Das Tor des Verderbens

Erschienen: Januar 1979

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Michael Drewniok
Kleiner Wald wird Bahnhof unirdischer Götter

Buch-Rezension von Michael Drewniok Nov 2006

Im einem abgelegenen Winkel des US-Staates Massachusetts ging es in einem Landstrich, dessen Eckpunkte etwa von den Städten Arkham, Innsmouth und Dunwich markiert werden, schon immer recht unheimlich zu. Neu-England wurde im frühen 17. Jahrhundert besiedelt, was aus amerikanischer Sicht eindeutig vorzeitlich ist, aber schon früher gab es Leben in den dichten Wäldern und dunklen Gebirgstälern – in den Augen der frommen, Hexen verbrennenden Pilgerväter indianisches Heidenvolk, das Umgang mit Dämonen und Teufeln pflegte. So mancher weiße Mann konnte den Verlockungen verbotener Wahrheit und Macht nicht widerstehen und verschrieb sich ebenfalls dem Bösen.

So einer war Alijah Billington, der Anfang des 19. Jahrhunderts den einsam und tief im dunklen Wald jenseits von Arkham gelegenen Stammsitz seiner ohnehin verrufenen Familie bezog. Die wenigen Nachbarn wussten von seltsamen, unheimlichen Geräuschen und Schreien zu berichten, und Alijah verdankte es wohl nur seiner überstürzten Abreise ins Ausland, dass ihm ein unfreundlicher Besuch der örtlichen Justiz erspart blieb.

Ruhe kehrte ein im Billington-Wald, bis nun, im März des Jahres 1921, Ambrose Dewart, der Letzte seiner Sippe, in das Land seiner suspekten Ahnen zurückkehrt. Ein freundlicher, mittelalter, kinderloser Witwer und Privatgelehrter ist er, der sich gleich mit Feuereifer in die Familienpapiere vertieft. Dabei war er gewarnt: Der alte Alijah hat präzise Anweisungen hinterlassen, was man in seinem Haus tunlichst unterlassen sollte. Vor allem gilt es den uralten Steinturm zu meiden, der sich inmitten eines rätselhaften Steinkreises unweit des Hauptgebäudes erhebt. Natürlich tut sich Ambrose dort zuallererst um und entdeckt kryptische Hinweise darauf, dass dieser Ort seinem Ahnen als eine Art magischer Bahnhof diente, an dem er recht unfreundliche Gäste aus fremden Welten zu empfangen pflegte. Größer ist allerdings Ambroses Schrecken, als er erkennt, dass eine fremde Macht sich seines Geistes zu bemächtigen beginnt; Alijah ist offenbar weder fern noch so tot wie alle Welt dachte.

Erschrocken ruft Ambrose seinen Vetter Stephen Bates aus Boston zu Hilfe. Dieser kommt indes zu spät; er findet den Freund stark verändert vor. Die nächtlichen Umtriebe im und um das Billington-Haus werden von ihm inzwischen tatkräftig gefördert. Stephen forscht ebenfalls in den alten Papieren, aber er muss sich vorsehen – vor dem misstrauischen Ambrose, noch mehr aber vor den schauerlichen Gästen, die dieser aus dem längst weit in fremde, gefährliche Sphären geöffneten Turmportal auf die Erde herabgerufen hat. Die Großen Alten aus kosmischer Urzeit gehen wieder um in den Hügeln, doch dort mögen sie nicht mehr bleiben, denn größere Beute lockt in den großen Städten der Menschen, und wie schon Alijah vor ihm muss auch Ambrose bald entdecken, dass er die Geister, die er rief, nicht mehr los werden kann – und von Dankbarkeit dem Befreier gegenüber ist ebenfalls wenig zu spüren…

August bleibt Zauberlehrling und wird kein Meister

Samuel Johnson und James Boswell, Johann Wolfgang von Goethe und Johann Peter Eckermann, Sherlock Holmes und Dr. Watson – der Meister mit den großartigen Geistesblitzen und sein Schüler, der als Chronist fungiert sowie die alltägliche Kärrnerarbeit leistet, für die das Genie (sich) zu schade oder schlicht untauglich ist: Diese Konstellation werden wir in der Geschichte und in der Kunst zu allen Zeiten finden. Nun also Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) und August William Derleth (1909-1971), ein ganz besonders skurriles Paar: der weltfremde ";Einsiedler von Providence” und… ja, wer eigentlich? Derleth schätzt der Freund des Unheimlichen als Gründer der legendären ";Arkham Press”, die klassischen und modernen Horror zu einer Zeit verlegte, als dieser sich keiner besonderen literarischen Wertschätzung erfreute. Er legte das Fundament für den Lovecraft-Kult, was verdienstvoll genug ist. Aber was weiss man sonst über diesen Mann, der praktisch sein ganzes Leben in einer obskuren Kleinstadt namens Sauk City verbrachte?

Und wir müssen nach diesem August Derleth fragen, denn von einer Hoffnung muss sich der Gruselfan sogleich verabschieden: ";Das Tor des Verderbens” ist ganz sicher kein Werk des großen H. P. Lovecraft, das nach dessen Tod vom Freund und Vertrauten Derleth entdeckt, vollendet und veröffentlicht wurde. Diese fromme (und verkaufsförderliche) Mär hält sich nun schon fast sechs Jahrzehnte, was wieder einmal beweist, dass Wünsche sich durchaus erfüllen können, wenn sie nur inbrünstig genug geäußert werden. Ein neue, bisher unbekannte Geschichte oder sogar ein Roman von Lovecraft – das wünschen sich alle Leser dieses längst als Kultautor heilig gesprochenen Mannes, der zu den fähigsten, aber leider nicht zu den fleissigsten seiner Zunft gehörte.

Doch das ";Tor des Verderbens” hat einzig und allein August Derleth aufgestoßen. Dies muss auch deshalb festgehalten werden, um Lovecrafts Status als legitimer Nachfolger Edgar Allan Poes zu sichern, denn die Lektüre dieses Romans könnte darüber ernste Zweifel entstehen lassen. (Unter http://www.petitiononline.com/cghplad/petition.html kann sich der strenge Fan übrigens an einer Kampagne mit dem Titel ";Remove H. P. Lovecraft’s Name from August Derleth’s Books” beteiligen.)

Übertreibung tötet jede Stimmung

Obwohl alle Zutaten einer typischen Lovecraft-Story – verwunschene Winkel am Ende der Welt, schleimige Urzeit-Götter, degenerierte Hinterwäldler, hirnhautsprengende Zauberbücher, allzu neugierige und/oder besessene Forscher – vorhanden sind, wollen sie sich einfach nicht zur dumpfen Bedrohlichkeit verdichten, die der Meister (wenn er in Form war und seinen Hang zum überflüssigen Adjektiv im Griff behielt) so meisterhaft heraufbeschwören konnte. Schüler Derleth kennt die Regeln des kosmischen Horrors, den Lovecraft schuf, aber er versteht sie nicht wirklich, und er achtet sie nicht. Der Herausgeber Derleth ist dem Schriftsteller Derleth in jeder Hinsicht überlegen. Statt sich wie Lovecraft nur auf Andeutungen zu beschränken, die jeder Leser selbst in Vertretung des typischen, d. h. vom Schrecken überwältigten Lovecraft-Helden zusammensetzen muss und die dabei stets rätselhaft-faszinierendes Stückwerk bleibt, strebt Derleth Ordnung im Cthulhu-Chaos an – und entzaubert es dadurch gründlich: Große Alte und Äußere Götter stürmen das Turmportal in Billingtons Wald wie Hausfrauen die Kaufhaustüren am Schlussverkaufstag. Ein Finsterling wie Cthulhu ist gruselig, das wusste Lovecraft, aber bringt er auch noch seine rabaukigen Kumpane mit, können sie höchstens noch eine Geisterbahn betreiben, aber ganz sicher nicht die Welt in Angst & Schrecken versetzen!

Abgesehen davon imitiert Derleth den verehrten Lehrer und Freund nicht nur im Guten, sondern stur auch im Schlechten: Lovecrafts Cthulhu-Stories sind primär Stimmungsbilder und Momentaufnahmen einer fiktiven Parallel-Genesis (die allerdings deutlich vor Adam und Eva beginnt). Die Handlung beschränkt sich meist darauf, dass ein Neugieriger die Nase allzu tief in kosmische Angelegenheit steckt und diese dann zusammen mit dem Kopf verliert. Kein Wunder also, dass Lovecraft nie einen Cthulhu-Roman geschrieben hat! Auch Derleth muss die daraus erwachsende konzeptionelle Schwäche irgendwann erkannt haben. ";Das Tor des Verderbens” ist kein Roman mit stringenter Handlung, sondern eine Sammlung dreier Novellen um das verhexte Billington-Haus, die sich zu einer Geschichte verbinden sollen. Das klappt aber nicht, weil Derleth nicht fähig oder mutig genug ist seinem Publikum zu vertrauen. Er betrachtet es anscheinend als Bande von gedächtnisschwachen Tröpfen, denen er jedes Mal das gerade Gelesene noch einmal erzählen muss. Der (dritte) ";Bericht des Winfield Phillips” (dessen Namen Lovecraft ehren soll) liest sich entsprechend langatmig, zumal Derleth darüber sträflich die überzeugende Auflösung seines aufwändig inszenierten Geisterspuks vernachlässigt. Auffällig bricht die Handlung einfach ab, was man dem Verfasser einer Kurzgeschichte nachsehen würde. In einem Roman darf so etwas freilich nicht geschehen!

Im Detail dennoch lohnende Lektüre

Trotzdem lohnt die Lektüre. Im Detail gelingt Derleth durchaus, was er im Gesamten vermissen lässt. Besonders Ambrose Dewarts Bemühungen, die Vergangenheit seiner seltsamen Sippe zu rekonstruieren, ist spannend zu verfolgen. Er muss sie aus Buch- und Zeitungsstudien, Interviews und archäologischen Vor-Ort-Studien mühsam zusammenflicken. Hier, wo man stets mehr ahnt als wirklich weiß, funktioniert die Geschichte nach Lovecraftschem Vorbild. Und wenn man nicht ständig den Atem des Meisters sucht, wird man sich auch sonst redlich unterhalten. August Derleth ist kein guter Schriftsteller, aber er gibt sich alle Mühe und hat seinen Stoff im Griff. Auf diesem Niveau kann sich ";Das Tor des Verderbens” allemal sehen lassen – und schließlich: Der Originaltitel ist doch einfach genial!

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