Der junge Titus (Gormenghast 1)

Erschienen: August 2010

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Almut Oetjen
Ein Mikrokosmos im Niedergang

Buch-Rezension von Almut Oetjen Okt 2006

"Der junge Titus" ist der erste Band der "Gormenghast-Trilogie" von Mervyn Peake. Schloss Gormenghast wird seit 76 Generationen von den Groans regiert, die zu Beginn des Romans mit Titus einen Erben erhalten, der die Dynastie fortsetzen wird. Die Erzählung umfasst die ersten zwei Lebensjahre des kleinen Titus, folgt jedoch nicht diesem, sondern überwiegend seiner jungen Schwester Fuchsia und dem Küchenjungen Steerpike. Während Titus von seiner Nannie Mrs. Slagg aufgezogen wird, steigt der hoch manipulative Steerpike durch Intrigen, Cleverness und Hinterhältigkeit im Gefüge des Schlosses und seiner Bewohner auf, gewinnt wachsenden Einfluss und entwickelt sich zur Bedrohung für Gormenghast.

Das Personal - ein anthropologisches Kuriositätenkabinett

Peake entwickelt seine allesamt eigenartigen Charaktere detailreich. Die Hauptfiguren sind exzentrische Melancholiker, wie Lord Sepulchrave, Gräfin Gertrude, Lady Fuchsia und Diener Flay, oder sie haben einen veritablen Dachschaden, wie die neurotischen Zwillinge Lady Cora und Lady Clarice, die Geschwister Prunesquallor und Barquentine.

Gräfin Gertrude, die zurückgezogen lebt und sich um Vögel kümmert, hat mit der Geburt von Titus nur ihre Pflicht für die Nachfolge in der Dynastie erfüllt. Folglich will sie, nachdem sie erfahren hat, dass es Titus gut geht, ihn die nächsten zwei Jahre auch nicht sehen. An ihrem Ehemann hat sie ohnehin kein Interesse.

Im Zentrum der Ereignisse steht Steerpike, ein intelligenter Opportunist auf dem Weg nach oben. Er hat ein Sensorium für die Be- und Empfindlichkeiten Gormenghasts und seiner Bewohner. Besonders Lord Sepulchraves Zwillingsschwestern Cora und Clarice, die auf der ständigen Suche nach Anerkennung und nach Wiederherstellung ihrer (eingebildeten) früheren Machtposition sind, nützen ihm bei der Ausbeutung des Systems und bei seiner Rebellion.

Lady Fuchsia fühlt sich zu Steerpike hingezogen, obwohl sie ihm mit großem Misstrauen begegnet. Fuchsia macht einen kindlich-naiven Eindruck. Aber einwandfrei funktioniert ihr Gehirn auch nicht. Sie spricht in teils wirren Bildern und ist zur Verständigung in normaler Sprache kaum fähig. Sie zehrt sich auf zwischen ihrer Rolle als Adlige und dem Wunsch, ein einfacher Teenager zu sein, der sich nach der Liebe und Zuwendung seiner Eltern sehnt. Die Rolle der Ersatzmutter spielt für sie die alte Nannie Mrs. Slagg. Ihr wichtigster Vertrauter ist der Arzt Dr. Prunesquallor. Arzt und Nannie sind die einzigen Menschen, denen an Fuchsias Wohlergehen liegt.

Bis auf die aus dem Dorf stammende Amme Keda ist niemand im Schloss attraktiv oder liebenswert. Nahezu alle Personen, auch Titus, Fuchsia und Steerpike, werden als hässlich beschrieben. Keda ist eine tragische Figur, ihre Geschichte ist traurig und zeugt von der Fragilität wahrer Schönheit.

Gormenghast als organisches System im Verfall

Das "System Gormenghast" kreist nur um sich selbst, ist beschäftigt mit der eigenen Reproduktion und der Verwaltung des Stillstandes, der Erstarrung. Handlung im Sinne von Aktion ist hiermit nur schwerlich vereinbar. Folglich geschieht auch beinahe nichts. Auf Seite sieben spricht jemand die Worte "Ich bin's." Bis es aber soweit ist, werden uns Rituale beschrieben und ein Kurator namens Rottcodd, der für die schlosseigene "Halle der Edlen Schnitzwerke" zuständig ist. Darin enthaltene Skulpturen befreit er mit seinem Wedel vom Staub, wenn er nicht gerade in seiner Hängematte liegt und die Zeit vergehen lässt. Der Staub jedoch ist damit nicht verschwunden, sondern lagert sich auf dem Boden ab. Sobald der Kurator den Raum möglichst langsam durcheilt, wirbelt er eben diesen Staub auf. Er ist der Motor einer Maschine, die allein als Umwälzanlage für Staub effektiv ist, aber darüber hinaus nur einen fragwürdigen Sinn hat. Diese kleine Maschine ist ein sehr schön entwickeltes Bild für das gesamte System.Die Dekadenz von Gormenghast, die ständige Bewegung seiner Bewohner an der Klippe zum Wahnsinn, zum moralischen und intellektuellen Zerfall, sind wichtige Themen des Romans.

Vielleicht war Gormenghast irgendwann einmal eine dem Leben zugewandte und nach vorne gerichtete Gesellschaft. Aber sie ist von innen verrottet, durch eine seelenlose Bürokratie und sinnlose Rituale zu dem geworden, was wir im Buch erleben. Die herrschende Dynastie ist korrupt und böse. Der Aufsteiger Steerpike, der sich anschickt, die Herrschaft zu übernehmen, ist allerdings noch übler. Steerpike arbeitet sich in diesem System vom Küchenjungen hoch, durch Täuschungen und Intrigen, um diesen Kosmos unter seinen Einfluss zu bringen.

Ein Randwerk der Fantasy

Bis heute wird Gormenghast allenfalls am Rande der Fantasyliteratur wahrgenommen. Dies mag daran liegen, dass es mit dem das Genre dominierenden Tolkien-Kosmos nichts zu tun hat. Es mag seine Ursache auch darin haben, dass Gormenghast ein obskures Werk ist, weit ab davon, für Leser Gefälligkeiten zu bieten. Die den Titel bestimmende Figur Titus ist schon wegen seines Alters als Handlungsträger ohne Bedeutung. Er scheint allenfalls ab und an wie ein Versprechen für die Zukunft auf - nur welchen Inhalts?

Peake mäandert durch seine Konstruktion, die ebenso unübersichtlich ist wie das Schloss selbst. Er wartet mit einem organisch wirkenden und visuell orientierten Erzählstil auf, in dessen Zentrum sich ein Schloss befindet, durch dessen Eingeweide er uns führt, während er uns die einzelnen Bestandteile dieses Organismus' beschreibt, erklärt und spüren lässt.

Der junge Titus (Gormenghast 1)

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Letzte Kommentare:
02.11.2010 20:12:47
candyman

Das Leben ergibt keinen Sinn - trotzdem leben wir es mit all seinen Konsequenzen und manchmal absurden Ritualen bis ans Ende. Das scheint mir die Fabel von Peakes Gormenghast-Trilogie zu sein. Ein labyrinthisches, verschrobenes und eigensinniges Werk, eine Maschine, die läuft und läuft, bis zum Auseinanderfallen, wie es oben in der P-Couch-Rezension schön beschrieben wird. Trotzdem gehe ich nicht ganz mit der Rezensentin einig, dass die herrschende Dynastie "böse" sei, ja, dass sie überhaupt irgendwelche Absichten (ob gut oder böse sei dahingestellt) hegt. Ich denke, man darf ruhig bei dem Bild der Maschine bleiben, die halt einfach läuft, bis sie eben auseinander fällt. Steerpike ist darin so etwas wie der "logische Trieb" der Dekadenz, aber dass selbst dieser Trieb irgendwann von der "höheren Ordnung" Gormenghasts ausgemerzt wird, sieht man spätestens nach dem zweiten Teil (Im Schloss). Gormenhgast scheint überhaupt nichts zu dulden, das in irgendeiner Weise extrem zu seinen Traditionen und Bräuchen steht. Somit ist G. das perfekte Labyrinth, das sich selber erhält.

Die Trilogie ist sicher nicht für Leute, die irgendwelche heroische Taten von irgendwelchen Helden erwarten, ein "Ausbrechen" aus dem System geschieht (zumindest in den ersten beiden Büchern) nicht. Allerdings dünkte mich kaum einer der Protagonisten "verrückt" im Sinne von geistesgestört (mit Ausnahmen Cora und Clarice vielleicht), sondern ich fand, dass das alles zutiefst menschliche und in ihren Handlungen nachvollziehbare Charaktere waren. Klar hat Peake den Hang, alles zu überspitzen und jede noch so lächerliche Situation zu dramatisieren und stilistisch "aufzubauschen". Trotzdem fand ich Peakes Figuren ziemlich lebensnah, wenn man bedenkt, in was für einem Umfeld sie sich bewegen (müssen), nämlich einem uralten, gewachsenen Apparat, der einem gar keine Alternative lässt. Sind denn unsere heutigen Gesellschaftsysteme so anders? Würde jenes Gormenghast uns nicht auch zu etwas verqueren Leutchen machen?
Für mich ist Gormenghast losgelöst vom Genre (ob Fantasy oder nicht) ein absoluter Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts. Auch wenn es erst ein wenig Mühe bereiten mag, sich einzulesen, wird man es nicht bereuen, sich mit dem uralten Kasten und seinem Personal eingelassen zu haben...
[Bewertung=95]