Schattenbrüder

Erschienen: Januar 2001

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Michael Drewniok
Blick hinter (bedingt gelungene) Kulissen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jun 2021

Als seine Mutter im Sterben liegt, kehrt Ned Dunstan zurück in seinen Geburtsort, eine kleine, typische, auf den ersten Blick idyllische Stadt im amerikanischen Mittelwesten. Für ihn, der seine Kindheit praktisch als Waise verbringen musste, ist dies letzte Gelegenheit, etwas über seine Her­kunft zu erfahren. Seit seiner Geburt wird Dunstan von Visionen heim­gesucht, in denen ihm sein mörderischer Vater (alias „Mr. X“) er­scheint, dessen Taten der Sohn auf diese Weise miterlebt. Zugleich meint Dunstan, einen ‚Schat­ten‘ oder Zwillings­bruder zu besitzen, von dem er bereits an Tage seiner Geburt getrennt wurde.

Die Mutter stirbt, nachdem sie dem Sohn nur wenige Details der Familienhistorie mitteilen konnte. Ned Dunstan macht sich auf die Suche nach Vater und Bruder, was zugleich eine Reise zurück in die Geschichte der kleinen Stadt ist, aus der alle stammen. Stück für Stück enthüllt Dunstan die Vergangenheit einer Familie, die schon immer ‚anders‘ war. Der Vater hielt sich für einen Nachfahren der „Großen Alten“, jener unbegreiflichen, mächtigen und bösartigen Wesen jenseits von Zeit und Raum, denen der Schrift­steller H. P. Love­craft in den 1930er Jahren ein literarisches Denkmal setzte.

Jede Person, mit der Dunstan zusammentrifft, scheint irgendwie verwickelt zu sein. Hinter den Kulissen bestimmen die Dunstans und ihre Hel­fershelfer seit beinahe einem Jahrhundert die Geschicke ihrer Heimatstadt. Mit Beste­chung, Intrigen und Mord halten sie die Fäden in der Hand und schonen dabei auch einander nicht, wie Dunstan erfahren muss ...

Erwartung: Altmeister inspiriert talentierten Nachfahren

Peter Straub meets H. P. Lovecraft - eine Kombination, die Anhänger des klassischen Horrors mit Erwartung erfüllt (um es milde auszudrücken). Straub verdanken wir moderne Genre-Meisterwerke wie „Ghost Story“ („Geisterstunde“), „Shadowland“ („Schattenland“), „Floating Dragon“ („Der Hauch des Drachens“) oder - zusam­men mit Stephen King - „The Talisman“ („Der Talisman“) und „Talisman II - Black House“ („Black House“), und Lovecraft gilt seit Jahrzehnten (und zu Recht) als Kultautor.

Seit jeher hat es Lovecrafts schreibenden Nachfahren gereizt, ihren Beitrag zu sei­ner berühmtesten Schöpfung, dem Cthulhu-Zyklus - einer eigentümlichen Mi­schung aus Horror und Science Fiction - zu leisten. Diese Versuche reichen vom reinen Pastiché, das sich dem Original möglichst eng anlehnt, bis zur eigenständigen Interpretation, die Motive oder Figuren zwar aufgreift, aber weiterentwickelt. Straub wählt klugerweise den zweiten Weg, womit bei einem Schriftsteller seines Formats zu rechnen war. Allerdings stellt sich rasch heraus, dass er seine Leser auf eine falsche Fährte lockt.

Der Autor entwirft eines seiner schrägen Familien-Panoramen, auf die er sich spezialisiert hat. Die Protagonisten werden in für sie rätselhafte Ereignisse verwickelt und müssen Stück für Stück eine Erklärung in der eigenen, bisher unbekannten Vergan­genheit finden. In Straubs Psy­cho-Thrillern, wie man sie wohl besser nennen sollte („Koko“, „Mystery“ oder „Hellfire Club - Reise in die Nacht“ seien beispielhaft ge­nannt), fehlt das übernatürliche Element; selbst wenn es angedeutet wird, löst Straub es letztlich rational auf.

Stutzen: Köder für Leser

Wieso er in „Schattenbrüder“ davon abweicht, bleibt rätselhaft. Die Geschichte würde wie sie hier erzählt wird ohne Mutanten und vor allem ohne Lovecraft-Reminiszenzen funktio­nieren. Das verwundert, zumal beim Lesen allmählich der Verdacht aufsteigt, Straub habe das übernatürliche Moment eingefügt, als er merkte, dass die ­Story erheblich lahmt.

Das ist tatsächlich die Crux dieses Romans: Er kann einfach nicht fesseln. Die ersten einhundert Seiten verstreichen, ohne dass sich eine Handlung zu erkennen gibt. Auch im Mittelteil gibt es immer wieder erhebliche Längen, in denen Straub sich in Andeutun­gen ergeht, falsche Fährten legt und sich in (allerdings hervorragenden) Milieustudien verliert. Einen eigentlichen Höhepunkt gibt es im Grunde nicht, und nachdem Mr. X längst tot ist, schleppt sich die Handlung noch ein (nicht besonders) gutes Stück bis zum tatsächlichen Ende dahin.

Die höchst komplexe Handlung entschädigt nicht da­für. Straub fordert seine Leser, indem er kunst­voll Puzzle­teil an Puzzleteil legt. Nie ist etwas so, wie es auf den ersten Blick scheint, und doch fügt sich alles zu einem Bild, sollte man bis dahin den Faden nicht längst verloren haben. Recht bald möch­te man jedoch nur noch wissen, wie es ausgeht, weil man schon so lange durch­gehalten hat. Sobald die Aufmerksamkeit nachlässt, verheddert man sich unweigerlich im Geflecht der Familie Dunstan, deren Angehörige in der Regel mindestens eine falsche Identität annehmen; manchmal auch öfter.

Ernüchterung: verpuffender Aufwand

Allein Straubs schrift­stellerische Fähigkeiten halten einen Rest von Interesse aufrecht, denn er versteht etwas von seiner Kunst. Das zeigt sich besonders in der Zeich­nung seiner Charaktere. Ned Dunstan, der Held der Geschichte, ist eben keiner, sondern wird glaubwürdig als Mensch mit Stärken und Schwächen gezeichnet, der im Laufe von mehr als 600 Seiten eine deutliche Entwicklung durchläuft. Dies gilt für Mr. X - kein dämonisch-attraktiver Über­mensch à la Hannibal Lecter, ­sondern ein brutaler Mörder und gleichzeitig ein tragisches, allmählich aller Faszination entkleidetes Opfer. Auch die Nebenfiguren sind Straub gelungen; am besten gilt dies wohl für Dunstans skur­rilen, selbst­bewussten, kleptomanischen, habgierigen, übersinnlich veranlagten Tanten, die für den oft bitter nötigen Humor sorgen.

An „Schattenbrüder“ scheiden sich die Geister. Es ist auffällig und interessant, dass die Meinungen der Leser entweder eindeutig positiv oder strikt negativ ausfallen. Dazwischen scheint es nichts zu geben. Die einen lieben die spezielle „Akte-X“-Atmo­sphäre’ verwickelter Verschwörungen, die anderen ärgern sich über den verworrenen Plot und die falschen Fährten ins Cthulhu-Universum. Doch selbst glühende Anhänger lassen vorsichtig durchblicken, dass Straub es dieses Mal (wie übrigens schon mit „The Goat - Der Schlund“) übertrieben hat in seinem Bemühen, einen Horror-/Psycho-Triller für ‚denkende Leser‘ zu kreieren.

Ist dies auch die Erklärung dafür, dass die Taschenbuch-Ausgabe von „Mister X“ den Titel „Schattenbrüder“ erhielt? Da dieser auch nicht einprägsamer klingt, könnte der Verdacht entstehen, hier sollten Leser geködert und ausgetrickst werden, die vor „Mister X“ bereits gewarnt wurden.

Fazit:

Wortgewaltiger, höchst komplexer Thriller mit ausgezeichneten Figurenzeichnungen, der inhaltlich jedoch mehrfach unter der eigenen Bedeutsamkeit zusammenbricht, arge Längen aufweist und (trotz ‚Trostpflaster-Epilog‘) spannungsarm endet.

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