Film:
The Dead Don’t Die

Film-Kritik von Dr. Michael Drewniok / Titel-Motiv: © 2019 Image Eleven Productions, Inc.

Populärkulturelles Spiel in angenehmer Langeweile

Centerville ist ungeachtet seines Namens ein weniger als 800 Einwohner zählendes Nest irgendwo im US-amerikanischen Hinterland. Hier kennt jede/r jede/n, weshalb Polizei-‚Chef‘ Cliff Robertson darauf achtet, seine Mitbürger auch dann nachsichtig zu behandeln, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen. In Centerville bedeutet dies ohnehin höchstens, dass der im Wald hausende Einsiedler Bob seinem Erzfeind Farmer Miller hin und wieder ein Huhn klaut.

Die ‚Außenwelt‘ verirrt sich selten nach Centerville. Dennoch blickt man hier aktuell ebenso sorgenvoll in den Himmel wie überall in den USA: Tag und Nacht wollen nicht mehr der Uhrzeit gehorchen, auch in der Nacht bleibt es hell. Hängt das mit dem neuerdings betriebenen Fracking an den Polen zusammen, wo sehr tief und in der Nähe der offenbar empfindlichen Erdachse nach Gas und Öl gebohrt wird?

Das Unheil erreicht auch Centerville: Die Toten erwachen zu neuem ‚Leben‘! Sie kriechen aus ihren Gräbern oder stehen im Bestattungsinstitut von Zelda Winston wieder auf, die sich allerdings mit ihrem Samurai-Schwert zu wehren weiß. Ansonsten sorgen die Untoten unbemerkt für Opfer, die sich ihnen nach kurzem ‚Tod‘ anschließen und das mörderische Chaos vergrößern, bis Robertsons Stellvertreter Ronnie Peterson scharfsinnig auf eine „Zombie-Attacke“ schließt - eine Theorie, der sich Robertson, die Kollegin Mindy Morrison und der Rest der Einwohnerschaft notgedrungen anschließen, als die Untoten die Straßen bevölkern.

Die drei Polizisten sind ebenso überfordert und ratlos wie ihre Mitbürger. Zwar lassen sich die Zombies durch einen Kopfschuss ausschalten, aber sie sind überall. „Das wird böse enden!“, murmelt Ronnie Peterson ständig, und in der Tat erfüllt sich diese Prognose, als die finale Begegnung zwischen (Un-) Tod und Leben auf dem Friedhof des Ortes ansteht …

Neue Opfer alter Tricks

Jim Jarmusch dreht einen Horrorfilm - eine Horrorkomödie sogar! Diese Nachricht sorgte für erwartungsvolle Aufregung in der Welt des Films und seiner Fans. Dort hat sich Jarnusch als „genialer“ und „unabhängiger“ Filmemacher verankert, der ‚kleine‘, d. h. kostengünstige Filme mit Botschaft dreht. Er hat die völlige Kontrolle über seine Werke, weshalb ihm kein Studio hineinreden kann. Das Ergebnis sind seit Jahrzehnten Filme, die zumindest die ‚künstlerisch‘ geprägte Filmkritik in Verzückung versetzen.

Jarmusch schlägt inhaltlich wie formal Wege jenseits des Mainstream-Kinos ein, das ihn aufgrund seiner generischen Formeln langweilt. Dabei entstehen Filme, die jene Zuschauer, die beispielsweise für „Marvel“-Streifen schwärmen, weil sie dort optisch und akustisch bekommen, wofür sie zahlen, in hilflosen Zorn versetzen: In einem Jarmusch-Werk regieren lange bis endlose Einstellungen, in denen ‚Action‘ ein Fremdwort bleibt. Hinzu kommen staubtrocken dialogisierende Schauspieler, ‚Gags‘, die womöglich intellektuell, aber nicht ulkig sind, weshalb sich diejenigen dumm vorkommen, die darüber nicht lachen können (und sich erst recht aufregen), und ein Spiel mit populärkulturellen Elementen, die entdeckt werden müssen, weil sie Jarnusch versteckt oder symbolisch verrätselt einfließen lässt.

Eigentlich hätten es alle wissen können oder sollen. Schließlich hat Jarmusch schon mehrfach „Genre“-Filme gedreht, um tatsächlich alle einschlägigen Konventionen gegen den Strich zu bürsten. „The Dead“ (1995) ist ganz sicher kein „Western“, „Ghost Dog - der Weg des Samurai“ (1999) kein „Thriller“ - und ‚komisch‘ waren Jarmusch-Filme seit jeher höchstens auf sehr unkonventionelle Weise.

Harte Arbeit für irritierte Zuschauer

Aber Filmfreunde hören vor allem, was sie hören wollen bzw. was ihnen die Werbung trommelt: Ein König des Arthouse-Kinos (= klug, berühmt, ein Leitstern des ‚intelligenten‘ Films) steigt herab von seinem Thron, um eine lustige Horrorkomödie zu drehen! Hinzu kommt eine Besetzung zum Niederknien: Die Darstellerliste liest sich wie ein Who’s Who der aktuellen US-Filmszene. Zwar sind keine ‚echten‘ Stars unter ihnen, doch man kennt und schätzt man aus unzähligen Filmen und TV-Serien, wo sie ihre Talente eindrucksvoll und eindeutig unter Beweis stell(t)en.

Freilich geht Jarmusch auch hier eigene Wege: Dass jemand filmprominent ist, interessiert ihn nur, wenn er solche Darsteller auf ihre Archetypen reduzieren kann. So verkörpert Bill Murray oft mürrische, sarkastische Zeitgenossen; eine Nische, die er so dominiert, dass er beispielsweise in „Zombieland“ (2009) als er selbst auftrat - und dies erfolgreich, weshalb Jarnusch Murray nicht nur engagierte, weil sie schon mehrfach gut zusammengearbeitet haben, sondern Murray nur ins Bild treten muss, um beim (fllmhistorisch vorgebildeten) Zuschauer den gewünschten Aha-Effekt auszulösen. (Dass auch Selena Gomez auftritt, sollte daher ebenfalls keine Erwartungen wecken: Wie die meisten prominenten Mitspieler tritt sie in einer Allerwelt-Rolle auf. Wichtiger ist: Sie fährt den gleichen Wagen, den die Hauptdarstellerin 1968 in George A. Romeros Zombie-Klassiker „Night of the Living Dead“ chauffierte!)

Wie sich herausstellt, genügt es nicht, diesen Film mit popkulturellen Anspielungen und Meta-Ebenen förmlich zu spicken. Selbst Geeks haben Toleranzgrenzen bzw. wollen unterhalten werden - ein Verb, das sie und Jim Jarmusch sehr unterschiedlich mit Inhalt füllen. Das Missverständnis beginnt schon damit, dass es keine ‚richtige‘ Story gibt. Dinge ereignen sich einfach. Ihr Ablauf wird verfolgt - oder auch nicht, mehrere scheinbar wichtige Nebenhandlungen enden plötzlich und ohne Aufklärung: Es geht Jarnusch nicht um stringentes Erzählen. Die Zuschauer sollen (scheinbare) Drehbuchlücken selbst ausfüllen; eine Hirnbeanspruchung, die sie mehrheitlich nicht gewohnt sind.

Auf die Spitze und darüber hinaus getrieben

Mit dem Humor ist es ebenfalls kompliziert. Er ist arg reduziert und wird primär von der Werbung behauptet. Die Brou-har-har-Fraktion des Publikums kommt jedenfalls nur ansatzweise auf ihre Kosten, wenn beispielsweise Zombieköpfe nicht beim ersten Macheten-Hieb vom Hals getrennt werden können und das Ganze mehrfach wiederholt werden muss. Zu den raren = witzigen Einfällen gehören u. a. Zombies, die sich ihre nächtlichen Wege per iPhone-Taschenlampe ausleuchten, ein baumlanger Polizist, der privat einen elektrifiziertes Smart-Cabrio fährt, oder die Tatsache, dass der zuerst auferstehende Zombie ausgerechnet von Iggy Pop gemimt wird, der nach einer jahrzehntelang von Drogen geprägten persönlichen Vergangenheit immer noch unter uns weilt!

Ist das komisch? Nicht wirklich, weil solche Scherze schon oft und besser in anderen Produktionen getrieben wurden. Hinzu kommen beträchtliche humoristische Fehlzündungen, wenn beispielsweise Ronnie Peterson enthüllt, dass er über das „böse Ende“ deshalb Bescheid weiß, weil er das Drehbuch gelesen habe: Die Darsteller ‚wissen‘, dass sie Schauspieler in einem Film sind. Das walzt Jarnusch peinlich aus, obwohl dieser Gag steinalt ist. Ebenfalls ewig vorbereitet wird die letztlich nur bedingt ulkige Enthüllung, wer hinter der seltsamen ‚Schottin‘ Zelda Winston wirklich steckt. Einmal mehr versöhnt die darstellerische Leistung: Profis wie Tilda Swinton holen auch aus bescheidenen Rollen Erstaunliches heraus!

Ironischerweise wirkt Jarmusch gewissermaßen ‚authentisch‘, wenn er die Zombies wüten lässt. Hier kopiert bzw. dekliniert er die typischen Beiß- und Metzel-Szenen durch, was selbstverständlich den zweckentfremdeten Einsatz von Werkzeug im Nahkampf gegen die Untoten einschließt. Auch tricktechnisch ist „The Dead Don’t Die“ auf der Höhe: Schädel werden gespalten, abgeschlagen oder mit Schrotschüssen gesprengt, Pechvögel zerrissen und gefressen. Entschärft werden solche Szenen erwartungsgemäß durch ‚hintergründige‘ Ironie.

Suche nach dem Sinn

Obwohl auch die ‚intellektuellen‘ Kritiker wissen, dass „The Dead Don’t Die“ weder in Jarnusch‘ Œuvre noch überhaupt ein Meisterwerk darstellt, wollen sie dies ungern oder gar nicht zugeben. Deshalb verlieren sie viele wohlklingende Worte über weise Botschaften, die der schlaue Jarmusch (Regie und Drehbuch!) so gut versteckt hat, dass sie erst besagte Kritiker entdecken und erklären können.

Zombies gelten metaphorisch als Auswüchse einer aus der Kontrolle geratenen Gesellschaft, die sich umweltzerstörend und heuschreckengleich konsumierend über die Welt ausgebreitet und diese dermaßen ausgebeutet hat, dass es nun nicht nur für Gift und Müll, sondern auch für die Toten kein Platz mehr gibt. Sie kehren zurück = der Mensch wendet sich endgültig gegen sich und seinen Planeten. Diese Konfrontation endet (un-) tödlich. Jarnusch folgt dieser schon von Romero vorgegebenen (und seither zum Klischee geronnenen) Interpretation. In Radio und Fernsehen spekuliert man über die Folgen des Polar-Fracking, was von korrupten Politikern und geldgeilen Konzernen abgestritten wird. Vieh und Vögel flüchten in den Wald, und sollte ein Zuschauer noch immer nicht begriffen haben, welche Glocke geschlagen hat, taucht zwischendurch Einsiedler Bob auf, der uns die ökologisch-soziale Komponente der Katastrophe erklärt sowie final zusammenfasst. Meint Jarnusch dies ernst? Dann hat (ausgerechnet) er vergessen, dass man Weisheiten nicht predigen darf, sondern vermitteln muss.

Solche Mankos trüben das Vergnügen an einem Film, der jenseits aller Werbung und Pro-Jarmusch-Kniefälle verblüffend unterhaltsam, weil außerhalb der horrorfilmtypischen Hektik tiefenentspannt und wunderschön gefilmt ist. Wie üblich untermalt ein fabelhafter Score das Geschehen, für den ebenfalls Jarmusch - der auch Musiker ist - mitverantwortlich zeichnet. Wer sich ohne übertriebene bzw. fehlgeleitete Erwartungen auf diesen Film einlässt, kann deshalb durchaus seinen Spaß daran haben.

Fazit:

„Arthouse meets Genre“ und gebiert eine Horror-Komödie der außergewöhnlichen Art; wer solchen Marketing-Unfug ignoriert, sieht einen ‚typischen‘ Jim-Jarmusch-Film: stimmungs- statt storykonzentriert, d. h. aller Mainstreamtricks weitgehend entbeint, populärkulturell auf sämtlichen Ebenen mit Horror-Elementen und Klischees spielend = einschlägige Erwartungen unterlaufend. Dies gelingt Jarmusch keineswegs optimal, wird aber in Bild und Ton grandios dargeboten, wodurch kein Meisterwerk, sondern (manchmal allzu absichtlich) schräge Unterhaltung entsteht.

Film-Informationen

Originaltitel: The Dead Don’t Die (USA 2019)
Regie u. Drehbuch: Jim Jarmusch
Kamera: Frederick Elmes
Schnitt: Affonso Gonçalves
Musik: SQÜRL (= Jim Jarmusch u. Carter Logan)
Darsteller: Bill Murray (Chief Cliff Robertson), Adam Driver (Ronald „Ronnie“ Peterson), Chloë Sevigny (Minerva „Mindy“ Morrison), Tilda Swinton (Zelda Winston), Steve Buscemi (Farmer Miller), Danny Glover (Hank Thompson), Caleb Landry Jones (Bobby Wiggins), Rosie Perez (Posie Juarez), RZA [= Robert Fitzgerald Diggs] (Dean), Selena Gomez (Zoe), Tom Waits (Einsiedler Bob), Austin Butler (Jack), Eszter Balint (Fern), Luka Sabbat (Zach), Larry Fessenden (Danny Perkins), Rosal Colon (Lily), Carol Kane (Mallory O'Brien), Iggy Pop u. Sara Driver (Kaffee-Zombies) uva.
Label/Vertrieb: Universal Pictures Germany
Erscheinungsdatum: 24.10.2019
EAN: 5053083196899 (Blu-ray), 5053083196875 (DVD)
Bildformat: 16 : 9 (1,78 : 1, anamorph)
Audio: Dolby Digital 5.1 (Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch, Spanisch)
Untertitel: Deutsch Deutsch, Englisch, Arabisch, Spanisch, Dänisch, Niederländisch, Finnisch, Französisch, Hindi, Isländisch, Italienisch, Norwegisch, Portugiesisch, Schwedisch, Türkisch DVD-Typ: 1 x DVD-9 (Regionalcode: 2)
Länge: 104 min. (Blu-ray)/101 min. (DVD)
FSK: 16

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