Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen

  • Panini
  • Erschienen: Oktober 2021
Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen
Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen
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Lisa Reim-Benke
93°

Phantastik-Couch Rezension von Lisa Reim-Benke Jan 2022

Noch nie war eine Belagerung so unterhaltsam

Militär-Ingenieur Orhan steht vor dem größten Problem seiner Karriere. Als der geübte Brückenbauer mit seinem Trupp von einer Mission nach Hause zurückkehrt, wird seine Heimatstadt von einem unbekannten Feind belagert. Dem gewieften Orhan gelingt es jedoch, sich mit seinen Mannen in die Stadt zu schleichen, doch dort erwartet ihn ein weiteres Problem: Die Menschen sind vollkommen überfordert mit der Situation und zu allem Übel ist auch noch der Großteil des Militärs draufgegangen. Es liegt also an Orhan, die Verteidigung der Stadt zu übernehmen – ein Unterfangen, das ihm alles abverlangt.

Endlich mal was Neues!

Das Fantasy-Genre hat sei jeher mit seiner Gleichförmigkeit zu kämpfen: Schlachten, Magie, der Auserwählte und die Rettung der Welt – das sind nur ein paar der immer wieder bemühten Bausteine, an denen sich heutige Schriftsteller so gerne abarbeiten. K. J. Parker (ein Pseudonym, hinter dem sich Bestseller-Autor Tom Holt versteckt) wählt da eine etwas andere Herangehensweise. Parker ist für seinen eigenwilligen Humor und Ideenreichtum bekannt und somit ein Autor, dessen Texte nichts für jedermann sind. Und dennoch sollte man den „Sechzehn Wegen“ eine Chance geben. Denn dahinter verbirgt sich ein wahrer Fantasy-Schatz, der seinesgleichen sucht!

Das Gartenbauamt wirds schon reißen

Dass man es bei diesem Buch mit etwas ganz Speziellem zu tun hat, wird gleich zu Beginn durch Ich-Erzähler Orhan deutlich, der seine Erlebnisse rund um die Belagerung für die Nachwelt in unkonventioneller Form verschriftlicht hat. Dieser Protagonist ist nämlich ein begabter Lügner, ein gerissenes Schlitzohr und dennoch ein loyaler Bewohner der Stadt, der sich stets durch jedwede Schwierigkeiten zu mogeln versucht. Aufgeben kommt für ihn deshalb nicht in Frage, auch wenn die Lage aussichtslos erscheint. Die Stadt ist von Ressourcen abgeschnitten, der Seeweg ist blockiert und ob die stadteigene Flotte überhaupt noch existiert und zur Hilfe kommen kann, ist mehr als fraglich. Orhan trommelt sich ein Team von Baumeistern, Gehilfen und schlauen Köpfen zusammen und verteilt Aufgaben. Gar nicht so einfach, wenn die Stadt auch noch von zwei rivalisierenden Banden beherrscht wird, die angesichts der Bedrohung so gar nicht einsehen, ihre Streitereien zumindest vorübergehend auszusetzen. Doch immerhin findet Orhan in einem übermotivierten Leibwächter, der intelligenten Tochter seines besten Freundes, einer begabten Konstrukteurin und bei den Jungs vom Gartenbauamt kompetente Unterstützung.

Man merkt schon: So ernst die Lage auch sein mag, der Text trieft nur so vor schwarzem Humor. Die Geschichte macht mit ihren skurrilen Stadtbewohnern und grotesken Verteidigungsideen so viel Spaß, dass die rund 400 Seiten viel zu schnell gelesen sind. Zwar handelt die Geschichte von einer fiktiven Stadt in einer fiktiven Welt, dennoch hat man oft den Eindruck, mehr einen historischen Roman zu lesen, als ein Fantasy-Werk. Magie oder verschiedene Rassen sucht man in diesem Buch nämlich vergebens. Anstatt auf die Hilfe von Zauberern oder Drachen zurückzugreifen, muss Orhan hier seinen ganzen Grips aufbringen, um die Kapitulation zu verhindern.

Mit Witz, Charme und Trebuchets

Auch wenn der Schreibstil und Orhans Erzählweise das Unterhaltsamste sind, was man seit Langem in diesem Genre finden konnte, hat der gute Orhan beim Erzählen so seine Eigenheiten, die nicht jedem gefallen dürften. Neben seinem Humor sind dies sehr detaillierte Einblicke in das Wirtschaftssystem des Reiches, ausführliche Erklärungen der Zusammenhänge und einige seitenlange Darlegungen von Hintergrundinformationen. Was für den einen interessante und unterhaltsam gestaltete Einblicke sind, mag für den anderen totlangweilig sein. Hinzu kommt, dass im Verlauf der Handlung immer deutlicher wird, dass Orhan uns bei aller Detailverliebtheit bei weitem nicht alles erzählt. Der Halunke hält gerne mal Informationen zurück, was uns eine ganze Reihe grandioser Wendungen beschert. Und das Ende, bzw. die Anmerkungen des (fiktiven) Übersetzers von Orhans Bericht, hält noch eine kleine, aber feine Überraschung bereit. Eine auf mehreren Ebenen wendungsreiche Geschichte also, mit einem unzuverlässigen Erzähler, auf den man sich einlassen muss.

Langweilig wird es jedoch definitiv nicht und wenn man sich vom Lachen erholt hat, möchte man am liebsten so manche Szene noch einmal lesen. Obwohl die Geschichte in sich abgeschlossen ist, wird es noch zwei weitere Bände geben, welche die „The Siege“-Trilogie vervollständigen. Hoffentlich können sie den „Sechzehn Wegen“ das Wasser reichen!

Fazit:

Es wird gelacht, gebibbert und gerätselt. „Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen“ ist ein großartiger Spaß, der frischen Wind in das Fantasy-Genre bringt. Das Buch mag ein wenig speziell sein, aber gerade das macht den Charme und die Pointen dieses Werkes aus. Unbedingt reinlesen!

Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen

K. J. Parker, Panini

Sechzehn Wege, eine befestigte Stadt zu verteidigen

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