Exodus 9414 - Der dunkelste Tag

Erschienen: August 2020

Couch-Wertung:

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Marcel Scharrenbroich
Sprunghaft-spannende All-Odyssee

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mai 2021

Viele Wege führen zum Ziel

Vor nicht allzu langer Zeit durften wir Jazmin Harper bei einem einmaligen Projekt begleiten. Moment… nicht ganz. Denn wenn wir ganz genau sein wollen, haben sich in den ersten Satz bereits zwei Fehler eingeschlichen. Zum einen wurde das gigantische Kolonieschiff USS London bereits im Jahr 2720 auf die Reise geschickt, um mit den an Bord befindlichen drei Millionen Embryos und dem Bordpersonal im mittleren dreistelligen Bereich das ferne Alderamin-System zu besiedeln, was gemessen an der aktuellen Jahreszahl (der Titel verrät es) nicht als „vor nicht allzu langer Zeit“ durchgehen kann. Zum anderen war die USS London nicht das einzige Siedlungsschiff, welches die Erde mit Hoffnung auf eine neue Heimat verließ. Es wurde ein weiteres Schiff der Spread-Klasse gebaut: die USS Boston.

An deren Bord befindet sich Maximilian Harper, Jazmins Bruder. Major Maximilian Harper hat ein einzigartiges Navigationsmodell entwickelt, welches derart komplex ist, dass nur er es versteht. Ganz zum Ärger des ersten Offiziers und leitenden Navigators Jorgen Fenech. Dieser hatte das geplante Ziel gleich mehrfach verfehlt, was der USS Boston und ihrer Crew ein paar Ehrenrunden bescherte und zudem etwas Zeit kostete… rund 200 Jahre. Obwohl er ein intriganter Widerling ist, muss man Fenech zugutehalten, dass das Navigieren durchs All selbst mit umfassender Kenntnis kein Kinderspiel ist. Mit einem einfachen Kurs - immer der Nase nach - ist es nicht getan, da außerhalb unseres Sonnensystems unzählige Stolpersteine eingerechnet werden müssen, was einem gravitativen Chaos gleichkommt. Deshalb hat General Lisbeth Matthieu Max auch das vollste Vertrauen ausgesprochen, denn sein Modell mag zwar schwer bis unmöglich zu durchschauen sein, doch ist dieses ihre einzige Chance überhaupt irgendwann ans erwünschte Ziel zu kommen.

Tatsächlich navigiert Max die USS Boston zu den erwarteten Koordinaten. 68 Lichtjahre von der Erde entfernt betreten die Reisenden ein Dreifachsonnensystem im Sternbild Cygnus, in dem sich ein erdähnlicher Planet befindet. Die Freude ist groß, scheint doch nach langer Reise endlich der neue Heimatplanet gefunden. „Vater“, die Bord-KI, bestätigt nach ersten Scans, dass die Oberfläche bewohnbar ist und über Wasser verfügt. Die abendliche Party-Stimmung unter der Crew währt jedoch nicht lange, denn die USS Boston erreicht ein Funkspruch. Vom gerade erst entdeckten Planeten 16 Cygni B. Und die Nachricht stammt von… Menschen.

Alle Wege führen zurück

Jazmin und der Techniker Denis Jagberg, die einzigen Überlebenden auf der USS London, befinden sich hingegen am anderen Ende des Universums. Tausende Jahre entfernt von den Geschehnissen auf 16 Cygni B. Nachdem ihre Mission grandios scheiterte und sie den Rückweg zur Erde antraten, dümpeln sie im Jahr 9414 durchs All. Streng genommen sind Jazmin und Denis ebenfalls nicht mehr taufrisch, was - wenn man es ganz, ganz genau nimmt – bedeutet, dass sie bereits vor Jahren gestorben waren. Durch ein modernes Verfahren wurde ihr jeweiliges Bewusstsein in einen Klon übertragen, was ihnen noch mehr Zeit in einsamer Zweisamkeit verschafft. Überraschend ist, dass Jazmin im fünften Monat schwanger ist. Gleich noch überraschender, wenn man bedenkt, dass Jazmin gar kein Mensch ist, sondern ein Androide. Ein Umstand, der sie wohl selbst am meisten überraschte. Ein Produkt des weltberühmten Wissenschaftlers Duncan Harper, der Jaz wie eine Tochter großzog und zudem die Schiffe USS London und USS Boston samt ihrer KIs „Mutter“ und „Vater“ entwickelte.

Eigentlich schon mit dem Gedanken vertraut, ihr gemeinsames Kind auf dem lädierten Schiff im Jahr 9414 großzuziehen, werden Jazmin und Denis plötzlich aus ihrem eintönigen Alltag gerissen. Ein unbekanntes Objekt nähert sich mit hoher Geschwindigkeit der USS London. Selbst die flinken Bordgeschütze vermögen es nicht, den nicht identifizierbaren Flugkörper zu pulverisieren, wie sie es sonst mit Meteoriten und anderem Weltraumschrott tun, der der porösen Außenhülle des Schiffs gefährlich werden könnte. Ein Zusammenprall wäre mit der jetzigen Geschwindigkeit auf jeden Fall tödlich. Der Einschlag steht unmittelbar bevor… doch dann geschieht etwas, dass sich Jazmin und Denis nicht in ihren kühnsten Träumen hätten ausmalen könnten: sie bekommen ungebetenen Besuch.

Der seltene Fall

Wie oft kommt es vor, dass Fortsetzungen besser sind als ihre Vorgänger? Richtig, selten. Eine schreiendes Negativ-Beispiel durfte ich erst kürzlich „genießen“. Ein Wink mit dem Gartenzaun: Es war „Ready Player Two“. Punkt. Oft sind es auch Mittelteile von Trilogien, die inhaltlich auf Sparflamme laufen und nur wie Lückenfüller vorm großen Finale erscheinen. Das ist bei Thariots „Exodus 9414 - Der dunkelste Tag“ nicht der Fall. Zum einen, weil die Reihe mit dem vorliegenden zweiten Band bereits endet, weshalb die Mittelteil-Theorie schon mal per se ausscheidet. Zum anderen liegt es daran, dass das Buch einfach gut ist. Der „Exodus 2727 - Die letzte Arche“-Nachfolger kommt nicht in die Verlegenheit, auf der Stelle zu treten oder den Vorgänger in irgendeiner Weise zu kopieren. Zuvor eingeführte Figuren entwickeln sich weiter und im ersten Band nur als Randnotiz erwähnte Charaktere kommen inhaltlich zum Zuge und treten in den Vordergrund. So haben wir insgesamt drei verschiedene Handlungsstränge, von denen der der Historikerin Isabella Macfadden am meisten heraussticht… und zwar im Jahr 3075.

Lange ist unklar, wie Isabella in die Story hineinpasst, da ihre Figur wortwörtlich geerdet ist, im Gegensatz zu den im All verstreuten Geschwistern Jazmin und Maximilian. Sie lebt auf einer abgeschiedenen und fast gänzlich von Menschen verlassenen Insel. Als Professorin unterrichtet sie weltweit Studenten… quasi aus dem Home-Office. Der Dekan ihrer Fakultät in Cambridge, Dr. Paul Kleuthen, setzt Isabella jedoch die Pistole auf die Brust. Er hatte sie gewarnt, doch sie veröffentlichte im Alleingang die von ihr verfasste Biographie über Professor Dr. Dr. Duncan Harper. Dabei schoss sie freilich übers Ziel hinaus und hat nun die Erben dessen Harper-Mackinney-Imperiums gegen sich aufgebracht. Überraschenderweise droht Isabella Macfadden aber keine Klage, weil sie in ihrem Buch Wahrheiten verbreitet, sondern weil ihre Informationen aus militärischen und somit streng geheimen Quellen stammen. Bei weitem keine Bagatelle, denn Isabellas Aufzeichnungen offenbaren eine Gefahr, der Jazmin Harper und Denis Jagberg 6.339 Jahre in der Zukunft Auge in Auge gegenüberstehen.

Fazit:

Thariot schafft es, mit seiner „Exodus“-Fortsetzung nochmals das Tempo zu erhöhen. Zwar fährt die Action, die sich am Ende von „Exodus 2727“ fast schon überschlug, etwas zurück, was den Dilogie-Abschluss aber nicht weniger spannend macht. Im Gegenteil. Zielsicher und auf gerader Strecke bringt der Autor die Story ohne Stolperfallen zu Ende, was sehr befriedigend und versöhnlich wirkt. Sci-Fi-Liebhaberinnen und -Liebhaber können bedenkenlos zugreifen und sich auf einen lesenswerten Trip durch Raum und Zeit freuen.

Exodus 9414 - Der dunkelste Tag

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