NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Erschienen: September 2018

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Carsten Kuhr
Kein zweiter Volker Kutscher oder Philip Kerr, aber eine bestechende Idee

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Dez 2018

Deutschland hat den Krieg verloren. Eine Schande, dass man den so genannten Friedensvertrag unterschreiben musste mit dem auch gleich alle Deutschen Patente ihre Wirksamkeit verloren. Seitdem nutzt die Welt den Komputer (mit K), ist in dem Weltnetz unterwegs und telefoniert drahtlos. Dass die Deutschen Erfinder dafür leer ausgehen, ist Wasser auf die Mühlen der Nationalsozialisten.

Zusammen mit ihrem Rassenprogramm – jüdische Mitschüler werden zunächst in die letzten Reihen im Klassenzimmer verbannt, später verschwinden sie gänzlich – installieren sie auch ihre Geheimdienste. Neben der Gestapo übernehmen sie vom Kaiserreich auch das kaum bekannte, in Weimar beheimatete Nationale Sicherheitsamt (NSA).

Als sich Reichsführer SS Heinrich Himmler 1942 dort zu Besuch ankündigt, ist die Aufregung verständlicherweise groß. Alle wissen, wenn sie dem Reichsführer nichts präsentieren, das ihm wichtig erscheint, werden die Männer an die Front befohlen, die Frauen in die Munitionsfabriken.

Helene Bodenkamp ist Programmstrickerin beim NSA. Schon in der Schule hat sie sich statt für Kleider oder Jungs für Zahlen und Mathematik interessiert. Sie hat ein neues Programm gestrickt, mit dessen Hilfe man nicht nur den Aufenthaltsort eines jeglichen drahtlosen Telefonapparats feststellen kann, auch sonst hat sie so manche Idee, die kriegsentscheidend sein könnte.

Der Dank der Abschaffung des Bargelds elektronisch bezahlte Erwerb von Nahrungsmitteln etwa, lässt sich mit der Größe der Familie und dem Durchschnittsverbrauch wunderbar hochrechnen. Kauft eine Familie weit mehr Nahrung, als sie eigentlich benötigt, liegt der Verdacht nahe, dass sie vielleicht Flüchtigen Unterschlupf bietet. Und schon wird in Amsterdam unter Anderen die Familie Anne Franks entdeckt und festgenommen.

Himmler ist begeistert, Helene weniger. Als sie sieht, welche Schrecken das von ihr gestrickte Programm verbreiten kann, hinterfragt sie zunehmend ihre Rolle. Dazu kommt, dass sich ein Deserteur, in den sie verliebt ist, auf einem Bauernhof ihrer Freundin versteckt und dort nicht gefunden werden sollte. Sonst sehen sie sich erst im Nachleben wieder…

Helenes Vorgesetzter Eugen Lettke nutzt das Programm allerdings für seine ganz eigenen Zwecke. Er forscht und findet im Weltnetz nach regimefeindlichen Äußerungen attraktiver Frauen, sucht diese auf und bietet ihnen an, die Daten im Austausch gegen eine Gefälligkeit zu löschen...

Elektrobriefe, das Weltnetz und Komputer – wie sich die Bilder gleichen

Die Idee per se ist bestechend. Andreas Eschbach verknüpft das Unrechtssystem der Nazis mit den Mitteln des modernen Überwachungsstaats und erzählt uns eine Geschichte, die Angst macht.

Nehmen Sie alles was sie Dank Edward Snowden von der Tätigkeit der NSA wissen und kombinieren sie dies mit dem Drang der Nazis, alles und Jeden zu kontrollieren – fertig ist ein mehr als beklemmendes Bild, das Realität atmet.

Damit komme ich dann aber auch gleich zu dem, was mir negativ am Buch aufgefallen ist.

Im Gegensatz zu dem zurecht so hochgelobten Rath Romanen von Volker Kutscher gelingt es Eschbach leider nicht, die Zeit seiner Handlung wirklich überzeugend zum Leben zu erwecken. Zu vage bleibt er gerade bei den Details seiner Welt, da fährt ein Auto vor – die Marke die die Nazis nutzten bleibt unbenannt – da wird die Heimstätte der NSA in Weimar als altes Gebäude mit Stuckdecken beschrieben – das wars dann aber auch schon etc.

Eschbach bleibt hier mehr als oberflächlich, erschlägt den Leser dann lieber mit dem Auffinden der Juden in Amsterdam – natürlich der Familie von Anne Frank, als gebe es sonst keine niederländischen Juden.

Das ist aber sicherlich Jammern auf hohem Niveau. Eschbach macht es insbesondere bei und mit der Zeichnung seiner Protagonistin Helene gut.

Vom naiven Mädchen entwickelt sich diese zu einer Persönlichkeit, mit und über die wir die Entwicklung Deutschlands miterleben. Von dem ersten Aufkommen von Antisemitismus, über ihren Vater, der dem Regime einen Ariertest entwickelt hat, verfolgen wir die Übernahme der Herrschaft mit, erleben den Kriegseintritt und die Endlösung.

Auch wenn Helene dieser Herr Hitler eigentlich unsympathisch ist, geht sie zunächst ganz in der von ihr geliebten Tätigkeit bei Stricken von Programmen für die analytische Maschine auf. Sie findet Bestätigung in ihrer Tätigkeit, hinterfragt die Folgen zunächst nicht, sondern zieht Selbstbewusstsein aus ihrem Talent. Dass das Programmstricken hauptsächlich von Frauen gemacht wird bringt auch ein wenig die Geschlechterrolle ins Bild. Hier der an der Front oder bei schwerer, natürlich kriegswichtiger Arbeit malochende Mann, dort die Frau die sich um Stricken, das Heim und die Kinder für die Hitlerjugend zu kümmern hat.

Fazit:

Die Kombination aus Nazi-Unrechtsstaat mit modernen Überwachungsmitteln und Methoden erweist sich als durchaus unterhaltsamer, kurzweiliger Plot, der uns in verklausulierter Form vor den Gefahren eines Überwachungsstaates warnen will – und dies ebenso kurzweilig wie spannend schafft.

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