Ein Tolkien-Wegweiser

von Lisa Reim-Benke, Titel-Motiv: iStock.com/djr-photography

Die Straße gleitet fort und fort

Wer sich mit Fantasy-Literatur beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei: John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973), den Begründer des High-Fantasy-Genres. Seine Werke Der kleine Hobbit und Der Herr der Ringe gehören zu den erfolgreichsten Büchern der Welt, die entsprechenden Verfilmungen haben diesen Ruhm noch gemehrt. Doch diese beiden Werke bilden nur die Spitze des Eisbergs, denn Tolkiens erdachte Welt Mittelerde bietet noch sehr viel mehr. 

Sogar noch fünf Jahrzehnte nach Tolkiens Tod finden sich Neuveröffentlichungen in den Buchläden. Immer wieder finden sich im Nachlass des Autors Notizbücher und beschriebene Zettel auf denen Tolkien die Gedanken zu seiner Fantasy-Welt einst niederschrieb. Er erschuf eine mehrere Zeitalter umfassende Historie und Mythologie, die er zu Lebzeiten nicht fertigstellen konnte. Deshalb erschienen immer wieder posthum Geschichten aus Mittelerde, die sein Sohn Christopher Tolkien in mühsamer Kleinstarbeit aufbereitete und herausgab.

Ein großer Teil der Faszination an Tolkien ist wohl seiner Detailverliebtheit zu verdanken. Tolkien war in Oxford Professor für englische Sprache, eine Leidenschaft, die sich auch in seinem literarischen Schaffen niederschlug. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass er sich für sein Epos gleich mehrere Sprachen mit passender Sprachgeschichte ausdachte. Zudem war er begeistert von europäischer Mythologie und mittelalterlicher Literatur, die ihm als Inspiration dienten.

So spannend das auch klingen mag, man sollte sich nicht von seinem Elan übermannen lassen und sich blind auf Tolkiens Werk stürzen, ohne sich bewusst zu sein, worauf man sich einlässt. Tolkien bediente sich nämlich eines Schreibstils, der heutzutage sehr ungewohnt für ein literarisches Werk wirken mag: sehr ausschweifend, auf die Informationsvermittlung bedacht, wenig Fokus auf die Charaktere und deren Innenleben. Teilweise wird es auch recht kompliziert. Wer dann alles ganz genau durchdringen will, kommt an mehrmaligem Lesen nicht vorbei. Darauf muss man gefasst sein. Genauso wie auf den Umstand, dass auch Tolkien ein Kind seiner Zeit war. Bedeutende Frauenfiguren gibt es in seinen Werken zum Beispiel kaum.

Tolkiens Lebenswerk ist gleichermaßen beeindruckend und einschüchternd, der Stapel an Publikationen kann leicht überfordern. Das sollte jedoch niemanden entmutigen, denn mit dem passenden Einstieg und der richtigen Steigerung der tolkien’schen Komplexität kann jeder einen Zugang zu Mittelerde finden!

Für Einsteiger: Der kleine Hobbit

Mit einem kleinen Halbling namens Bilbo Beutlin nahm alles seinen Anfang. 1937 erschien in England das Kinderbuch The Hobbit (erst 1957 auf Deutsch!), welches gleichzeitig die erste Geschichte aus Mittelerde ist, die veröffentlicht wurde. Zeitlich ungefähr 60 Jahre vor dem Epos Der Herr der Ringe angesiedelt, geht es um die aus ihrem Heimatreich Erebor von einem Drachen vertriebenen Zwerge, die mithilfe von Bilbo ihr zu Hause zurückerobern wollen.

Das Buch eignet sich nicht nur dank der geradlinigen Handlung gut als Einstieg, man lernt auch zentrale Orte und Figuren kennen, die später im Herrn der Ringe eine Rolle spielen. Anders als Tolkiens  andere Werke bleibt es, was Figuren und Komplexität angeht, sehr übersichtlich. Der kleine Hobbit bietet deshalb einen schönen Einblick in Mittelerde und ist aufgrund der märchenhaften Art auch für Fantasy-Neulinge zu empfehlen.

Smalltalk-Info:

Den legendären ersten Satz des Hobbits „In einem Loch im Boden, da lebte ein Hobbit“ schrieb Tolkien angeblich bei Korrekturen auf die Rückseite einer Klausur eines seiner Schüler. Ein Glück, dass seine Gedanken damals bei der Arbeit abschweiften und er den Grundstein für diese schöne Geschichte legen konnte!

DAS Epos schlechthin: Der Herr der Ringe

Tolkiens berühmtes Epos um den einen Ring erschien 1954/55 (in Deutschland zog man wieder  verspätet 1969/70 nach). Der Dreiteiler war zu dieser Zeit etwas, das es bis dahin noch nie gegeben hatte, ein Fantasy-Meisterwerk mit epischen Schlachten, einem dunklen Herrscher und kleinen Helden. Neun Gefährten bestehend aus vier Hobbits (einer davon Frodo Beutlin, Neffe von Bilbo), einem Zwerg, einem Elben, zwei Menschen und einem Zauberer machen sich auf den Weg, den Ring der Macht in den Schicksalsberg zu werfen und ihn damit für immer zu vernichten.

Im Gegensatz zum Hobbit richtet sich Der Herr der Ringe an ein erwachsenes Publikum. Was im Hobbit schon angedeutet wurde, wird hier noch gesteigert: es wird deutlich komplexer, was sich sowohl in Sprache und Erzählweise als auch in der Handlung niederschlägt. Es gibt etliche Figuren, viele Orte, Referenzen zu Geschehnissen in der langen Historie Mittelerdes und einige Passagen, die heutzutage rigoros gekürzt werden würden. Dennoch liegt genau darin der Reiz: Im Herrn der Ringe wird Tolkiens Talent zum Worldbuilding deutlich, mit einer Detailvielfalt und einem Gespür für episches Erzählen, an das bis heute niemand heranreicht. Deshalb sind auch die Anhänge im dritten Teil der Reihe sehr empfehlenswert, die noch mehr Einblicke in das Schicksal mancher Figuren gewähren. Doch Vorsicht: Die Anhänge sind nicht in jeder Ausgabe enthalten.

Wer die Verfilmungen kennt, wird sich bei der Lektüre besser zurechtfinden und kann die vielen Namen und Orte gleich gut einordnen. In den Büchern wird jedoch einiges drumherum erzählt, was die Filme weggelassen haben. Man wird also auf jeden Fall noch viele Überraschungen erleben!

Profi-Wissen:

Es gibt insgesamt zwei Übersetzungen des Herrn der Ringe: Die Carroux-Übersetzung (Margaret Carroux, 1969/70) und die neuere Krege-Übersetzung (Wolfgang Krege, 2000). Die modernisierte Krege-Version hatte ihrer zeit eine hitzige Debatte ausgelöst. Verfechter der Carroux-Übersetzung hielten Kreges Versuch für zu frei interpretiert, zu weit entfernt vom Sprachduktus des Originals und an vielen Stellen schlicht und ergreifend schlecht übersetzt. Hauptaufreger war die Übersetzung des Wortes „Master“. Bei Carroux spricht Sam Frodo als „Herr“ an, Krege macht daraus ein „Chef“. Der deutsche Tolkien-Verlag Hobbit Presse überarbeitete nach diesem Aufschrei  behutsam die Übersetzung von Krege. Welche Version am besten geeignet ist, muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Am besten einmal in beide reinlesen.

Für Tolkien-Studenten: Das Silmarillion

Jetzt kommt’s dick: Das Silmarillion, das ultimative Mittelerde-Geschichtsbuch für die Hardcore-Fans. Wer den Hobbit und Herr der Ringe gelesen hat und von der Welt einfach nicht genug haben kann, sollte sich an dieses Werk wagen. Es umfasst die Geschichte Mittelerdes, angefangen von der Erschaffung der Welt bis hin zur Handlung des Herr der Ringe. Dabei wird offensichtlich, dass Tolkien selbst das Silmarillion nicht fertigstellen konnte. Es wurde posthum 1977 veröffentlicht (diesmal war Deutschland schnell: 1978), viele Geschichtsstränge, Ereignisse und Personen sind deshalb nicht ganz ausgereift. Manche Passagen lesen sich wie ein Geschichtsbuch, das bestimmte Geschehnisse zusammenfasst, andere sind ausgeschmückter. In jedem Fall erfährt man eine ganze Menge über all die Dinge, die im Hobbit oder Herr der Ringe nur angedeutet wurden, beispielsweise welchen Einfluss die Götter auf Mittelerde nahmen, woher die Elben kommen, wer oder was eigentlich Gandalf ist, wie das genau mit der Erschaffung der Ringe war und wie es danach weiterging. Insgesamt werden drei Zeitalter Mittelerdes abgedeckt (zur Orientierung: Der Hobbit und Herr der Ringe spielen im dritten Zeitalter), mit so viel Ausschweifung und einem umfassenden Figurenensemble, dass einem die Ohren schlackern. Entsprechend kompliziert gestaltet sich die Lektüre. Man muss schon Blut geleckt haben, um sich hier motiviert durchzuarbeiten. Danach ist man jedoch ein Profi, der bei jedem Herr-der-Ringe-Filmeabend mit seinem Wissen glänzen kann!

Übrigens:

Dass die deutsche Übersetzung des Silmarillion nicht so lange auf sich warten ließ, ist kein Zufall. Nach dem Erscheinen des Herr der Ringe erfreute sich Tolkien großer Beliebtheit. So groß, dass sogar vor der deutschen Veröffentlichung des Silmarillion eine Raubübersetzung in dem Verlag Die Drei erschien. An diese kommt man heute natürlich nicht mehr so leicht, der Übersetzer wurde nie identifiziert.

Für jeden etwas dabei: Geschichten aus der Mittelerde-Historie

An alle, die der letzte Abschnitt abgeschreckt haben sollte: Keine Panik! Die Reise durch Mittelerde ist noch nicht vorbei, auch wenn ihr euch nicht gleich in die Untiefen des Silmarillion stürzen möchtet. In Tolkiens Fundus wurden noch drei Geschichten gefunden, die leichter zugänglich sind und die auch im Silmarillion Erwähnung fanden, jedoch nicht genauer ausgeführt wurden. Deshalb sind sie sowohl für Profis als auch für Gelegenheitsleser geeignet. Alle drei Geschichten spielen im ersten Zeitalter, also sehr lange vor den Geschehnissen im Hobbit und Herr der Ringe.

Die Bücher enthalten mehrere Versionen der jeweiligen Geschichte und wurden von Herausgeber Christopher Tolkien kommentiert, sodass man viel über seine Arbeit erfährt und wie problembehaftet die Rekonstruktion der einzelnen Handlungsstränge tatsächlich war.

So geht es los mit Die Kinder Húrins. Das Buch handelt von dem Menschen Túrin Turambar, ein tragischer Held mit einer schweren Bürde: spannend, aber traurig.

Wer schon immer mal eine Liebesgeschichte aus Mittelerde lesen wollte, dem seiBeren und Lúthienans Herz gelegt. Tolkiens literarische Liebeserklärung an seine Frau erzählt von der Liebe zwischen einem Menschen und einer Elbin: wunderschön!

Zu guter Letzt gibtes noch einmal etwas ganz Epochales: Der Fall von Gondolin. Der Titel sagt es bereits, die Elbenstadt Gondolin kommt hier nicht glimpflich davon: Dramatisch und krass!

Unverzichtbare Reiseutensilien: Die perfekte Ausstattung für das Abenteuer

In Mittelerde kann man eine ganz schön lange Zeit verbringen. Aber ganz allein gelassen wird man auf der Reise natürlich nicht. Es gibt einige Autoren, die Tolkiens Werk ganz genau studiert haben und anderen Lesern nützliche Hilfsmittel an die Hand geben.

Zum einen wäre da der Historische Atlas von Mittelerde von Karen Wynn Fonstad. Von geologischen, physikalischen bis hin zu politischen Karten ist hier alles dabei, sodass man sich immer genau über die geografischen Gegebenheiten und historischen Entwicklungen des jeweiligen Zeitalters informieren kann. Auch die Reiserouten von Frodo, Bilbo und Co. werden genau aufgezeigt. Eine schöne und detailreiche Orientierung, welche die Lektüre enorm erleichtert und bereichert.

Für alle, die sich schon immer selbst einmal im Elbischen versuchen wollten, ist Wolgang Kreges Elbisches Wörterbuch genau das richtige. Es beinhaltet Wortschatz und Grammatik für die beiden Elbensprachen Quenya und Sindarin und natürlich Hinweise zur Aussprache.

Tolkiens Geschichten beflügeln die Phantasie, und das ist zum Glück auch bei einigen Künstlern der Fall gewesen, die sofort den inneren Drang verspürt haben, zum Pinsel oder Bleistift zu greifen und das Gelesene in Bildern festzuhalten. Alan Lee und John Howe sind zwei Illustratoren, die von Tolkiens Geschichten bereits sehr früh geprägt wurden und die sich seitdem nicht mehr aus dem Bann Mittelerdes lösen konnten. Beide haben das Bild und die Ästhetik dieser Welt und seiner Bewohner enorm geprägt. Sie illustrierten zahlreiche Ausgaben des Hobbit, Herr der Ringe und des Silmarillion, zudem waren sie verantwortlich für die künstlerische Gestaltung der Verfilmungen.

Für visuelle Unterstützung beim Lesen greift man am besten gleich zu einer der herrlich illustrierten Ausgaben. Wer durch einen ganzen Bildband blättern und sich verzaubern lassen möchte, sollte John Howes Reise durch Mittelerde oder Alan Lees Mit dem Hobbit unterwegs zur Hand nehmen. Auch Tolkien selbst hat sein Werk häufig in Bildern und Skizzen festgehalten, zu sehen in Die Kunst des Hobbit und Die Kunst des Herr der Ringe, beide von Christina Scull und Wayne G. Hammond.

Worauf wartet ihr noch?

Gut gerüstet kann es jetzt nach Mittelerde gehen! Nun gibt es keine Ausreden mehr, ihr seid bestens gewappnet, um euch in Tolkiens Reich zu wagen.

Alle Bücher haben hier natürlich nicht Erwähnung gefunden, dafür ist Tolkiens Gesamtwerk einfach zu umfangreich. Der Vollständigkeit halber seien noch die 12-bändige historisch-kritische Ausgabe von der History of Middle Earth(auf Deutsch nur Band eins und zwei erschienen:Das Buch der verschollenen Geschichten) und History of the hobbiterwähnt. Des Weiteren gibt es noch die Fragmentsammlung Nachrichten aus Mittelerdeund die Gedichtsammlung Die Abenteuer des Tom Bombadil. Tiefergehende Betrachtungen liefern natürlich wissenschaftliche Publikationen, denn die Tolkienforschung ist, wer hätte es gedacht, noch lange nicht am Ende.

Leider ist mit dem Tod Christopher Tolkiens im Januar 2020 der größte Mittelerde-Experte überhaupt von uns gegangen. Wie die rechtliche Lage aussieht, ob es weitere Publikationen geben wird und wer sie herausgibt, bleibt vorerst noch offen.

Genug Lesestoff gibt es jedoch allemal. Für jeden sollte etwas dabei sein und eine Beschäftigung lohnt sich in jedem Fall. Denn auch wenn Tolkiens Werke immer der unübertroffene Meilenstein der Fantasy sein werden, sind und bleiben sie doch im Kern einfach nur eines: Unvergleichlich schöne Geschichten.

Foto "J.R.R. Tolkien": Klett-Cotta Verlag

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