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Michael Drewniok
Sieben eher ungewöhnliche Zukunftsvisionen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2019

In sieben Kurzgeschichten stellt der Verfasser Genre-Klischees auf den Kopf:

- Vorwort des Verfassers (Author's Note; 1968), S. 7/8

- Alexander, der Lockvogel (Alexander the Bait; 1946), S. 9-24: Um die durch Zögerlinge und Geizhälse gedeckelte Raumfahrt zu beflügeln, greift ein Visionär zu unfairen Mitteln.

- Geliebter Vampir (She Only Goes Out at Night; 1956), S. 25-31: Die junge Frau ist eigentlich eine Kandidatin für den Holzpflock, doch die moderne Medizin weiß auch in diesem verzwickten Fall Rat.

- Meine Mutter, die Hexe (My Mother Was a Witch; 1966), S. 32-38: in ihrem Viertel kann die junge Einwandererfrau magisch punkten, als sie eine ältere Konkurrentin elegant aushebelt.

- Ein Flug mit Hindernissen (Confusion Cargo; 1948), S. 39-56: Als ein Raumschiff in Schwierigkeiten gerät, soll ein zufällig an Bord befindlicher Wissenschaftler das Problem lösen; dumm, dass dieser ein brisantes Geheimnis hütet.

- Venus - Planet für Männer (Venus Is a Man's World; 1951), S. 57-81: Auf der Erde herrschen die Frauen, doch Männer sind knapp, weshalb sich heiratswütige Kandidatinnen auf der Venus nach Partnern umsehen, die allerdings jede Weiberherrschaft energisch ablehnen … eigentlich.

- Der Mars-Konsul (Consulate; 1948), S. 82-111: Die Aufnahme der Erde in einen Bund der Planeten scheitert, weil die irdischen Kandidaten für den Erstkontakt ihrer Aufgabe eindeutig nicht gewachsen sind.

- Der zitronengrüne, spaghettilaute Tag (The Lemon-Green Spaghetti-Loud Dynamite-Dribble Day; 1967), S. 111-125: Als LSD in großen Mengen ins Trinkwasserreservoir der Stadt New York geschüttet wird, hat dies spektakuläre Folgen.

Staub dämpft Kritik

Die Science Fiction gilt als Genre, das den Blick in diverse Zukünfte gestattet. Inzwischen ist diese lange durchaus als Eigenwerbung genutzte Behauptung längst entlarvt. Tatsächlich haben SF-Autoren von der Zukunft ebenso wenig Ahnung wie jeder andere Mensch. Das werfen wir ihnen allerdings nicht vor, sondern erfreuen uns weiterhin an vor vielen Jahren entstandenen Werken, auch wenn oder gerade weil sie die Realität eingeholt hat: Nostalgie bietet eine echte Entschädigung: Ist die Vergangenheit der Zukunft schief gezeichnet ist, sorgt sie für unfreiwillige, aber meist schadenfrohfreie Unterhaltung.

Kritischer wird es, wenn entsprechende Storys einst mit dem Blick auf ‚komische‘ Wirkung entstanden. Der Humor gleicht einem Schleimpilz: Man kann ihn schwer fassen, erst recht nicht festhalten, und er verdirbt rasch zu einer übelriechenden Masse, wenn sein Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Anders ausgedrückt: Was früher einmal die Menschen zum Lachen brachte, sorgt heute womöglich nur noch müdes Schmunzeln. Schlimmer noch: Manches, über das man sich amüsierte, gilt heute als „politisch unkorrekt“.

Was als Negativ-Label zum Holzhammer verkommen ist, der allzu gern von Eiferern aller Art missbraucht wird, hat durchaus einen realen Kern. Die hier vorgestellte Sammlung belegt es: unabsichtlich, denn vor Jahrzehnten sorgten diese Storys für Spaß - es sei denn, man war beispielsweise eine Frau; dann dürfte das Lächeln bereits damals ein wenig gequält gewesen sein, obwohl (oder weil) einerseits die vom Verfasser eifrig eingesetzten Vorurteile keine allzu intensiven Tiefschläge darstellen, während Tenn andererseits auch die auftretenden Männer gleichberechtigt der Lächerlichkeit preisgibt.

Der Alltag wird unerwartet unterbrochen.

Das Schema ist ebenso typisch wie funktionstüchtig: (Allzu) normale, nicht gerade IQ-trächtige Zeitgenossen werden aus ihren Alltagen gerissen, wobei dies unter wenig spektakulären Umständen geschieht. Tenn legt großen Wert auf die Feststellung, dass auch in höheren Sphären = außerirdischen Großreichen oder fremden Dimensionen nur mit Wasser gekocht wird und Irrtümer keine Seltenheit sind. Was in der SF seiner Ära großartig übersteigert wird, ist für Tenn der Treibriemen für eine Satire, die die solcher Grandezza die Luft ablässt.

Die Entlarvung scheinbarer Größe sorgt für ein spezielles humoristisches Element. Man muss dies freilich beherrschen. Ein noch junger William Tenn überzieht in „Der Mars-Konsul“, indem er die Pointe einer zwar interessanten, aber zu langen Vorgeschichte und dann der Beschreibung einer ungewöhnlichen Weltraumfahrt opfert.

Diese (und andere) Fehler kündigt uns Tenn in einem erklärenden Vorwort an. Er weist darauf hin, dass auch ein Schriftsteller sein Handwerk lernen muss - und ein Handwerk war es, schlecht honoriert für die zeitgenössischen Magazine zu schreiben. Tenn passte sich an: Wenn man ‚lustig‘ schreiben wollte, musste der Witz nach Auffassung der Redaktion leicht verständlich sein. Diese Vorgabe sorgte automatisch für eine Humorebene, auf der Anspielungen selten waren, obwohl sie (bei großzügiger Definition) existierten: So hat die Finalpointe von „Ein Flug mit Hindernissen“ nur mittelbar mit der eigentlichen Story zu tun, kann aber ihre Wirkung entfalten, weil sie andeutungsökonomisch vorbereitet wurde.

Treffer und Blindgänger

Wie man es heute lieber nicht mehr machen sollte, demonstriert Tenn in „Venus - Planet der Männer“. Was als Plot trotz der offensiven Vorurteile recht harmlos ist, gipfelt in einem ‚zweideutigen‘ Schlusssatz. Nachdem die (nur oberflächliche zickige, weil roher Männlichkeit durchaus aufgeschlossene Erdenfrau den vor Testosteron kochenden Venusmann in die Arme geschlossen hat, lautet dessen Kommentar an den zukünftigen Schwager so: „‚Wart nur ab, bis wir verheiratet sind … Sie wird natürlich der Sheriff sein. Aber es gibt zweierlei Gesetze‘ … Die große Hand hob und senkte sich. „‚Ihres. Und meines‘.“

Sachte Gesellschaftskritik dringt (überraschend hellsichtig) durch, wenn Tenn in „Alexander, der Lockvogel“ eine Menschheit schildert, die den Weltraum als zivilisatorische Herausforderung aufgegeben hat und nun in ihrer Entwicklung stagniert. „Meine Mutter, die Hexe“ gewinnt durch autobiografische Präzision in der Darstellung eines schwierigen jüdischen Alltags im Brooklyn der 1920er Jahre, wo der Verfasser aufgewachsen ist. „Ein Flug mit Hindernissen“ schildert recht genrekonform einen gefährlichen Zwischenfall im Weltraum, wobei Tenn der Story einen humorvollen Unterton gibt, ohne die abenteuerliche Handlung darüber zu vernachlässigen.

„Geliebter Vampir“ ist ein Rohrkrepierer. Die Story bleibt ohne Überraschungen und ist schlecht entwickelt, die finale Auflösung witzlos: Auch ein William Tenn schrieb für den Lebensunterhalt - und manchmal wurden Manuskripte eingeschickt, die besser in der Schublade geblieben wären. „Der zitronengrüne, spaghettilaute Tag“ hat keine Handlung, sondern ist ein Reigen möglichst absurder Szenen, die sich aus einem großstadtweiten Drogenrausch ergeben. Was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung absurd und ein wenig frivol gewirkt haben mag, bleibt heute eine Sammlung bloßer Ordnungsverstöße. „Venus - Planet für Männer“ ist der Zeuge einer noch von den Männern dominierten Gesellschaft, die allerdings ihre Felle bereits davonschwimmen sieht. (Dass die hyper-maskulinen Männer auf der Venus und nicht auf dem Mars beheimatet sind, dürfte einer der Subtext-Gags sein.)

Wie üblich ist die deutsche Fassung dieser Sammlung ein Opfer der Seitennormierung: Mehr als 126 Seiten durfte „Venus - Planet für Männer“ nicht zählen. Also wurden die Storys „The Last Bounce“ (1950) und „The Jester“ (1951) einfach fortgelassen.

Fazit:

Sieben Mal greift Autor Tenn typische Plots der Phantastik auf, um daraus resultierende Klischees satirisch auf die Spitze zu treiben. Was manchmal schon zeitgenössisch nur bedingt zündete, trifft viele Jahre später auf ein verändertes Humorverständnis, weshalb man den Nostalgiefaktor auf die Definition von „komisch“ ausweiten sollte. Dann fühlt man sich immer noch unterhalten.

Venus - Planet für Männer

Venus - Planet für Männer

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