Das Tor - Neue makabre Geschichten

Erschienen: Januar 2020

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Marcel Scharrenbroich
Blick durchs Schlüsselloch der Höllenpforte

Buch-Rezension von Marcel Scharrenbroich Mai 2021

15 Nackenschläge

„Das Tor“ startet direkt mit der namengebenden Geschichte. Eine Geschichte, die zudem aktueller nicht sein könnte. Während anhaltende Ausschreitungen im Nahen Osten die Medien dominieren und deren Ausläufer sich in hässlichster Form auch auf deutschen Straßen entladen, werden andauernde Attacken verfeindeter Fronten im engen Kreis der Familie thematisiert. Wir befinden uns in Jordanien, wo die beiden Teenager-Schwestern Saida und Rana gemeinsam mit ihrer Mutter Genna und dem Großvater wohnen. Ihren Vater Hasim verloren die ungleichen Geschwister bei einem Bombenanschlag der radikalislamistischen Hamas, die schon damals in der Opposition zur vom Großvater verehrten Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) stand, heute von der Europäischen Union (EU) sogar als Terrororganisation eingestuft wird. Währenddessen wird an anderer Stelle ebenfalls fleißig diskutiert. Und zwar im Hörsaal einer Universität in Paris. Dort hält der beliebte Geschichtsprofessor Philippe Cavé einen Vortrag über Auschwitz und das Dritte Reich und der bis zum letzten Platz gefüllte Raum klebt an seinen Lippen. Allerdings zieht der selbstbewusste Professor mit einigen Aussagen Unverständnis und Unmut einiger Studierenden auf sich. Es herrscht Gesprächsbedarf. An anderer Stelle hat sich der Gesprächsbedarf erledigt, denn die Anwesenheit von Rana hat für Unmut bei Saida gesorgt, die schon immer im Schatten ihrer verhätschelten Schwester stand. Sie tut es noch immer und zieht es deshalb vor, das Haus zu verlassen. Auf ihrem Spaziergang macht sie eine Entdeckung, die sich nicht nur auf Philipp Cavés Vorlesung auswirkt…

„Das stärkste aller Gefühle“. Welches mag das wohl sein? Die Liebe… natürlich. Jenes Gefühl, welches Clive Mathers in seinem noch jungen Leben selten zu spüren bekam. Nach dem Tod seiner Eltern wuchs er im Anwesen seines Onkels auf, der sein Vormund wurde. Arthur Mathers zog es jedoch immer vor, sich mit seltenen Antiquitäten, skurrilen Artefakten oder historischen Schriften zu umgeben. Menschliche Nähe war ihm fremd, was er auch Clive spüren ließ. Die Liebe war es, die ihn aus den kalten Fingern seines Onkels zog und auf eigenen Beinen stehen ließ. Jetzt hat Arthur Mathers jedoch eine bahnbrechende Neuigkeit, die er unbedingt mit seinem Neffen teilen möchte. Er beordert Clive in einer kalten Nacht zu seinem Landhaus. Der junge Mann folgt der scheinbar dringlichen Einladung. Doch die eigentliche Überraschung geht auf Clives Konto…

Brad Moore ist der größte Fucker im Rock-Biz. Die verdammte Nummer 1, Baby! Zumindest glaubt er das… meistens viel zu zugedröhnt, um die Realität zu erfassen. High, besoffen oder am besten beides gleichzeitig. In Wahrheit hat er seit drei Jahren keinen neuen Output mehr und droht von der Konkurrenz abgehängt zu werden. Partys und Exzesse bestimmen seinen Alltag und sein Manager redet sich den Mund fusselig. Er braucht einen scheiß Hit! Da hilft es auch nicht, jede Nacht ein anderes Häschen auf den Eiern zu balancieren, das er anschließend wie Dreck behandelt und vor die Tür setzt. Einen gottverdammten Hit, um den Wichsern da oben zu zeigen, dass man einem Brad fucking Moore nicht ans Schienenbein pisst! Neue Songs hat er zwar geschrieben, aber den Schrott würde er höchstens als Füllmaterial fürs neue Album nehmen. Der große Kracher, der alle Neider verstummen lassen würde und den anderen Möchtegern-Stars den Finger zeigt… besser noch, ihn ihnen dorthin steckt, wo die scheiß Sonne nicht scheint! Noch versunken in Gedanken und den letzten Rausch durch die Poren entfleuchen lassend, klingelt es plötzlich an der Tür. Ein schmaler Blondschopf, den die Security in seinem Viertel eigentlich zum Frühstück hätte fressen müssen. Dennoch schaffte der kleine Scheißer es bis zur Tür. Ein Autogramm-Jäger? Ein sabbernder Fan, der sich auf ein Selfie mit seinem Idol einen abwedeln würde? Nein… der Junge wollte nichts von ihm. Er hat etwas dabei… einen Song, der sich gewaschen hat. DEN Hit, auf den Brad Moore gewartet hat… „One Hell of a Song“!

Der richtige Dreh

Dies sind erneut nur kurze Inhaltsbeschreibungen eines Bruchteils der Geschichten, die uns der österreichische Drehbuchautor und Schriftsteller Matthias Bauer kredenzt. Mit „Reiche Ernte“ hat er bereits einen abwechslungsreichen und ebenso packenden Kurzgeschichten-Band vorgelegt, dem der Nachfolger die Stirn zu bieten versucht. Und es ist tatsächlich geglückt. „Das Tor“ überzeugt durch seine inhaltliche Vielfalt und es ist erstaunlich, wie viel Inhalt auf überschaubaren 168 Seiten geliefert werden kann. Ich las schon Bücher, bei denen diese Seitenanzahl gerade mal für eine Ortsbeschreibung gereicht hat… leider.

Bauer deckt wieder ein ordentliches Feld ab und bewegt sich kreuz und quer durch den Phantastik-Dschungel. Düstere Geschichten mit dem gewissen Kniff. In filmischen Gefilden kennt man ähnliche Story-Wendungen vor allem durch die Werke von M. Night Shyamalan oder mittlerweile auch durch die Genre-Senkrechtstarter Jordan Peele („Get Out“, „Wir“) und Ari Aster („Hereditary“, „Midsommar“). Allerdings sollte man sich nicht zu sehr auf den Ruf des „Twist-Königs“ verlassen, denn durch die hohe Erwartungshaltung des Publikums kann diese auch schon mal enttäuscht werden. Shyamalan konnte davon ein Liedchen singen, bevor ihn „The Visit“ und „Split“ wieder in die Spur brachten. Matthias Bauer tut eben dieses nicht. Er setzt von Anfang an auf Atmosphäre und eine durchweg interessante Ausgangssituation. Er schafft es die Leser an die Seiten zu nageln, sodass die unvermeidliche Keule dennoch überraschend kommt. Im Gegensatz zu „Reiche Ernte“ finden sich hier nun zusätzlich einige Gedichte. Diese entstanden spontan, wurden verfeinert und für passend befunden. Tatsächlich passen sie gut ins Gesamtbild und runden den Band treffend ab.

Fazit:

Böse-Nacht-Geschichten mit fiesen Wendungen, die mal nachdenklich stimmen, die Leserinnen und Leser eiskalt erwischen und den abgebrühten Phantastik-Fan vielleicht sogar diebisch schmunzeln lassen. So manchen Twist sieht man einfach nicht kommen. Garantiert.

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