Das Haus am Ende der Welt
- Festa
- Erschienen: Januar 2025
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Irgendwann kannst du dich nicht mehr verstecken
Nachdem sie ihre gesamte Familie durch ein Massaker verlor, hat sich Katie völlig zurückgezogen. Vor zwei Jahren erwarb sie Jacob’s Ladder, eine kleine Insel in einem großen See, und vergrub sich dort in ihrem Kummer. Außerdem hat sie sich mächtige Feinde gemacht, denen sie dort hoffentlich außer Sicht gerät.
Ihren ‚Nachbarn‘ hat Katie nie Interesse entgegengebracht. Es gibt zwei weitere Insel in Sichtweite. Auf Oak Haven lebt eine kleine Familie mit ihrer Tochter. Im Südwesten liegt Ringrock, offenbar eine geheime Forschungsstation der US-Regierung bzw. des Militärs oder eines Geheimdienstes. Niemand weiß, was dort vorgeht oder welchem Zweck die eindrucksvollen Wachschutzmaßnahmen dienen.
Nun ist auf Ringrock offenkundig etwas schiefgegangen. Nächtlicher Alarm ertönt, aus Hubschraubern werden Wasserbomben abgeworfen, eine Dohnenflotte überquert auch Jacob’s Ladder. Was man jagt, konnte trotzdem entwischen: In der Nacht versucht jemand oder etwas, in Katies glücklicherweise robustes Inselhäuschen einzudringen. Am nächsten Tag bekommt sie ‚Besuch‘ von zwei schweigsamen, schwer bewaffneten Sicherheitsleuten, die Jacob’s Ladder durchsuchen.
Sie fanden wohl, was sie suchten, denn später taumelt einer der Männer desorientiert über die Insel, kann Katie aber noch warnen: Sie soll Jacob’s Ladder sofort verlassen, bevor „es“ auch sie erwischen wird. Doch für eine Flucht ist es zu spät; ein gewaltiger Sturm zieht auf. Im Schutz des Unwetters beginnen „Molochs“ ‚Kinder‘, Katies Heim zu belagern ...
Bodenständiges Erzählen
Dean Koontz ist nicht mehr der Jüngste. Aus der Schlagzahl seiner Neuveröffentlichungen wird man das schwerlich schließen; seine Finger bedienen die Tastatur so intensiv wie seit vielen, vielen Jahren. Eher ist es seine Art, eine Geschichte zu erzählen, die heute fast ein wenig altmodisch wirkt. Koontz gehört zu einer Schriftstellergeneration, die „Spannung“ anders definiert. Rahmenhandlung und Plot sollen bei ihm eine Einheit bilden und nicht die eine nur als Treibriemen des anderen fungieren, um möglichst zahlreiche Grobhorror- und Schnetzelszenen zu einer ‚Geschichte‘ zu verzwirbeln.
Dass er zum älteren Eisen gehört, ist Koontz durchaus bewusst. Als Story-Schuster bleibt er trotzdem bei seinem Leisten, was in diesem Buch deutlich wird. In „Das Haus am Ende der Welt“ spinnt er ein grundsätzlich eindimensionales Garn und beschränkt sich auf einen zudem simplen Ereignisablauf: Ein „Monster“ bricht aus und attackiert ahnungslose Menschen im Umfeld. Sie sind eigentlich schutzlos, entfalten in der Krise jedoch Energie und Einfallsreichtum und wehren sich. Erkenntnis, Flucht, Kampf: Darauf lässt sich der Inhalt kondensieren.
Koontz hat diese Art des Erzählens perfektioniert - und nach Ansicht seiner Kritiker auf die Spitze und darüber hinaus getrieben. Sie werfen ihm vor, einfache Garne energisch, aber effektschwach aufzublasen. Tatsächlich gibt es Romane, in denen Koontz bloß Schaum schlägt, statt eine Handlung voranzutreiben; dies auch deshalb, um die Schwäche des Plots zu verbergen. Nichtsdestotrotz kann er schreiben. Deshalb verzeiht man ihm, dass er auch dieses Mal seine Geschichte über ihr logisches Ende hinaustreibt: Das letzte Drittel findet gänzlich ohne „Moloch“ als Katz-und-Maus-Spiel zwischen Katie und gänzlich menschlichen Verfolgern statt.
Neugier bringt nicht nur die Katze um
Bis wir erfahren, was sie auf ihre einsame Insel verschlagen hat, ist die Primärhandlung bereits fortgeschritten. Koontz nutzt deren ‚Pausen‘, um Katie als Figur zu etablieren. Immer wieder blendet er auf jene Phase ihres Lebens zurück, als sie durch ein Verbrechen alle verlor, die ihr wichtig waren. Diese Rückblicke brechen immer wieder ab, so wie sich „Das Haus ...“ generell in sehr kurze Kapitel gliedert. Koontz springt von Schauplatz zu Schauplatz, von Cliffhanger zu Cliffhanger. Zu Katie stößt vom bereits monsterüberrannten Oak Haven die 14-jährige Libby. Dritter in diesem Bunde wird Michael J., ein auf der Insel ansässiger Fuchs, der seine Scheu ablegt und beschließt, sich lieber an Katie und Libby zu halten, statt sich dem Grauen allein zu stellen.
Kurze Kapitel, kurze Sätze, direkte Sprache, sachlicher Ton: Koontz meidet faule Tricks, wird in den emotionalen Passagen selten pathetisch. Er behält den Überblick, setzt Katie geschickt ein, um auf der Insel nach Hinweisen zu suchen. Was sie findet, wird für die Leser zum Mosaikstein einer Hintergrundstory, die allmählich enthüllt, wer oder was „Moloch“ ist. An dieser Stelle wird darüber natürlich Stillschweigen bewahrt, um spannungstötende Spoiler zu vermeiden. Ungeachtet dessen darf wohl klargestellt werden, dass Koontz das Rad in dieser Hinsicht nicht neu erfunden hat - oder erfinden konnte, denn was ein „Monster“ darstellen kann, ist in seinen Möglichkeiten längst ausgeschöpft.
Moloch ist ohnehin vor allem eine Chiffre für die Finsternis, der wir schutzlos ausgeliefert sind. Koontz rührt an allen Fäden, um die Angst vor einer Kreatur zu schüren, die womöglich gar nicht „böse“ ist, sondern schlicht keine Ahnung von moralischen Regeln hat. Moloch ist kein sich in Angst und Qual suhlender Unhold, sondern vor allem fremd sowie allgegenwärtig, weil er auf Fähigkeiten zurückgreifen kann, die ihn für Menschen gültige Grenzen überwinden lassen.
Es trifft wie üblich die Ahnungslosen
Das eigentliche Böse ist nicht Moloch. Koontz wird in diesem Punkt sehr deutlich und eliminiert das ‚Monster‘ schließlich aus einer Handlung, die ungeachtet dessen an Schrecken zulegt. Der Autor ist definitiv kein Freund der aktuellen (US-) Verhältnisse. „Das Haus ...“ ist gespickt mit Kritik und Ablehnung. Diese Attacken - von „Spitzen“ kann man angesichts des offensichtlichen Zorns nicht sprechen - richten sich zunehmend heftiger gegen eine aus Koontz’ Sicht zunehmend totalitäre Regierung, die unter Beugung von Gesetzen und Einsatz von Geheimdiensten, die niemandem Rechenschaft ablegen müssen‚ Gegner‘ = oppositionell eingestellte Männer und Frauen einschüchtern und ausschalten.
Diese nur vorgeblich ihren Wählern verpflichteten Machthaber stehen im Bund mit den Superreichen und Mächtigen, die hinter den Kulissen die ahnungslosen ‚Mitbürger‘ an ihren Fäden tanzen oder hängen lassen. Katie hat vor dieser Übermacht die Flucht ergriffen - und muss feststellen, vom Regen in die Traufe geraten zu sein: In direkter Nachbarschaft wird an einem Objekt (bzw. Subjekt) geforscht, dessen Gefahrenpotenzial man ignoriert. Die Gier nach ‚übernatürlicher‘ Macht, mit der die eigene Position gestärkt werden kann, macht die gesamte Menschheit zu Geiseln eines Projekts, dessen Grenzen und Fehler schlagartig aufgedeckt werden, als Moloch ‚erwacht‘.
Das Ende der primären Gefahr bedeutet in keiner Weise Entwarnung: Wieder weiß Katie aus Sicht derer, die sich selbstverständlich Ringrock stets fernhielten, zu viel. Die Medien, zufällige Zeugen und alle, die das große Vertuschen behindern könnten, werden als „Feinde“ klassifiziert, gejagt und ‚notfalls‘ ausgeschaltet. Koontz ist sehr darum bemüht, diese Allianz als eigentliche Quelle eines Bösen zu entlarven, das keine außer- oder überirdische Hilfe benötigt. Er spricht es sogar deutlich aus, dass der Mensch der schlimmste Feind des Menschen ist. Aus solchen Passagen spricht eine Art grimmiger Hoffnungslosigkeit. Für Koontz hat das Nieder-Trumpeln jeglicher Vernunft oder Gerechtigkeit offenbar längst die Ziellinie erreicht.
Fazit:
Klassische Horrorgeschichte, die nahtlos in einen Roadmovie-Thriller übergeht; außerordentlich routiniert i. S. einer ausgereiften Handlungsökonomie, die durch den Sprachduktus unterstützt wird, was die niemals originelle Handlung oder relativ flachen Figuren wettmacht und auf Knochensplitter-Effekte als Ersatz für eine Geschichte nicht angewiesen ist: Lektürefutter, das mundet.

Dean Koontz, Festa

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