Troll 2

Film-Besprechung von Michael Drewniok

Vor drei Jahren geriet Norwegen weltweit in die Medien, weil ein leibhaftiger Troll aus seiner Höhle sprang und sich auf den Weg in die Hauptstadt Oslo machte. Da die Kreatur mehr als 50 Meter groß war und über entsprechende Kräfte verfügte, litten überall Immobilien, wurden Menschen zertreten oder anderweitig zermatscht. Das Wesen - es entpuppte sich übrigens als ehemaliger „Trollkönig“ - suchte seinen verlorenen Sohn und verwüstete Oslo, bis man es endlich stoppen konnte; nicht mit Waffengewalt, sondern mit Tageslicht, der Trolle in Stein verwandelt.

Dass sich der Schaden in Grenzen hielt, verdankte das Land Professor Nora Tidemann und deren Vater, einem Fachmann für Trolle. Ihnen zu Seite standen der Nerd Andreas Isaksen, der Elite-Soldat Kristoffer Holm und die verhuschte, aber schlaue Sigrid.

Die nach dem Drama von der Regierung versprochenen Maßnahmen wurden nach und nach heruntergefahren. Enttäuscht verließ Nora die Troll-Task und zog sich in die Einsamkeit des Nordens zurück. Dort findet sie Andreas, der sie für ein geheimes Projekt zu gewinnen versucht: Ohne Wissen der Öffentlichkeit wird schon seit Jahrzehnten ein Troll gefangengehalten. Er schläft und rührt sich nicht, weshalb man viel über die Biologie dieser Kreaturen herausfinden konnte.

Nora ist entsetzt; sie hatte sich vor drei Jahren für die Trolle stark gemacht und ein Reservat für sie gefordert. Niemand weiß, dass sie ihren ‚eigenen‘ Troll versteckt - einen (weiteren) Sohn des Königs, der deutlich friedlicher als sein Vater ist und sich mit Nora verständigen kann. Deshalb weiß sie, wie sie den gefangenen Troll wecken kann. Doch sie befreit einen Widerling, der Menschen jagt und frisst. Außerdem will er das Ende der Trolle rächen. Die hatte im Mittelalter König Olaf II. (vorgeblich) ausgerottet. Er liegt - wahrscheinlich - in den Kellergewölben des alten Nidarosdoms in Trondheim und hütet jene Waffe, mit der ihm das gelang. Sie gilt es zu finden, und das möglichst rasch, denn der böse Troll nähert sich mit Riesenschritten der genannten Stadt ...

Wiederkehr der überflüssigen Art

Als 2022 Roar Uthaug und Drehbuch-Mitautor Espen Aukan - der Hauptschuldige und sein Mittäter seien genannt - erstmals im Auftrag von „Netflix“ einen Troll durch Norwegen toben ließen, war dies kein Vergnügen; nicht für die Freunde des phantastischen Films und erst recht nicht generell für denkende Menschen. Entstanden nach einem Script, das womöglich die titelgebende Hauptfigur verfasst hatte, präsentierte Uthaug (auch Regisseur) ein Machwerk, dessen Handlung vor laufenden Kameras improvisiert wirkte.

Hier kasperten Figuren umher, die wie von einem fingerlosen Betrunkenen mit einer stumpfen Schere aus Pappe geschnitten wirkten und sämtlich aufgrund ihrer aufdringlichen Eindimensionalität für Zuschauerverdruss sorgten. Offenbar hatten Uthaug und Aukan versucht, einschlägige Vorlagen zu kopieren: Gemeint sind die mit einem Budget, das manches staatliche Bruttonationaleinkommen in den Schatten stellt, produzierten Kaijū-Blockbuster um Godzilla, King Kong & Co. Hollywood stellt sie wie am Fließband her, und tatsächlich wirken Handlung und Figuren ähnlich kümmerlich wie in der Causa „Troll“. Nichtsdestotrotz sind diese Streifen ohne lautes Stöhnen und Fluchen anzuschauen, weil die plumpe Naivität ungemein professionell dargeboten wird; ein Punkt, in dem beide „Troll“-Filme jämmerlich versagen. Inhaltlich erinnert das, was uns hier zugemutet wird, an die seligen Teletubbies - dies auch, weil die Story von Teil 2 den Vorgänger kopiert. Der einzige Unterschied: Ging der Troll damals nach Süden, zieht es ihn dieses Mal in den Norden.

Eine Schnittstelle gibt es: Obwohl Hollywood nicht kleckert, sondern klotzt, kann „Troll 2“ tricktechnisch recht gut mithalten. Schon 2022 hob sich die Wolke aus Wut und Langeweile über den Zuschauern, wenn die Faxen treibenden und Grimassen schneidenden Darsteller verschwanden und der Troll das Geschehen beherrschte! Zwar fiel ihm wenig mehr ein, als bedeutungsvoll durch Winterlandschaften zu stapfen und in den Zerstörermodus zu schalten, sobald von Menschen Erbautes am Horizont auftauchte. Dies sah - und sieht abermals - aufgrund einer digitalen Technik, die großartige Effekte für erstaunlich geringe Geldsummen generieren kann, immerhin so aus, wie man sich das vorstellt: Schutt und Asche! Feuer! Fliegende Autos u. a. Trümmer!

Jetzt mit zwei Trollen der vierfache Blödsinn!

Wen interessiert schon, wieso Trolle umgehen? So denken jedenfalls Uthaug und Aukan. „Trivial“ bedeutet allerdings keineswegs einen Freibrief, der absolute Ignoranz in Sachen Logik gestattet: Selbst eine unwahrscheinliche Geschichte muss in ihrem Rahmen plausibel ablaufen. Hier wird schon der Startschuss zum trolligen Amoklauf zum Rohrkrepierer: Nora wird in die Geheimstation mit dem dort schlafenden Troll eingeladen. Ohne dass jemals klar wird, was sie dort eigentlich tun soll, schleicht sie sich zu der Kreatur, summt ihr ein Liedchen vor und reißt sie so aus dem Winterschlaf. Erst jetzt und nur durch Noras Schuld wütet der Troll durch Norwegen und nimmt Trondheim aufs Korn!

Dann taucht der ‚gute‘ Troll (mit einer bescheuerten Messerschnittfrisur) auf und stellt sich dem Grobian auf dem Eis eines zugefrorenen Sees in den Weg. Letzterer stampft einmal mit dem Fuß auf, ein Riss tut sich auf, der ‚gute‘ Troll versinkt im Wasser - und taucht nicht wieder auf. Mehr als eine halbe Stunde verschwindet er aus der Handlung, um im Finale doch nicht ertrunken nach Trondheim zu wanken. Dort wird er vom Bös-Troll zusammengeschlagen und erweist sich abermals als völlig nutzlos.

Wie in Teil 1 müssen einige versprengte Statisten Menschenmassen auf der Flucht oder das norwegische Heer im Gegenangriff mimen. Das sieht übersichtlich aus, beeindruckt aber durch die Geschwindigkeit, mit der die ‚Soldaten‘ ihre Granatwerfer und Mörser auf Weihwasser-Munition umrüsten! (Trolle lassen sich nur durch Artefakte des Christentums umbringen, was viel über die Toleranz dieser Religion aussagt; selbst Trollschlächter Olaf besann sich letztlich eines Besseren und wurde deshalb von Fanatikern umgebracht).

Troll und Mensch im Kampf um die Krone (der Dummheit)

Wieso ‚Professorin‘ Nora den zuschauerlichen Zorn auf sich zieht, wurde bereits angesprochen. Sie geht in einem Feld ähnlicher Hohlköpfe auf, die nur in einem zuverlässig sind: In jeder Situation treffen sie die falsche Entscheidung! Dies versucht Uthaug als Stilmittel zu nutzen, wenn er Politiker und Militärs sowie die Medien als blind, blöd und publikumsgeil verzeichnet. Da er sich auch in diesem Umfeld nicht über Kinder- oder Märchenbuchniveau erhebt, wirkt das aufgesetzt und sinnfrei.

Die Kraft des Guten spiegelt sich genretypisch bzw. stereotyp in einer Kern- und Gurkentruppe wider, die um jeden Preis liebenswert und entscheidungsbefugt wirken soll, ohne Teil der obrigkeitlich verschalteten ‚Experten‘ zu sein. Dabei sind sie in diesem zweiten Teil sehr offensichtlich überflüssig: Militär-Kumpel Amir stirbt einen pathetisch-platten ‚Heldentod‘, der an Peinlichkeit nur vom Opfergang des bis dahin als Stichwortgeber und Pausenclown aufgetretenen Isaksen übertroffen wird - dann allerdings weit! Die mausige Sigrid ist hochschwanger und darf nur hin und wieder das Bild füllen; zu tun hat sie nichts außer dramatisch zu trauern, als ihr Andreas sich bombenschwer (und buchstäblich) auf den bösen Troll stürzt. Neu ins Team aufgerückt ist die rothaarige Sara, die zwischen den Troll-Attacken dem zum Major aufgestiegenen Kristoffer den Kopf verdrehen darf.

Neben den Troll-Tricksern leistet auch der Kameramann gute Arbeit. Er bemüht sich, die Schauplätze möglichst bildfüllend und eindrucksvoll abzubilden. Wie in Teil 1 fällt auf, wie gut beleuchtet die jeweiligen Handlungsstätten sind. Dass sich Trondheim für das ortsunkundige Auge von Oslo nur durch den Nidarosdoms unterscheiden lässt, passt ins Gesamtbild eines Films, der ohnehin ganze Passagen aus dem Vorgänger kopiert. Irgendwie endet alles happy, aber selbstverständlich hat der lumpige Professor Møller noch ein As im Ärmel, das nach dem Finale in einer Szene nachgeschoben wird und bereits „Troll 3“ vorbereitet: Gud, beskytt oss mot storm og vind - og mot de dumme!

Fazit

Tricktechnisch ansehnliches, aber inhaltlich durchweg missratenes Monster-Getümmel, dessen menschliche Verursacher und nicht die Trolle vor Scham zu Stein erstarren sollten. Die Darsteller sind Pappkameraden, und selbst gegen Grundsätzlichkeiten eines nur logisch wirkenden Erzählens wird kriminell verstoßen.

Wertung: 3

Bilder: © 2024 Netflix, Inc

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