Löcher für Gesichter (Contemporary Weird)

  • Jojomedia Verlag
  • Erschienen: Mai 2026
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Michael Drewniok
90°1001

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2026

Von Alltag & Elend zu Grauen & Tod

Das Leben ist ohnehin eine Last, zu dem sich nun das Grauen gesellt:

- Zwischenhalt in Peacehaven (Passing Through Peacehaven; 2011), S. 9-24: Er strandet auf einem einsamen Bahnhof, dessen Namen bald seinen für ihn unheimlichen Doppelsinn offenbaren wird.

- Kuckuck! (Peep; 2007), S. 25-48: Sie werde ihn im Auge behalten, hatte die Tante ihn gewarnt, und viele Jahre später zeigt sich, dass sie es wörtlich gemeint hat.

- Falsche Antwort (Getting It Wrong; 2011), S. 49-66: Für ihn war es nur ein harmloser Telefonstreich, weshalb er die grausame Wahrheit zu spät erkennt.

- Der Raum dahinter (The Room Beyond; 2011), S: 67-88: Für ein Begräbnis kam er zurück in die alte Stadt, wo ihm bewusst wird, wen man hier unter die Erde bringen will.

- Löcher für Gesichter (Holes for Faces; 2013), S. 89-114: Was die Familie während der Ferien in Neapel aufstörte, wird sie in ihre Heimat begleiten.

- Die Runden (The Rounds; 2010), S. 115-130: Erst im Finale seiner Odyssee wird ihm stets bewusst, dass er wieder gescheitert ist.

- Die Weihnachtsdekoration (The Decorations; 2005), S. 131-150: Oma ist irre, aber was auf dem Dach ihres Hauses lauert, wird sich auch ihrem Enkel offenbaren.

- Die Adresse (The Address; 2012), S. 151-166: Was ihn in seinem Leben irritierte, wird ihm erst klar, als es zu spät ist.

- Der Anruf (Recently Used; 2011), S. 167-180: Wieder einmal macht er sich auf den Weg ins Krankenhaus und hofft, dieses Mal dem Schicksal ein Schnippchen schlagen zu können.

- Chucky kommt nach Liverpool (Chucky Comes to Liverpool; 2010), S. 181-212: Horrorfilme erzeugen böse Kinder; ein Trugschluss, denn die Gefahr kommt aus gänzlich anderer Richtung.

- Bei den Engeln (With the Angels; 2010), S. 213-228: Ihre Abneigung gegen Kinder konnte sie lange verbergen, doch nun ist sie allein mit der Schwester und deren lästiger Brut im ohnehin mit hässlichen Erinnerungen gefüllten Elternhaus.

- Hinter den Türchen (Behind the Doors; 2013), S. 229-258: Als Lehrer und als Mensch konnte er sein Versagen bemänteln, bis ihn sein Verstand im Stich zu lassen beginnt.

- Das Licht in der Dunkelheit (Holding the Light; 2011), S. 259-276: Er will dem ungeliebten Cousin einen bösen Streich spielen, doch dieser Schuss geht unheimlich nach hinten los.

- Der Umweg (The Long Way; 2008), S. 277-304: Der gehbehinderte Onkel verhält sich zunehmend seltsam, und in einem Haus ganz in der Nähe haust offenbar eine scheußliche Kreatur, die dem Neffen nachstellt.

Anhang

- Jo Piccol: Interview mit Ramsey Campell, S. 307-320

- Jo Piccol: Nachwort - Das Grauen im Augenwinkel, S. 321-329

- Urheberrechtliche Hinweise, S. 330/31

Das Leben ist ebenso schlimm wie der Tod

Schon bevor sie ein gnadenloses Schicksal erwischt, sind die Protagonisten der hier gesammelten Geschichten eigentlich längst tot. Kaum jemand verfügt so wie Ramsey Campbell über das Talent, den Lebensalltag als bloßes Dasein ohne Hoffnung und voller Angst zu inszenieren. Der Mensch ist nicht nur, aber vor allem in der Krise stets allein - und diesen Zustand beschwört Campbell mit einer Intensität herauf, die den wahren Horror seiner Erzählungen darstellt! Man lebt vielleicht, aber das ist nicht mehr als das Vegetieren in einer Welt ohne Freude, Mitgefühl oder Liebe.

Dies betrifft ganz besonders die Familie. Eltern lieben ihre Kinder nicht („Der Umweg“), sind gefangen in eigenen Zwängen. Bestenfalls versteht man einander nicht („Löcher für Gesichter“). Die Kinder sind allein. Sie spüren die Not der Erwachsenen, sind aber auch aufgrund ihrer Jugend überfordert und außerstande, sich zu retten. Immer wieder müssen sie sich dem Willen der Älteren beugen, auch wenn sie sehr gut wissen, dass diese ihre Rolle als (liebende) Vorbilder nur spielen („Chucky kommt nach Liverpool“, „Das Licht in der Dunkelheit“, „Der Umweg“). Als Kind eines zerstrittenen Elternpaars kennt der Autor das Milieu und die daraus resultierenden Folgen genau, wie er in einem diesem Sammelband angehängten Interview berichtet.

Beispielhaft unangenehm thematisiert Campbell diese Dissonanz in „Die Weihnachtsdekoration“. Die Mutter ist unglücklich geschieden, die Großmutter verliert den Verstand. Auf einem Treffen der ‚Familie‘ wird ein Weihnachtszauber zelebriert, der in Gesten erstarrt ist. Niemand fühlt sich wohl. Dass dann - vielleicht? - noch ein echtes Gespenst auftaucht, erfüllt die Erwartungen entsprechend erwartungssüchtiger Leser. Schrecklicher wird diese Geschichte dadurch nicht mehr. Campbell musste selbst miterleben, wie seine Mutter nicht nur an Schizophrenie litt, sondern auch ihre Familie terrorisierte. Die dabei erlebten Schrecken hat er u. a. in seinem Roman „The Face That Must Die“ (1979/1983, dt. „Dieses Gesicht muss sterben“) mit quälender Eindringlichkeit beschrieben. Alter, körperlicher und vor allem geistiger Verfall: Mit dem Thema war und ist er - siehe auch „Kuckuck!“, „Bei den Engeln“, „Hinter den Türchen“, „Der Umweg“ - wohl nicht fertig.

Heimat ist eine Illusion

Dysfunktionale Familien und Freundschaften sind ideal, um ohnehin präsentes Grauen keimen und aufblühen zu lassen: gescheiterte Ehen, überforderte Eltern oder erwachsene Kinder, die mit siechenden Vätern oder Müttern zurechtkommen müssen. Hinzu kommt Campbells Blick auf und hinter die Kulissen urbaner Armut: kleine, stickige Wohnungen, verkommene Viertel, eine Verwaltung, die sich aus dem Lebensalltag ihrer verelenden Bürger längst zurückgezogen hat. Immer nahe ist die Angst vor der nächsten, dann existenziellen Katastrophe. Dass es hier in der Regel Gespenster sind, ist wie gesagt das genretypische Tüpfelchen auf dem I.

Kommunikation ist ein weiterer Schwachpunkt. Immer wieder nutzt Campbell Telefone, Lautsprecher u. a. Medien, die (vor allem in „Zwischenhalt in Peacehaven“, „Falsche Antwort“ „Die Adresse“, „Der Anruf“) der Verbreitung von Informationen dienen sollen. Die Durchsagen sind anonym, unvollständig, verzerrt, kaum verständlich. Verzweifelt bemühen sich die Protagonisten um Verständnis, das sich stets zu spät einstellt. Das Erkennen der Wahrheit ist stets der schreckliche Moment einer Erkenntnis, die zuvor im Unterbewusstsein rumort hatte und nicht grundlos unterdrückt wurde.

Auch das Blickfeld ist eingeschränkt. Selbst wenn die Sonne scheint, blendet sie und verhindert Klarheit („Die Adresse“). In der Regel ist Campbells Welt jedoch buchstäblich düster und voller Schatten: Die Nacht hat begonnen, es regnet heftig, nie gibt es genug Licht, um die Dinge wirklich sehen = begreifen zu können. Das gilt auch innerhalb von Gebäuden, die deshalb ihre tatsächliche Unheimlichkeit umso besser verbergen können („Der Raum dahinter“, „Der Anruf“). Halb taub und blind stolpern Campbells Figuren zunehmend panisch in ihren Fallen und durch Teufelskreise, die sich hinter ihnen geschlossen haben; ein Plot, zu dem Campbell mehrfach - besonders deutlich in „Die Runden“ und „Der Anruf“ - zurückkehrt.

Unerwartete Ursache und gnadenlose Wirkung

Dass die Protagonisten mit ihrem eigenen Unglück beschäftigt sind, lenkt sie ab und leistet einem Grauen Vorschub, das außerhalb der menschlichen Welt existiert und dort auf seine Chance lauert, nach Beute zu jagen. Hat die unglückliche Familie im Italien-Urlaub tatsächlich in einer Katakombe wartenden Schrecken geweckt („Löcher für Gesichter“)? Hat die Tante oder haben die „Engel“ den lästigen Neffen umgebracht? Campbell gibt sich oft doppeldeutig. Spuk kann das tragische Ende seiner Geschichten erklären. Ebenso möglich ist jedoch menschlicher Wahnsinn: Das geplagte Hirn gibt letztlich dem Druck nach („Hinter den Türchen“).

Seine Heimatstadt Liverpool hat Campbell als idealen Ort für dunkle Geschichten entdeckt. Die einstige Hafen- und Industriestadt an der Westküste zur Irischen See ist geprägt (bzw. gezeichnet) von einer nüchternen, zweckbedingten Architektur, Umweltschäden und miserablen Infrastruktur. Aufgrund der Rezession seit den 1980er Jahren ist Liverpool noch weiter heruntergekommen. Hier gründeten sich 1960 die „Beatles“, aber ebenfalls hier entführten 1993 zwei Jugendliche vorsätzlich ein Kind, um es grausam zu töten; ein idealer Anlass, um die moderne Verrohung der Jugend anzuprangern, und ein Ereignis, auf das Campbell in „Chucky kommt nach Liverpool“ anspielt. Hier verleiht er der Überzeugung Ausdruck, dass nicht (sein) Horror verantwortlich für reales, von Menschen heraufbeschworenes Grauen ist.

Auch Band 3 der noch jungen Reihe „Contemporary Weird“ ist ein Lichtblick im monotonen Phantastik-Einerlei der deutschen Großverlage. Ramsey Campbell war (viel zu) lange vom hiesigen Buchmarkt verschwunden. Seine ‚Wiederentdeckung‘ ist vollauf gerechtfertigt, und es erfreut, dass diese in einem angemessenen Rahmen erfolgt. Die Geschichten sind hervorragend übersetzt und kommentiert, ein Interview mit dem Verfasser und ein kundiges Nachwort des Verfassers ordnen den Campbell-Horror ein. Hinzu kommen zahlreiche Innenillustrationen von Ladi Bartok, der sich bemüht, die Mehrschichtigkeit der Vorlagen in Bilder zu fassen.

Fazit:

Endlich eine neue Storysammlung von Ramsey Campbell, dem englischen Meister des ‚Alltags-Horrors‘! Dicht in Story und Stimmung baut der Autor kleine Meisterwerke großer Angst in banalen Kulissen. Die Wirkung ist beträchtlich: ein Sammelband der Sonderklasse!

Löcher für Gesichter (Contemporary Weird)

Ramsey Campbell, Jojomedia Verlag

Löcher für Gesichter (Contemporary Weird)

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