche, was Wirkola die Möglichkeit gibt, die Handlung auszusetzen = teure Effekte durch Weinen und „Komm-schon!“-Appelle zu ersetzen.

Dann haben wir noch die Geschwister Ron, Dee und Will, die wie im Märchen von bösen Stiefeltern geschurigelt werden, die sie auf Brot und Wasser setzen und das Pflegegeld vom Staat für sich verprassen. Dafür trifft sie die gerechte Strafe; dies aber erst, als unser Trio dem besonders widerlichen ‚Daddy‘ Billy seine Verachtung ins Gesicht gebrüllt (und ihm einen Tritt versetzt) hat; den Rest erledigen die Haie.

Aber Billys Redneck-Paranoia zahlt sich letztlich aus, denn die Kids finden eine Kiste Dynamit, das sie an einige Kühlschrank-Steaks binden, die Lunte zünden und das Bündel den Haien zuwerfen, die selbstverständlich in Stücke gerissen werden, während die Geschwister unbeschadet entkommen. Dieser Coup ist beinahe so genial wie Dakotas Plan, auf den Rat ihres Onkels Müllsäcke mit Akku-Zahnbürsten u. a. vibrierenden Kleingeräten zu füllen und diese als Ablenkung zu Wasser zu lassen; dies funktioniert und treibt gleichzeitig die Spannungskurve hoch, wenn wir sehen, wie ein Sack nach dem anderen plötzlich im Maul eines oberflächlich zuschnappenden Hais verschwindet ...

Wozu der ganze Aufwand?

Übrigens haben die Kids niemals Lisa, Dakota, den dauerschwätzenden Onkel Dale und die mit ihm im Boot sitzenden Reporter getroffen; hier laufen zwei Handlungsstränge völlig unabhängig nebeneinander her. (Es hilft nicht, dass Dale aussieht wie Samuel L. Jackson in „Deep Blue Sea“ von 1999. Ständig warten wir - leider vergeblich - darauf, dass ihn ein Hai vom Boot holt.)

Angesichts solcher und unzähliger weiterer Bockschüsse (Tag und Nacht wechseln in Minutenschnelle) sorgen die Kulissen nicht für jene Anerkennung, die sie durchaus verdienen. „Thrash“ ist kostengünstig entstanden, aber kein Billigstreifen. Man drehte in Australien (nahe Melbourne und damit so weit von jedem Ozean entfernt wie möglich), aber auch in einem gigantischen Tank, in dem ein ganzer Straßenzug ‚versenkt‘ werden konnte. Die ‚Realität‘ der gefluteten Stadt profitiert davon. CGI-Effekte werden meist effektverstärkend eingesetzt. Das ist gut so, wenn man sich die digitalen Haie betrachtet, die sich hüftsteif durchs Wasser quälen.

Der dramatische Höhepunkt = das Finale sorgt in erster Linie deshalb für Erstaunen, weil der Film nach wenig mehr als 80 Minuten plötzlich zu Ende ist, während man darauf wartet, dass etwas wirklich Aufregenden geschieht. Als unfreiwillig positive Nemesis verheizt Wirkola den zuvor aufwändig eingeführten Weißhai für einen mäßigen (und aus dem „Jurassic-World“-Franchise geklauten) Sekundengag. Zu schlechter Letzt kommt eine Szene, die nach dem Happy-End die schon nahende nächste Katastrophe (und eine mögliche Fortsetzung) ankündigt. (Dann folgen endlose Schlusstitel, aus denen hervorgeht, dass an diesem Machwerk Menschen in dreistelliger Zahl mitgearbeitet haben!)

Fazit

Selbst als bloße Unterhaltung versagendes Katastrophen-&-Monster-Spektakel, dessen ‚Drehbuch‘ nur einen Verhau aus abgenagten Klischees bietet, was sich in den verweigerten Figurenzeichnungen fortsetzt. Die handwerklichen Qualitäten gehen in diesem Umfeld unter: Sehen und (den Ärger über die vergeudete Zeit) vergessen.

Wertung: 4

Bilder: © 2026 Netflix, Inc

Lieblingsfilm
und Lieblingsserie

Nicht zuletzt durch den Erfolg der Streamingdienste ist die Anzahl von Filmen und Serien rund um die Phantastik im TV - als Serie oder Film - enorm gestiegen. Und ebenso ist Bandbreite vielfältiger denn je. Habt ihr derzeit einen Lieblingsfilm oder eine Lieblingsserie? Oder gibt es sogar einen "All-Time-Favorit" - einen Film oder eine Serie, die ihr immer wieder schauen könnt?

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