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Michael Drewniok
Zorn macht sich mörderisch selbstständig

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mär 2020

Vor zwei Jahrzehnten ist das Forschungsschiff „Bellerophon“ auf einer Forschungsexpedition verschollen, die Wissenschaftler, Techniker und Soldaten auf den Planeten Altair 4 bringen sollte. Ein volles Jahr dauert die Reise dorthin sogar mit Überlichtgeschwindigkeit, die von den Schiffen der Raumflotte der Vereinten Planeten inzwischen erreicht werden kann. Nun - im Jahre 2371 - soll die Besatzung des Raumkreuzers C-57-D das Rätsel lösen.

Als das Ziel endlich erreicht ist, meldet sich per Funk Dr. Edward Morbius, einer der klügsten Köpfe der Erde. Er hat den Absturz der „Bellerophon“ überlebt. Auf Altair 4 gestrandet, richtete er sich mit Hilfe des Allzweckroboters „Robby“ behaglich ein. Eindringlich warnt er Kommandant John Adams und seine Crew, den gastfreundlich wirkenden Planeten zu betreten, will oder kann die Gefahr, die angeblich droht, aber nicht in Worte fassen.

Adams landet, sucht Morbius auf - und erlebt eine Überraschung: Der Forscher ist dem Ende der „Bellerophon“ nicht allein entkommen. Töchterlein Altaira hat sich in eine bildschöne Frau verwandelt, die sich prompt in den stattlichen Adams verliebt. Morbius ist nicht entzückt. Auch eine Rettung weist er zurück, denn auf Altair 4 erforscht er das technische Erbe der Krell, deren Zivilisationstand den der Erdmenschen weit überstieg. Die Krell gibt es nicht mehr; ein schreckliches Ungeheuer hat sie ausgerottet. Es wacht weiterhin über den Planeten. Bald wird es auf die C-57-D aufmerksam und stattet dem Schiff unsichtbar tödliche Besuche ab. Die Kreatur scheint unverwundbar und wird immer stärker. Adams nimmt einen Kampf auf, den er jedoch nicht gewinnen kann, wie er erkennt, als er die wahre Natur des Gegners entdeckt …

Shakespeare auf fremdem Planeten

„Der Sturm“ („The Tempest“), William Shakespeares wahrscheinlich letztes Theaterstück, entstanden zwischen 1610 und 1612, diente vielen Künstlern als ‚Steinbruch‘ für eigene Werke. Der Plot ist zeitlos, denn Shakespeare wusste um die Leidenschaften des Menschen, die er in grandiose Worte fasste.

Trotzdem hätte sich der englische Dichterfürst gewundert, wäre ihm jene „Sturm“-Version vor Augen gekommen, die 1956 in Hollywood uraufgeführt wurde. Mehr als 750 Jahre versetzte Drehbuchautor Cyril Hume (nach einer Story von Irving Block und Allen Adler) die Geschichte vom verbannten Zauberer Prospero, der mit seiner Tochter Miranda auf einer einsamen Insel strandet, von den Söhnen des Königs von Neapel gerettet werden soll und sich mit Geisterkraft dagegen sträubt, in die Zukunft und auf einen fernen Planeten. Aus Prospero wurde Dr. Morbius, aus Miranda Altaira. Die Rolle der Söhne übernahmen John Adams und Schiffsarzt Ostrow, den Luftgeist Ariel gab (ziemlich schwergewichtig) Robby, der Roboter, das „Id-Monster“ mimte Caliban, den missgestalteten Sohn der Hexe Sycorax.

Shakespeare obsiegte ein weiteres Mal! „Forbidden Planet“ (dt. „Alarm im Weltall“) wurde zum Klassiker des Genres Science Fiction. Natürlich wirken Film (und Buch) heute altmodisch und reizen sogar zum Schmunzeln. Weiterhin besticht aber die sorgfältige Machart: „Forbidden Planet“ ist kein möglichst billig heruntergekurbeltes B-Movie. Das Budget war hoch, die Kulissen waren aufwändig, viele ausgewiesene Spezialisten arbeiteten an diesem Film. Die Tricks überzeugen noch heute.

Proto-STAR-TREK mit Folgen

Die schlimmsten Monster nisten im Menschenhirn; diese von der Geschichte allzu oft bestätigte Tatsache wird in eine außerordentlich spannende Handlung mit düsteren Untertönen umgesetzt, was auch im Buch zum Film erhalten bleibt. Es wurde von Philip MacDonald (unter dem Pseudonym W. J. Stuart) verfasst, der als Schriftsteller und Drehbuchautor wusste, wie man ein gutes  Garn spinnt. „Alarm im Weltall“ ist kein Film-Buch („tie-in“) moderner Machart, d. h. kein lieblos und hastig von drittklassigen Schreiberlingen zusammengeschustertes Verbrauchsprodukt, das die Merchandising-Palette komplettiert, sondern ein Roman, der als solcher bestehen kann.

Wie im Film legt Verfasser Stuart viel Wert auf Atmosphäre. Mit sicherem Blick erkennt er die Absurditäten, die der Plot vorgibt. Während im Film die Bilder über solche Klippen helfen, muss im Buch erklärt werden: Wieso reden und verhalten sich die Männer an Bord der C-57-D, als dienten sie auf einem Schlachtschiff des 20. Jahrhunderts? Stuart findet die Lösung: Es ist eine militärische Tradition, die beibehalten wurde. Er kreiert viel Techno-Babbel, der die Technik der Zukunft ‚erklärt‘, was - durchaus originell - auch im Film immer wieder thematisiert wird; dies wurde übrigens von vielen späteren „Star-Trek“-Autoren zur Kenntnis genommen und adaptiert.

Science Fiction mit & aus dem Köpfchen

Psychologie ist keine Wissenschaft, die normalerweise mit der Science Fiction der 1950er Jahre in Verbindung gebracht wird. Naturwissenschaften und Technik würden nach Ansicht der meisten zeitgenössischen Autoren die Zukunft bestimmen. Auch „Alarm im Weltall“ ist kein Meilenstein einer eher auf Hirn und Seele zielenden SF, dafür geht es an Bord der C-57-D gar zu militärisch zu. John Adams ist ein typischer Vertreter der Soldaten-Marke streng, aber gerecht. Die Vorschrift geht ihm über alles, auch wenn er sie manchmal immerhin leise in Frage stellt. Er hat den Auftrag, auf Altair 4 nach dem Rechten zu sehen und Überlebende zu retten. Den wird er erfüllen und sich wenig darum scheren, dass sich Dr. Morbius sehr wohl in seiner neuen Heimat fühlt und gar nicht fort möchte: Solches Denken übersteigt Adams’ engen Horizont.

Dr. Morbius hat sich allzu tief in Sphären ziehen lassen, die ihn geistig überfordern. Er fühlt sich als einziger Mensch den Krell intellektuell ebenbürtig. Zu spät erkennt er, dass er einer Selbsttäuschung unterliegt, recht blind im Krell-Erbe herumgestochert und Reaktionen in Gang gesetzt hat, die er nicht zu kontrollieren vermag. Der stets beherrscht auftretende Mann wird tatsächlich von starken Gefühlen beherrscht. Zorn und Ärger vermag er zu unterdrücken, doch sie sind da. Die verhängnisvolle Technik der Krell liefert ihnen die Möglichkeit sich zu manifestieren. Letztlich ist es der Mensch, der Altair 4, ein exotisches Paradies, zerstört, weil er einen weiteren Sündenfall nicht vermeiden kann. In diesem Drama gibt es übrigens eine Eva - Altaira, Morbius’ Tochter und außer ihm der einzige Mensch auf Altair 4. Der Vater ‚beschützt‘ sie mit einer Beflissenheit, die fatal an Eifersucht erinnert. Völlig arg- und ahnungslos steigert Altaira Morbius’ buchstäblich mörderischen Zorn, indem sie sich verliebt; es war zu erwarten bei einer gesunden 20-Jährigen, die zum ersten Mal auf Männer trifft, die nicht ihr Vater sind.

Den menschlichen Figuren steht gleichrangig Robby, der Roboter, zur Seite. Für den Film wurde er vom Ingenieur Robert Kinoshita entworfen und kostete zeitgenössisch stolze 125.000 Dollar. Robby entwickelte sich zu einer frühen Pop-Art-Ikone und trat in zahlreichen weiteren Kino- und TV-Filmen auf. In „Alarm im Weltall“ hielt er sich streng an Isaac Asimovs drei „Robotergesetze“, die auf diese Weise zum ersten Mal einem breiten Publikum vorgestellt wurden. Robby ist zwar eine Maschine, weist aber deutlich ‚menschliche‘ Züge auf, die ihn zu einem Vorfahren von Marvin, Mr. Data und anderen Robotern/Androiden mit ‚Seele‘ machen.

„Alarm im Weltall“ - die deutsche Buchfassung

Bücher zu erfolgreichen Filmen und Fernsehserien gibt es schon länger als dies vor allem die jüngeren Zuschauer vielleicht vermuten. Auch in Deutschland ließen solche „tie-ins“ die Kassen zusätzlich klingeln. Die ganz frühen Titel kennt freilich nur noch der Sammler. „Alarm im Weltall“, das Buch, erschien hierzulande in seiner Erstauflage und mit dem Hinweis auf den gerade angelaufenen Kinofilm 1957 in einer obskuren Taschenbuchreihe, der kein langes Leben beschieden war. Die meisten Exemplare sind längst unter den breiten Zahn der Zeit geraten. Eine Neuauflage lässt sich nicht feststellen.

Die Fassung von 1957 besticht äußerlich durch ihr Cover, das nicht Morbius, Adams oder Altaira, sondern Robby in einer dramatischen Situation zeigt (die so im Film oder im Roman nicht vorkommt); schon damals stand fest, wer der echte ‚Star‘ war! Inhaltlich gefällt die zwar altmodische, oft steife, aber sorgfältige Übersetzung, die fern jeglichen Groschenheftchen-Vokabulars („‚Drauf, Jungens‘, schnarrte Raumschiff-Kapitän Braunmiller.“) heute noch lesbar ist. „Alarm im Weltall“ wurde nicht wie sonst üblich zum „guten Jugendbuch“ für die als gehirnamputiert eingestuften Propellerhelm-Kids der 1950er Jahre heruntergebrochen und nimmt deshalb einen Ehrenplatz in jedem Sammlerherzen (und Bücherschrank) ein.

Fazit:

Angelehnt ausgerechnet an Shakespeares Drama „Der Sturm“ entstand dieses solide geschriebene und übersetzte Buch zum Filmklassiker von 1956, das sich erstaunlich spannend und wie ein Kompendium der Science Fiction seiner Entstehungszeit liest.

Alarm im Weltall

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