Carrie

Serien-Kritik von Yannic Niehr / Titelbild: © Amazon Content Services LLC

Eine Ballkönigin für die Digital Natives

[SPOILER-WARNUNG Diese Besprechung enthält einzelne Details zur kompletten Serie einschließlich Ende. Wer unvoreingenommen schauen möchte, sollte das berücksichtigen!]

Ein junger Englischlehrer aus Maine schreibt eine Geschichte über eine HighSchool-Schülerin, die von ihren Klassenkameradinnen gequält wird und sich mit telekinetischen Kräften zur Wehr setzt. Da ihm das Manuskript nicht gefällt, knüllt er es bereits nach wenigen Seiten zusammen und wirft es in den Papierkorb. Zufällig wird es von seiner Frau wieder herausgefischt, die ihn drängt, an der Geschichte dranzubleiben – was er auch tut. Schließlich wird daraus sein erster großer kommerzieller Erfolg.

Wir alle kennen die Story. Der Englischlehrer? Heutiger unbestrittener Superstar der Horrorliteratur Stephen King. Das Buch? Carrie, sein Debutroman (verfasst hatte er bereits andere, doch zuvor noch keinen veröffentlicht) von 1974. Der simple, aber effektive Plot eines jungen Mädchens, das zuhause unter der Herrschaft ihrer fanatisch religiösen Mutter leidet und in der Schule als Außenseiterin ständiger Schikane ausgesetzt ist, beim Abschlussball mit Schweineblut übergossen wird und mithilfe ihrer telekinetischen Fähigkeiten grausame Rache übt, hat sich u.a. dank Brian DePalmas berüchtigter Verfilmung von 1976, einer notorisch gefloppten Musicalversion (und eines weitaus erfolgreicheren Revivals), einer TV-Miniserie sowie eines großangelegten Kinoremakes von 2013 so tief ins popkulturelle Gedächtnis eingebrannt, dass der Plot und seine ikonischsten Momente an dieser Stelle als zumindest in ihren Grundzügen bekannt vorausgesetzt werden. Gleichzeitig wirft diese lange Liste an Adaptionen die Frage auf: Warum den Stoff nochmal erzählen?

Das hat sich auch King gefragt, als Mike Flanagan ihm (nachdem bereits seit geraumer Zeit Gerüchte über eine geplante Serienfassung kursierten) seine Idee für eine Neuadaption pitchte. Der Ansatz konnte den Autor für das Projekt gewinnen – nicht zuletzt vermutlich auch deshalb, weil sich Flanagan längst sowohl als erfolgreicher Schöpfer origineller Genrekost, als auch als smarter Verfilmer von King-Werken etabliert hat. Als Fan stellte man sich im Vorfeld natürlich die brennende Frage: Würde es sich beim fertigen Produkt eher um eine direkte Nacherzählung (mit der Option darauf, erstmals Aspekte des Romans auf den Bildschirm zu befördern, die in bisherigen Versionen unglücklich oder gar nicht adaptiert wurden) handeln, wie sie Flanagan mit dem starken Gerald’s Game oder der Shining-Fortsetzung Doctor Sleep (welche so gekonnt die Brücke zwischen Buch und dem berühmten Kubrick-Streifen schlug, dass sogar Stephen King mit letzterem, obwohl bis dato von ihm verhasst, versöhnt werden konnte) vorgelegt hat? Oder würde es eher in die Richtung des Geniestreichs gehen, der ihm mit seinen Serien Spuk in Hill House, Spuk in Bly Manor und Der Untergang des Hauses Usher gelungen ist, nämlich auf dem Fundament einzelner Bausteine (Figurennamen, Schauplätze, Situationen, Motive, Dialogzeilen etc.) eines wegweisenden Horrorklassikers eine komplett neue, in sich geschlossene Geschichte zu erzählen? Nachdem die 8 Folgen nun am 07. Oktober 2026, pünktlich zum Countdown auf Halloween, released wurden, lässt sich die Frage zumindest mit einer klaren Tendenz beantworten: Wir haben es mit einem Remix zu tun. Und, leider, auch mit Flanagans vielleicht erstem Fehlschlag.

„Was die Geschehnisse der Ballnacht in Chamberlain betrifft, so gibt es eine Sache, die niemand begriffen hat. Die Presse hat sie nicht begriffen, die Wissenschaftler haben sie nicht begriffen: Wir waren Jugendliche. Jugendliche, die versucht haben, ihr Bestes zu tun …“

Nach dem Tod von Ralph White (Tamoh Penikett) bei einem Arbeitsunfall werden in seinem Haus zufällig dessen Frau Margaret (Samantha Sloyan) und die jugendliche Tochter Carietta (Summer H. Howell) entdeckt. Die Familie lebte stark abgeschottet, einem privaten kleinen Kult gleich. Bis auf die direkte Nachbarin wusste niemand überhaupt etwas von Carries Existenz. Nun jedoch gibt es Auflagen: Margaret muss sich einen Job suchen, und Carrie von nun an eine öffentliche Schule besuchen. Dies führt natürlich zu einem Kulturschock nach dem anderen. Die moderne Welt begegnet der unbedarften, aber zugewandten Carrie nicht gerade mit offenen Armen.

Mobbingvorfall Wellen geschlagen hat, scheint sich die Lage jedoch zunächst zu entspannen: Carrie findet Rückhalt bei ihrer Mitschülerin Sue Snell (Siena Agudong) sowie der blutjungen Sportlehrerin Rita Desjardin (Amber Midthunder), Schulleiter Henry Grayle (Matthew Lillard) gibt ihr Rückendeckung, und mit Vertrauenslehrer Morton (Tim Bagley) kann sie ihre Liebe zu Büchern teilen. Zudem wird die geheimnisvolle, ebenfalls neue Schülerin Emaline (Thalia Dudek) zu einer engen Vertrauten. Chefmobberin Christine Hargensen (Alison Thornton) kann die Sache jedoch nicht auf sich beruhen lassen: Ihre Eltern lassen sich scheiden, ihr emotional abwesender Vater steht kurz vor der Pleite, ihre Chancen auf ihr Wunschcollege schwinden aufgrund der jüngsten Geschehnisse, und sie fühlt sich von ihren ehemaligen Freundinnen verraten, verkauft und durch Carrie „ersetzt“. All die Wut und der Frust finden Ausdruck in einem anonymen Social-Media-Kanal, über welchen Chris bösartige Angriffe und Verleumdungen auf Schüler- wie Lehrerschaft in die Welt setzt. Bald schon beteiligen sich auch andere daran, und die ganzen Gehässigkeiten, Unsicherheiten, Verletzungen und Geheimnisse kochen hoch. Es entsteht ein Skandal mit ungeahnten Folgen, der sogar zur Absage des anstehenden Abschlussballs führen könnte …

„Als der Schatten explodierte“

Schon anhand dieser kurzen Zusammenfassung ist erkennbar, dass die Figuren in der Serie teils völlig anders angelegt sind: Carries Eltern sind paranoide Doomsday Prepper, die jegliches Vertrauen in Institutionen verloren haben und die Kontrolle über ihre Kinder lieber selbst übernehmen, Sue und Chris (vor allem Letztere) erhalten deutlich mehr Nuancen und Motivation, und Carrie selbst ist nicht ein bereits hochtraumatisiertes, vereinsamtes Kind kurz vor der Explosion, sondern ein überbehütetes, neugieriges Mädchen, das in der ihm unbekannten Welt, der es sich plötzlich gegenübersieht, anderen als einzige mit Freundlichkeit begegnet. Daraus ergeben sich in manchen Fällen überraschende Bögen für die Charakterentwicklung, sodass man die vertrauten Figuren in neuen Kontexten erleben kann (Margaret muss sich mit harten Bandagen in ihrem neuen Job an der Kasse behaupten, und Carrie erlebt an ihrem ersten Tag im Klassenzimmer einen „Shooting Drill“ (aus hiesiger Sicht ein groteskes Konzept, an amerikanischen Schulen natürlich gang und gebe), der von einem augenzwinkernden Bewusstsein für die realen Parallelen zu Carries übersinnlichem Amoklauf zeugt).

Neben einer soliden visuellen Ausführung sind die schauspielerischen Leistungen die größte Stärke der Serie: Newcomerin Summer Howell verleiht Carrie eine anrührende, kindliche Zerbrechlichkeit, die einen nicht von ihrer Seite weichen lässt, selbst wenn sie im weiteren Verlauf immer rücksichtsloser ihrer Macht verfällt und zu einer neuen Form innerer Kraft findet. Samantha Sloyan, die zu Flanagans Stammensemble gehört, war spätestens seit ihrer Performance in Midnight Mass für die Rolle der Margaret White prädestiniert, und schöpft hier ganz aus ihrem Können, um Carries Mutter eine bisher ungeahnte Komplexität zu verleihen. Und Alison Thornton avanciert als Chris Hargensen fast zur tragischen zweiten Protagonistin, die zwar Carries Gegenspielerin wird, deren Zorn man aber zumindest nachvollziehen kann und die sehr weit über die bloße Karikatur einer fiesen „Queen Bee“ hinausgeht. Auch die Supporting Cast macht eine gute Figur.

„Was passiert, wenn es noch andere wie sie gibt? Was passiert dann mit der Welt?“

Leider täuscht die solide Umsetzung nicht über die vielen inhaltlichen Schwächen des Materials hinweg. Die Serie öffnet vielversprechend mit dem Anteasern der Zerstörung von Chamberlain und mit einer Rahmenhandlung von Überlebendeninterviews, welche die Struktur des Romans spiegeln. Leider wird dieses Element aber nur in der ersten und letzten Folge aufgegriffen. Das große Gimmick der Serie ist, dass jede Episode mit einem kurzen Prolog beginnt, der irgendeine andere Frau zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort zeigt, die selber ähnliche paranormale Kräfte wie Carrie entdeckt, oder mit einem kurzen Exkurs zum Phänomen der Telekinese. So wird Carrie in ein größeres Universum eingebettet und das Problem der Unterdrückung weiblicher Macht angesprochen. Doch auch diesen Gedanken zieht Flanagan erstaunlicherweise nicht konsequent genug durch. Überhaupt ist Konsequenzlosigkeit eines der großen Mankos der Serie, was vielleicht in ihrer Identitätskrise zwischen „alles auf neu“ und „noch erkennbar Carrie“ begründet liegt.

Flanagan versteht sich zweifellos darauf, trotz aller Änderungen einen spürbar tiefen Dialog mit dem Ausgangsmaterial beizubehalten, sodass sich Fans über einige Easter Eggs und Aha-Momente freuen dürfen. Doch man hätte sich noch klarer entweder für „buchgetreue Neuverfilmung“ oder „radikale Re-/Dekonstruktion“ entscheiden können (den Ball vielleicht tatsächlich canceln?). Die Twists bauen am Anfang zwar Spannung auf, zerfasern sich aber mehr und mehr und sorgen dafür, dass man ein Gefühl für den natürlichen Flow der Handlung verliert. Zudem sind manche Themen, die Flanagan aufmacht, auch für Carrie gar nicht mal so neu: Cybermobbing und eine „weichere“ Margaret? Gab es schon im 2013er Remake. Eine Carrie, die die Ballnacht überlebt und auf einen Roadtrip durch eine von weiteren übersinnlich begabten Frauen bevölkerte USA startet, auf der Flucht vor einer ominösen behördlichen Bedrohung? Gab es schon in der Miniserie von 2002 bzw. deren geplantem, aber nie produzierten Spin-Off (ja, wirklich!). Es muss nachdrücklich gesagt werden, dass in der Serie auch sehr viele wirklich spannende Ideen, Konflikte und Diskurse angerissen werden – aber eben nur angerissen. Was der Serie Erdung hätte verleihen sollen, lässt sie eher überfrachtet wirken, und der rote Faden verliert sich dabei.

Carrie war im Original geschickt konstruiert und auf mehreren Ebenen verstörend, wenn auch selten wirklich gruselig. In der Serie hingegen verkommt einiges zu einem Teenager-Drama mit abstrusem Comic-Touch. Der Ball fühlt sich nach dem ganzen Mäandern fast wie ein bedeutungsloser Nachsatz statt wie der katastrophale, unvermeidliche Höhepunkt einer unheilvollen Kette von Ereignissen an und wird von einer geschmacklosen, fast ryanmurphyesken Sequenz gekrönt, die eine der wichtigsten Szenen ihrer Glaubwürdigkeit beraubt. Die am Ende hinzugebaute Verschwörung erschließt sich kaum und will wohl ein (völlig überflüssiges) Franchisepotenzial ins Leben rufen. Die Serie ist unterhaltsam anzuschauen und gut gemacht, kann ihrer eigenen Story aber keinen tragfähigen Kern geben.

Fazit

Carrie ist mein persönliches Lieblingsbuch, ich durfte 2012 dem Revival des Musicals live in New York beiwohnen, und ich habe sogar meine Masterarbeit darüber geschrieben. Ich bin daher der Letzte, der leugnen wird, dass ich in Bezug auf diese Geschichte etwas parteiisch sein mag. Dennoch kann ich meine Enttäuschung darüber, wie dramaturgisch zahnlos die 8 Episoden geworden sind, nicht ganz verbergen – vor allem vor dem Hintergrund, dass sie aus der Flanagan-Schmiede stammen. Auf der anderen Seite gab es aber wohl auch einfach nicht mehr viele Richtungen, in die man den Stoff sinngebend hätte (weiter-)entwickeln können. Vielleicht sollte man die Ballkönigin der Herzen lieber in Frieden ruhen lassen. Fans können in jedem Fall einen Blick riskieren, um ihre Neugier zu befriedigen. Man darf seine Erwartungen nur nicht zu hoch schrauben.   

Bilder: © Amazon Content Services LLC

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