Die Wissenschaft von Mittelerde

  • wbg Theiss
  • Erschienen: September 2022
Die Wissenschaft von Mittelerde
Die Wissenschaft von Mittelerde
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Lisa Reim-Benke
100°

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2022

So hat man Mittelerde noch nie gesehen

Dass J. R. R. Tolkien mit Mittelerde die facettenreichste Welt der Fantasy geschaffen hat, ist vermutlich jedem Fan des Genres bekannt. Dass sich auch (Natur-)Wissenschaftler gerne diesem Setting widmen und es eifrig untersuchen, dagegen weniger. Doch tatsächlich bietet die Detailverliebtheit Tolkiens eine Menge Stoff, mit dem sich Forscher vieler Disziplinen bereits seit Veröffentlichung der ersten Geschichten aus Mittelerde beschäftigt haben.

Wie das aussehen kann und wie genau Tolkien es mit seinem Bestreben, eine realistisch wirkende Welt zu erschaffen, tatsächlich genommen hat, zeigt „Die Wissenschaft von Mittelerde“. Für dieses Werk haben der Astrophysiker Roland Lehoucq, der Paläontologe Jean-Sebastien Steyer und Mittelerde-Fan Loic Mangin rund 40 Beiträge von ebensovielen Experten unterschiedlicher Fachgebiete gesammelt: Naturwissenschaftliche Betrachtungen der Physik, Chemie, Biologie und Geologie finden sich ebenso wie Untersuchungen aus der Psychologie, Medizin und Sprachwissenschaft. Alle Wissenschaftler vereint dabei die Faszination für Mittelerde und der Drang, diese fiktive Welt noch genauer verstehen zu wollen.

Ein Streifzug durch die Wissenschaft

Nach einer ausführlichen Einleitung zu Tolkiens Liebe zur Wissenschaft und der Entwicklung seines Mittelerde-Universums geht es auch schon direkt ans Eingemachte. In den ersten Kapiteln dreht sich alles um den Aufbau der Welt, um Raum und Zeit und die verschiedenen Landschaften der Fantasy-Welt. Dies ist das Gebiet der Geologen und Sprachexperten, die sich mit Eifer den Klimazonen, Vulkanen den erfundenen Sprachen, der Historie und Mythologie widmen. Wer angesichts der berechneten durchschnittlichen Niederschlagsmenge in Mittelerde nicht schreiend davonläuft, ist hier goldrichtig. Ebenso alle Leser, die sich schon immer fragten, aus welchem Material Saurons Ring eigentlich bestehen könnte – also schnell das Periodensystem aus der Schulzeit hervorgekramt und los geht’s! Für die geisteswissenschaftlich Interessierten gibt es dagegen jede Menge über das linguistische Panorama Mittelerdes zu lesen.

So abgefahren diese Themen auch erscheinen mögen, so unglaublich interessant und vor allem unterhaltsam sind sie aufbereitet worden. Ganz besonders merkt man das in den Kapiteln über die Lebewesen Mittelerdes. Hier kommen die Biologen, Paläontologen und Mediziner zum Zuge. Wer hat sich schließlich nicht schon immer eine Abhandlung über Gollums Psyche gewünscht? Begeistert dürften auch diejenigen sein, die endlich eine Antwort auf die brennende Frage bekommen, warum Hobbits behaarte Füße haben. Natürlich wird auch geklärt, ob es Riesenadler physiologisch gesehen geben könnte, was die Berserker mit Beorn zu tun haben und wie das mit dem hochauflösenden Sehen bei den Elben funktionieren könnte.

Ein wunderschönes Buch auf allen Ebenen

Obwohl die Leser hier mit einer Vielzahl an wissenschaftlichen Disziplinen konfrontiert werden, sind die Texte für Laien absolut verständlich. Dank des populärwissenschaftlichen Ansatzes wird es nie trocken, was selbstverständlich auch dem besonderen literarischen Forschungsgegenstand geschuldet ist. Durch die Vielzahl an Autoren unterscheiden sich die Texte natürlich, sowohl stilistisch als auch in ihrer Tiefe; manche sind leichter zugänglich als andere und nicht jedes Thema mag für jeden interessant sein. Dennoch ist die Sammlung so umfangreich, dass jeder Beiträge finden wird, die ihn faszinieren werden. Wie viel Arbeit in dieses Buch gesteckt wurde, kann man dabei nur erahnen – auch ein großes Lob an die Übersetzerin Andrea Debbou!

Die hochwertige Aufmachung des Buches sorgt zudem dafür, dass man den Wälzer immer wieder gerne in die Hand nimmt. Neben informativen Tabellen, Abbildungen und Diagrammen finden sich auch zahlreiche wunderschöne Illustrationen von Arnaud Rafaelian zu Szenen aus den Geschichten, die das Ganze immer wieder auflockern. Egal, wie oft man dieses Buch schon aufgeschlagen hat, man wird immer wieder etwas Neues entdecken, und es macht einfach herrlichen Spaß, Wissenschaftlern dabei zuzuschauen, wie sie eine fiktive Welt auseinandernehmen und mit nerdiger Ernsthaftigkeit untersuchen.

Fazit:

Wer sich durch „Die Wissenschaft von Mittelerde“ arbeitet, wird nicht nur fantastisch gut unterhalten, sondern verfügt am Ende auch über das ultimative Profi-Hintergrundwissen über Tolkiens Welt. Für jeden Fan unentbehrlich!

Die Wissenschaft von Mittelerde

, wbg Theiss

Die Wissenschaft von Mittelerde

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