Das schwarze Haus

Erschienen: April 2004

Couch-Wertung:

70°
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Michael Drewniok
Blutrote Löcher im Gewebe der Realität

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2019

In French Landing, einem kleinen Landstädtchen im Westen des US-Staates Wisconsin, ist die Welt grundsätzlich in Ordnung. Polizeichef Dale Gilbertson kennt seine Pappenheimer, die den Alkohol lieben, aber die Arbeit scheuen. Momentan bedrücken ihn andere Sorgen: Der „Fisherman“ geht um, ein Kindermörder und Kannibale, der bereits mehrere Opfer auf dem Gewissen hat und den untröstlichen Eltern höhnische Briefe schreibt, in denen er sich seiner Untaten brüstet.

Jack Sawyer war der Star der Mordkommission im fernen Los Angeles, bis ihn ein Fall nach French Landung führte und er sich in die Stadt verliebte. Finanziell gut abgesichert kündigte er seinen Job und führt seither ein zurückgezogenes Leben - dies auch deshalb, weil es einige Geheimnisse in Jacks Leben gibt. Als Kind hatte er entdeckt, dass auf dieser Welt Schleusen in die „Territorien“ und eine quasi in Zeit und Raum parallele „Gegenerde“ führen. Unter mittelalterlichen Verhältnissen leben auch hier Menschen - sowie Zauberer, Ungeheuer und Geister. Eine dieser üblen Kreaturen konnte Jack damals besiegen. Später verblasste die Erinnerung an seine Erlebnisse. Stress verschafft Jack manchmal unangenehme Flashbacks.

Nun tut sich ein weiteres Dimensionstor auf. In der so zugänglichen Welt herrscht der „Abbalah“ - der „Scharlachrote König“. Zwar sitzt er gefangen im „Dunklen Turm“, aber sein böser Geist streift frei umher und plant die Herrschaft über die Territorien, unsere Welt und schließlich das gesamte Universum auszudehnen. Mord und Terror sind des Königs Waffen. Der „Fisherman“ alias Lord Malshun ist einer seiner Schergen, doch nach und nach sickern andere Schreckensgestalten über das „Schwarze Haus“, das die Pforte zum Reich des Königs darstellt, in die Realität ein.

Einige psychisch empfängliche Männer und Frauen erleben Albträume, die von der nahen Gefahr künden. Jack muss diese potenziellen Streitgenossen um sich scharen und gegen den Abbalah ziehen - und selbstverständlich ist die Zeit knapp und der Kampf eigentlich aussichtslos ...

Rückkehr mit Hindernissen

„Talisman“-Fantasy meets „Black House“-Horror: So lässt sich der Unterschied zum ersten Band in Worte fassen. 1984 begab sich der junge Jack Sawyer auf eine (auch für uns Leser) ebenso schreckliche wie wundersame Reise, deren Verlauf mindestens ebenso wichtig war wie ihr Ziel. „Der Talisman“ gilt als moderner Klassiker der Phantastik, und diesen Status hat der Roman sich redlich verdient.

Als lobenswert ist zu vermerken, dass Stephen King und Peter Straub knapp zwei Jahrzehnte später nicht einfach an diese Geschichte anknüpfen, sondern eine neue Richtung einschlugen. „Das Schwarze Haus“ ist deshalb keineswegs das bessere Buch geworden, was aber andere Gründe hat: Leider konnte King der Versuchung nicht widerstehen, „Das Schwarze Haus” als Modul seiner Saga vom „Dunklen Turm“ und dem Revolvermann Roland einzufügen - jener Saga, die King entglitt, sich verselbstständigte und aufblähte, bis sie ihren Schöpfer zu überwältigen und alle Grenzen schriftstellerischer Disziplin zu sprengen begann.

Immer neue Informationssplitter wurden zusammengetragen, die sich mehr oder weniger kunstvoll zu einer vorgeblich monumentalen Weltgeschichte der alternativen Art fügen sollten. Subtrahiert man Kings erzählerisches Talent, bleibt die „Turm“-Saga freilich Allerwelt-Fantasy. Querverweise auf andere King-Werke entschädigen keineswegs für eine Redseligkeit, die der Autor nicht mehr in den Griff bekam.

Vorlauf, Leerlauf, Endspurt

„Das Schwarze Haus“ hat es nicht verdient, zu einem Exkurs der „Turm“-Saga degradiert zu werden. Dieser Roman müsste außerdem nicht über 800 Seiten stark sein; die Story gibt diesen Umfang einfach nicht her. Besonders in der ersten Hälfte zieht sie sich ereignisarm dahin. Belanglose Szenen werden aus unterschiedlichen Blickwinkeln mehrfach erzählt. Dies wirkt nur einmal sinnvoll, als King und Straub die erste Attacke der „Thunder Five“ auf das Schwarze Haus schildern. Hier wirkt die zergliederte und gestreckte Handlung wie einem Peckinpah-Film entliehen und ist ähnlich eindrucksvoll.

Auf den letzten 250, 300 Seiten zieht das Tempo endlich an, um bis zum nicht mehr nachzulassen. Jetzt stellt sich endlich der gewohnte King-Effekt ein: Der Leser gibt das Buch nicht mehr aus der Hand. Natürlich ist wiederum viel Routine im Spiel, und der „Scharlachroten König“ könnte auch Sauron heißen und in Mordor residieren. Sei’s drum, der alte Zauber stellt sich ein - spät zwar, aber immerhin!

Unstrittig der Pluspunkt dieses Werkes ist die Figurenzeichnung. Stephen King mag eher ein fähiger Handwerker als ein genialer Schriftsteller sein, aber er verstand und versteht es, normale Zeitgenossen mit einer Intensität zu charakterisieren, die sie in echte Personen verwandelt. Peter Straub bleibt ihm in diesem Punkt kaum etwas schuldig. Deshalb hofft und bangt man mit Jack Sawyer, trauert um Henry Leyden, bedauert den überforderten Dale Gilbertson, drückt Tyler Marshall die Daumen und wünscht sogar dem schleimigen Klatschreporter Wendell Green ein Überleben. Knallige Nebenfiguren wie die bierbrauende Motorrad-Gang „Thunder Five“ bleiben ganz sicher lange angenehm im Gedächtnis haften.

Die Bösen sind die Besten

Dies gilt auch für die Bösewichter, von denen King und Straub erneut eine ganze Galerie aufbieten. Klug halten sie diese Unholde die meiste Zeit im Halbdunkel, wo sie nur überfallartig hervorpreschen, um Unheil anzurichten. Vom „Scharlachroten König“ (bereits bekannt aus „Schlaflos - Insomnia“) hören wir dieses Mal nur; er tritt persönlich nicht auf. Lord Malshun, sein „Schwarzer Reiter“ (wenn dieser Vergleich gestattet ist), taucht nur im Finale auf. Er hinterlässt eigentlich keinen besonderen Eindruck, füllt aber seine Rolle mit dem nötigen ‚Leben‘.

Großartig in seiner erbärmlichen Niedertracht ist der alte Charles Burnside. King und Straub hatten nie Berührungsängste mit den ganz dunklen Seiten der menschlichen Existenz. „Burny“ ist ein Päderast und Kannibale, der sich am Elend seiner kindlichen Opfer weidet. Das ist ein denkbar schwankender Boden, auf den sich ein Unterhaltungs-Schriftsteller wagen kann, aber King und Straub behalten die Kontrolle und jagen uns Lesern kalte Schauer über die Rücken. (Den „Fisherman“ zeichnen sie nach dem Vorbild des realen Kinderschänders und Kannibalen Albert Fish [1870-1936], dessen mörderischer Wahnsinn Maßstäbe setzte und selbst heute noch jeden Lecter in den Schatten stellt.)

Ist dies ein billiger Trick? Das Urteil sei der politisch korrekten Kritik vorbehalten. Zumindest dieser Rezensent findet „Burnys“ spektakuläres Ende verdient und sehr zufriedenstellend. Es versöhnt mit einem Roman, der primär durch das flankierende Getöse der Werbung seine Wichtigkeit erhielt. Tatsächlich bietet „Das Schwarze Haus“ viel Durchschnitt bzw. Routine, die hin und wieder und klugerweise im Finale durch echte Spannungsspitzen durchbrochen wird.

Fazit:

Während der Vorgängerband zu Recht zum modernen Klassiker wurde, ist „Das schwarze Haus“ ein überlanger, aus alten Ideen und Motiven recycelter Phantastik-Thriller, der aufgrund des Könnens zweier routinierter Autoren sowie bewährter Spannungsroutinen dennoch lesenswert ist.

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