Die Mondstadt

Erschienen: Januar 1967

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Michael Drewniok
Auf fremder Welt tücken vertraute Finsterlinge

Buch-Rezension von Michael Drewniok Apr 2021

Wissenschaftler, Handwerker, Abenteurer: Joe Kenmore vereint als waschechter US-Amerikaner diese drei Tugenden in einer Person. Außerdem ist er ein bedingungsloser Befürworter jener Devise, nach der die Zukunft des Menschen im Weltraum liegt. Für dieses hehre Ziel hat er schon mehrfach gegen fortschrittsgefährdende Naturgesetze und vor allem gegen Bremser und Spielverderber gekämpft, die auf Erden weiterhin ungestört ihr Diktatoren-Süppchen kochen und genießen wollen, weshalb sie die US-Bemühungen mit allen Mitteln = Sabotage u. a. Hinterlist zu verhindern versuchen.

Bisher konnten Kenmore und seine ähnlich entschlossenen Gefährten (Mike, Haney und der „Häuptling“) entsprechende Attacken in letzter Sekunde stoppen. Inzwischen existiert auf dem Mond eine kleine ‚Stadt‘. Sie dient der Versorgung und Erholung einer Crew mutiger Forscher, die auf einer Raumstation weit jenseits des Mondes die Atomkraft zähmen und für die gesamte Menschheit nutzbar machen wollen.

Da die Mondstadt von den USA erbaut und durch einige Raketenstationen ‚ergänzt‘ wurde, mit denen die Schurkenstaaten der Erde in Schach gehalten werden, verstärken die Feinde des Fortschritts ihre Bemühungen. Gleich mehrfach geraten Kenmore, seine Braut im Wartestand Arlene sowie beider Kumpane in Lebensgefahr und müssen Mut und Improvisationstalent beweisen, um nicht nur dem Tod zu entwischen, sondern auch die Mondstadt und damit die Zukunft der (gutwilligen) Menschheit zu retten …

Entweder rot oder tot - auch auf dem Mond

Murray Leinster lüftet nicht wirklich das ‚Geheimnis‘ der tückischen Finsterlinge, die sich gegen die USA und das Wohl der gesamten Erdbevölkerung vergehen. Das musste er auch nicht, als „Die Mondstadt“ 1957 erstmals erschien, denn jeder US-amerikanische Leser (sowie alle guten Menschen dieser Erde) wussten, wer gemeint war: die furchtbaren Sowjet- und China-Teufel, die in ihren Kommunismus-Höllen hockten und die freie Welt in ihre Fängen bekommen wollten!

Nicht unbedingt böse waren jene, die ihnen zwar nicht folgen wollten, aber trotzdem unbeabsichtigt in die Klauen spielten, weil sie sich der Weltpolizei USA nicht beugen mochten, obwohl diese nicht nur über die erforderliche Weisheit, sondern auch über die Atomwaffen verfügte, um den Kräften der Finsternis Einhalt zu gebieten! Stattdessen beharrten sie auf Mitbestimmung, die ihnen besagte Weltpolizei großmütig gewährte. Das Ergebnis schildert Leinster als Chaos, da die so ins Boot Geholten nicht an einem Strang ziehen, sondern sich untereinander um Privilegien zanken und dabei die Deckung nach außen (bzw. links) vergessen.

Das nutzen die genannten Teufel aus und setzen nicht den Himmel, aber die Hölle in Bewegung, um das Werk des Guten auszulöschen! Da die USA auf dem Mond nicht das Sagen haben, fallen die naiven Gutmenschen der Mondstadt auf die Schliche der Gegner herein. Wie kleine Kinder lassen sich ins Bockshorn jagen, flüchten panisch in die Mond-Wildnis hinaus und überlassen es Profis wie Joe Kenmore & Co., die Scherben aufzukehren und die Lumpen zu strafen.

Der Fortschritt ist … nicht global

Dieser Plot verrät dem historisch bewanderten SF-Leser, dass „Die Mondstadt“ in einer Vergangenheit gegründet wurde, als die Erde durch den berüchtigten „Eisernen Vorhang“ geteilt war und sich in einem ‚kalten‘ Krieg befand, der jederzeit atomheiß werden konnte. Auf beiden Seiten wurde ‚der Feind‘ propagandistisch überzeichnet und schlechtgemacht, was nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch die Kultur einbezog. „Die Roten“ waren für Jahrzehnte der ideale Buhmann - nicht nur, aber vor allem für die Trivial-Unterhaltung, weil sie so simpel zu zeichnen waren.

Man musste sie nicht einmal beim Namen nennen (was dem Vorwurf übler Nachrede entgegenwirkte) und konnte ihnen trotzdem sämtliche Bosheiten unterstellen. Murray Leinster nutzt dies, indem er uns zum dritten Mal die gleiche Geschichte erzählt. Erst wollten die nur vorgeblich gesichtslosen Strolche den Start der ersten Raumstation verhindern („Space Platform“, dt. „Projekt Raumstation“). Als diese dennoch erfolgreich startete, sollte sie aus der Erdumlaufbahn geschossen werden („Space Tug“, dt. „Zwischen Erde und Mond“).

Beide Male haben nicht die durch Gesetze und Regeln gefesselten (sowie generell alltagsferne und karrierezentrierte) Politiker oder Militärs das Schlimmste verhindert, sondern Joe Kenmore und seine ‚buddies“, die sich höchstens den Naturgesetzen beugen und ansonsten den gesunden Menschenverstand walten lassen, um handfest für Rettung und Ordnung zu sorgen.

Der Traum vom individuellen Abenteuer

Das Abenteuer benötigt Archetypen. „Der Held“ (1) ist unverzichtbar. Ihm gegenüber steht „der Schurke“ (2), zwischen ihnen steckt „die Frau“ (3). 1 muss 2 von Übeltaten abhalten, die in der Regel die gesamte Welt in Mitleidenschaft ziehen, sowie gleichzeitig 3 aus 2s Tentakeln retten, der sich ungeachtet seiner Eroberungspläne die Zeit nimmt, ausgerechnet nach jener Frau zu gieren, nach der 1 sich verzehrt. (1+x bzw. 2+y stellen die verschworenen Gefährten des Helden bzw. die Schergen des Schurken dar.)

Zwar ist 2 dieses Mal für direkte Geplänkel zu beschäftigt, aber eine Frau ist trotzdem mit auf dem Mond. Dabei hatte Joe seiner Arlene (die übrigens in den Übersetzungen der beiden Vorgängerbänden noch den Namen „Sally“ trug) streng verboten, ihm dorthin zu folgen - dies selbstverständlich nur zu ihrem Besten, denn auf dem Mond ist es viel zu unsicher für eine Frau! Dies stellt sich umgehend als selbsterfüllende Prophezeiung heraus, denn der ohnehin schwer geforderte Joe muss Arlene aus immer neuen Lebensgefahren retten: „Gleichberechtigung“ ist ein Konzept, das (nicht nur) die zeitgenössische Science Fiction überforderte! (Wer glaubt, dass Leinster es so übel doch nicht treibe, sei auf die ‚Reporterin‘ Cecile Ducros hingewiesen, die sich vor der Kamera weiblich-dumm stellt und ihr Publikum niedlich umgurrt.)

Joe Kenmore bekommt praktisch pausenlos aufs Maul, rappelt sich aber blutend und brummschädelig umgehend wieder auf, um sich dem Feind zu stellen. An seiner Seite sind gute Kumpels, die kein eigenes Leben führen, sondern auf ihren Einsatz warten sowie die Farblosigkeit des Primärhelden aufhellen: Mike ist ein „Zwerg“ - das durfte man einst sagen -, der „Häuptling“ ein „Indianer“ (dito) vom Stamm der Mohawk. Sie retten ihren Joe bei Bedarf, beschränken sich aber ansonsten auf Handlangerdienste, wenn dieser im Gefecht gegen das Böse improvisiert, bis die Logik heult und die Gerechtigkeit jubelt!

Faszination des Fremden

Während jedem zu misstrauen ist, der nicht die „Stars & Stripes“ schwingt, wird die Fremdheit des Weltraums als Faszinosum dargestellt. In diesem Punkt leistet Leinster jene Arbeit, die dafür sorgt, dass „Die Mondstadt“ jenseits überholter, peinlicher, politisch unkorrekt gewordener Klischees oder einer Handlung, die sich auf die episodische Reihung von Krisen und Ausnahmesituationen beschränkt, noch heute Lesespaß verbreitet.

Unter Leinsters Feder wird der Mond zu einer gefährlichen, aber wunderschönen Welt. Luftleere, niedrige Schwerkraft, extreme Temperaturen: Der Mond ist als Sehnsuchtsort deutlich zu erkennen. In den 1950er Jahren rückte er - auch im Wettlauf mit den Sowjet-Teufeln - in den Mittelpunkt intensiver Bemühungen, ihn US-seitig zuerst zu erreichen und damit die technische (und moralische) Vorherrschaft des „Freien Westens“ zu demonstrieren. Stellvertretend denkt Joe Kenmore weiter in die Zukunft: Der Mond wird zum Sprungbrett zu den anderen Planeten des Sonnensystems, die der Mensch besuchen und besiedeln muss, um nicht jener Erstarrung zum Opfer zu fallen, die alle historischen Imperien in die Knie zwang.

Fortschritt wird primär naturwissenschaftlich definiert. Wenn es möglich ist, die Sahara und den Südpol zu bepflanzen sowie den Pluto zu erreichen - alles Ziele, die Leinster nennt -, wird automatisch das Paradies zurückkehren. Alle Menschen werden Brüder (und Schwestern) sein, die Kommunisten-Knechte wird man zum Teufel jagen. Das ist auf heutiger Rückschau naiv, aber auch ein wenig rührend. Wir mussten lernen, dass Naturwissenschaft und Technik allein nicht die Lösung elementarer Probleme bringen werden, sondern für zusätzliche Schwierigkeiten sorgen. Joe Kenmore und seine Begleiter können ohne dieses Wissen agieren. Es spricht für die Kraft dieses faktisch überholten Traums, dass ein simpler Trivialroman ihn aufleben lassen kann!

Fazit:

Fortschrittsfeindschaft und Weltraumwahnsinn können Joe Kenmore auch bei seinem dritten Einsatz nicht aufhalten. Er und seine Gefährten sorgen wie üblich handfest und unerschrocken dafür, dass Schurken und Kleingeister dem Traum von der Eroberung/Erforschung des Alls nicht im Wege stehen: triviale, aber routinierte Science Fiction einer allzu optimistischen Vergangenheit.

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