The Witcher

Serien-Kritik von Lisa Reim / Titel-Motiv: Katalin Vermes © Netflix

Ein stets bemühtes Trash-Spektakel

Die Serie „Game of Thrones“ hat unbestreitbar einen wahren Fantasy-Hype ausgelöst. Menschen, die vorher nichts mit dem Genre anfangen konnten, lechzen nun nach neuem Futter über politische Intrigen und Schlachten in einer düsteren Phantasiewelt. Das haben auch die weltweiten Produktionsstudios verstanden, die nun verzweifelt auf der Suche nach einem würdigen Nachfolger der beliebten Serie zu sein scheinen: Die Amazon Studios widmen sich dem Herr-der-Ringe-Universum sowie der Serie „Carnival Row“, BBC one wagt sich an eine erneute Adaption von Philip Pullmans „Der goldene Kompass“ und Disney steckt in den Planungen zu einer großen Fantasy-Saga. Auch eine Streaming-Größe wie Netflix lässt sich unter diesen Umständen nicht lange bitten. Mit der Adaption von „The Witcher“ haben sich die Verantwortlichen eines der beliebtesten phantastischen Universen überhaupt erwählt. Und damit, obwohl erst Ende Dezember 2019 erschienen, den erfolgreichsten Netflix-Serienhit des letzten Jahres erschaffen.

Der Mensch ist das wahre Monster

Eine Verfilmung von „The Witcher“ ist ein gewagtes Unterfangen, wie schon ein missglückter Versuch aus dem Jahre 2001 zeigte. Die Geschichte rund um den Hexer Geralt von Riva des polnischen Schriftstellers Andrzej Sapkowski umgibt eine hartgesottene Fangemeinde, die nicht nur durch die Buchvorlage, sondern vor allem durch die PC-Spiele rekrutiert wurde. Was Story und optische Umsetzung angeht, sind die Fans dementsprechend schon geprägt, eine große Herausforderung also für jeden, der das Hexer-Epos filmisch inszenieren möchte.

Trotzdem bietet die umfangreiche Welt rund um Geralt viel Potential für Adaptionen jeglicher Art. So umfassen die Buchreihe fünf Bände sowie zwei Bücher mit Kurzgeschichten, die vor der eigentlichen Handlung der Reihe spielen und die Leser mit Abenteuern aus Geralts Leben und Hintergrundinformationen versorgen. Die Netflix-Serie widmet sich in der ersten Staffel eben diesen Kurzgeschichten und legt so den Grundstein für die Verfilmung der Romanreihe. Da die Story der beliebten Witcher-Spiele nach den Geschehnissen in den Büchern angesiedelt ist, kommen sich Serie und Spiele rein storytechnisch schon mal nicht in die Quere.

Ausgangspunkt in Buch, Spiel und Serie ist die Hauptfigur Geralt von Riva. Dieser widmet sich als sogenannter Hexer dem Beruf des Monsterjägers. Und vor Monstern wimmelt es auf dem Kontinent gehörig. Engagiert von der Bevölkerung, die dem Hexer jedoch mit Misstrauen und Abneigung gegenübertritt, verdient sich Geralt seinen Unterhalt mit der Beseitigung von Vampiren, garstigen Strigen oder monströsen Kikimoras. Dass Hexer auf der entlegenen Burg Kaer Morhen ausgebildet und durch die häufig tödlich verlaufende Kräuterprobe als Mutanten gelten, macht sie für die Bevölkerung nicht unbedingt sympathischer. Obwohl die Hexer über magische Fähigkeiten und geschärfte Sinne verfügen, welche den geplagten Menschen nur zugutekommen. Stattdessen wird jedem Wesen, das nicht der Norm entspricht, mit Argwohn und Hass begegnet. Und so findet sich Geralt oft im moralischen Zwiespalt, wenn es darum geht, „Monster“ zu töten, die jedoch meist menschlicher agieren, als Geralts dem Rassismus und der Intoleranz verfallene Auftraggeber.

Die Hübsche, die Junge und der Schlächter

Die Serie widmet sich in jeder Folge einer Kurzgeschichte und somit einer Episode aus Geralts Hexer-Dasein. Oft geht es dabei nicht nur um das Beseitigen von Monstern. Häufig steckt viel mehr dahinter, weshalb sich Geralt regelmäßig inmitten von Machtspielen und Grausamkeiten widerfindet. Doch als Schachfigur lässt sich der Hexer nicht gerne missbrauchen. Wenn er auch gefühlskalt erscheinen mag, befolgt Geralt einen strengen Verhaltenskodex, der vorsieht, keine Unschuldigen zu töten.

Geralt von Riva wird von Superman-Darsteller Henry Cavill als kerniger, in Leder verpackter Typ dargestellt. Auch wenn dieser Geralt über etwas zu vollgepumpte Muskeln verfügen mag, gelingt es Cavill, den wortkargen und eigenbrötlerischen Hexer überzeugend darzustellen. Viel Text hat er dabei nicht, dafür beschränkt er sich häufig auf ein kurzangebundenes „hm“, möchte am liebsten seine Aufträge einfach abarbeiten und sich aus allen anderen Konflikten raushalten. Ganz so einfach ist es jedoch nicht mehr, als sich ihm der Barde Rittersporn anschließt. Auf der Suche nach epischen Stoffen für seine gesanglichen Einlagen geht der aufgeweckte Sänger dem Hexer schnell auf die Nerven und behindert diesen mehr, als dass er ihn durch sein musikalisches Marketing unterstützt. Rittersporn ist dabei ein recht alberner Sidekick, der in der düsteren Welt voller Gefahren mit seinem Witz zwar für Auflockerung sorgt, jedoch gerade deshalb nicht so recht zur Gesamtkomposition passen mag. Ebenso wenig wie seine eindeutig von der heutigen Popmusik inspirierte Komposition „Gebt Gold eurem Hexer“.

Auch wenn Geralt die titelgebende Figur ist, ist er nicht der einzige Charakter, dem man durch die acht Episoden folgt. Für Abwechslung sorgt zum einen die Zauberin Yennefer, der wir bereits im Kindesalter begegnen und der wir auf ihrem Weg von einem buckligen, verängstigten Kind zu einer der mächtigsten Zauberinnen des Kontinents folgen. Dieser Weg ist eine der interessantesten Handlungen der ganzen Serie und verdeutlicht einmal mehr, wie zerstört und durchsetzt von Verachtung diese Welt doch ist. Doch kaum hat Yennefer ihre Ausbildung zur Zauberin durchlaufen und ihre brutale Transformation zu einer schönen Frau über sich ergehen lassen, flacht ihr Handlungsstrang ab. Auch ihre mysteriöse Verbindung zu Geralt vermag es nicht, dem Ganzen mehr Pfeffer zu geben. Ihre Geschichte plätschert vor sich hin, bis Yennefer in der letzten Folge noch einmal alles geben darf.

Als dritte Hauptfigur steigt die junge Prinzessin Ciri aus dem Königreich Cintra in die Handlung ein. Nach einem bombastischen Start, bei dem ihr Land vom feindlichen Königreich Nilfgard niedergerannt wurde, sackt jedoch auch ihre Geschichte mehr und mehr in Belanglosigkeit ab. Man hat das Gefühl, dass Ciris Storyline über die Hälfte der Folgen nur noch am Leben erhalten wird, um sie beim Staffelfinale dabeihaben zu können. Die Geschichte, die hinter ihrer Verbindung zu Geralt steckt, ist zwar höchst interessant, muss jedoch zugunsten von Geralt und Yennefer immer wieder zurückstecken. Ebenso wie ein paar Nebenfiguren, die genauso plötzlich auftauchen, wie sie wieder verschwinden.

Der Hexer im Mixer

Am Ende finden die Handlungsstränge in einem fulminanten Staffelfinale zusammen. Natürlich gibt es eine abschließende Schlacht, auf die jedoch erst in den letzten beiden Folgen hingearbeitet wird. Hier offenbart sich die inkonsistente Erzählweise der Serie, welche die Zuschauer leider immer wieder aus der Story wirft. Die drei Handlungsstränge finden nicht immer zeitgleich statt, zudem wird innerhalb der Staffel wild in den Zeitebenen hin und hergesprungen. Als Buchkenner ist einem das schnell klar, doch wer keine Ahnung von der Geschichte hat, wird erst in der vierten Folge erkennen, was ihm hier erzähltechnisch zugemutet wird. Anscheinend wollten die Verantwortlichen so viele Informationen zu den Figuren wie möglich in der ersten Staffel unterbringen. Denn wo in den Büchern absichtlich Informationen zurückgehalten und Mysterien erst nach und nach aufgedeckt werden, fackelt die Serie nicht lange. Nach dem Motto friss oder stirb wird man hier mit Infos, Figuren, Namen, Orten, Handlungen und Konflikten konfrontiert, die in ihrer Masse gar nicht ihr ganzes Potential entfalten können und oft ins Leere laufen. Kenner der Bücher und der Spiele werden sich vermutlich besser zurechtfinden und mit den zahlreichen Begriffen und Sachverhalten mehr anfangen können. Genauso wie mit den Figuren, deren Motivationen (ganz besonders in Yennefers Fall) oft im Dunkeln bleiben.

Die drei Bs: Brüste, Blut und Bestien

Das Zeitalter der Schnelllebigkeit macht auch vor Serien nicht halt. Die Reize der Zuschauer müssen im Akkordtempo angesprochen werden und wie gelingt das besser, als mit Brutalität und Nacktheit. Auch in der Witcher-Serie werden bildgewaltig Kehlen durchbohrt, Köpfe abgeschlagen und Massen an Blut verspritzt (ganz besonders in der ersten Folge). Dass dabei vermehrt der Fokus darauf gelegt wird, WIE jemand getötet wird, und nicht mehr darauf, DASS jemand getötet wird, scheint die Produzenten nicht zu stören. Damit geht jedoch viel verloren, der Tod wird zur unterhaltenden Banalität. Der Hinweis, dass die Serie deshalb nichts für zartbesaitete Zuschauer ist, erübrigt sich damit. Effekthascherei findet sich auch bei den häufigen Sexszenen wieder, ein Umstand, den der Stoff der Geschichte nicht nötig gehabt hätte.

Natürlich ging es in der mittelalterlichen Welt brutal zu. Doch wo die Witcher-Serie bei der Effekthascherei mit Blut und Brüsten ihre Hausaufgaben gemacht hat, müssen andere Aspekte der Authentizität zurückstecken. Im Vergleich zur durch und durch verrohten und dreckigen Gesellschaft wirken die Kostüme oftmals viel zu sauber, sowohl was Optik als auch Machart angeht (moderne Reißverschlüsse sorgen für unfreiwillige Komik). Sichtbare Perückenansätze und die knalligen Kontaktlinsen tragen nur wenig zu einer stimmigen Atmosphäre bei. Was Kostüme und Maske vorgeben, setzt sich in den Kulissen fort. In Großaufnahmen gelingen hier beeindruckende Bilder, doch sobald es in die Details geht, wirken die Orte austauschbar. Und die Visualisierungen fallen (besonders bei den Schlachten) eher mau aus. Allein die musikalische Untermalung vermag zu überzeugen und sollte besonders Fans der Spiele in die einzigartige Witcher-Stimmung versetzen.

Obwohl die Serie von einem Monsterjäger handelt, bekommen diese Kreaturen erstaunlich wenig Screentime. Letztendlich macht das nichts, denn wo Andrzej Sapkowski mit osteuropäischen Legenden, Märchen und Fabelwesen experimentierte, verkommen die Monster der Serie zu blutleeren Schauergestalten ohne jegliche Hintergrundgeschichte. Tatsächlich tut sich die Serie schwer, ihrer Adaption die nötige Tiefgründigkeit zu verleihen. Da verkommt die originelle Geschichte über einen kleinen, frechen Teufel und die Stellung der verachteten Elfen in der Gesellschaft schon mal zu einer Randnotiz. Neben der Motivation der Figuren bleiben auch sonst viele Fragen offen. Warum Nilfgard zu den Bösen gehört, wie der Kontinent überhaupt geografisch und politisch strukturiert ist (besonders im Hinblick auf die Zauberinnen und Zauberer, die überall ihre Finger im Spiel zu haben scheinen), darüber erfährt man – nichts. Unter all diesen Umständen rutscht „The Witcher“ ab und zu sogar auf Trash-Niveau ab. Der Höhepunkt ist in Folge Sechs erreicht, als eine Truppe Drachentöter, die Hälfte davon augenscheinlich gelangweilte Statisten, auf den Plan treten und verzweifelt versucht wird, der Beziehung zwischen Geralt und Yennefer durch merkwürdige Dialoge mehr Tiefe zu verleihen.

Fazit

Die Geschichten rund um Hexer Geralt von Riva gehören zweifellos in den Fantasy-Olymp. Netflix’ Umsetzung ist jedoch nicht ganz rund, alles wird auf einmal erzählt und mit billiger Effekthascherei dekoriert, um die Zuschauer bei der Stange zu halten. Auf diese Weise vermag die Serie zwar zu unterhalten, ist dabei aber nicht mehr als Durchschnitt. Buchkenner werden deshalb häufiger mit den Zähnen knirschen und damit leben müssen, dass der Tiefgang der Bücher zum Wohle der schnellen Unterhaltung geopfert wurde.