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Michael Drewniok
Nachtragende Kreatur rächt sich für Niederlage

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2020

Milburn ist eine kleine Stadt im US-Staat New York. Das Leben ist hier harmonisch, doch der Schein trügt, denn hinter sorgfältig gepflegten Fassaden hütet mancher Bürger düstere Geheimnisse. Dies gilt auch bzw. erst recht für die Mitglieder der „Altherrengesellschaft“: Seit fünf Jahrzehnten sind Anwalt Sears James, sein Kompagnon Frederik „Ricky“ Hawthorne, Arzt Dr. John Jaffrey und Immobilienhändler Lewis Benedikt befreundet. Mindestens einmal im Monat treffen sie sich - und erzählen einander Geistergeschichten.

Die geschätzte Routine zeigt Brüche, seit im Vorjahr Edward Wanderley, der fünfte Teilnehmer der Runde, während einer Feier starb. Sein Herz setzte aus, nachdem er offenbar etwas gesehen hatte, was ihn buchstäblich in Todesangst versetzte. Die zurückbleibenden Freunde leiden seither an Albträumen, die an Intensität stetig zunehmen.

Grundsätzlich ahnt die „Altherrengesellschaft“, was hinter dieser Heimsuchung steckt. Doch an die eigentliche Ursache wollen sie sich eigentlich nicht erinnern. Lieber laden sie einen ‚Fachmann‘ für möglicherweise übernatürliche Phänomene ein. Donald Wanderley - Edwards Neffe - soll ihnen erklären, was in Milburn vorgeht, und sie vor dem retten, dessen Zorn die Freunde vor einem halben Jahrhundert auf sich zogen. Ihr unheimlicher Gegner erinnert sich ausgezeichnet an die erlittene Niederlage, der nun eine Rache folgen wird, die nicht nur die Verantwortlichen, sondern alle Bürger von Milburn treffen soll …

Schuld und (zwecklose) Sühne

Horrorromane sind heute (viel zu) vor allem seitenstark. Dafür die Mitverantwortung trägt Peter Straub, der mit seinen Gruselgarnen bewies, dass Schrecken nicht nur drastisch und kurz, sondern auch elegant und mit Vorlauf präsentiert werden kann. Romane wie „Shadowland“ (1980; „Schattenland“) oder „Floating Dragon“ (1983; „Der Hauch des Drachen“) bestätigten es - und das Verhängnis nahm seinen (bzw. die Geschwätzigkeit ihren) Lauf, da die Mehrzahl der Autoren, die es nunmehr mit ‚epischem‘ Grauen versuchten, einfach nur Quark breittraten.

„Geisterstunde“ hat im Laufe von Jahrzehnten durchaus Staub angesetzt, entlarvt manchen ‚literarischen‘ Kunstgriff nachträglich als Selbstzweck oder lässt den roten Faden zeitweilig durchhängen. Nicht gelitten hat jedoch der Plot an sich, der heute deshalb veraltet wirken mag, weil er inzwischen oft aufgegriffen (oder kopiert) wurde. Als „Geisterstunde“ entstand, war das Konzept des primär durch seine Fremdartigkeit dominierten Schreckens zwar durchaus bekannt; vor allem H. P. Lovecraft (1890-1937) hatte ihn entwickelt. Doch nur wenige Schriftsteller waren so weit gegangen wie Straub, der diese Form des Unheimlichen zudem mit einer Meisterschaft in die moderne Gegenwart brachte, wie sie zeitgleich höchstens Stephen King an den Tag legte. (Kein Wunder, dass die beiden 1984 gemeinsam „The Talisman“/„Der Talisman“ schrieben.)

Straub erzählt keine ‚richtige‘ Geistergeschichte. Was die „Altherrengesellschaft“ vor vielen Jahren scheinbar umbrachte, verfolgt sie nicht, weil sie einen Mord begangen haben und dafür - vom Schicksal, von Gott oder einer anderen höheren Macht, die vom irdischen Gesetz übersehene Übeltaten sühnt - bestraft werden müssen. Stattdessen haben sie einer mysteriösen, aber realen, d. h. in keinem ‚Jenseits‘ beheimateten Kreatur eine Niederlage beigebracht, die an deren einzigen ‚menschlichen‘ Wesenszug rührt: Das Wesen hasst es gegen Menschen zu ‚verlieren‘, weshalb es für seinen aktuellen Beutezug - der unabhängig vom Schauplatz ohnehin erfolgt wäre - Milburn ins Visier nimmt.

Verhängnis mit Vorzeichen

Milburn und seine Bürger sind - in diesem Punkt ist Straub ganz auf der Höhe auch der heutigen Zeit - keine ‚unschuldigen‘ Opfer. Schon bevor das Böse umgeht, liegt vieles im Argen. Straub führt uns in die lokalen Verhältnisse ein. Manchmal scheint er des Guten zu viel zu tun, doch meist sind seine Ausführungen Investitionen in die Handlungszukunft. Langsam, aber unerbittlich legt sich der Schatten über Milburn. Das Figurenpersonal ist zahlreich, aber dem steht ein ebenso beachtlicher „body count“ gegenüber: Straub mag den Horror literarisch veredeln, doch er nimmt ihm nicht seine wilde Natur. Milburn wird von einer gnadenlosen Macht belagert. Was sie anrichtet, wird in deutlichen Worten geschildert, ohne dass Straub jemals in die Klischees moderner „Torture-Porn“-Stammler verfällt.

Auf den letzten 200 Seiten fährt Straub die Ernte ein. Das Tempo zieht an, während das Böse seine Masken fallen lässt. Womöglich wird der Autor sogar zu deutlich, wenn er schildert, was dahinter zum Vorschein kommt. Phantastik-Autoren wie Algernon Blackwood, William Hope Hodgson, Arthur Machen oder der erwähnte Lovecraft beschrieben schon Ende des 19. und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ‚parallele Evolutionen‘ intelligenter Wesen, die mit uns Menschen diesen Planeten teilen. Gern nahmen sie dabei Bezug auf alte Mythen, und auch Straub erwähnt den „Manitu“ als eine Inkarnation jener Macht, die er über Milburn entfesselt.

Straub platziert diese Kreatur und ihre Geschöpfe geschickt in die Gegenwart (des Jahres 1979). Ihm gelingt es, ihre Stärke und die Gegenmaßnahmen der Widersacher plausibel in der Waage zu halten. Selbst ‚übernatürliche‘ Kräfte sind kein Garant für einen Sieg, wenn Hochmut sie schwächt - und wenn die Gegner ihre Unterlegenheit durch Grips und Entschlossenheit ausgleichen. So bleibt der finale Kampf spannend, obwohl man den Ausgang natürlich nicht nur ahnt. Straub relativiert den ‚Sieg‘, indem er dem Bösen die Gabe der ‚Wiedergeburt‘ verleiht. Dies sorgt für eine Rahmenhandlung, die nach den Ereignissen in Milburn spielt: Eine Schlacht wurde gewonnen, doch der Krieg geht weiter!

„Geisterstunde“ als Film

„Ghost Story“ wurde bereits 1981 verfilmt. Unter der Regie von John Irvin entstand ein hierzulande „Zurück bleibt die Angst“ bzw. „Rache aus dem Reich der Toten“ betitelte,  vergessene Perle der Filmhistorie; eine so selten gelungene Mischung aus Elementen des klassischen und (damals) modernen Hollywood-Kinos. Horrorfilme wurden viele Jahrzehnte als „B-Movies“ gestaltet. Sie waren zwar manchmal gelungen gruselig, galten jedoch als trivial, weshalb die Budgets in der Regel knapp waren und Schauspieler besetzt wurden, deren Karrieren den Zenit bereits überschritten hatten oder die nie zu „Stars“ aufsteigen würden. Dies änderte sich in den 1970er Jahren, als Streifen wie „The Exorzist“ (1971; „Der Exorzist“) oder „The Omen“ (1976; „Das Omen“) bewiesen hatten, dass sich traditionelles Filmhandwerk und drastisches Grauen in Einklang bringen und die Kassen klingeln ließen.

Fortan traten auch alte Hollywood-Recken vor die Kamera und stellten sich finsteren Kreaturen, deren blutiges Treiben ungefiltert abgebildet wurde. Das sorgte für durchaus absurde Momente: Wer würde beispielsweise Fred Astaire (1899-1987), der für seine akrobatischen Tanzeinlagen in schwungvollen Musicals bekannt war, in einem Film wie „Ghost Story“ erwarten? Doch es wurde noch bizarrer (bzw. besser): Außer Astaire traten Douglas Fairbanks, jr. (1909-2000), John Houseman (1902-1988) und Melvyn Douglas (1901-1981) auf - Veteranen des US-Kinos oder Theaters, die jeder seit Jahrzehnten tätig und berühmt waren. Die Story wurde vereinfacht. Alma Mobley ist im Film ein ‚echtes‘ Gespenst, das Rache für den vom „Altherrenclub“ verursachten Tod nehmen will. Dieser bleibt im Roman Nebensache und findet nur in einem kurzen Kapitel Erwähnung.

Die (analogen) Spezialeffekte können sich noch heute sehen lassen; kein Wunder, denn verantwortlich zeichnete Albert Whitlock (1915-1999), der u. a. für Filme wie „The Man Who Knew to Much“ (1934; „Der Mann, der zu viel wusste“ - Regie: Alfred Hitchcock) oder „The Thing“ (1982; „Das Ding aus einer anderen Welt“ - Regie: John Carpenter) verantwortlich zeichnete. Hinter der Kamera stand Jack Cardiff (1914-2009), der „The African Queen“ (1951) und zahlreiche weitere Kino-Klassiker aufgenommen hatte. Zu derbem Verwesungs-Grusel kam (weibliche und männliche) Nacktheit, was in Kenntnis des heute längst wieder prüden Hollywood-Kinos für zusätzliches Erstaunen sorgt. Die Gediegenheit des Werks belegt, dass Horror durchaus elegant, hochwertig und drastisch präsentiert werden kann!

Fazit:

Moderner, schon klassisch gewordener Phantastik-Thriller, der den typischen Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ als Auseinandersetzung ungleicher, aber letztlich gleichwertiger Gegner darstellt. Das Grauen ist ‚real‘, ohne seinen Schrecken zu verlieren. Ihm stehen sorgfältig gezeichnete Figuren gegenüber, die nie unglaubhaft zu Helden mutieren. Zwar ist der Mittelteil etwas zu lang geraten, doch dies macht das letzte Drittel mehr als wett: kraft- und klangvoll komponiertes Grusel-Epos.

Geisterstunde

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