Elsewhere - Der Universalschlüssel

Erschienen: August 2021

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Michael Drewniok
Sprünge zwischen möglichen Welten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Okt 2021

In Suavidad Beach, Kalifornien, führt Jeffrey „Jeffy“ Coltrane mit der elfjährigen Tochter Amity ein zurückgezogenes Leben. Seit Mutter Michelle die Familie vor sieben Jahren verließ, um sich „selbst zu finden“, ist sie verschwunden; Jeffy könnte sie nun für tot erklären lassen, weigert sich aber, denn selbstverständlich liebt er Michelle immer noch.

Zu Jeffys wenigen Freunden gehört der scheinbar obdachlose „Spooky Ed“, der ungeachtet seines Spitznamens stets nüchtern und sauber ist, wenn er bei den Coltranes auftaucht. Der aktuelle Besuch lässt Jeffy trotzdem am Verstand seines Gastes zweifeln: Dieser zieht ein kleines Gerät aus der Tasche, das er als „Universalschlüssel“ bezeichnet. Er, Ed - oder besser: Dr. Edwin Harkenbach - habe es erfunden, um parallele Welten zu besuchen.

Leider hat er zu spät entdeckt, dass sein Auftraggeber nicht der US-Staat ist, sondern der „Schattenstaat“ - eine geheime, konspirative, das Gesetz mit Füßen tretende Gruppe reicher, mächtiger Politiker und Geschäftsmänner, die hinter den Kulissen die Welt nach ihrer Pfeife tanzen lassen. Könnten diese auf ihre Selbstsucht konzentrierten Verbrecher nun zusätzlich auf die Ressourcen weiteren Welten zurückgreifen, wären sie nie mehr zur Rechenschaft zu ziehen.

Skrupellose Schergen sind im Dienst des „Schattenstaates“ auf der Jagd nach Harkenbach und dem Universalschlüssel. An ihrer Spitze steht der soziopathische, nur mühsam seinen mörderischen Wahnsinn kontrollierende John Falkirk, der schnell auch die Coltranes ins Visier nimmt. Obwohl Harkenbach eindringlich vor dem Gebrauch des Schlüssels gewarnt hat, müssen Vater und Tochter ihn immer wieder einsetzen, um ihren Verfolgern zu entgehen. Sie geraten dabei vom Regen in die Traufe, d. h. auf parallele Welten, in denen nicht selten das nackte Grauen regiert …

Der Weg ist das Ziel

Seit jeher gilt Dean Koontz als eine Art Spiegelbild seines beinahe gleichaltrigen Schriftstellerkollegen Stephen King. Beide begannen etwa zeitgleich zu publizieren, beide mussten sie viel Staub fressen, bis sich der Erfolg einstellte. Als es soweit war, behielten beide Autoren eine Veröffentlichungsfrequenz bei, die eindrucksvoll nicht nur aufgrund der Zahl erscheinender Romane und Kurzgeschichten, sondern auch wegen deren meist überdurchschnittlicher Qualität ist.

Allerdings hat inzwischen King die Nase vorn, da er im Alter eine überraschende Variationsbreite als Erzähler entwickelt und längst eher Geschichtenerzähler als „Horror-König“ ist. Koontz hat in dieser Hinsicht den Anschluss verloren. Er produziert weiterhin ausgezeichnetes Lesefutter, lässt aber Kings Tiefe vermissen. „Elsewhere“ ist dafür ein Beispiel: ein Garn, das ohne Durchhänger über 450 Seiten spannend vorangetrieben wird, aber trotzdem aus dem Gedächtnis verschwindet, sobald es ausgerollt bzw. gelesen ist.

Das Werk leidet unter dem Koontz-Problem: Der Weg ist wichtiger als das Ziel. Dieser stellt sich wieder als atemlose Hetzjagd dar, die ihre Helden in scheinbar aussichtslose Situationen führt, aus denen sie Einfallsreichtum, der Zufall oder waffentechnische Überlegenheit entrinnen lassen. Solange krisenhafte Ereignisse aneinandergereiht werden, geht das Konzept auf: Auch „Elsewhere“ leidet wahrlich nicht unter Ereignis-Lethargie!

Das kennt man schon

Nichtsdestotrotz ist „Elsewhere“ die x-te Variante des üblichen Koontz-Thrillers. Der Autor flanscht durchaus interessante Szenen aneinander, glaubt jedoch, dass sich daraus automatisch eine spannende Geschichte formt. Die Ernüchterung ist groß, als besagte Jagd endet wie das sprichwörtliche Hornberger Schießen: Das Finale ist in keiner Weise spektakulär, sondern reiht sich einfach in die Kette besagter Szenen ein. Stattdessen öffnet Koontz ein Türchen für eine mögliche Fortsetzung.

Die neuerliche Kombination verfassertypischer Bausteine ist wie gesagt routiniert genug, um die Geschichte zu tragen. Koontz ist ein Profi, der selbst x-fach eingesetzte Gruselkulissen mit furchterregendem Leben zu füllen versteht. Dennoch lässt sich jene leise Stimme im Leserhirn schwer unterdrücken, die korrekt anmerkt, dass wir doch schon kennen, was wir hier lesen. Wer darauf hören will, gerät in Gefahr, eine simple Pulp-Story falsch zu deuten oder gar die Bockschüsse des Autors als solche zu bewerten, statt sich nachfragelos unterhalten zu lassen. („Erde 1,77“ gilt laut Koontz als besonders schreckliche Alternativ-Erde, was der beschriebene Geisterbahn-Horror objektiv nicht widerspiegelt.)

Es ist nicht Koontz anzulasten, dass vor unserem geistigen Auge eine „Elsewhere“-Serie Gestalt annimmt, wie sie einer der modernen Streaming-Dienste präsentieren würde: effektstark, aber flach. Dass der Autor - offenbar als Ausgleich - mächtig die emotionale Schiene glühen lässt, fügt sich in dieses Bild: Gefühl und Horror werden als Unterhaltungsinstrument eingesetzt, doch diese ‚Gleichberechtigung‘ beschränkt sich auf die (wiederum geschmeidige) Mechanik ihrer Anwendung.

Hohelied auf Familie und Freunde

In unserer zynisch gewordenen Gegenwart wirkt es beinahe rührend altmodisch, wenn Koontz (wieder einmal) sein Bild der ‚echten‘ Familie zeichnet: Man zankt, aber man liebt sich, weshalb man in der Krise Übermenschliches für seine Lieben leisten kann. Dass dies US-typisch (ebenfalls wieder einmal) bedeutet, üble Schurken mit Schrot oder anderen Metallgeschossen zu spicken, sollte man als Herkunftsmerkmal dieses Romans kommentarlos hinnehmen …

Mit Vater und Tochter Coltrane hat sich Koontz sichtlich Mühe gegeben. Das Verhältnis ist herzlich, komplex, schwierig und damit lebensecht. Dass die elfjährige Amity einerseits altklug wirkt, während sie andererseits plötzlich als ‚Kind in Gefahr‘ dargestellt wird, unterstreicht, dass Koontz auch in der Figurenzeichnung schematisch vorgeht.

Das multiversal mögliche Auftauchen von Mutter Michelle ist eine der weniger guten Ideen des Verfassers. Für das vorgesehene Happy-End ist es natürlich hilfreich, und die Seufz-Fraktion der Leserschaft dürfte es honorieren. Tatsächlich schafft es Koontz nicht, Michelle 2 plausibel in das Geschehen zu integrieren. Sie ist und bleibt eine ihm aufgezwungene Figur, die nur deshalb nicht über Gebühr ärgert, weil sich dieses Gefühl gegen den Geisterbahn-Schurken Falkirk richtet. Der ist als ‚kontrollierter‘ Soziopath ein Totalausfall mit seinen schablonenhaften Rachevisionen und zeigefreudigen Gewaltausbrüchen. Hier entlarvt sich „Elsewhere“ endgültig als Action-Spektakel mit Koontz-Antrieb, dem letztlich die Leistungskraft des King-Aggregates fehlt.

Fazit:

Die Möglichkeit, zwischen den Welten eines „Multiversums“ hin- und herzuspringen, kanalisiert der Verfasser als permanente Jagd bzw. Flucht. Mit großer Routine entwirft er trotz reichlich zum Einsatz kommender Klischees - die sich in der Figurenzeichnung fortsetzen - eine rasante, spannende, aber enttäuschend kraftlos aufgelöste Handlung. Sonderpunkte gibt es für die Übersetzung und die schön aufgemachte deutsche Ausgabe dieses Romans.

Elsewhere - Der Universalschlüssel

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