Die geliebten Toten: Horrorgeschichten 1918-1929

Erschienen: September 2017

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Michael Drewniok
Frühes, aber (meist) bereits intensives Grauen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

- H. P. Lovecraft u. Winifred Virginia Jackson: Die grüne Wiese (The Green Meadow; 1918), S. 9-18: Ein Mann gerät in eine seltsame und unheimliche Zwischenwelt, deren wahre Natur er lange nicht erkennt.

- H. P. Lovecraft: Das Gedächtnis (Memory; 1923), S. 19/20: In einer fernen Zukunft ist der Mensch nur eine vage Erinnerung für Dämonen und Geister.

- H. P. Lovecraft u. Anna Helen Crofts: Die Dichtkunst und die Götter (Poetry and the Gods; 1920), S. 21-32: Göttervater Zeus lädt eine junge Autorin auf den Olymp ein, wo sie die größten Dichter der Vergangenheit kennenlernt.

- H. P. Lovecraft u. Elizabeth Berkeley: Das schleichende Chaos (The Crawling Chaos; 1921), S. 33-45: Ein Opiumrausch versetzt ihn in eine andere Dimension, was ihn den Untergang der Erde miterleben lässt.

- H. P. Lovecraft: Ex Oblivione (Ex Oblivione; 1921), S. 46-49: Endlich gelingt es dem Suchenden, die Pforte zu durchschreiten, hinter der die reine Erkenntnis ihn erwartet.

- H. P. Lovecraft u. Sonia Greene: Der Schrecken von Martin‘s Beach (The Invisible Monster; 1923), S. 50-60: Der Fang eines ‚Seeungeheuers‘ ruft rächend dessen ‚Mutter‘ auf den Plan.

- H. P. Lovecraft u. Sonia Greene: Vier Uhr (Four O‘Clock; 1949), S. 61-68: Voller Wut kündigte er den Zeitpunkt seiner Wiederkehr an; der Tod hat ihn in keiner Weise friedlicher stimmen können.

- H. P. Lovecraft: Azathoth (Azathoth; 1922), S. 69-71: In einer freudlos gewordenen Zukunft kann ein Mann dorthin entkommen, wohin die Träume der Welt geflüchtet sind.

- H. P. Lovecraft: Was der Mond bringt (What the Moon Brings; 1922), S. 72-75: Das Mondlicht enthüllt im Küstenwasser ein Grauen, das dem Betrachter den Verstand raubt.

- H. P. Lovecraft u. C. M. Eddy: Vom Wolf, der Gespenster fraß (The Ghost-Eater; 1924), S. 76-91: Der Wanderer preist das Glück, im finsteren Wald auf ein gastliches Haus zu stoßen, bis er dort Zeuge einer grausigen Bluttat wird.

- H. P. Lovecraft u. C. M. Eddy: Asche (Ashes; 1924), S. 92-104: Der irre Wissenschaftler erfindet eine ultimative Waffe und brennt nun darauf, sie nicht nur an Tieren auszuprobieren.

- H. P. Lovecraft u. C. M. Eddy: Die geliebten Toten (The Loved Dead; 1924), S. 105-122: Seinem (un-) heimlichen Trieb folgt er, bis es zu spät ist - und geht dann noch viel weiter.

- H. P. Lovecraft u. C. M. Eddy: Taub, stumm und blind (Deaf, Dumb and Blind; 1925), S. 123-143: Für seine Konfrontation mit den Mächten der Finsternis ist der neugierige Dichter körperlich denkbar schlecht gerüstet.

- H. P. Lovecraft u. Wilfried Blanch Talman: Zwei schwarze Flaschen (Two Black Bottles; 1927), S. 144-162: Zwei eher bösartige als geschickte Hexer bescheren einander grässliche Tode, die ihren Leiden kein Ende bringen.

- H. P. Lovecraft: Der Nachkomme (The Descendant; 1926), S. 163-169: Lord Northam interessiert sich für seine Vorfahren, doch er ist zu Recht erschrocken, als er das Geheimnis seiner wahren Herkunft erkennt.

- H. P. Lovecraft u. Adolphe de Castro: Das letzte Experiment (The Last Test; 1928), S. 170-251: Dem Kampf gegen das Fieber hat der geniale Arzt sein Leben geweiht, was ihn auf okkulte Abwege führte und böse Kräfte weckte, die sich nun selbstständig machen.

- H. P. Lovecraft: Das uralte Volk (The Very Old Folk; 1927), S. 252-263: Im römisch kolonisierten Spanien sollen Legionäre einem blutrünstigen Vorzeit-Kult ein Ende bereiten.

- H. P. Lovecraft u. J. Chapman Miske: Das Geschöpf im Mondlicht (The Thing in the Moonlight; 1941), S. 264-269: Sein Traum führt ihn ins Grauen, und er wiederholt sich ständig.

- H. P. Lovecraft u. Zelia Bishop: Der Fluch des Yig (The Curse of Yig; 1929), S. 270-298): Als sie den lokalen Schlangen-Gott erzürnt, muss die Siedlerfrau dessen unbarmherzige Rache erfahren.

- H. P. Lovecraft u. Adolphe de Castro: Die elektrische Hinrichtungsmaschine (The Electric Executioner; 1930), S. 299-332: Der ebenso geniale wie übergeschnappte Wissenschaftler nutzt die Gelegenheit, seine schaurige Erfindung möglichst realitätsnahe zu testen.

- Originaltitel und Copyrightangaben, S. 333-335

Aller Anfang ist (in diesem Fall besonders) schwer

Über Howard Phillips Lovecraft (1890-1937), den Schriftsteller und Menschen, wurden in den Jahrzehnten nach seinem frühen Tod viele Worte verloren; tatsächlich stellen sie in ihrer Gesamtzahl sein schmales Werk in den Schatten. Lovecraft war zweifellos ein ungewöhnlicher, nicht nur in der Sicht seiner Zeitgenossen eigenartiger, sondern auch objektiv schwieriger Mensch, der nichtsdestotrotz zu den Mitbegründern und -gestaltern des ‚modernen‘ Horrors zählt.

Er war ein ‚Spätzünder‘, der erst in den 1920er Jahren in Magazinen zu veröffentlichen begann. Dort erschienen jene Kurzgeschichten und Novellen, die seinen Ruf begründeten und zementierten. Doch es gab einen ‚früheren‘ Lovecraft, der schon vor 1920 erste schriftstellerische Versuche unternahm. Damals existierte er in einer Art Blase, kultivierte vor allem seine Liebe zur klassischen Antike, wie er sie verstand; die mit Anna Helen Crofts (1889-1975) verfasste Story kündet exemplarisch von einer idealisierenden Traumwelt, in der die Belange des schnöden Alltags keine Rolle spielen.

In diesen frühen Jahren experimentierte Lovecraft. Er schrieb Gedichte, übte sich in einer Prosa, die noch keine Geschichten erzählen, sondern direkt auf das Unterbewusstsein zielende Stimmungen vermitteln wollte. „Das Gedächtnis“, „Ex Oblivione“, „Azathoth“, „Was der Mond bringt“, die mit Winifred Virginia Jackson (1876-1959) verfasste Storys „Die grüne Wiese“ und „Das schleichende Chaos“ (Jackson verwendete hier das Pseudonym „Elizabeth Berkeley“) sowie das von Jack Chapman Miske (1920-2003) postum ‚vollendete‘ Rudiment „Das Geschöpf im Mondlicht“ spiegeln dies wider.

Ein Talent unter Amateuren

1914  wagte sich Lovecraft mit seinen Werken an die Öffentlichkeit. Noch scheute er den ‚echten‘ Markt, der für ausgezahlte Honorare markttaugliche Texte forderte. Um die Kunst nicht zu ‚verraten‘, wählte Lovecraft die „United Amateur Press“ als Forum, eine Vereinigung inspirierter, wenn auch nicht unbedingt talentierter Hobby-Autoren. Manche Mitglieder konnten partout nicht schreiben, meinten aber über Ideen zu verfügen, die unbedingt in lesbare Worte gefasst werden sollten.

Für sie wurde Lovecraft ein Ansprechpartner. Er stand mit Rat und Tat auch dort bereit, wo Hopfen und Malz definitiv verloren waren. Die Bitte um ‚Unterstützung‘ bzw. das Engagement als „Ghostwriter“ banden Lovecrafts schöpferische Kräfte, was sich bremsend auf sein eigenes Werk niederschlug. Oft für eine lächerliche Summe oder gar gratis vertiefte er sich in die Skizzen seiner ‚Kolleginnen‘ und ‚Kollegen‘. Fand er tatsächlich eine Idee darin, schrieb er die Geschichte notfalls selbst und ordnete sie womöglich seinem entstehenden „Cthulhu“-Zyklus zu. Auf diese Weise wurden ‚Autoren‘ Teil der Horror-Historie, deren von Lovecraft ‚bearbeiteten‘ Storys oft ihre einzigen Veröffentlichungen blieben.

Lange standen diese ‚Kollaborationen‘ im Schatten des ‚echten‘ Werks. Doch der Blick hat sich geweitet, und das einst strenge Urteil über Lovecrafts ‚Geldbeutel-Geschichten‘ wurde relativiert: Es sind durchaus lesbare und sogar gute Erzählungen darunter. Selbst wenn sie inhaltlich eindeutig nicht auf Lovecraft zurückgehen, schuf er sich einen Zugang zu diesen Texten. Manchmal gelang die Melange, wie die beiden Zusammenarbeiten mit seiner Kurzzeit-Ehegattin Sonia Greene (1883-1972) oder die Kooperation mit Zelia Bishop (1897-1968) belegen: Sie bieten klassischen Horror mit ‚Lovecraft‘-Touch. (In „Der Fluch des Yig“ nutzt Lovecraft die Gelegenheit, eine Verbindung zu den Schlangenmagiern aus Valusien anzudeuten, die Robert E. Howard [1906-1936] in seinem Zyklus um Kull von Atlantis auftreten lässt.)

Das Böse ist unermüdlich/unerbittlich

Die gesamte Palette möglicher Ergebnisse decken die vier Story mit bzw. für Clifford Martin Eddy jr. (1896-1967) ab. „Asche“ ist lupenreiner „Pulp“-Trash mit einem „mad scientist“, wie er die zeitgenössischen Magazine dominierte. „Vom Wolf, der Gespenster fraß“ und „Taub, stumm und blind“ sind dagegen eher Lovecraft als Eddy. Eine Sonderstellung nimmt „Die geliebten Toten“ ein. Hier reizten entweder Eddy oder Lovecraft das Thema Nekrophilie soweit (und eindrucksvoll bzw. unbehaglich) aus, wie es die Zensurvorgaben der Epoche ermöglichten.

Mit „Zwei schwarze Flaschen“, geschaffen mit Wilfried Blanch Talman (1904-1986), zeigt Lovecraft, dass er notfalls sogar den von ihm verschmähten finalen „Aha“-Effekt beherrscht; auch ein Hauch Clark Ashton Smith klingt zynisch mit, wenn sich zwei allzu von sich eingenommene Zaubermeister selbst zu Fall bringen.

Die beiden längsten Texte dieser Sammlung fallen ab, auch wenn sie keineswegs unterhaltungsfrei sind. Doch Adolphe de Castro (1859-1959) geht leider in eine erzählerische Breite, die seine Ideen substanziell nicht hergeben. Auch Lovecraft kann hier nur kitten, aber nicht bauen. Als ‚Trost‘ finden wir zwei hierzulande selten (oder gar nicht?) übersetzte ‚echte‘ Lovecraft-Storys, von denen „Das uralte Volk“ - der scheinbar überlieferte Bericht einer grässlich fehlgeschlagenen römischen Strafexpedition - eine echte Entdeckung sowie eine ungewöhnliche Ergänzung des „Cthulhu“-Mythos darstellt.

Fazit:

19 Story und Novellen, aber auch Facetten, Traumbilder und Gedankensplitter sammelt dieser Band - der erste von dreien, die H. P. Lovecraft als ‚Ko-Autoren‘ zeigen, der die ihm zur Überarbeitung vorgelegten Texte notfalls neu schrieb und die Gelegenheit nutzte, sie in seinen „Cthulhu“-Mythos einzuarbeiten. Zum Guten gesellt sich Mittelmaß, aber insgesamt sorgt diese Zusammenstellung bei den Freunden des klassischen Horrors für Interesse und Neugier.

Die geliebten Toten: Horrorgeschichten 1918-1929

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