H. P. Lovecraft: Das Werk - Große kommentierte Ausgabe

Erschienen: September 2017

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Michael Drewniok
Großartiger Grusel eines fragwürdigen Genies

Buch-Rezension von Michael Drewniok Aug 2021

Inhalt

Herausgeber Leslie S. Klinger präsentiert eine Zusammenstellung berühmter Erzählungen und Kurzromane des Phantastik-Meisters H. P. Lovecraft. Die Kollektion beschränkt sich nicht auf den Abdruck jener 22 Storys, die (nach Ansicht Klingers) Lovecrafts Hauptwerk - den „Cthulhu“-Zyklus - darstellen, sondern beinhaltet ein breites Spektrum zusätzlicher Informationen, die helfen, diesen Mythos zu verstehen:

Einführung/Einleitung (9-68)

Dem Korpus der 22 kurzen und langen Texte gehen mehrere Einleitungen mit grundsätzlichen Erläuterungen hinaus. Eher als ein Fischen nach Lesern ist dabei die Einführung von Alan Moore, der als prominente Figur des Mediums Comic („From Hell“, „Watchmen“) den Jüngeren vermutlich geläufiger ist als der schon 1937 gestorbene Lovecraft. Nichtsdestotrotz kann Moore stellvertretend deutlich machen, warum er zu denen gehört, die Lovecraft viel verdanken.

Das eigentliche Vorwort gliedert sich in mehrere Unterkapitel. Herausgeber Klinger fasst die „Horrorliteratur vor Lovecraft“ (S. 14-30) zusammen und legt damit die Wurzeln offen, aus der diese (genregerecht lilienüppig) wuchs und gedieh. „Lovecrafts Leben“ (S. 30-41) erzählt von einem Menschen, dessen unbestreitbaren Eigenheiten nachträglich grusel- bzw. werbetauglich übertrieben wurde. Lovecraft war nie ein Einsiedler, sondern liebte die Kommunikation - schriftlich, aber auch im Rahmen der persönlichen Begegnung. Allerdings war er ein Rassist weit über zeitgenössische Standards hinaus; ein schmutziger Fleck auf Lovecrafts Weste, auf den Klinger deutlich hinweist.

„Lovecrafts literarische Laufbahn“ (S. 42-51) schlägt den Bogen von den u. a. durch Poe geprägten Anfängen zur über Jahrzehnte entwickelten und verfeinerten Jahrmilliarden-Historie eines Universums, in dem die Erde und die Menschheit nur ein beliebiges Kapitel darstellen. Lovecraft verknüpfte den Horror mit der Science Fiction, wobei er die eindimensionalen Abenteuergarne zeitgleicher Autoren weit hinter sich ließ. Er setzte die Erkenntnisse der klassischen Geistes-, aber auch der modernen Naturwissenschaften gekonnt für seine Werke ein. Zudem schuf er ein „Lovecraft County“, das er an der neuenglischen Atlantikküste lokalisierte und durch legendär gewordene Fiktiv-Städte wie Arkham, Innsmouth oder Dunwich bereicherte.

Lange galt er als Sonderling und Trivialautor, aber schließlich setzte sich „Lovecraft in Literaturkritik und Literaturwissenschaft“ (S. 51-58) durch. Klinger muss sich aus Platzgründen auf Schlaglichter beschränken, die jedoch Lovecrafts Präsenz auch im 21. Jahrhundert begründen (s. auch „Lovecrafts Erbe“, S. 64/65). In „Lovecrafts Philosophie und der Cthulhu-Mythos“ (58-63) fasst Klinger die bewusst lückenhafte Kosmogonie noch einmal zusammen.

Die Erzählungen (S. 69-864)

An dieser Stelle soll auf die an anderer Stelle oft und kundig besprochenen Erzählungen selbst nicht eingegangen werden. Herausgeber Klinger hat sie sorgfältig ausgewählt, um die Genese des „Cthulhu“-Mythos - der weit über diesen bösen Finsterling hinausreicht - deutlich zu machen.

Lovecraft war kein eifriger, sondern ein gründlicher Autor, der seine Erzählungen verdichtete und mit Hintergrundinformationen auflud, die seinen Lesern oft gar nicht bewusst wurden. Klinger sorgt für Abhilfe, indem er die Texte dort durch Fußnoten erweitert, die über erwähnte Ereignisse und Personen aufklären, diese dabei in ihren historischen (= politischen oder kulturellen) Kontext stellen sowie erklären, wieso Lovecraft sie verwendete. Oftmals sind Verbindungen, die zeitgenössische Leser problemlos herzustellen wussten, abgerissen und unverständlich geworden, weshalb diese Erläuterungen für den berühmten „Aha“!-Effekt sorgen.

Hinzu kommen zahlreiche Fotos, die u. a. jene Orte abbilden, an denen Lovecraft das Böse bzw. Unbekannte entfesselte (und dabei gern auf Stätten zurückgriff, die er persönlich kannte). Außerdem zeigt Klinger viele oft schaurig-schöne Illustrationen aus jenen „Pulp“-Magazinen, in denen Lovecraft-Texte in den 1920er und 1930er Jahren erschienen, dazu Karten, Buchcover oder Filmplakate.

Anhänge (S. 865-909)

- Anhang 1: Zeittafel zu den Ereignissen in Lovecrafts Werken (S. 865-868)

- Anhang 2: Lehrkörper der Miskatonic University (S. 869)

- Anhang 3: Die Geschichte des Necronomicon (S. 871-875)

- Anhang 4: Stammbaum der älteren Rassen (S. 877)

- Anhang 5: Alphabetisches Verzeichnis von Lovecrafts Erzählungen (S. 879-882)

- Anhang 6: Alphabetisches Verzeichnis von Lovecrafts „Überarbeitungen“ (S. 883/84)

- Anhang 7: H. P. Lovecraft in der Popkultur [mit einer Liste der auf Lovecraft-Werken basierende Kino- und Fernsehfilmen] (S. 885-890)

- Anhang 8: Lovecraft im deutschen Sprachraum (S. 891-895)

- Bibliographie (897/98)

- Sekundärquellen (literaturwissenschaftlich/biographisch) (S. 899-905)

- Allgemein (S. 906-909)

- Dank (S. 911/12)

2,2 Kilogramm Grusel & Wissen

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) stellt in gewisser Weise die ‚Reinkarnation‘ des ähnlich talentierten, aber lebensuntauglichen und früh verstorbenen Edgar Allan Poe (1809-1849) dar. Beide Schriftsteller belebten ein noch sehr junges (Poe) bzw. zum „Pulp-Trash“ verkommenden Genre durch frische (oder besser: finstere) Impulse. Die Phantastik hatte zwar zwischen Poe und Lovecraft ihre Existenzberechtigung unter Beweis gestellt und eine Reihe ähnlich fähiger Autoren hervorgebrachte, denen aber nicht gelang, was (ausgerechnet) Lovecraft schaffte: die Schaffung eines Mythos‘, der seinen Verfasser überlebte und sich in eine Quelle verwandelte, aus der die Populärkultur bis heute schöpft.

Lovecrafts Werk inspirierte und prägte viele Generationen (manchmal ebenso) begabter Schriftsteller, die den „Cthulhu“-Mythos fortsetzten und erweiterten - und damit erfüllten, was ihr Vorbild sich gewünscht und gefördert hatte: Cthulhus düstere Welt wurde zu einem „shared universe“, das sich mit dem von Lovecraft präferierten „cosmocism“ füllte, ohne sich dabei zu einem stimmigen bzw. schlüssigen Gesamtbild zu fügen, das es nicht geben konnte; ein Aspekt, der Lovecraft überaus wichtig war. Ein elementarer Zug seines Konzepts war die ‚Fremdheit‘ eines Kosmos‘, der auch dem ‚modernen‘, ‚rationalen‘, wissenschaftlich gebildeten Menschen fremd (und feindlich) bleiben musste.

Leslie Klingers wahrlich monumentales, den Leserbauch in Rückenlage mächtig drückendes Werk verknüpft Lovecrafts Fiktion mit den ‚Fakten‘, auf denen sie gründen. Dadurch wird u. a. deutlich, wie dicht das Netz des Autors war: Er griff ausgiebig - und sei es nur in Nebensätzen - auf früher geschilderte ‚Ereignisse‘ zurück und schuf dem bewusst lückenhaften Mythos auf diese Weise doch eine solide Basis.

Ein Wiederlesen, das Freude schafft

Inzwischen wurde Lovecrafts Werk mehrfach eingedeutscht. Für diese Ausgabe geschah es abermals. Wie üblich ist die Übertragung in eine andere Sprache nicht wirklich ‚originalgetreu‘, sondern folgt auch der Interpretation seitens der Übersetzer. In diesem Fall wurde die Nähe zum Original zwar so gut wie möglich gewahrt, Lovecrafts Sprache aber vorsichtig modernisiert: Inwieweit dies gelungen ist, bleibt eine Interpretationssache. Dieser Rezensent ist jedenfalls rundum zufrieden.

Ob acht Anhänge notwendig sind, muss ebenfalls individuell entschieden werden. Manches hätte im Vorwort untergebracht werden können, anderes ist (wie der „Lehrkörper der Miskatonic University“) schlicht überflüssig.

Auch anderweitig gibt es Anlass für Kritik. So hätte man vielleicht eine oder besser zwei der frühen Storys weglassen und dafür den Informationsteil aufpolstern sollen. Vor allem die Lovecraft-Rezeption in den Jahrzehnten nach seinem Tod und die Omnipräsenz seiner Schöpfungen in den modernen Medien kommen nur kurz und quasi stichwortartig zur Sprache.

Nicht ganz auf der Höhe

Fragen wirft die Frequenz der Fußnoten zu den Storys auf. Sie sind zu Beginn jeder Story zahlreich und ausführlich, um bei wachsender Seitenzahl mehr und mehr auszudünnen oder ganz auszubleiben, obwohl jene Stellen der Texte, die leserseitig Fragen aufwerfen, keineswegs weniger werden. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Klinger einfach nicht genug Zeit hatte, um sich den Anmerkungen zu widmen. Als „Studienausgabe“ sollte man das Werk nicht betrachten.

Stark schwankend in seiner Qualität sind die Abbildungen. Viele interessante Bilder leiden unter ihrer zu geringen Wiedergabegröße, die Details einfach verschwinden lässt. Außerdem muss man feststellen, dass die für dieses Buch fotografierten Häuser, Plätze oder Straßen höchstens als Amateur-Schnappschüsse bezeichnet werden können. Die Bildausschnitte wirken willkürlich, die Farben sind matt, und manchmal sieht man nicht das präsentierte Objekt, sondern nur dicht belaubte Bäume; solche Bilder hätte man sich sparen können.

In der deutschen Fassung überraschen die in einem Werk dieser Preisklasse verbliebenen Druckfehler. Doch damit soll es genug der Kritik sein; es sind Kleinigkeiten in einer inhaltlichen wie formalen Pracht-Edition, die inzwischen einen zweiten Teil erhalten hat, der ebenfalls nach Deutschland kommen wird.

Fazit:

Optisch eindrucksvoller Band, der nicht nur prägende Lovecraft-Storys zum Cthulhu-Mythos enthält, sondern diese mit Informationen zum Autor, seinem Gesamtwerk und dessen Rezeption unterfüttert. Fußnotentexte, Fotos, zeitgenössische Bilder, Karten oder Manuskripte unterstreichen und erweitern den Zugang. Manchmal bleiben die Hintergrundinfos ein wenig knapp, aber insgesamt bereitet diese Edition - auch aufgrund der Übersetzungsqualität - selbst denjenigen Vergnügen, die Lovecrafts Erzählungen bereits kennen.

H. P. Lovecraft: Das Werk - Große kommentierte Ausgabe

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