Couch-Wertung:

76°
Praktikabilität

Leser-Wertung

-
Zum Bewerten, einfach Säule klicken.
 50° 100°

Zum Bewerten, einfach Säule klicken.

Bitte bestätige - als Deine Wertung.

Gebe bitte nur eine Bewertung pro Buch ab, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Danke!

8 x 91°-100°
0 x 81°-90°
0 x 71°-80°
1 x 61°-70°
1 x 51°-60°
1 x 41°-50°
0 x 31°-40°
2 x 21°-30°
0 x 11°-20°
0 x 1°-10°
B:77.923076923077
V:13
W:{"1":0,"2":0,"3":0,"4":0,"5":0,"6":0,"7":0,"8":0,"9":0,"10":0,"11":0,"12":0,"13":0,"14":0,"15":0,"16":0,"17":0,"18":0,"19":0,"20":0,"21":0,"22":0,"23":0,"24":0,"25":1,"26":1,"27":0,"28":0,"29":0,"30":0,"31":0,"32":0,"33":0,"34":0,"35":0,"36":0,"37":0,"38":0,"39":0,"40":0,"41":0,"42":0,"43":0,"44":0,"45":0,"46":0,"47":0,"48":0,"49":0,"50":1,"51":0,"52":0,"53":0,"54":0,"55":0,"56":0,"57":0,"58":0,"59":0,"60":1,"61":0,"62":0,"63":0,"64":0,"65":0,"66":0,"67":0,"68":0,"69":0,"70":1,"71":0,"72":0,"73":0,"74":0,"75":0,"76":0,"77":0,"78":0,"79":0,"80":0,"81":0,"82":0,"83":0,"84":0,"85":0,"86":0,"87":0,"88":0,"89":0,"90":0,"91":0,"92":1,"93":0,"94":0,"95":1,"96":1,"97":0,"98":0,"99":1,"100":4}
Carsten Kuhr
Kein zweiter Volker Kutscher oder Philip Kerr, aber eine bestechende Idee

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Dez 2018

Deutschland hat den Krieg verloren. Eine Schande, dass man den so genannten Friedensvertrag unterschreiben musste mit dem auch gleich alle Deutschen Patente ihre Wirksamkeit verloren. Seitdem nutzt die Welt den Komputer (mit K), ist in dem Weltnetz unterwegs und telefoniert drahtlos. Dass die Deutschen Erfinder dafür leer ausgehen, ist Wasser auf die Mühlen der Nationalsozialisten.

Zusammen mit ihrem Rassenprogramm – jüdische Mitschüler werden zunächst in die letzten Reihen im Klassenzimmer verbannt, später verschwinden sie gänzlich – installieren sie auch ihre Geheimdienste. Neben der Gestapo übernehmen sie vom Kaiserreich auch das kaum bekannte, in Weimar beheimatete Nationale Sicherheitsamt (NSA).

Als sich Reichsführer SS Heinrich Himmler 1942 dort zu Besuch ankündigt, ist die Aufregung verständlicherweise groß. Alle wissen, wenn sie dem Reichsführer nichts präsentieren, das ihm wichtig erscheint, werden die Männer an die Front befohlen, die Frauen in die Munitionsfabriken.

Helene Bodenkamp ist Programmstrickerin beim NSA. Schon in der Schule hat sie sich statt für Kleider oder Jungs für Zahlen und Mathematik interessiert. Sie hat ein neues Programm gestrickt, mit dessen Hilfe man nicht nur den Aufenthaltsort eines jeglichen drahtlosen Telefonapparats feststellen kann, auch sonst hat sie so manche Idee, die kriegsentscheidend sein könnte.

Der Dank der Abschaffung des Bargelds elektronisch bezahlte Erwerb von Nahrungsmitteln etwa, lässt sich mit der Größe der Familie und dem Durchschnittsverbrauch wunderbar hochrechnen. Kauft eine Familie weit mehr Nahrung, als sie eigentlich benötigt, liegt der Verdacht nahe, dass sie vielleicht Flüchtigen Unterschlupf bietet. Und schon wird in Amsterdam unter Anderen die Familie Anne Franks entdeckt und festgenommen.

Himmler ist begeistert, Helene weniger. Als sie sieht, welche Schrecken das von ihr gestrickte Programm verbreiten kann, hinterfragt sie zunehmend ihre Rolle. Dazu kommt, dass sich ein Deserteur, in den sie verliebt ist, auf einem Bauernhof ihrer Freundin versteckt und dort nicht gefunden werden sollte. Sonst sehen sie sich erst im Nachleben wieder…

Helenes Vorgesetzter Eugen Lettke nutzt das Programm allerdings für seine ganz eigenen Zwecke. Er forscht und findet im Weltnetz nach regimefeindlichen Äußerungen attraktiver Frauen, sucht diese auf und bietet ihnen an, die Daten im Austausch gegen eine Gefälligkeit zu löschen...

Elektrobriefe, das Weltnetz und Komputer – wie sich die Bilder gleichen

Die Idee per se ist bestechend. Andreas Eschbach verknüpft das Unrechtssystem der Nazis mit den Mitteln des modernen Überwachungsstaats und erzählt uns eine Geschichte, die Angst macht.

Nehmen Sie alles was sie Dank Edward Snowden von der Tätigkeit der NSA wissen und kombinieren sie dies mit dem Drang der Nazis, alles und Jeden zu kontrollieren – fertig ist ein mehr als beklemmendes Bild, das Realität atmet.

Damit komme ich dann aber auch gleich zu dem, was mir negativ am Buch aufgefallen ist.

Im Gegensatz zu dem zurecht so hochgelobten Rath Romanen von Volker Kutscher gelingt es Eschbach leider nicht, die Zeit seiner Handlung wirklich überzeugend zum Leben zu erwecken. Zu vage bleibt er gerade bei den Details seiner Welt, da fährt ein Auto vor – die Marke die die Nazis nutzten bleibt unbenannt – da wird die Heimstätte der NSA in Weimar als altes Gebäude mit Stuckdecken beschrieben – das wars dann aber auch schon etc.

Eschbach bleibt hier mehr als oberflächlich, erschlägt den Leser dann lieber mit dem Auffinden der Juden in Amsterdam – natürlich der Familie von Anne Frank, als gebe es sonst keine niederländischen Juden.

Das ist aber sicherlich Jammern auf hohem Niveau. Eschbach macht es insbesondere bei und mit der Zeichnung seiner Protagonistin Helene gut.

Vom naiven Mädchen entwickelt sich diese zu einer Persönlichkeit, mit und über die wir die Entwicklung Deutschlands miterleben. Von dem ersten Aufkommen von Antisemitismus, über ihren Vater, der dem Regime einen Ariertest entwickelt hat, verfolgen wir die Übernahme der Herrschaft mit, erleben den Kriegseintritt und die Endlösung.

Auch wenn Helene dieser Herr Hitler eigentlich unsympathisch ist, geht sie zunächst ganz in der von ihr geliebten Tätigkeit bei Stricken von Programmen für die analytische Maschine auf. Sie findet Bestätigung in ihrer Tätigkeit, hinterfragt die Folgen zunächst nicht, sondern zieht Selbstbewusstsein aus ihrem Talent. Dass das Programmstricken hauptsächlich von Frauen gemacht wird bringt auch ein wenig die Geschlechterrolle ins Bild. Hier der an der Front oder bei schwerer, natürlich kriegswichtiger Arbeit malochende Mann, dort die Frau die sich um Stricken, das Heim und die Kinder für die Hitlerjugend zu kümmern hat.

Fazit:

Die Kombination aus Nazi-Unrechtsstaat mit modernen Überwachungsmitteln und Methoden erweist sich als durchaus unterhaltsamer, kurzweiliger Plot, der uns in verklausulierter Form vor den Gefahren eines Überwachungsstaates warnen will – und dies ebenso kurzweilig wie spannend schafft.

NSA - Nationales Sicherheits-Amt

NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Deine Meinung zu »NSA - Nationales Sicherheits-Amt«

Hier kannst Du einen Kommentar zu diesem Buch schreiben. Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer, respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Danke!

Letzte Kommentare:
18.12.2018 08:54:20
PMelittaM

Was wäre wenn Charles Babagge im 19. Jahrhundert seine Analytical Engine zu Ende entwickelt hätte und sich schon damals daraus der Computer, das Internet und alles damit Verbundene entwickelt hätte? Dann hätten die Nationalsozialisten im Dritten Reich womöglich eine ganz andere Möglichkeit der Überwachung gehabt und sich die Geschichte ein bisschen anders entwickelt.

Wie das hätte aussehen können, versucht Andreas Eschbach in diesem Roman zu erzählen. Er hat dafür die einschlägigen Worte eingedeutscht, der Computer wird zum Komputer, das Internet ist das Weltnetz und das Passwort heißt Parole, aber im Grunde ist es mit dem, was wir heute kennen, identisch. Nicht identisch ist das Drumherum, so ist Programmieren ausschließlich Frauensache, da es dem Kochen und dem Stricken ähnele und daher den Frauen besonders liege, Programmieren wird daher auch Stricken genannt und die Programmiererinnen sind Strickerinnen. DAS Lehrbuch dazu ist dem weiblichen Wesen gemäß in rosa und mit Blümchen gestaltet. Männer dagegen können ihrem Wesen nach am besten analysieren, haben aber keine Ahnung, wie ein Programm funktioniert – nun ja. Da mittlerweile auch das Bargeld abgeschafft wurde, gibt es eine nahezu nahtlose Überwachung und das Nationale Sicherheitsamt (NSA!), schon im Kaiserreich existent, zeigt seinen Nutzen nun dadurch, dass es versucht, aus den Daten bestimmte Erkenntnisse zu ziehen, die dem Reich nutzen, z. B., indem es versucht Untergetauchte (Juden, Deserteure) zu lokalisieren,

Beide Protagonisten des Romans arbeiten für das NSA, und nutzen das im Laufe des Romans auch für ihre eigenen Zwecke. Helene Bodenkamp ist eine der Strickerinnen des Amtes, wahrscheinlich sogar die beste von ihnen. Daneben ist Helene eher schüchtern, wenig selbstbewusst, und in ihren Augen so wenig attraktiv, dass sie wohl nie einen Mann finden wird, besonders, da es durch den Krieg ja immer weniger gibt – sie ist als ein graues und nebenbei naives Mäuschen, das aber brillante Programme stricken kann. Mehr muss man über sie nicht wissen, außer, dass ihr Elternhaus schon sehr früh ideologisch geprägt war, und ihre Eltern sie baldmöglichst verkuppeln wollen, damit sie ihre Pflicht als Frau erfüllen kann. Was ihre Eltern nicht wissen: Eigentlich hat sie im Laufe des Romans bereits jemanden gefunden, der sie liebt, aber leider nicht gesellschaftsfähig ist, er musste nämlich untertauchen. Für ihn nutzt Helene auch ihr Wissen bei ihrer Arbeit im NSA. Dass sie mit ihrer Arbeit vielen Menschen schadet, reflektiert sie kaum.

Ganz anders Eugen Lettke, einziger Sohn eines gefallenen Kriegshelden, seinen Vater lernte er nie kennen, wohnt noch bei seiner Mutter, die ihn nervt, und hat ein sehr schwieriges Verhältnis zu Frauen. Das rührt u. a. daher, dass ihn ein paar in seiner Jugend sehr gedemütigt haben. Neben seiner Rache an diesen jungen Frauen, übt er auch Rache an den Frauen an sich, wozu er im Netz schädliche Informationen sucht, mit denen er Frauen erpressen und nötigen kann, was ihm nur auf Grund seiner Arbeit beim NSA möglich ist.

Beide Charaktere werden eher oberflächlich gezeichnet und wirken wie Klischees, hier naiv, dort abgrundtief böse. Auch für Helene konnte ich keine positive Gefühle entwickeln, als ein potentieller Ehekandidat sie nur wegen seiner körperlichen Beeinträchtigungen anekelt, verlor sie meine Sympathie endgültig. Auch viele der anderen Charaktere sind reine Klischees, Sympathie konnte ich nur für wenige entwickeln, eigentlich nur für Helenes Freundin Marie und deren Mann Otto, die für mich am ehesten die Helden in dieser Geschichte sind.

Der Roman basiert im Grunde auf den Lebensgeschichten der beiden Protagonisten, so dass wir viele Seiten lang ihre Geschichte von Kindheit an lesen „müssen“. Die parallele deutsche Geschichte ist bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Wesentlichen dem tatsächlichen Verlauf ähnlich, nur der Krieg endete bereits 1917. Später gibt es etwas mehr Unterschiede, wobei hier auch historische Ereignisse einbezogen werden. Ist Anne Franks Schicksal noch fast identisch, gibt es bei der Weißen Rose oder Georg Elser deutliche Unterschiede, die der Arbeit des NSA zugesprochen werden. Auch die Verpflegung der Bevölkerung z. B. ist besser aufgestellt – allerdings treten politische und soziale Entwicklungen hinter die Geschichte Helenes und Eugens zurück. Warum der Autor seinen Roman ausgerechnet auf diesen beiden aufbaut, ist mir ein Rätsel, man hätte sicher interessantere und authentischere Charaktere entwickeln können, die den Roman insgesamt glaubhafter gemacht hätten.

Das Ende wirkt auf mich teilweise wie ein schlechter Scherz, vor allem was die Geschichte der beiden Protagonisten angeht, die Geschichte Deutschlands dagegen passt durchaus zur Entwicklung, wie sie dargestellt wird.

Was soll ich sagen, den interessanten und tiefgehenden Roman, der eine gelungene Alternate History erzählt, den ich erwartet habe, habe ich leider nicht bekommen. Spannung entstand für mich lediglich in der Frage, ob Marie und Otto das Ganze unbeschadet überstehen. Der Roman hätte deutlich gestrafft werden können, vieles wiederholt sich. Dass Anne Franks Schicksal, zudem schon so früh im Roman, ausgeschlachtet wurde, hat mich ein wenig entsetzt. Sollte der Roman einen Anteil zur Aufarbeitung der deutschen Geschichte beitragen oder gar aktuelle Gesellschaftskritik sein, wurde das Thema weit verfehlt, schade, man hätte so viel daraus machen können. So ist es nur ein nicht besonders gute Geschichte mit schlecht ausgearbeiteten Charakteren, auf die man getrost verzichten kann. Ich kann den Roman leider nicht weiterempfehlen. 25°